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Orbis Linguarum Vol. 19/2002
Jürgen Joachimsthaler
Dresden
Die Geburt des Aphorismus aus dem Geiste der Rede Max Bernstein
als Aphoristiker
Der Aphorismus hat sich
wie andere "kleine Formen"
bereits früh als erkennbar eigenständige Form aus
jenen größeren Rede-, Text- und Kommunikationszusammenhängen
herausgelöst, in deren rhetorisch fließende Beflissenheit
er als deren pointiert zugespitzter formaler Gegenpart
immer wieder hineinzitiert wird: Schon in alttestamentarischer
Zeit wurden Sprüche und Weisheiten
entkontextualisiert, zur weiteren Verwendung in
unterschiedlichsten Redezusammenhängen gesammelt
und so in zitathaft fragmentarisierter und sprachlich
eingefrorener Form bis in unsere Zeiten überliefert.
In diesen Fragmenten tradieren sich weniger
geschlossene Weltbilder als geographisch und zeitlich
über oft weite Entfernungen übertragbare Geistesblitze, Apophthegmata
, Einsichten und Ideen, kleine Lebensregeln, Maximen und
Reflexionen, ein überzeitlicher common sense des um
sein Überleben und Zurechtkommen bemühten
Individuums in einer meist übermächtig auf
es einwirkenden Welt, durch deren Unübersichtlichkeit
(oder dogmatisierte Über-Übersichtlichkeit)
die kleine (Prosa-)Reflexion kleine Breschen schlägt,
Rast bietende Lichtungen, kurze Erhellungen,
Orientierung in finsterer Zeit -, eine zersplittert
weitergereichte Didaktik der Not und des Überlebenswitzes.
Die Verschriftlichung
dieser Gattung in frühgeschichtlicher Zeit
und Antike geht einher mit ihrer Fixierung
als formal identifizierbarem Gebilde (sehr kurzer
Prosatext mit in sich abgeschlossenem belehrendem
oder reflektierendem Inhalt) , in deren dialektisch gegen
ihre eigene Tradition sich wendender Spätfolge - lange
nach der Erfindung
des Buchdrucks und bereits im Zeitalter der Periodika
- die bisher nur literarische zur ästhetisch-geistvollen
Kunstform wird, die die Form mehr und mehr gegen den
ihr ursprünglich inhärenten didaktischen Inhalt wendet.
Spiel und Ironie, Paradoxie und genußvoll über jedes statisch fixierbare Erkenntnisziel
hinaus vorangetriebene Dialektik eröffnen seither dem Geist ins bisher Undenkbare ihn verlockende Denkräume und "Ideenparadiese"
, die die modernen Aphorismen dadurch zu evozieren
vermögen, daß sie sich im Gegensatz zum traditionell
spruchhaften Aphorismus mit seiner immer noch mündlich
orientierten Sprachvorstellung ganz auf
das Medium der Schrift einlassen und dadurch neue
Intensität gewinnen: La Rochefoucauld (im Prinzip
bereits Montaigne), Lichtenberg und nicht zuletzt
auch Nietzsche waren fortlaufend arbeitende Aphorismenschreiber,
die in einem tagebuchähnlich geführten inneren Monolog ohnegleichen Gedankensplitter
gegen Gedankensplitter setzten, keinen ehrlichen Selbstwiderspruch
scheuend, keine Möglichkeit einer rhetorischen Selbstwiderlegung
auslassend. Ihnen ist zu verdanken, "daß
die Struktur des Aphorismus von keiner einheitlichen
weltanschaulichen oder nationalen Idee getragen
wird und sich deshalb frei neben etablierten
logischen Denksystemen entwickeln kann." Der Aphorismus als Kunstform etabliert so im Gegensatz zur "abgeschlossene[n]
Denkform"
das "aphoristische Denken"
, das "programmatische Denken gegen den Strich,
das wenigstens bei den Literaten logische,
historische und psychologische Zusammenhänge ignoriert" , neben
den großen Gedankengebäuden der Aufklärung als deren
subversiven Begleiter, der vom Eingeständnis,
ja vom bewußten Ausleben jener inneren Widersprüchlichkeit
alles menschlichen Denkens lebt, die die großen
Systemphilosophien der Aufklärung (und dann auch
des Idealismus) schon um ihrer zwanghaft gewollten
inneren Kohärenz willen aus sich ausschließen mußten,
"weshalb so viele [...] Aphoristiker zugleich
entschiedene Antihegelianer waren." [16]
Die damit einsetzende
Geschichte der modernen ästhetischen Kunstform Aphorismus
bedeutet natürlich auch den gattungsdefinitorischen
Abschied vom traditionell spruchhaften Aphorismus,
der fortan - bezeichnenderweise seit der Zeit um 1800
- zunehmend nur noch von antiquarischen Gelehrten
in dickleibigen Zitat-, Sprichwort- und Sentenzensammlungen
(etwa in Form nationalromantisch inspirierter "Volksspruch"-Anthologien)
konserviert und musealisiert wird - wie überhaupt
erst von dieser Entwicklung aus eine gattungstheoretisch
halbwegs trennscharfe
Unterscheidung zwischen Sentenz, Sprichwort und Aphorismus
möglich wird (waren die älteren Aphorismen
doch noch häufig als "geflügelte Worte"
bekannter Persönlichkeiten oder Autoren überliefert
worden).
Doch in dieser definitorisch so eindeutig erscheinenden Trennschärfe muß gerade
für den Liebhaber des subversiv modernen Aphorismus
ein Problem verborgen liegen: Jede Systematik verbirgt
das Nichtsystematisierbare, jede Moderne ihre Vormoderne,
jeder scheinbar nur ästhetisch autonome Aphorismus
die Herkunft der Gattung aus einst eher pragmatischen
Kontexten im "prosaischen Wildwuchs"
der Journale und der mündlichen Rede. Am ehesten erahnbar
wird dies heute noch beim brillant polemisierenden
Aphoristiker Karl Kraus, dessen gesamtes Schaffen
ja aus der Auseinandersetzung mit zeitgenössisch aktuellen
Fragestellungen, Konflikten
und Problemfällen erwuchs, aus dem unentwegten Tageskampf
der "Fackel" gegen die ganze Epoche
mit ihren abgründigsten Banalitäten und ihren trivialsten
Majestäten , - wie ja überhaupt die Zeit
der "Fackel" eine Zeit geschliffen formulierender
Kleinmeister des spitzen Wortes war, die in tagespublizistischen
Detailauseinandersetzungen, aktualitätsbezogenen
Kritiken und Feuilletons mit einer heute kaum noch
nachvollziehbaren, auf die großen Tageszeitungen,
Wochen- und Monatsschriften gestützten enormen Breitenwirkung
für ihre häufig in vielbeachteten Fehden gegeneinander
entbrannte Formulierungskunst rechnen konnten. Neben
Kraus wären hier Maximilian Harden [21] zu nennen, die Autoren des Simplicissimus [22] und nicht zuletzt der von Wilhelm II. als "gemeingefährlich"
[23] eingestufte Münchener Kritiker, Schriftsteller und Rechtsanwalt
Max Bernstein (1854-1925), "der hl. Georg der
Modernen, ihr wackerster, schneidigster und ihr [...]
überzeugendster Kämpe" [24] , "der berühmteste Verteidiger im politischen Leben der
wilhelminischen Ära und [...] zugleich [...] einer
von ihren stärksten Gegnern".
[25]
"Ihrer kritischen
Majestät allergetreueste Opposition"
[26] , wie er sich Carl v. Ostini, dem Feuilletonchef der offiziösen
"Süddeutschen Presse" gegenüber einmal nannte,
war ein debattierfreudig jede mündliche wie schriftliche
Äußerung eines wie auch immer gearteten Gegenüber
aufgreifender Sprach- und Redekünstler, eine, so
v. Ostini in einer etwas hilflos wirkenden Replik,
"Art von geistigem Bellachini mit Diplom und
Siegel [...], der das Verdrehen von seines Nächsten
Reden professionell betreibt und Gedanken und Begriffe
mit derselben Grazie eskamotiert, mit welcher der
Taschenspieler ein Sacktuch in lebende Tauben verwandelt.
[...] Sie haben nämlich eine wunderbare Dialektik.
Sie greifen Sätze meines Artikels heraus, stellen
scheinbare Widersprüche als wirkliche hin und mahlen
mich dann zwischen diesen kurz und klein."
[27] Hintergrund dieser (im übrigen durchaus freundschaftlichen
Fehde) war eine mit verschiedenen Gegnern über
viele Jahre geführte Auseinandersetzung um Sprachwitz,
Stil und literarische Ästhetik, in der Bernstein vehement
gegen die seit 1878 stark zunehmende national begründete
Ablehnung der damals (in der von der deutschen Literaturgeschichtsschreibung
niemals wirklich aufgearbeiteten Epoche der liberalen
Gründerzeitliteratur
)
auch in Deutschland modernen "französischen"
Schreibweise protestierte:
Das Französische
ist kecker, frecher; seine zuversichtliche Frivolität
ist eher zu verzeihen als die Halbanständigkeit
des Deutschen. Wer einen derben Witz rasch und unverblümt
heraussagt, ruft viel weniger den Eindruck des Unanständigen
hervor, als wer sich zuerst besinnt und nach verhüllenden,
abschwächenden Worten sucht. [29]
So redete Bernstein denn
auch "einem guten schlechten Witze, mitten in
einer sehr ernsthaften Ausführung, [...] einem drastischen
Ausdrucke, einem trivialen Bilde, wo man sie nicht
erwartet" [30] das Wort und erblickte in "der geschickten Abwechslung
von Ruhe, Pathos, Ironie und Witz, in dem Gebrauche
ungewöhnlicher, aber immer guter Mittel" das
Kennzeichen moderner "Stilkünstler".
[31]
Der so schrieb, schrieb
(und sprach) in eigener Sache: Als Kritiker und ebenso
gefürchteter wie gefeierter Gerichtsredner war Bernstein
in erster Linie Rhetor in des Wortes klassischer Bedeutung,
ein Redekünstler unter (juristisch und medial) stark
formalisierten Rahmenbedingungen, der den von ihm
erstrebten "‚Effekt‘ - [...], wo ein Wort, ‚un
mot‘, rasch wie der Blitz, sicher und unwiderstehlich,
die Nerven [...] trifft" [32] nur dadurch zu erreichen vermochte, daß er, ohne zum Regelbrecher
zu werden (was ihn zumindest als Anwalt seine Lizenz
hätte kosten können), doch den Regeln bisher neue,
unbekannte Möglichkeiten abzuringen wußte, so v.a.
die systematische Verwandlung der Gerichtsverhandlung
in (durch die Gerichtsprotokolle in den Tageszeitungen)
öffentlichkeitswirksam [33] verbreitete theatralische Kunstwerke, die mit den Mitteln
der ästhetischen Frühmoderne linksliberal fiktionale
Rechtsvorstellungen verfahrens- und publikationstechnisch
in (durch den Strafverteidiger!) gesprochenes Recht
umzuwandeln wußten. Seine Erfolge (bis hin zum Sturz
politisch mächtiger Persönlichkeiten) waren denn auch
Erfolge des literarischen Redners vor großen Foren
der mündlichen wie der schriftlichen Auseinandersetzung,
auf die die Augen der Reichsöffentlichkeit gebannt
gerichtet waren: Der Münchener Amtsgerichtssaal fünf,
in dem Bernstein die meisten seiner von großem Publikum
besuchten juristischen "Theateraufführungen"
[34] (mit permanenten Ermahnungen der vorsitzenden Richter an
das Publikum, von Beifallsbezeugungen bei den
Ausführungen des Anwalts abzusehen) in triumphale
(und nicht selten die kaiserzeitlich-obrigkeitliche
Rechtsordnung auf den Kopf stellende) Erfolge ummünzen
konnte, war eigens für den Publikumsandrang in theaterähnlicher
Weise umgebaut worden
[35] : "In Paris, in Berlin werden dem Bürger bekannte Ereignisse
in Revuen vorgeführt, München hat dafür den Gerichtssaal
[...] und das Münchner Publikum hat in jeder Saison
ein paar Prozesse, die es mehr anregen als Theaterbesuche"
[36] ; seine Feuilletons (meist auf Seite 1 der großen Tageszeitungen),
seine oft gnadenlosen [37] Kritiken und seine populären literaturtheoretischen Vortragsreisen
durch das Deutsche Reich (und auch Österreich) verdichteten
sich gemeinsam mit seinen publikumswirksam verbreiteten
Gerichtsreden zu großangelegten Kampagnen, mit
denen es ihm gelang, die Zensur auszuhebeln, ja die
Aufführung von der Zensur unterdrückter Stücke zu
erzwingen und nicht zuletzt Zola, Ibsen und schließlich
auch Gerhart Hauptmann
[38] beim breiten Publikum durchzusetzen. [39]
Sprache, mündlich wie
schriftlich, war für Bernstein Medium, Kampfmittel
und Lebenselixier zugleich; sein kaum je verfehltes
Ziel war der unmittelbare "Effekt" vor Richtern,
Geschworenen und lesendem oder zuhörendem Publikum,
sein wichtigstes Mittel war eindrucksvoll eingesetzte
Rhetorik, zu der, gerade auch in der stark von Improvisationskunst
abhängigen mündlichen Auseinandersetzung, aphoristische
oder merkspruchähnliche Kernsätze gehörten, die sich
immer wieder variieren und wiederholen ließen, die
aber auch im Gedächtnis des Publikums besonders nachwirken
mußten. Nicht selten griff Bernstein auf bewährte
Klassiker-Zitate zurück ("In dem Ruf ‚Mehr Licht!‘
- ‚geben Sie Gedankenfreiheit!‘ gipfelten die begeistert
aufgenommenen Worte Bernsteins."
[40] - "Die[se] Rede, sehr oft von minutenlangem Beifall
unterbrochen, rief zum Schluss stürmischen Beifallsjubel
hervor"
),
nicht selten aber prägte er selbst seine eigenen Sprüche
und Aphorismen. Was er theoretisch über den Stil
geäußert hatte, wandte er dabei praktisch selbst an
und formulierte seinem ästhetischen Bekenntnis entsprechend
in unterschiedlichen Kontexten immer wieder witzig
geschliffene, kämpferisch zupackende oder satirisch
gefärbte Aphorismen, die auch sein literarisches Werk
stark prägen sollten. Nicht umsonst heißt es in einem
der frühesten (noch zeitgenössischen) Überblicke über
die Literatur der vorklassischen und frühen Moderne:
"An Max Bernstein hat die Philosophie der ‚Epigramme‘ und
‚Aphorismen‘ [...] einen schneidigen Vertreter."
[42]
Bekannt geworden war er
denn auch zuerst durch den Skandal
[43] um seine Spottepigramme auf die Gemälde der großen, nationalen und internationalen Münchner Kunstausstellungen,
in denen er voll behaglicher Ironie den großen Kunstanspruch
kleiner Kunst ad absurdum führte. Das Epigramm auf
eines von Anton v. Werners "Pompejanischen Bildern"
liest sich etwa so:
Der Mann sieht die Statuette an,
Die Statuette betrachtet den Mann.
Das ist für Beider Selbstachtung gar gut,
Weil sie sonst kein Mensch nicht anschauen thut. [44]
Sparsamer im Ausdruck
und dadurch deutlicher noch ist sein Epigramm auf
ein folkloristisches Gemälde mit dem Titel "Bauer
am Eck bei Partenkirchen":
Neben einander in Fried’ und Ruh
stehen ein Berg und eine Kuh. [45]
Daß, wer so schreibt,
zum Aphorismus, zum kurzen, gedrängten Ausdruck will,
ist ebenso einsichtig, wie daß der Kontext seiner
Publikationen auf ein Gattungsproblem verweist:
Bereits seine Epigramme auf konkret einzelne Bilder
waren Bestandteil jenes kulturellen Kontextes, den
Bernstein fortan prägend mitgestalten sollte, aber
aufgrund dieser überaus engen Gegenstandsbeziehung
(was weder ihre Qualität noch ihre Verständlichkeit
mindert) sind sie kaum vereinbar mit dem autonomen
Kunstverständnis jener Moderne, deren Durchsetzung
sie doch dienten. Stärker noch als für seine Epigrammatik
gilt dies für Bernsteins Aphoristik: Eine große Zahl
seiner Aphorismen stammt unmittelbar aus dem Kontext
der Tageskämpfe, in die er verwickelt war.
Diese Kontextgebundenheit nun stellt ein sehr grundsätzliches Problem dar:
Soll der Aphorismus als eigenständige Form gelten,
müssen die Texte, die ihn repräsentieren, ebenfalls
eigenständige Gebilde sein. Gerade beim Aphorismus besteht ja die Gefahr beständiger
Grenzüberschreitungen durch die Rezipienten, ist doch
bei vielen älteren "Aphorismen" nicht auszuschließen
und bei vielen neueren tatsächlich zu beweisen,
daß es sich bei ihnen nicht eigentlich um Aphorismen,
sondern um aus einem größeren Kontext herausgerissene
Zitate handelt, die nach der von Kaszyński kritisierten
Methode einiger österrreichischer Aphorismen-Anthologisten
"methodologisch unbesorgt ideologisch konzipierte
Textsammlungen von Zitaten, aus dem Kontext gehobenen
Sentenzen und trivialen geflügelten Worten, die sie
allesamt Aphorismen nennen" , anthologietechnologisch mit tatsächlichen Aphorismen
vermischt werden und so von ihnen oft kaum noch
zu unterscheiden sind.
Doch auch wenn es erste
wissenschaftliche Definitionen des modernen, autononomen
Aphorismus erst seit den dreißiger Jahren des 20.
Jahrhunderts gibt
[47] , Bernstein also noch gar nicht unter die streng(st)e Variante
der Aphorismus-Definition fallen dürfte, auch wenn
Kaszyński selbst einmal ein entkontextualisiertes
und in Aphorismusanthologien
als Aphorismus tradiertes, zum Aphorismus tradiertes
Grillparzer-Zitat
[48] und ein andermal ein denkmaltechnisch zum Aphorismus monumentalisiertes
Freud-Zitat [49] aus rezeptionsästhetischen Gründen als Aphorismen gelten läßt
und schließlich den überlieferungs- und editionstechnisch
umstrittenen Aphoristiker Kafka ausdrücklich gegen
Frickes zu enge Gattungsdefinition in Schutz nimmt
[50] , wenn also das Gebot der textuellen Eigenständigkeit nicht
ideologisiert und verabsolutiert werden sollte, findet
sich der, der sich auf die Suche nach jenen Aphorismen
Bernsteins macht, für deren "Philosophie [...]
einen schneidigen Vertreter" [51] er doch abgegeben haben soll, vor ernsthaften Schwierigkeiten,
gibt es doch kaum eine "unverbunden"
[52] eigenständige Aphorismenpublikation Bernsteins.
Und wollte man zum Ausgleich die zahllosen Text- und
Redestellen aus seinem Munde und seiner Feder, die
sich problemlos für methodisch gewagte Aphorismen-Anthologien
entkontextualisieren ließen, als jene Aphorismen anführen,
für die er doch einst einige Bekanntheit genoßen hat,
so sähe man sich sofort Kaszyńskis berechtigtem
Vorwurf an die österreichischen Aphorismen-Anthologisten
ausgesetzt, Textstellen als wenn auch allein überlebensfähige
Zitate aus Textzusammenhängen nur deshalb herauszulösen,
um "die meist aus einem anderen Kontext stammenden Aussagen in der Funktion autonomer Aphorismen
wirken zu lassen."
Wie aber, wenn sich beweisen
ließe, daß diese an sich zugegebermaßen sehr problematische
Methode bei Bernstein legitim wäre? Daß er also nicht
nur hin und wieder als Zitat Entkontextualisierbares
gesagt und geschrieben, sondern darüber hinaus in
den Gesamtfluß seiner Texte unabhängig von ihnen entstandene
Aphorismen integriert hat, die leider nur so, in
Kontexten, denen sie ursprünglich eigentlich (relativ)
autonom gegenüberstanden, überliefert wurden? Notiz-,
Sudel- oder Ideenbücher Bernsteins, in denen Aphorismen
wohl zuallererst zu suchen wären, sind ja nicht erhalten,
da sein Nachlaß, nachdem sich die Nationalsozialisten
während des Dritten Reichs dafür interessiert hatten,
spurlos verschwunden ist.
[54] Lediglich eine Anekdote ist überliefert,
aus der immerhin hervorgeht, daß Bernstein sehr wohl
ein regelmäßig gebrauchtes Einfalls- und Formulierungsbuch
geführt haben muß:
In
einem langwierigen Prozeß machte gerade der gegnerische
Anwalt recht wesentliche Ausführungen, als Max Bernstein
überhaupt nicht hinhörte, sondern in sein Notizbuch
eifrig schrieb. Der Mandant wies ihn bescheiden darauf
hin, daß der Gegner eben plädiere. "Mit
dem wird ich alleweil noch fertig!" meinte Bernstein;
"aber die Bonmots für mein neues Lustspiel muß
ich mir aufschreiben." - Das Verblüffende
war, daß Bernstein tatsächlich mit dem juristischen
Gegner "fertig wurde".
Diese Anekdote verrät uns noch mehr, sie enthüllt
uns eine der Ursachen für Bernsteins geringen Erfolg
als Theaterautor: Seine Stücke sind nicht, wie er
als Theaterkritiker selbst forderte, von den Figuren und der Handlung
aus geschrieben, die, so sein ständiges kritisches
Credo, eine ungebrochen organische Einheit bilden
sollten, sondern eine dramaturgisch häufig mißglückte
Aneinanderreihung auf unterschiedliche Sprecher
verteilter Witze, Bonmots und Aphorismen, für sich
allein witzig intelligenter Sprüche, Formulierungen
und Reflexionen, die allzu häufig den mühsam konstruierten
Handlungsrahmen sprengen und das zeitgenössische Publikum
mit einem irrlichternden Feuerwerk sprachlich brillanter
Einzelformulierungen ohne ernsthaften Zusammenhang
verwirrten, "langweilig und aller gesellschaftlichen
Möglichkeit hohnsprechend"
,
voll "von Witzen, die auf der Bühne unerträglich
sind" : "Eine witzige Wendung
schlägt die Andere, ein Bonmot löst das andere ab." Nur wer genau hinhörte, konnte die in dem Chaos versteckten Qualitäten
entdecken: "Der Dialog zeigt eine Fülle feiner
Sarkasmen, geistreich maliziöser Spitzen, die sich
mit ihren verstecken Widerhaken blitzartig bald da,
bald dort eingraben." Bernstein als Autor kleiner aphoristisch scharfer Formulierungen
hatte schlicht und einfach den fatalen Fehler gemacht,
seine Aphorismen zu Figurenreden in Theaterstücken zusammenstücken
zu wollen, anstatt
das, was ohnehin als eigenständiger Einfall notiert
worden war, gleich als eigenständigen Aphorismus
zu veröffentlichen. So gehen viele seiner Aphorismen in
Figurenreden unter, während eine große Zahl seiner
Figuren wiederum in zusammenhangslos geäußerte
Aphorismen zerfällt.
Nicht umsonst - und erstaunlich bewußt - äußert sich eine seiner Figuren gezielt
aphoristisch im Sinne jener "Aporien der Moderne
im Aphorismus" , die Kaszyński als "Gefühl der Identitätskrise" so eindrucksvoll nachzuzeichnen versteht:
Ich dichte Fragmente. Bis ich gereift
bin. Erst dann werde ich mich voll ausgeben. Und schließlich:
was sind wir von heute? Fragmente. [62]
Entsprechend deutlich
äußert sich in diesen in die Lustspiele kaum wirklich
integrierten Aphorismen das "Zeitalter der Nervosität" als eines, in dem die Traditionsbrüche
der Moderne das atomisierte Individuum auf sich selbst,
auf seine Stimmungen, Gefühle und sein "Unbewußtes"
so sehr zurückwerfen, daß ihm die übrige Welt und
alle bisherigen Wertvorstellungen nur noch wie impressionistische
Auslöser jener rasch vergehenden Augenblicksstimmungen
erscheinen, in die es zerfällt, unbewußtes Opfer dessen,
was ihm seine scheinbar moderne "Freiheit"
zu erleben aufzwingt: "Denn wir alle sind nicht
frei. In großen wie kleinen Dingen liegen wir in
Banden des Vorurtheils und der bewußten oder unbewußten
Lüge; um so fester gebunden und gefesselt, als wir
oft gar nicht wissen, daß wir unfrei sind." [64]
Man ist moralisch, wie man Cigarren raucht:
- des angenehmen Duftes halber, der einem dabei um
die Nase weht.
Wer spricht heute noch
von Tugend? Tugend und Telefon - das verträgt
sich nicht.
Mobilität
und Kommunikation "befreien" den Menschen,
indem sie ihn zum Individuum vereinzeln, das, aus
seinen bisher gültigen sozialen Bindungen entlassen,
neue Lebensformen sucht, für die es vorher - etwa
unter den Kommunikationsbedingungen in
der Zeit vor Erfindung des Telefons (und der Eisenbahn
und des elektrischen Stroms usw.) - weder
Möglichkeit noch Notwendigkeit gegeben hätte. Von
dieser Moderne aus nun wird das Überkommene dann jedoch
nicht mehr (nur) als beengend empfunden, es wird zum
genußvoll genutzten Spielraum neuer Lebens- und Deutungsmöglichkeiten:
Und was ist
ein Ehemann? - Eine Einrichtung, wodurch es möglich
wird, eine schöne Frau zu lieben, ohne daß sie einem
zumuten kann, sie zu heiraten.
[67]
Die Natur
hat alles weise eingerichtet. Die Frau eines mäßig
schätzenswerten Mannes zu sein, das gewährt doch
die Möglichkeit, Witwe zu werden.
[68]
Diese beiden Beispiele
zeigen, wie sehr solche Texte Bernsteins dem entsprechen,
was Kaszyński als für den modernen Aphorismus
zentral hält: "Die Technik des doppelten Blicks
ist [...] strukturell im Aphorismus verwurzelt und
beruht auf der automatischen Anzweiflung der vorgegebenen
These durch eine vom Kontext hergestellte syntaktische
Antithese. Im Klartext soll das heißen, daß der Aphorismus
tradierte Werte, in denen jedes Nationalbewußtsein
seine weltanschauliche Stütze sieht, prinzipiell
in Frage stellt und durch die von ihm angewendete
Technik der Antithetik oft die Kehrseite der als eindeutig
angesehenen Begriffe zum Ausdruck bringt." [69] Wenn die Existenz eines Ehemanns für den Liebhaber von dessen
Frau nur noch die Rettung vor einem möglichen Anspruch
der Frau bedeutet, sie zu heiraten, so wird hier den
traditionellen Wertvorstellungen über die Ehe tatsächlich
"die Kehrseite der als eindeutig angesehenen
Begriffe" gegenübergesetzt. Noch fataler wird
dies offenbar im zweiten Text, in dem der damals für
natürlich gehaltene sehr große Altersunterschied
zwischen Ehemann und Ehefrau für die letztere wenigstens
die Hoffnung auf baldige Verwitwung bedeutet und ausgerechnet
der prognostizierbare (sehr viel) frühere Tod des
Ehemanns als Beleg für die angebliche Weisheit jener
Natur gelten muß, der von den Zeitgenossen die Normalität
des konventionalisierten Altersunterschieds zugeschrieben
wurde: "Zu seinem [des Aphorismus] charakteristischen,
gattungsspezifischen Merkmal gehört ein auf sachliche
Synthese ausgerichteter und sprachlich zugespitzter
Aufbau, in dem die von den Einfällen hergeleiteten
Grundworte in Opposition zu ihrer gängigen Bedeutung
durch den inneren Textzusammenhang ausgewertet werden
und dadurch im
semantischen Klärungsverfahren einen neuen, meist
paradoxen Sinn erstellen."
Natürlich versteckt sich hinter solch paradoxen Sarkasmen ernst zu nehmende
Kritik:
Ich
halte die Ehe für eine total verfehlte Einrichtung.
Der Zwang tötet die Liebe. Ein Mädchen sollte
dem Manne, der ihr seine Hand bietet, erwidern: "Ich
danke. Sie wollen mich in’s Gefängnis
führen? Ich kenne Sie wohl mein Herr - Kerkermeister!
Jetzt sind Sie mein Diener, später werden Sie mein
Herr sein. Jetzt kommen Sie in der besten Toilette
und sprechen von Rosen und Vergißmeinnicht, später
werden Sie im Schlafrock erscheinen und mir von dem
Gemüse reden, - das Sie gerne essen. Jetzt
bitten Sie mich um alle Walzer und Cotillons, später
werden Sie mir das Tanzen verbieten - weil Sie
um zehn Uhr zu Hause sein wollen. Jetzt singen Sie
mit mir Duette, später werde ich Ihren Schnupfen
pflegen müssen. Mit einem Worte: Jetzt sind sie liebenswürdig,
später werden Sie unliebenswürdig sein."
[71]
Und natürlich versteckt
sich hinter solch ernst zu nehmender Kritik ein Bedürfnis
nach letztlich
doch wieder traditionell gedachtem Glück, das die
Freiheiten der Moderne zwar nicht verwirft,
aber von einem tiefer gelegenen Sehnsuchtspunkt aus
auf lebenswerte Ziele hin befragt:
Zehn Frauen, die man liebenswert findet, ersetzen die eine nicht, die
man zehnfach liebenswert findet. [72]
Warum aber
schrieb Bernstein diese Aphorismen von ihnen zerrissenen
Theaterfiguren zu, statt sie als eigenständige Textform
zu sammeln und zu publizieren? Abgesehen von
der unglücklichen Überlieferungssituation und abgesehen
auch von seiner Unfähigkeit, auf anderen Wegen zu
dem Text für ein Theaterstück zu kommen - und er
WOLLTE nun einmal Theaterautor sein -, entsprach der
Einbau einmal geprägter Formulierungen in erst nachträglich
um sie herum konstruierte Redezusammenhänge durchaus
auch seiner Praxis als Gerichtsredner - nur daß er
als solcher eine der erfolgreichsten und wohl auch
einflußreichsten Persönlichkeiten seiner Zeit
war, so daß er den letztlich mit teilweise unglaublich
kühnen Mitteln erfochtenen Erfolg im einen Medium
(Gericht) mit (relativer) Blindheit für die Ursachen
seiner Mißerfolge im anderen Medium (Theater) bezahlte.
Denn abgesehen von der das Gerichtspublikum unmittelbar mitreißenden
Kraft seiner Rede und seinem enormen Einfallsreichtum
an juristischen Mitteln arbeitete er als Gerichtsredner
tendenziell ähnlich wie als Bühnenautor: Er verwendete
kontextunabhängig geprägte Formulierungen, Sentenzen
und Aphorismen, was sich im Falle des Gerichtsredners
relativ einfach dadurch belegen läßt, daß bestimme
Formulierungen (gelegentlich mit leichten Variationen)
in seinen Reden immer wieder auftauchen. So
sagte er anläßlich des großen Sozialistenprozesses
von 1888 (der dank Bernsteins Widerlegung der Anklage
zur Aufhebung des Sozialistengesetzes führte):
"Das Brandmal eines jeden politischen Prozesses
ist ein dreifaches, politisch unklug, gesetzlich
unberechtigt und menschlich unrecht."
Ähnlich äußerte er sich dann fast zwanzig Jahre
später in einem ganz anderen Prozeß (die Variationen
zwischen den Aussagen
können auch durch die Protokollanden verursacht sein
- eigenhändig verfaßte Reden Bernsteins sind
nicht erhalten), indem es freilich nicht mehr um Politik
ging, sondern um eine Beleidigungsklage gegen Ludwig
Thoma, den Chefredakteur des Simplicissimus, der
im Simplicissimus vom 2.-4.10.1904 einen kunstfeindlichen
Sittlichkeitsprediger u.a. "gnadentriefende Schöpsenkeule"
genannt und, der Mann hatte etliche (eheliche) Kinder,
auf seine "Pastoren-Kaninchentriebe" angesprochen
hatte. Aus diesem doch ganz anders gearteten
Prozeß stammt folgender Ausschnitt aus der Mitschrift
der Münchner Neuesten Nachrichten: "Juristisch
falsch, menschlich ungerecht und politisch ungeschickt,
das sei die dreifache Signatur solcher Prozesse."
Die Variationen sind inhaltlich irrelevant, der Fall zeigt jedoch,
daß Bernstein kontextunabhängig wirksame Formulierungen
für sich prägte, die er dann in verschiedenen Kontexten
immer wieder einsetzen konnte. Gerade diese ihre
kontextunabhängige Einsetzbarkeit zeichnet sie, obwohl
sie uns nur in Kontexten überliefert sind, aus denen
sie dann wieder herauszitiert werden müssen, als
von diesen Kontexten unabhängige Aphorismen aus, gehört
doch zur Gattung ihre vom jeweiligen Kontext sich
emanzipierende Neigung zur Universalisierung, die
"das Lokale, das Detaillierte [...] im Allgemeinen
auflöst" [75] - und nur durch die über den Einzelfall weit hinausreichende
angestrebte Allgemeingültigkeit konnte Bernstein
dieselben aphoristischen Formulierungen - und sei
es variiert und noch weiter zugespitzt - immer wieder
verwenden:
Wer den Schutz seiner Gesinnung der Polizei überläßt, überläßt ihr bald
auch die Gesinnung selbst. [76]
Wer den Schutz seines Geistes der Polizei überläßt, überläßt ihr bald auch
seinen Geist selbst. [77]
Seine Wirksamkeit als Gerichts- und
Vortragsredner (von den beiden zuletzt genannten
Sätzen stammt übrigens einer aus einer Gerichts- und
einer aus einer frei und - angeblich - spontan gehaltenen
kulturpolitischen Vortragsrede) beruhte gerade darauf,
daß er, allen Ermahnungen und Protesten der Richter
zum Trotz, den konkreten Einzelfall häufig in einen allgemeinen
und grundsätzlichen über das Deutsche Reich, seine
Rechtsordnung, seine Kultur und seine Gesellschaft
umzumünzen verstand, so daß dieser seiner juristischen
Technik die rhetorische zwangsläufig entspringen
mußte, seine Reden in möglichst wirkungsvollen Sätzen
von größtmöglicher Grundsätzlichkeit und
Allgemeingültigkeit gipfeln zu lassen:
Unklares Gesetz
verdirbt den Richter, veranlaßt ihn, nach eigener
persönlicher Empfindung, oder noch schlimmer, nach
der persönlichen Empfindung eines hierarchisch Höheren
oder gar eines Allerhöchsten zu richten. Unklares
Gesetz schädigt das Ansehen der Rechtsprechung.
[78]
Kleinliche
Gesetze rufen kleinliche Gesetzesauslegung hervor.
[79]
Nur die Spitzbuben
brauchen die Paragraphen des Strafgesetzes auswendig
zu wissen, um sie besser umgehen zu können. [80]
Das letzte (wieder
aus einem Theaterstück stammende) Beispiel zeigt,
wie juristisch-rhetorische und literarische Aphorismenbildung
bei Bernstein inhaltlich Hand in Hand gehen:
Als überzeugt linksliberaler Demokrat bevorzugte er
immer eine großzügige Gesetzgebung und -auslegung,
die den Staatsbürger nicht gängelt und zum Untertanen
reduziert, sondern nach dem klassischen Ideal des
Liberalismus nur das wirklich Kriminelle kurz und
eindeutig verbietet. Entsprechend verdächtig
muß jemand erscheinen,
der, wenn er nicht gerade Anwalt oder Richter ist,
kleinliches Interesse für zu "kleinliche Gesetze"
zeigt: Sucht er etwa einen Weg, sie zu umgehen?
Solche Fragen werden, einzelfallunabhängig formuliert,
zu einer jederzeit und überall wieder einsetzbaren
Grundsätzlichkeit gesteigert und damit zu universal
gültigen Aphorismen verdichtet - Bernstein verhandelte
als Anwalt nie nur über den anstehenden Einzelfall,
sondern immer auch über Recht und Gerechtigkeit
an sich.
Eines seiner "Lieblingsthemen" war die von ihm bekämpfte Zensur, die
er freilich auch nicht in Form jener juristischen
"Kleinlichkeiten"
bekämpfte, mit deren Hilfe im offiziell zensurfreien
Kaiserreich so etwas wie Zensur doch noch ermöglicht
werden sollte, sondern direkt als universell schädliche
Einrichtung an sich:
Denn die Freiheit
des öffentlichen Wortes ist bei uns etwas sehr Fragwürdiges.
Mit Recht. Wird sie doch meistens dazu gemißbraucht,
auf Unangenehmes aufmerksam zu machen. Und warum soll
man die Untertanen auf Unangenehmes noch besonders
hinweisen dürfen? Entweder sie merken es ohne die
Presse überhaupt nicht, dann ists ja gut! Oder sie
merken es auch ohne die Presse, dann ist sie ja erst
recht überflüssig!
[82]
Die letzte
logische Folge des Prinzips der Zensur wäre, daß kein
Kind geboren werden darf, ehe der Staat sich vergewissert
hat, ob es nicht bei seinen Lebzeiten etwas Unerlaubtes
tun werde. [83]
Die Zensur
ist nutzlos: verbotene Stücke werden umso eifriger
gelesen, verbotene Stellen in den Zeitungen gedruckt,
die Aufmerksamkeit auf das Verbotene gelenkt. [84]
Es kann die
heilige Aufgabe des Journalisten sein, das Volk zu
erregen, - daß er ihm sagt, rühre Dich, hier passiren
Dinge, die nicht passiren sollten, sonst hätten wir
geistige Reichhofsruhe im ganzen Staate; das wäre
China, nicht mehr Deutschland.
In
dieser kleinen Sammlung vereinen sich entkontextualisierte
Aphorismen aus Reden ebenso wie aus journalistischen
Texten. Denn von den letzteren gilt natürlich dasselbe
wie von Bernsteins literarischen Texten und seinen
Reden: Aphoristische Formulierungen entstehen vor
und unabhängig von dem Kontext, in den sie dann als
Selbstzitat heinzitiert werden und tauchen in varriierter
Form immer wieder auf. Nicht selten zeigen kleine
konkrete Anlässe Bernsteins Begabung, mit allgemeingültigen
Sätzen zu reagieren, die freilich, so geschickt sie
als antithetische Setzungen grundsätzlich(st)e
Klärungen provozieren, doch gerade in ihrer Verallgemeinerungskraft
sich oft weit vom einzelnen Anlaß entfernen und ihm
gegenüber gelegentlich durchaus auch etwas übertrieben
wirken können. Auf eine Bitte der Münchner Hoftheaterintendanz
an das Publikum, auch im Falle des Mißfallens das
Zischen im Theater auf ein das übrige Publikum nicht
beeinträchtigendes Maß zu beschränken, antwortet
Bernstein:
Wer den Ausdruck des Mißfallens verbietet,
der ist nicht mehr weit davon entfernt, den Ausdruck
des Beifalls zu befehlen. [86]
Verbindet nun das Thema
Zensur seine juristischen und seine journalistischen
Texte, so verbindet seine literarischen und seine
journalistischen Texte hauptsächlich das Thema Frau,
zu dem er, nicht gerade freundlich zu den Frauen seiner
Zeit, erstaunlich Modernes zu sagen weiß:
Die Frauen
widmen den allgemeinen Angelegenheiten weder richtige
noch falsche Gedanken; sie kümmern sich überhaupt
nicht darum.
[87]
Innerhalb
der heutigen Gesellschaft ist es dem Weibe schwer,
zwischen unziemlicher Kühnheit, erniedrigender Heuchelei
und erkältender Prüderie den rechten Weg zu finden
- und der Mann muß, wenn er große, allgemeine Angelegenheiten
besprechen will, ein fremdes Haus oder, noch schlimmer,
das Wirtshaus aufsuchen.
Die Natur
hat das Weib bestimmt, die Gefährtin des Mannes zu
sein. Dazu es zu befähigen muß der Zweck der Mädchenerziehung
sein. Das kann aber nicht erreicht werden, wenn das
Weib nur zu des Mannes Dienerin oder Gespielin gebildet
wird; wenn sein Leben nicht einen eigenen Inhalt bekommt;
wenn das Weib nicht selbständig gemacht wird. Nur
gleiche Mächte können Verbündete werden.
[89]
Wir brauchen
Frauen, die nicht kleiner sind als unsere Zeit; wir
brauchen Frauen, die unsere Zeit verstehen. Und von
dem, was dieses unser kleines und doch so großen Jahrhundert
sei, haben die meisten unserer Damen trotz aller Pensionate,
Klavierstunden und öffentlichen Vorträge auch nicht
die leiseste Ahnung.
[90]
Allerdings,
wer kein Bedürfnis fühlt, daß seine weiblichen Mitmenschen
klüger werden, der wird wissen warum. Wenn
der baierische Abgeordnete, der neulich einen lieben
Collega brieflich ‚lieber Kolga‘ angeredet hat, nicht
das Verlangen empfindet, daß seine Tochter oder Nichte
lateinisch lernt - wer kann’s ihm verargen?
Die durch
verweigerte Schulbildung von den Frauen gewünschte
Dummheit erweist sich hier (auch) als Schutzraum
für die Dummheit mancher Männer. Gehört so
die unerwartete Umkehrung von Denk- und Leseerwartungen
seiner Zeit zu Bernsteins größten Leistungen
(nicht nur als Aphoristiker), so entspricht er damit
auch exakt Kaszyńskis Vorstellung, derzufolge
"der Aphorismus tradierte Werte, in denen jedes
Nationalbewußtsein seine weltanschauliche Stütze sieht,
prinzipiell in Frage
stellt und durch die von ihm angewendete Technik der
Antithetik oft die Kehrseite der als eindeutig
angesehenen Begriffe zum Ausdruck bringt."
Hinter einer solchen Antithetik zum aktuell herrschenden Nationalbewußtsein
verbirgt sich häufig ein Kampf darum, was denn nun
als der Kern des Nationalbewußtseins angesehen werden
solle.
In der Zeit eines zunehmend einseitig werdenden
Nationalbewußtseins versuchte Bernstein (wenn auch
vergeblich), eine letztlich weltoffen kosmopolitische
Deutung deutscher Identität durchzusetzen:
Wir wollen
den alten Ruhm bewahren, dass unsere vornehmsten Geister
gerecht gegen alle gewesen, dass ihnen "nichts
Menschliches fremd" geblieben und so unter den
Germanen zuerst der Gedanke einer "Weltliteratur"
und einer allumfassenden Kunst zu Blüthe und Frucht
gereift ist.
Goethes "Weltliteratur"
wird hier dem rasch wachsenden Germanomanismus seiner
Zeit als das ‚eigentlich‘ Deutsche gegenübergesetzt.
Aber auch in anderer Hinsicht arbeitete
er gerne mit Antithesen, die sich nicht zuletzt auch
in seinen journalistischen und kritischen Texten
zu schlagkräftigen Aphorismen verdichten, aus denen
sich eine kleine Poetik und eine detaillierte Schule
des Schauspiels und der Regie zusammenstellen ließe:
Dem Theater
genügen wirksame Figuren, die Poesie will lebendige
Menschen. Dort gilt die Konvention der Bühne, hier
die Wahrheit der Natur. Das Theater verlangt den starken
Erfolg, die Poesie verlangt den dauernden Werth.
[95]
Der Poet soll
sein Geschöpf kennen, durchaus; aber das Geschöpf
darf nichts wissen von seinem Schöpfer. [96]
Nicht "fabula docet" darf des
Dramatikers Zeil sein, sondern "figura docet".
Wenn der Schauspieler
wie vom Speere getroffen hinsinkt und den Todeskampf
glaubwürdig darstellt, glauben wir auch das Blut
fließen zu sehen und unser Mitgefühl erwacht; aber
er lasse eine blutrothe Flüssigkeit über sein Gewand
strömen - und wir haben nur die Empfindung des Widerwillens
und die Frage, was für rothes Zeug das eigentlich
sein mag...
Dieses letzte Beispiel zeigt abermals, wie aus einem kleinen thematischen
Vorwand eine grundsätzliche Aussage wird, hinter
der sich ein Credo verbirgt, das im Prinzip bereits
die Rezeptionsästhetik des 20. Jahrhunderts vorwegnimmt
und gleichzeitig größtmögliche Freiräume für die
Phantasie des Theaterbesuchers einfordert:
Die
nachdichtende Phantasie des Hörers ist fast ebenso
eigenwillig wie die freie Phantasie
des Dichters. Will man sie allzu ängstlich schrittweise führen,
so verweigert sie jede Vorwärtsbewegung -
wie ein edles Roß, das nur dem leise geführten Zügel
gehorcht und gegen den Peitschenhieb sich bäumt.
Glänzende
Ausstattung geht so leicht in ausstattenden Glanz
über; aus dem Kostüm wird die Toilette; aus der Aufmerksamkeit
für das Beiwerk Unaufmerksamkeit für das Hauptwerk:
und unversehens kommt das Schauspiel von einem Stück
Ausstattung - zum Ausstattungsstück.
Jedes System
der selbständigen Ausstattung will die Phantasie ersetzen,
anstatt ihr nachzuhelfen. Durch lange Zeit fortgeführt
vermindert es die künstlerische Empfänglichkeit
des Volkes. Die Einbildungskraft wird träge. Die Menschen
verlernen den inneren Aufschwung, den sie mittels
jener thörichten Hilfe sich ersparen zu dürfen gewohnt
sind.
[101]
Eine, so
würden wir heute sagen, medienkritische Analyse, die
dem damals modernen Ausstattungsstück Einsichten
abringt, wie sie heute zivilisationskritische Apokalyptiker
der Fernsehgesellschaft formulieren, gewonnen aus
der Kraft des Aphoristikers, Einsichten über das
Detail so sehr ins Allgemeine zu steigern, daß das
ursprünglich Gemeinte gegenüber der Sprengkraft der
ihm abgewonnenen Einsichten sekundär wird. Hier
erweist sich der Kritiker als Theoretiker mit poetischer
Kraft, vor dessen schöpferischen Einsichten Unterschiede
hinfällig werden, die er doch selbst formuliert hat:
"Das Ziel der Wissenschaft ist Erkenntnis, das
Ziel der Kunst ist Schöpfung." Doch im Aphorismus verschmelzen Erkenntnis und Schöpfung,
Wissenschaft und Poesie, wird neues geistiges Terrain
erkundet, dessen Bedeutung oft erst hundert Jahre
danach offenkundig wird.
Und dennoch ist Bernstein heute so gut wie vergessen,
führt er ein Schattendasein in Fußnoten und Kommentaren
zur Literatur der vorklassischen und klassischen
Moderne. Die Ursache hierfür ist ebenso leicht in
der sehr engen Kontextbindung seiner juristischen und journalistischen Texte zu finden
wie in der minderen literarischen Qualität seiner
Theaterstücke (von seinen Erzählungen ganz zu schweigen).
Doch neben seiner unbestreitbaren (und in den Geschichtsbüchern
versinkenden) Bedeutung für das literarische, kulturelle,
juristische und politische Leben seiner Zeit bleibt
eine über den zeitlichen Kontext hinausreichende Bedeutung,
die erst alle seine übrigen Leistungen zu erklären
vermag, die Bedeutung seiner Sprachkraft, der er
alle seine Erfolge
zu verdanken hat. Und
diese Sprachkraft wäre nicht denkbar, hätte ihren "Effekt" nie erzielen können ohne seinen Hang zur aphoristischen
Zuspitzung, so daß letztlich der Aphoristiker Bernstein ursächlich mitverantwortlich
ist für den zu Lebzeiten so wirkungsreichen Kritiker und Juristen Bernstein; nur daß der Aphoristiker
Bernstein von dem Redner und Journalisten Bernstein quasi aufgefressen worden
ist, denn seine Aphorismen verbergen sich, nachdem
kein Notizbuch für die Nachwelt vor dem Wüten der Nazis hat gerettet werden können, im Kontext jener Reden und Texte, in die er
sie hineinzitiert hat. Sie wären es wert, aus dieser Einbettung wieder geborgen
zu werden. Doch dazu
bedarf es jener Kunst, die Bernstein selbst in einem
der wenigen Texte, die er selbst explizit als Aphorismus
veröffentlicht hat, einforderte:
"Warum sie gutem Werk vorübergehn?
/ Die KUNST zu sehn, braucht’s die Kunst, zu SEHN."
[103]