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Orbis Linguarum Vol. 19/2002

Jürgen Joachimsthaler

Dresden

Die Geburt des Aphorismus aus dem Geiste der Rede Max Bernstein als Aphoristiker

Warum sie gutem Werk vorübergehn?

Die KUNST zu sehn, braucht’s die Kunst, zu SEHN. [1]

Der Aphorismus hat sich wie andere "kleine Formen" [2] bereits früh als erken­nbar eigenständige Form aus jenen größeren Rede-, Text- und Kom­mu­nikations­zusam­menhängen herausgelöst, in deren rhetorisch fließende Beflissenheit er als deren pointiert zugespitzter formaler Gegenpart immer wieder hineinzitiert wird: Schon in alttestamentarischer Zeit [3] wurden Sprüche und Weisheiten entkon­textua­lisiert, zur weiteren Verwendung in unterschiedlichsten Redezusammenhängen ge­sam­melt und so in zitathaft fragmentarisierter und sprachlich eingefrorener Form bis in un­­se­re Zeiten überliefert. In diesen Fragmenten tradieren sich weniger ge­schlos­se­ne Weltbilder als geographisch und zeitlich über oft weite Entfernungen über­trag­ba­re [4] Geistesblitze, Apophthegmata [5] , Einsichten und Ideen, kleine Lebens­re­geln, Ma­xi­men und Reflexionen, ein überzeitlicher common sense des um sein Über­leben und Zu­recht­kommen bemühten Individuums in einer meist übermächtig auf es ein­wir­­ken­den Welt, durch deren Unübersichtlichkeit (oder dogmatisierte Über­-Über­sicht­­lich­keit) die kleine (Prosa-)Reflexion kleine Breschen schlägt, Rast bie­ten­de Lich­­tun­gen, kurze Erhellungen, Orientierung in finsterer Zeit -, eine zer­split­tert wei­ter­ge­reichte Didaktik der Not und des Überlebenswitzes. [6]

Die Verschriftlichung dieser Gattung in frühgeschichtlicher Zeit [7] und Antike [8] geht einher mit ihrer Fixierung als formal identifizierbarem Gebilde (sehr kurzer Prosatext mit in sich abgeschlossenem belehrendem oder reflektierendem Inhalt) [9] , in deren dialektisch gegen ihre eigene Tradition sich wendender Spätfolge - lange nach der Erfindung des Buchdrucks und bereits im Zeitalter der Periodika ­- die bis­her nur literarische zur ästhetisch-geistvollen Kunstform wird, die die Form mehr und mehr gegen den ihr ursprünglich inhärenten didaktischen Inhalt wendet.

Spiel und Ironie, Paradoxie und genußvoll über jedes statisch fixierbare Erkennt­nis­ziel hinaus vorangetriebene Dialektik eröffnen seither dem Geist ins bisher Un­denk­­bare ihn verlockende Denkräume und "Ideenparadiese" [10] , die die modernen Apho­ris­men dadurch zu evozieren vermögen, daß sie sich im Gegensatz zum tra­di­tionell spruchhaften Aphorismus mit seiner immer noch mündlich orientierten Sprach­vor­stel­lung ganz auf das Medium der Schrift einlassen und dadurch neue Intensität gewinnen: La Rochefoucauld (im Prinzip bereits Montaigne), Lichten­berg und nicht zuletzt auch Nietzsche waren fortlaufend arbeitende Apho­ris­men­schrei­ber, die in einem tagebuchähnlich geführten inneren Monolog [11] ohnegleichen Gedan­ken­splitter gegen Gedankensplitter setzten, keinen ehrlichen Selbst­wider­spruch scheuend, keine Möglichkeit einer rhetorischen Selbstwiderlegung aus­las­send. Ih­nen ist zu ver­danken, "daß die Struktur des Aphorismus von keiner einheit­lichen welt­anschau­lichen oder nationalen Idee getragen wird und sich deshalb frei neben etab­lierten logischen Denksystemen entwickeln kann." [12] Der Aphorismus als Kunst­form etabliert so im Gegensatz zur "abgeschlossene[n] Denkform" [13] das "apho­­ris­tische Denken" [14] , das "programmatische Denken gegen den Strich, das we­nigs­tens bei den Literaten logische, historische und psychologische Zusam­men­hänge igno­riert" [15] , ne­ben den großen Gedankengebäuden der Aufklärung als deren sub­versi­ven Beg­lei­ter, der vom Eingeständnis, ja vom bewußten Ausleben jener in­ne­ren Wi­der­sprüch­­lich­keit alles menschlichen Denkens lebt, die die großen Sys­tem­philo­so­phien der Aufklärung (und dann auch des Idealismus) schon um ihrer zwang­haft ge­wollten inneren Kohärenz willen aus sich ausschließen mußten, "wes­halb so vie­le [...] Apho­ristiker zugleich entschiedene Antihegelianer waren." [16]

Die damit einsetzende Geschichte der modernen ästhetischen Kunstform Apho­ris­mus bedeutet natürlich auch den gattungsdefinitorischen Abschied vom traditio­nell spruchhaften Aphorismus, der fortan - bezeichnenderweise seit der Zeit um 1800 - zunehmend nur noch von antiquarischen Gelehrten in dickleibigen Zitat-, Sprich­wort- und Sentenzensammlungen (etwa in Form nationalromantisch inspi­rie­rter "Volksspruch"-Anthologien) konserviert und musealisiert wird - wie über­haupt erst von dieser Entwicklung aus eine gattungstheoretisch halbwegs trenn­schar­­fe [17] Unter­scheidung zwischen Sentenz, Sprichwort und Aphorismus möglich wird [18] (waren die älteren Aphorismen doch noch häufig als "geflügelte Worte" be­kan­nter Persön­lichkeiten oder Autoren überliefert worden).

Doch in dieser definitorisch so eindeutig erscheinenden Trennschärfe muß gerade für den Liebhaber des subversiv modernen Aphorismus ein Problem ver­bor­gen lie­gen: Jede Systematik verbirgt das Nichtsystematisierbare, jede Moderne ih­re Vor­mo­derne, jeder scheinbar nur ästhetisch autonome Aphorismus die Her­kunft der Gat­tung aus einst eher pragmatischen Kontexten im "prosaischen Wild­wuchs" [19] der Journale und der mündlichen Rede. Am ehesten erahnbar wird dies heute noch beim brillant polemisierenden Aphoristiker Karl Kraus, dessen gesam­tes Schaffen ja aus der Auseinandersetzung mit zeitgenössisch aktuellen Frage­stel­lungen, Kon­flikten und Problemfällen erwuchs, aus dem unentwegten Tageskampf der "Fackel" gegen die ganze Epoche mit ihren abgründigsten Banalitäten und ih­ren trivialsten Maje­stäten [20] , - wie ja überhaupt die Zeit der "Fackel" eine Zeit ge­schlif­fen for­mu­­lierender Kleinmeister des spitzen Wortes war, die in tagespublizistischen De­tail­aus­ein­andersetzungen, aktualitätsbezogenen Kritiken und Feuilletons mit einer heute kaum noch nachvollziehbaren, auf die großen Tageszeitungen, Wochen- und Monats­schriften gestützten enormen Breitenwirkung für ihre häufig in vielbeach­te­ten Fehden gegeneinander entbrannte Formulierungskunst rechnen konnten. Neben Kraus wären hier Maximilian Harden [21] zu nennen, die Autoren des Simplicissi­mus [22] und nicht zuletzt der von Wilhelm II. als "gemeingefährlich" [23] eingestufte Mün­chener Kritiker, Schriftsteller und Rechtsanwalt Max Bernstein (1854-1925), "der hl. Georg der Modernen, ihr wackerster, schneidigster und ihr [...] über­zeu­gend­­ster Kämpe" [24] , "der berühmteste Verteidiger im politischen Leben der wil­hel­mi­­nischen Ära und [...] zugleich [...] einer von ihren stärksten Gegnern". [25]

"Ihrer kritischen Majestät allergetreueste Opposition" [26] , wie er sich Carl v. Os­ti­ni, dem Feuilletonchef der offiziösen "Süddeutschen Presse" gegenüber einmal nan­nte, war ein debattierfreudig jede mündliche wie schriftliche Äußerung eines wie auch immer gearteten Gegenüber aufgreifender Sprach- und Redekünstler, ei­ne, so v. Ostini in einer etwas hilflos wirkenden Replik, "Art von geistigem Bel­lachini mit Diplom und Siegel [...], der das Verdrehen von seines Nächsten Reden pro­fes­sionell betreibt und Gedanken und Begriffe mit derselben Grazie eska­mo­tiert, mit welcher der Taschenspieler ein Sacktuch in lebende Tauben ver­wandelt. [...] Sie haben nämlich eine wunderbare Dialektik. Sie greifen Sätze meines Arti­kels her­aus, stellen scheinbare Widersprüche als wirkliche hin und mah­len mich dann zwischen diesen kurz und klein." [27] Hintergrund dieser (im übrigen durchaus freund­schaftlichen Fehde) war eine mit verschiedenen Gegnern über viele Jahre geführte Auseinander­setzung um Sprachwitz, Stil und literarische Ästhetik, in der Bernstein vehement gegen die seit 1878 stark zunehmende national begründete Ablehnung der damals (in der von der deutschen Litera­turgeschichtsschreibung niemals wirk­lich aufgearbeite­ten Epoche der libe­ralen Gründerzeitliteratur [28] ) auch in Deutsch­land modernen "französischen" Schreib­weise protestierte:

Das Französische ist kecker, frecher; seine zuversichtliche Frivolität ist eher zu ver­zeih­en als die Halbanständigkeit des Deutschen. Wer einen derben Witz rasch und un­verblümt heraussagt, ruft viel weniger den Eindruck des Unanständigen hervor, als wer sich zuerst besinnt und nach verhüllenden, abschwächenden Worten sucht. [29]

So redete Bernstein denn auch "einem guten schlechten Witze, mitten in einer sehr ernsthaften Ausführung, [...] einem drastischen Ausdrucke, einem trivialen Bil­­­de, wo man sie nicht erwartet" [30] das Wort und erblickte in "der geschickten Ab­wechs­lung von Ruhe, Pathos, Ironie und Witz, in dem Gebrauche ungewöhnlicher, aber im­mer guter Mittel" das Kennzeichen moderner "Stilkünstler". [31]

Der so schrieb, schrieb (und sprach) in eigener Sache: Als Kritiker und ebenso gefürchteter wie gefeierter Gerichtsredner war Bernstein in erster Linie Rhetor in des Wortes klassischer Bedeutung, ein Redekünstler unter (juristisch und medial) stark formalisierten Rahmenbedingungen, der den von ihm erstrebten "‚Effekt‘ - [...], wo ein Wort, ‚un mot‘, rasch wie der Blitz, sicher und unwiderstehlich, die Ner­ven [...] trifft" [32] nur dadurch zu erreichen vermochte, daß er, ohne zum Regel­bre­cher zu werden (was ihn zumindest als Anwalt seine Lizenz hätte kosten kön­nen), doch den Regeln bisher neue, unbekannte Möglichkeiten abzuringen wußte, so v.a. die systematische Verwandlung der Gerichtsverhandlung in (durch die Ge­richtspro­tokolle in den Tageszeitungen) öffentlichkeitswirksam [33] verbreitete thea­tralische Kunstwerke, die mit den Mitteln der ästhetischen Frühmoderne links­li­be­ral fiktionale Rechtsvorstellungen verfahrens- und publikationstechnisch in (durch den Strafver­teidiger!) gesprochenes Recht umzuwandeln wußten. Seine Erfolge (bis hin zum Sturz politisch mächtiger Persönlichkeiten) waren denn auch Erfolge des literarischen Redners vor großen Foren der mündlichen wie der schriftlichen Aus­einandersetzung, auf die die Augen der Reichsöffentlichkeit gebannt gerichtet waren: Der Münchener Amtsgerichtssaal fünf, in dem Bernstein die meisten seiner von großem Publikum besuchten juristischen "Theateraufführungen" [34] (mit per­ma­nen­ten Ermahnungen der vorsitzenden Richter an das Publikum, von Beifalls­be­zeu­­gungen bei den Ausführungen des Anwalts abzusehen) in triumphale (und nicht sel­ten die kaiserzeitlich-obrigkeitliche Rechtsordnung auf den Kopf stellende) Er­fol­ge ummünzen konnte, war eigens für den Publikumsandrang in theaterähnlicher Weise umgebaut worden [35] : "In Paris, in Berlin werden dem Bürger bekannte Er­eig­­nisse in Revuen vorgeführt, München hat dafür den Gerichtssaal [...] und das Mün­chner Publikum hat in jeder Saison ein paar Prozesse, die es mehr anregen als Thea­terbesuche" [36] ; seine Feuilletons (meist auf Seite 1 der großen Tages­zei­tun­gen), seine oft gnadenlosen [37] Kritiken und seine populären literatur­theo­reti­schen Vor­tragsreisen durch das Deutsche Reich (und auch Österreich) verdichteten sich ge­meinsam mit seinen publikumswirksam verbreiteten Gerichtsreden zu groß­an­ge­leg­ten Kam­pagnen, mit denen es ihm gelang, die Zensur auszuhebeln, ja die Auf­füh­rung von der Zensur unterdrückter Stücke zu erzwingen und nicht zuletzt Zola, Ib­sen und schließlich auch Gerhart Hauptmann [38] beim breiten Publikum durch­zu­setzen. [39]

Sprache, mündlich wie schriftlich, war für Bernstein Medium, Kampfmittel und Lebenselixier zugleich; sein kaum je verfehltes Ziel war der unmittelbare "Effekt" vor Richtern, Geschworenen und lesendem oder zuhörendem Publikum, sein wich­tig­stes Mittel war eindrucksvoll eingesetzte Rhetorik, zu der, gerade auch in der stark von Improvisationskunst abhängigen mündlichen Auseinandersetzung, apho­ris­tische oder merkspruchähnliche Kernsätze gehörten, die sich immer wieder vari­ieren und wiederholen ließen, die aber auch im Gedächtnis des Publikums beson­ders nachwirken mußten. Nicht selten griff Bernstein auf bewährte Klassiker-Zita­te zurück ("In dem Ruf ‚Mehr Licht!‘ - ‚geben Sie Gedankenfreiheit!‘ gipfelten die begeistert aufgenommenen Worte Bernsteins." [40] - "Die[se] Rede, sehr oft von mi­nu­tenlangem Beifall unterbrochen, rief zum Schluss stürmischen Beifallsjubel her­vor" [41] ), nicht selten aber prägte er selbst seine eigenen Sprüche und Aphoris­men. Was er theoretisch über den Stil geäußert hatte, wandte er dabei praktisch selbst an und formulierte seinem ästhetischen Bekenntnis entsprechend in unter­schied­lichen Kontexten immer wieder witzig geschliffene, kämpferisch zupacken­de oder satirisch gefärbte Aphorismen, die auch sein literarisches Werk stark prä­gen sollten. Nicht umsonst heißt es in einem der frühesten (noch zeitgenössischen) Überblicke über die Literatur der vorklassischen und frühen Moderne: "An Max Bernstein hat die Philosophie der ‚Epigramme‘ und ‚Aphorismen‘ [...] einen schnei­digen Vertreter." [42]

Bekannt geworden war er denn auch zuerst durch den Skandal [43] um seine Spott­­epigramme auf die Gemälde der großen, nationalen und internationalen Münchner Kunstausstellungen, in denen er voll behaglicher Ironie den großen Kunstanspruch kleiner Kunst ad absurdum führte. Das Epigramm auf eines von Anton v. Werners "Pompejanischen Bildern" liest sich etwa so:

Der Mann sieht die Statuette an,
Die Statuette betrachtet den Mann.
Das ist für Beider Selbstachtung gar gut,
Weil sie sonst kein Mensch nicht anschauen thut. [44]

Sparsamer im Ausdruck und dadurch deutlicher noch ist sein Epigramm auf ein folk­loristisches Gemälde mit dem Titel "Bauer am Eck bei Partenkirchen":

Neben einander in Fried’ und Ruh
stehen ein Berg und eine Kuh. [45]

Daß, wer so schreibt, zum Aphorismus, zum kurzen, gedrängten Ausdruck will, ist ebenso einsichtig, wie daß der Kontext seiner Publikationen auf ein Gattungs­prob­lem verweist: Bereits seine Epigramme auf konkret einzelne Bilder waren Be­stand­teil jenes kulturellen Kontextes, den Bernstein fortan prägend mitgestalten sol­lte, aber aufgrund dieser überaus engen Gegenstandsbeziehung (was weder ihre Qua­lität noch ihre Verständlichkeit mindert) sind sie kaum vereinbar mit dem au­to­nomen Kunstverständnis jener Moderne, deren Durchsetzung sie doch dienten. Stär­ker noch als für seine Epigrammatik gilt dies für Bernsteins Aphoristik: Eine gro­ße Zahl seiner Aphorismen stammt unmittelbar aus dem Kontext der Tages­kämp­fe, in die er verwickelt war.

Diese Kontextgebundenheit nun stellt ein sehr grundsätzliches Problem dar: Soll der Aphorismus als eigenständige Form gelten, müssen die Texte, die ihn re­prä­sen­tie­ren, ebenfalls eigenständige Gebilde sein. Gerade beim Aphorismus be­steht ja die Gefahr beständiger Grenzüberschreitungen durch die Rezipienten, ist doch bei vielen älteren "Aphorismen" nicht auszuschließen und bei vielen neueren tat­sächlich zu be­wei­sen, daß es sich bei ihnen nicht eigentlich um Aphorismen, son­dern um aus einem grö­ßeren Kontext herausgerissene Zitate handelt, die nach der von Kaszyński kriti­sier­ten Methode einiger österrreichischer Aphorismen-An­tho­logisten "methodo­lo­gisch unbesorgt ideologisch konzipierte Textsammlungen von Zitaten, aus dem Kon­text gehobenen Sentenzen und trivialen geflügelten Wor­ten, die sie allesamt Apho­ris­men nennen" [46] , anthologietechnologisch mit tat­säch­lichen Aphorismen vermischt wer­­den und so von ihnen oft kaum noch zu un­ter­schei­den sind.

Doch auch wenn es erste wissenschaftliche Definitionen des modernen, autono­no­men Aphorismus erst seit den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts gibt [47] , Bern­stein also noch gar nicht unter die streng(st)e Variante der Aphorismus-Definition fal­len dürfte, auch wenn Kaszyński selbst einmal ein entkontextualisiertes und in Apho­­rismusanthologien als Aphorismus tradiertes, zum Aphorismus tradiertes Grill­parzer-Zitat [48] und ein andermal ein denkmaltechnisch zum Aphorismus monu­men­ta­lisiertes Freud-Zitat [49] aus rezeptionsästhetischen Gründen als Aphorismen gelten läßt und schließlich den überlieferungs- und editionstechnisch umstrittenen Apho­ris­tiker Kafka ausdrücklich gegen Frickes zu enge Gattungsdefinition in Schutz nimmt [50] , wenn also das Gebot der textuellen Eigenständigkeit nicht ideologisiert und verabsolutiert werden sollte, findet sich der, der sich auf die Suche nach jenen Apho­rismen Bernsteins macht, für deren "Philosophie [...] einen schneidigen Ver­tre­ter" [51] er doch abgegeben haben soll, vor ernsthaften Schwierigkeiten, gibt es doch kaum eine "unverbunden" [52] eigenständige Aphorismenpublikation Bern­steins. Und wollte man zum Ausgleich die zahllosen Text- und Redestellen aus sei­nem Munde und seiner Feder, die sich problemlos für methodisch gewagte Aphoris­men-Anthologien entkontextualisieren ließen, als jene Aphorismen anführen, für die er doch einst einige Bekanntheit genoßen hat, so sähe man sich sofort Kaszyńs­kis berechtigtem Vorwurf an die österreichischen Aphorismen-Anthologisten aus­ge­setzt, Textstellen als wenn auch allein überlebensfähige Zitate aus Text­zusam­men­hängen nur deshalb herauszulösen, um "die meist aus einem anderen Kontext stammenden Aussagen in der Funktion autonomer Aphorismen wirken zu las­sen." [53]

Wie aber, wenn sich beweisen ließe, daß diese an sich zugegebermaßen sehr prob­lematische Methode bei Bernstein legitim wäre? Daß er also nicht nur hin und wieder als Zitat Entkontextualisierbares gesagt und geschrieben, sondern darüber hinaus in den Gesamtfluß seiner Texte unabhängig von ihnen entstandene Apho­ris­men integriert hat, die leider nur so, in Kontexten, denen sie ursprünglich eigent­lich (relativ) autonom gegenüberstanden, überliefert wurden? Notiz-, Sudel- oder Ideen­bücher Bernsteins, in denen Aphorismen wohl zuallererst zu suchen wären, sind ja nicht erhalten, da sein Nachlaß, nachdem sich die Nationalsozialisten wäh­rend des Dritten Reichs dafür interessiert hatten, spurlos verschwunden ist. [54] Le­dig­lich eine Anekdote ist überliefert, aus der immerhin hervorgeht, daß Bernstein sehr wohl ein regelmäßig gebrauchtes Einfalls- und Formulierungsbuch geführt haben muß:

In einem langwierigen Prozeß machte gerade der gegnerische Anwalt recht wesent­li­che Ausführungen, als Max Bernstein überhaupt nicht hinhörte, sondern in sein Notiz­buch eifrig schrieb. Der Mandant wies ihn bescheiden darauf hin, daß der Geg­ner eben plädiere. "Mit dem wird ich alleweil noch fertig!" meinte Bernstein; "aber die Bonmots für mein neues Lustspiel muß ich mir aufschreiben." - Das Ver­blüf­fen­de war, daß Bernstein tatsächlich mit dem juristischen Gegner "fertig wurde". [55]

Diese Anekdote verrät uns noch mehr, sie enthüllt uns eine der Ursachen für Bern­steins geringen Erfolg als Theaterautor: Seine Stücke sind nicht, wie er als Thea­ter­kritiker selbst forderte, von den Figuren und der Handlung aus geschrieben, die, so sein stän­di­ges kritisches Credo, eine ungebrochen organische Einheit bilden soll­ten, sondern ei­ne dramaturgisch häufig mißglückte Aneinanderreihung auf un­ter­­schied­liche Spre­cher verteilter Witze, Bonmots und Aphorismen, für sich al­lein wit­zig in­tel­ligenter Sprü­che, Formulierungen und Reflexionen, die allzu häu­fig den mühsam konstru­ier­ten Handlungsrahmen sprengen und das zeitgenössische Pub­­likum mit ei­nem irrlich­ternden Feuerwerk sprachlich brillanter Einzel­for­mu­lie­run­gen ohne ernsthaften Zu­sammenhang verwirrten, "langweilig und aller gesell­schaft­lichen Möglichkeit hohn­sprechend" [56] , voll "von Witzen, die auf der Bühne un­erträglich sind" [57] : "Eine witzige Wendung schlägt die Andere, ein Bonmot löst das andere ab." [58] Nur wer genau hinhörte, konnte die in dem Chaos versteckten Qua­li­täten entdecken: "Der Dialog zeigt eine Fülle feiner Sarkasmen, geistreich ma­liziö­ser Spitzen, die sich mit ihren verstecken Widerhaken blitzartig bald da, bald dort eingraben." [59] Bern­stein als Autor kleiner aphoristisch scharfer For­mu­lie­run­gen hatte schlicht und ein­fach den fatalen Fehler gemacht, seine Aphorismen zu Fi­gurenreden in Thea­ter­stück­en zusammenstücken zu wollen, anstatt das, was ohne­hin als eigenständiger Ein­­fall notiert worden war, gleich als eigenständigen Apho­rismus zu ver­öffent­li­chen. So gehen viele seiner Aphorismen in Figurenreden un­ter, während eine gro­ße Zahl sei­ner Figuren wiederum in zusammenhangslos ge­äußer­te Aphorismen zerfällt.

Nicht umsonst - und erstaunlich bewußt - äußert sich eine seiner Figuren ge­zielt aphoristisch im Sinne jener "Aporien der Moderne im Aphorismus" [60] , die Kaszyński als "Gefühl der Identitätskrise" [61] so eindrucksvoll nachzuzeichnen versteht:

Ich dichte Fragmente. Bis ich gereift bin. Erst dann werde ich mich voll ausgeben. Und schließlich: was sind wir von heute? Fragmente. [62]

Entsprechend deutlich äußert sich in diesen in die Lustspiele kaum wirklich in­tegrierten Aphorismen das "Zeitalter der Nervosität" [63] als eines, in dem die Tra­di­tionsbrüche der Moderne das atomisierte Individuum auf sich selbst, auf seine Stim­­­mungen, Gefühle und sein "Unbewußtes" so sehr zurückwerfen, daß ihm die übri­ge Welt und alle bisherigen Wertvorstellungen nur noch wie impressio­nisti­sche Aus­löser jener rasch vergehenden Augenblicksstimmungen erscheinen, in die es zerfällt, unbewußtes Opfer dessen, was ihm seine scheinbar moderne "Freiheit" zu erleben aufzwingt: "Denn wir alle sind nicht frei. In großen wie kleinen Dingen lie­gen wir in Banden des Vorurtheils und der bewußten oder unbewußten Lüge; um so fester gebunden und gefesselt, als wir oft gar nicht wissen, daß wir unfrei sind." [64]

Man ist moralisch, wie man Cigarren raucht: - des angenehmen Duftes halber, der einem dabei um die Nase weht. [65]

Wer spricht heute noch von Tugend? Tugend und Telefon - das verträgt sich nicht. [66]

Mobilität und Kommunikation "befreien" den Menschen, indem sie ihn zum In­di­vi­duum vereinzeln, das, aus seinen bisher gültigen sozialen Bindungen entlassen, neue Lebensformen sucht, für die es vorher - etwa unter den Kommuni­kations­be­din­gungen in der Zeit vor Erfindung des Telefons (und der Eisenbahn und des elek­tri­schen Stroms usw.) - weder Möglichkeit noch Notwendigkeit gegeben hätte. Von dieser Moderne aus nun wird das Überkommene dann jedoch nicht mehr (nur) als beengend empfunden, es wird zum genußvoll genutzten Spielraum neuer Le­bens- und Deutungsmöglichkeiten:

Und was ist ein Ehemann? - Eine Einrichtung, wodurch es möglich wird, eine schö­ne Frau zu lieben, ohne daß sie einem zumuten kann, sie zu heiraten. [67]

Die Natur hat alles weise eingerichtet. Die Frau eines mäßig schätzenswerten Man­nes zu sein, das gewährt doch die Möglichkeit, Witwe zu werden. [68]

Diese beiden Beispiele zeigen, wie sehr solche Texte Bernsteins dem ent­spre­chen, was Kaszyński als für den modernen Aphorismus zentral hält: "Die Technik des doppelten Blicks ist [...] strukturell im Aphorismus verwurzelt und beruht auf der automatischen Anzweiflung der vorgegebenen These durch eine vom Kontext her­gestellte syntaktische Antithese. Im Klartext soll das heißen, daß der Apho­ris­mus tradierte Werte, in denen jedes Nationalbewußtsein seine weltanschauliche Stüt­ze sieht, prinzipiell in Frage stellt und durch die von ihm angewendete Technik der Antithetik oft die Kehrseite der als eindeutig angesehenen Begriffe zum Aus­druck bringt." [69] Wenn die Existenz eines Ehemanns für den Liebhaber von dessen Frau nur noch die Rettung vor einem möglichen Anspruch der Frau bedeutet, sie zu heiraten, so wird hier den traditionellen Wertvorstellungen über die Ehe tat­säch­lich "die Kehrseite der als eindeutig angesehenen Begriffe" gegenübergesetzt. Noch fataler wird dies offenbar im zweiten Text, in dem der damals für natürlich ge­hal­tene sehr große Altersunterschied zwischen Ehemann und Ehefrau für die letz­tere wenigstens die Hoffnung auf baldige Verwitwung bedeutet und aus­ge­rech­net der prognostizierbare (sehr viel) frühere Tod des Ehemanns als Beleg für die angeb­liche Weisheit jener Natur gelten muß, der von den Zeitgenossen die Norma­lität des konventionalisierten Altersunterschieds zugeschrieben wurde: "Zu seinem [des Aphorismus] charakteristischen, gattungsspezifischen Merkmal gehört ein auf sachliche Synthese ausgerichteter und sprachlich zugespitzter Aufbau, in dem die von den Einfällen hergeleiteten Grundworte in Opposition zu ihrer gängigen Be­deu­tung durch den inneren Textzusammenhang ausgewertet werden und dadurch im semantischen Klärungsverfahren einen neuen, meist paradoxen Sinn er­stel­len." [70]

Natürlich versteckt sich hinter solch paradoxen Sarkasmen ernst zu nehmende Kritik:

Ich halte die Ehe für eine total verfehlte Einrichtung. Der Zwang tötet die Liebe. Ein Mäd­chen sollte dem Manne, der ihr seine Hand bietet, erwidern: "Ich danke. Sie wol­len mich in’s Gefängnis führen? Ich kenne Sie wohl mein Herr - Kerkermeister! Jetzt sind Sie mein Diener, später werden Sie mein Herr sein. Jetzt kommen Sie in der besten Toilette und sprechen von Rosen und Vergißmeinnicht, später werden Sie im Schlafrock erscheinen und mir von dem Gemüse reden, - das Sie gerne essen. Jetzt bitten Sie mich um alle Walzer und Cotillons, später werden Sie mir das Tan­zen verbieten - weil Sie um zehn Uhr zu Hause sein wollen. Jetzt singen Sie mit mir Duet­te, später werde ich Ihren Schnupfen pflegen müssen. Mit einem Worte: Jetzt sind sie liebenswürdig, später werden Sie unliebenswürdig sein." [71]

Und natürlich versteckt sich hinter solch ernst zu nehmender Kritik ein Be­dürf­nis nach letztlich doch wieder traditionell gedachtem Glück, das die Freiheiten der Mo­­derne zwar nicht verwirft, aber von einem tiefer gelegenen Sehnsuchtspunkt aus auf lebenswerte Ziele hin befragt:

Zehn Frauen, die man liebenswert findet, ersetzen die eine nicht, die man zehnfach lie­benswert findet. [72]

Warum aber schrieb Bernstein diese Aphorismen von ihnen zerrissenen Thea­ter­figuren zu, statt sie als eigenständige Textform zu sammeln und zu publizieren? Abgesehen von der unglücklichen Überlieferungssituation und abgesehen auch von seiner Unfähigkeit, auf anderen Wegen zu dem Text für ein Theaterstück zu kom­men - und er WOLLTE nun einmal Theaterautor sein -, entsprach der Einbau ein­mal geprägter Formulierungen in erst nachträglich um sie herum konstruierte Re­de­zusammenhänge durchaus auch seiner Praxis als Gerichtsredner - nur daß er als solcher eine der erfolgreichsten und wohl auch einflußreichsten Per­sön­lich­kei­ten seiner Zeit war, so daß er den letztlich mit teilweise unglaublich kühnen Mit­teln erfochtenen Erfolg im einen Medium (Gericht) mit (relativer) Blindheit für die Ur­­sa­chen seiner Mißerfolge im anderen Medium (Theater) bezahlte. Denn abge­seh­en von der das Gerichtspublikum unmittelbar mitreißenden Kraft seiner Rede und seinem enormen Einfallsreichtum an juristischen Mitteln arbeitete er als Ge­richts­redner tendenziell ähnlich wie als Bühnenautor: Er verwendete kontextunab­hän­gig geprägte Formulierungen, Sentenzen und Aphorismen, was sich im Falle des Gerichtsredners relativ einfach dadurch belegen läßt, daß be­stim­me Formu­lie­run­­gen (gelegentlich mit leichten Variationen) in seinen Reden immer wie­der auf­tau­chen. So sagte er anläßlich des großen Sozialistenprozesses von 1888 (der dank Bernsteins Widerlegung der Anklage zur Aufhebung des Sozialisten­ge­set­zes führ­te): "Das Brandmal eines jeden politischen Prozesses ist ein dreifaches, politisch un­klug, gesetzlich unberechtigt und menschlich unrecht." [73] Ähnlich äußerte er sich dann fast zwanzig Jahre später in einem ganz anderen Prozeß (die Variationen zwi­schen den Aussagen können auch durch die Protokollanden verursacht sein - ei­gen­händig verfaßte Reden Bernsteins sind nicht erhalten), indem es freilich nicht mehr um Politik ging, sondern um eine Beleidigungsklage gegen Ludwig Thoma, den Chef­redakteur des Simplicissimus, der im Simplicissimus vom 2.-4.10.1904 einen kunst­feindlichen Sittlichkeitsprediger u.a. "gnadentriefende Schöpsenkeule" ge­nannt und, der Mann hatte etliche (eheliche) Kinder, auf seine "Pastoren-Kanin­chen­triebe" angesprochen hatte. Aus diesem doch ganz anders gearteten Prozeß stammt folgender Ausschnitt aus der Mitschrift der Münchner Neuesten Nach­rich­ten: "Juristisch falsch, menschlich ungerecht und politisch ungeschickt, das sei die drei­fache Signatur solcher Prozesse." [74] Die Variationen sind inhaltlich irrelevant, der Fall zeigt jedoch, daß Bernstein kontextunabhängig wirksame Formulierungen für sich prägte, die er dann in verschiedenen Kontexten immer wieder einsetzen kon­nte. Gerade diese ihre kontextunabhängige Einsetzbarkeit zeichnet sie, obwohl sie uns nur in Kontexten überliefert sind, aus denen sie dann wieder herauszitiert wer­den müssen, als von diesen Kontexten unabhängige Aphorismen aus, gehört doch zur Gattung ihre vom jeweiligen Kontext sich emanzipierende Neigung zur Uni­versalisierung, die "das Lokale, das Detaillierte [...] im Allgemeinen auflöst" [75] - und nur durch die über den Einzelfall weit hinausreichende angestrebte All­ge­meingültig­keit konnte Bernstein dieselben aphoristischen Formulierungen - und sei es variiert und noch weiter zugespitzt - immer wieder verwenden:

Wer den Schutz seiner Gesinnung der Polizei überläßt, überläßt ihr bald auch die Ge­­sinnung selbst. [76]

Wer den Schutz seines Geistes der Polizei überläßt, überläßt ihr bald auch seinen Geist selbst. [77]

Seine Wirksamkeit als Gerichts- und Vortragsredner (von den beiden zuletzt ge­nan­nten Sätzen stammt übrigens einer aus einer Gerichts- und einer aus einer frei und - angeblich - spontan gehaltenen kulturpolitischen Vortragsrede) beruhte ge­rade darauf, daß er, allen Ermahnungen und Protesten der Richter zum Trotz, den konkreten Einzelfall häufig in einen allgemeinen und grundsätzlichen über das Deut­sche Reich, seine Rechtsordnung, seine Kultur und seine Gesellschaft umzu­mün­­zen verstand, so daß dieser seiner juristischen Technik die rhetorische zwangs­läu­­fig ent­sprin­gen mußte, seine Reden in möglichst wirkungsvollen Sätzen von größt­­­mög­li­cher Grundsätzlichkeit und Allgemeingültigkeit gipfeln zu lassen:

Unklares Gesetz verdirbt den Richter, veranlaßt ihn, nach eigener persönlicher Emp­fin­dung, oder noch schlimmer, nach der persönlichen Empfindung eines hierarchisch Hö­he­ren oder gar eines Allerhöchsten zu richten. Unklares Gesetz schädigt das An­seh­en der Rechtsprechung. [78]

Kleinliche Gesetze rufen kleinliche Gesetzesauslegung hervor. [79]

Nur die Spitzbuben brauchen die Paragraphen des Strafgesetzes auswendig zu wissen, um sie besser umgehen zu können. [80]

Das letzte (wieder aus einem Theaterstück stammende) Beispiel zeigt, wie ju­ris­tisch-rhetorische und literarische Aphorismenbildung bei Bernstein inhaltlich Hand in Hand gehen: Als überzeugt linksliberaler Demokrat bevorzugte er immer eine großzügige Gesetzgebung und -auslegung, die den Staatsbürger nicht gängelt und zum Untertanen reduziert, sondern nach dem klassischen Ideal des Li­beralis­mus nur das wirklich Kriminelle kurz und eindeutig verbietet. Entsprechend ver­däch­tig muß jemand erscheinen, der, wenn er nicht gerade Anwalt oder Richter ist, klein­li­ches Interesse für zu "kleinliche Gesetze" zeigt: Sucht er etwa einen Weg, sie zu um­geh­en? Solche Fragen werden, einzelfallunabhängig formuliert, zu einer je­der­zeit und überall wieder einsetzbaren Grundsätzlichkeit gesteigert und damit zu uni­versal gül­tigen Aphorismen verdichtet - Bernstein verhandelte als Anwalt nie nur über den an­stehenden Einzelfall, sondern immer auch über Recht und Ge­rech­tig­keit an sich.

Eines seiner "Lieblingsthemen" war die von ihm bekämpfte Zensur, die er freilich auch nicht in Form jener juristischen "Kleinlichkeiten" [81] bekämpfte, mit deren Hilfe im offiziell zensurfreien Kaiserreich so etwas wie Zensur doch noch ermöglicht wer­den sollte, sondern direkt als universell schädliche Einrichtung an sich:

Denn die Freiheit des öffentlichen Wortes ist bei uns etwas sehr Fragwürdiges. Mit Recht. Wird sie doch meistens dazu gemißbraucht, auf Unangenehmes aufmerksam zu machen. Und warum soll man die Untertanen auf Unangenehmes noch besonders hin­weisen dürfen? Entweder sie merken es ohne die Presse überhaupt nicht, dann ists ja gut! Oder sie merken es auch ohne die Presse, dann ist sie ja erst recht überflüssig! [82]

Die letzte logische Folge des Prinzips der Zensur wäre, daß kein Kind geboren wer­den darf, ehe der Staat sich vergewissert hat, ob es nicht bei seinen Lebzeiten etwas Un­erlaubtes tun werde. [83]

Die Zensur ist nutzlos: verbotene Stücke werden umso eifriger gelesen, verbotene Stel­len in den Zeitungen gedruckt, die Aufmerksamkeit auf das Verbotene gelenkt. [84]

Es kann die heilige Aufgabe des Journalisten sein, das Volk zu erregen, - daß er ihm sagt, rühre Dich, hier passiren Dinge, die nicht passiren sollten, sonst hätten wir geis­tige Reichhofsruhe im ganzen Staate; das wäre China, nicht mehr Deutschland. [85]

In dieser kleinen Sammlung vereinen sich entkontextualisierte Aphorismen aus Reden ebenso wie aus journalistischen Texten. Denn von den letzteren gilt natür­lich dasselbe wie von Bernsteins literarischen Texten und seinen Reden: Apho­ris­ti­sche Formulierungen entstehen vor und unabhängig von dem Kontext, in den sie dann als Selbstzitat heinzitiert werden und tauchen in varriierter Form immer wie­der auf. Nicht selten zeigen kleine konkrete Anlässe Bernsteins Begabung, mit all­ge­­meingültigen Sätzen zu reagieren, die freilich, so geschickt sie als anti­the­ti­sche Setzungen grundsätzlich(st)e Klärungen provozieren, doch gerade in ihrer Ver­­all­ge­meinerungskraft sich oft weit vom einzelnen Anlaß entfernen und ihm gegen­über gelegentlich durchaus auch etwas übertrieben wirken können. Auf eine Bitte der Münchner Hoftheaterintendanz an das Publikum, auch im Falle des Miß­fallens das Zischen im Theater auf ein das übrige Publikum nicht beein­trächti­gen­des Maß zu beschränken, antwortet Bernstein:

Wer den Ausdruck des Mißfallens verbietet, der ist nicht mehr weit davon entfernt, den Ausdruck des Beifalls zu befehlen. [86]

Verbindet nun das Thema Zensur seine juristischen und seine journalistischen Texte, so verbindet seine literarischen und seine journalistischen Texte hauptsäch­lich das Thema Frau, zu dem er, nicht gerade freundlich zu den Frauen seiner Zeit, er­staunlich Modernes zu sagen weiß:

Die Frauen widmen den allgemeinen Angelegenheiten weder richtige noch falsche Ge­­danken; sie kümmern sich überhaupt nicht darum. [87]

Innerhalb der heutigen Gesellschaft ist es dem Weibe schwer, zwischen unziemlicher Kühn­heit, erniedrigender Heuchelei und erkältender Prüderie den rechten Weg zu fin­­den - und der Mann muß, wenn er große, allgemeine Angelegenheiten besprechen will, ein fremdes Haus oder, noch schlimmer, das Wirtshaus aufsuchen. [88]

Die Natur hat das Weib bestimmt, die Gefährtin des Mannes zu sein. Dazu es zu be­fähi­gen muß der Zweck der Mädchenerziehung sein. Das kann aber nicht erreicht werden, wenn das Weib nur zu des Mannes Dienerin oder Gespielin gebildet wird; wenn sein Leben nicht einen eigenen Inhalt bekommt; wenn das Weib nicht selb­stän­dig gemacht wird. Nur gleiche Mächte können Verbündete werden. [89]

Wir brauchen Frauen, die nicht kleiner sind als unsere Zeit; wir brauchen Frauen, die unsere Zeit verstehen. Und von dem, was dieses unser kleines und doch so großen Jahr­hundert sei, haben die meisten unserer Damen trotz aller Pensionate, Klavier­stun­den und öffentlichen Vorträge auch nicht die leiseste Ahnung. [90]

Allerdings, wer kein Bedürfnis fühlt, daß seine weiblichen Mitmenschen klüger wer­den, der wird wissen warum. Wenn der baierische Abgeordnete, der neulich einen lie­ben Collega brieflich ‚lieber Kolga‘ angeredet hat, nicht das Verlangen empfindet, daß seine Tochter oder Nichte lateinisch lernt - wer kann’s ihm verargen? [91]

Die durch verweigerte Schulbildung von den Frauen gewünschte Dummheit er­weist sich hier (auch) als Schutzraum für die Dummheit mancher Männer. Gehört so die unerwartete Umkehrung von Denk- und Leseerwartungen seiner Zeit zu Bern­­steins größten Leistungen (nicht nur als Aphoristiker), so entspricht er damit auch exakt Kaszyńskis Vorstellung, derzufolge "der Aphorismus tradierte Werte, in de­nen jedes Nationalbewußtsein seine weltanschauliche Stütze sieht, prinzipiell in Fra­ge stellt und durch die von ihm angewendete Technik der Antithetik oft die Kehr­­seite der als eindeutig angesehenen Begriffe zum Ausdruck bringt." [92] Hinter ei­­ner solchen Antithetik zum aktuell herrschenden Nationalbewußtsein verbirgt sich häu­fig ein Kampf darum, was denn nun als der Kern des Nationalbewußtseins an­ge­sehen werden solle. [93] In der Zeit eines zunehmend einseitig werdenden Natio­nal­be­wußtseins versuchte Bernstein (wenn auch vergeblich), eine letztlich welt­of­fen kos­mopolitische Deutung deutscher Identität durchzusetzen:

 Wir wollen den alten Ruhm bewahren, dass unsere vornehmsten Geister gerecht ge­gen alle gewesen, dass ihnen "nichts Menschliches fremd" geblieben und so unter den Germanen zuerst der Gedanke einer "Weltliteratur" und einer allumfassenden Kunst zu Blüthe und Frucht gereift ist. [94]

Goethes "Weltliteratur" wird hier dem rasch wachsenden Germanomanismus sei­ner Zeit als das ‚eigentlich‘ Deutsche gegenübergesetzt. Aber auch in anderer Hin­sicht arbeitete er gerne mit Antithesen, die sich nicht zuletzt auch in seinen jour­nalistischen und kritischen Texten zu schlagkräftigen Aphorismen verdichten, aus denen sich eine kleine Poetik und eine detaillierte Schule des Schauspiels und der Regie zusammenstellen ließe:

Dem Theater genügen wirksame Figuren, die Poesie will lebendige Menschen. Dort gilt die Konvention der Bühne, hier die Wahrheit der Natur. Das Theater verlangt den starken Erfolg, die Poesie verlangt den dauernden Werth. [95]

Der Poet soll sein Geschöpf kennen, durchaus; aber das Geschöpf darf nichts wissen von seinem Schöpfer. [96]

Nicht "fabula docet" darf des Dramatikers Zeil sein, sondern "figura docet". [97]

Wenn der Schauspieler wie vom Speere getroffen hinsinkt und den Todeskampf glaub­würdig darstellt, glauben wir auch das Blut fließen zu sehen und unser Mit­ge­fühl erwacht; aber er lasse eine blutrothe Flüssigkeit über sein Gewand strömen - und wir haben nur die Empfindung des Widerwillens und die Frage, was für rothes Zeug das eigentlich sein mag... [98]

Dieses letzte Beispiel zeigt abermals, wie aus einem kleinen thematischen Vor­wand eine grundsätzliche Aussage wird, hinter der sich ein Credo verbirgt, das im Prin­zip bereits die Rezeptionsästhetik des 20. Jahrhunderts vorwegnimmt und gleich­zei­tig größtmögliche Freiräume für die Phantasie des Theaterbesuchers ein­fordert:

Die nachdichtende Phantasie des Hörers ist fast ebenso eigenwillig wie die freie Phan­­tasie des Dichters. Will man sie allzu ängstlich schrittweise führen, so ver­weigert sie jede Vorwärtsbewegung - wie ein edles Roß, das nur dem leise geführten Zü­gel gehorcht und gegen den Peitschenhieb sich bäumt. [99]

Glänzende Ausstattung geht so leicht in ausstattenden Glanz über; aus dem Kostüm wird die Toilette; aus der Aufmerksamkeit für das Beiwerk Unaufmerksamkeit für das Hauptwerk: und unversehens kommt das Schauspiel von einem Stück Aus­stat­tung - zum Ausstattungsstück. [100]

Jedes System der selbständigen Ausstattung will die Phantasie ersetzen, anstatt ihr nachzuhelfen. Durch lange Zeit fortgeführt vermindert es die künstlerische Emp­fäng­lichkeit des Volkes. Die Einbildungskraft wird träge. Die Menschen verlernen den in­neren Aufschwung, den sie mittels jener thörichten Hilfe sich ersparen zu dürfen gewohnt sind. [101]

Eine, so würden wir heute sagen, medienkritische Analyse, die dem damals mo­der­nen Ausstattungsstück Einsichten abringt, wie sie heute zivilisationskritische Apo­­kalyptiker der Fernsehgesellschaft formulieren, gewonnen aus der Kraft des Apho­ristikers, Einsichten über das Detail so sehr ins Allgemeine zu steigern, daß das ursprünglich Gemeinte gegenüber der Sprengkraft der ihm abgewonnenen Ein­sich­ten sekundär wird. Hier erweist sich der Kritiker als Theoretiker mit poetischer Kraft, vor dessen schöpferischen Einsichten Unterschiede hinfällig werden, die er doch selbst formuliert hat: "Das Ziel der Wissenschaft ist Erkenntnis, das Ziel der Kunst ist Schöpfung." [102] Doch im Aphorismus verschmelzen Erkenntnis und Schöp­fung, Wissenschaft und Poesie, wird neues geistiges Terrain erkundet, des­sen Be­deu­tung oft erst hundert Jahre danach offenkundig wird.

­Und dennoch ist Bernstein heute so gut wie vergessen, führt er ein Schatten­da­sein in Fußnoten und Kommentaren zur Literatur der vorklassischen und klassi­schen Mo­der­ne. Die Ursache hierfür ist ebenso leicht in der sehr engen Kontext­bin­dung seiner ju­ris­tischen und journalistischen Texte zu finden wie in der minde­ren literarischen Qua­­lität seiner Theaterstücke (von seinen Erzählungen ganz zu schwei­gen). Doch ne­ben seiner unbestreitbaren (und in den Geschichtsbüchern versin­kenden) Bedeutung für das literarische, kulturelle, juristische und politische Le­ben seiner Zeit bleibt eine über den zeitlichen Kontext hinausreichende Be­deu­tung, die erst alle seine übrigen Lei­stungen zu erklären vermag, die Bedeutung sei­ner Sprachkraft, der er alle seine Er­folge zu verdanken hat. Und diese Sprachkraft wä­re nicht denkbar, hätte ihren "Ef­fekt" nie erzielen können ohne seinen Hang zur apho­ristischen Zuspitzung, so daß letz­tlich der Aphoristiker Bernstein ursächlich mit­verantwortlich ist für den zu Leb­zei­ten so wir­kungs­reichen Kritiker und Ju­ris­ten Bernstein; nur daß der Aphoristiker Bern­stein von dem Redner und Journa­lis­ten Bernstein quasi aufgefressen worden ist, denn seine Apho­ris­men verbergen sich, nachdem kein Notizbuch für die Nachwelt vor dem Wüten der Na­zis hat ge­ret­­tet werden können, im Kontext jener Reden und Tex­te, in die er sie hinein­­zi­tiert hat. Sie wären es wert, aus dieser Einbettung wieder ge­bor­gen zu werden. Doch da­zu bedarf es jener Kunst, die Bernstein selbst in einem der weni­gen Texte, die er selbst explizit als Aphorismus veröffentlicht hat, einfor­der­te: "Wa­rum sie gu­tem Werk vorübergehn? / Die KUNST zu sehn, braucht’s die Kunst, zu SEHN." [103]



[1] Max Bernstein: Aphorismus. In: Das XXVte Jahr. S. Fischer-Verlag 1886-1911. Berlin 1911, S. 136.

[2] Vgl. Rüdiger Zymner: Aphorismus / Literarische Kleinformen. In: Ulfert Ricklefs (Hrsg.): Fischer Lexikon Literatur. Frankfurt/M. 1996, Bd. 1, S. 80-106. Die allzu strenge forma­li­stische Gattungsdefinition von Harald Fricke: Aphorismus. Stuttgart 1984, 7-18, löst den Aphorismus zu sehr aus seiner gattungsgeschichtlichen Verbunden­heit mit den übrigen "Klein­formen" und den gemeinsamen Entstehungskontexten aller Kleinformen (also auch des Aphorismus selbst) heraus, so daß jene Aphorismen in statu nascendi, um die es in die­­sem Beitrag gehen wird, seinem Schema entsprechend nicht mehr als Aphorismen be­han­delt werden könnten, ohne andererseits in ihrer doch in sich einheitlichen Gesamtheit einer jener anderen Textsorten zugeschreiben werden zu können, von denen er (S. 18-24) den Aphorismus als eigenständige Form abzugrenzen versucht. Da sie aber als nun einmal existierende Texte schlecht weder Aphorismen noch Nicht-Aphorismen gleichzeitig sein können, belegen sie zuallererst die Widerleg­barkeit von Frickes Kategorisierungsversuch.

[3] Vgl. etwa das "Buch der Sprichwörter" im Alten Testament, das über weite Strecken auf Salomon zurückgehen soll, der, so 1 Kön 5, 12-14, dreitausend "Sprichwörter" verfaßt ha­be zu so ziemlich jedem Gegenstand: "Er redete über die Bäume, von der Zeder auf dem Libanon bis zum Ysop, der an der Mauer wächst. Er redete über das Vieh, die Vögel, das Gewürm und die Fische. Von allen Völkern kamen Leute, um die Weisheit Salomos zu hören". (1 Kön 5, 13f.) Zur Überlieferungsgeschichte (mit zahlreichen weiterführenden Li­teraturangaben) allgemein vgl.: Herbert Hunger, Otto Stegmüller, Hartmut Erbse, Max Imhof, Karl Büchner, Hans-Georg Beck, Horst Rüdiger: Die Text­überlieferung der anti­ken Literatur und der Bibel. Mit einem Vorwort von Martin Bodmer. München 21988.

[4] Stefan H. Kaszyński: Kleine Geschichte des österreichischen Aphorismus. Tübingen, Ba­sel 1999 (=Edition Patmos 2) betont (S. 3) "die gattungsimmanente Poetik des Apho­ris­mus [...], die jede stoffliche Vorlage sprachlich so destilliert, daß sie am Ende jenen Maß­stab der Ver­allgemeinerung erreicht, in dem der zeitlich und räumlich bestimmte Inhalt zwangs­läufig in zeit- und raumlose Universalität (Allgemeingültigkeit) transferiert wer­den kann."

[5] Vgl. Theodor Verweyen: Apophthegma und Scherzrede. Bad Homburg 1970.

[6] Vgl. auch Clifford Geertz: Dichte Beschreibung. Beiträge zum Verstehen kultureller Sys­te­­me. Frankfurt/M. 51997, S. 284.

[7] Ein von einem babylonischen Dichter namens Schubschi-meschre-Schakan verfaßtes Ton­ta­felwerk "Ich will preisen den Herrn der Weisheit" in Keilschrift gibt von der Haltung ei­nes vorbiblischen Hiob aus u.a. zahlreiche Reflexionen, Sprüche und dialektisch hin- und hergewendete Maximen wieder, die in ihrem Kern auf das 3. Jahrtausend v. Chr. zu­rück­ge­hen. Vgl. Text und Erläuterung in dem unglücklich betitelten Buch Märchen aus Ba­by­lon. Mythen und Sagen des Zweistromlandes nacherzählt [übersetzt!] und erläutert von Hans Wuessing. Frankfurt/M. 1994, S. 86-93 (Text), 154f. (Erläuterungen).

[8] Vgl. etwa die Sprüche der "sieben Weisen", deren älteste erhaltene Sammlung eine In­schrift aus Kyzikos aus dem 3. Jahrhundert vor Christus darstellt. Zu den Einzelheiten vgl. Die Vor­so­kra­ti­ker. Die Fragmente und Quellenberichte übersetzt und eingeleitet v. Wil­helm Ca­pelle. Stuttgart 1968 (übrigens selbst ein schönes Beispiel für eine Sprüche- und Frag­men­te­samm­lung). Na­men­gebend für die Gattung waren übrigens wohl die "apho­rismoi" des Hip­po­krates.

[9] Bewußte Orientierung an dieser Prosaform als formgebendem Gestaltungsimpuls für ein ganzes Werk läßt sich dann spätestens bei Marc Aurel nachweisen, vgl. Marc Aurel: We­ge zu sich selbst. Griechisch - deutsch. Hrsg. und übersetzt v. Rainer Nickel. Düsseldorf, Zürich 21998.

[10] Vgl.: Gerhard Neumann: Ideenparadiese. Untersuchungen zur Aphoristik von Lichten­berg, Novalis, Friedrich Schlegel und Goethe. München 1976.

[11] Als "diaristisch verfahrend" bezeichnet Lichtenbergs Aphoristik Ralph-Rainer Wuthe­now: Literaturkritik, Essayistik und Aphoristik. In: Ders. (Hrsg.): Zwischen Absolutismus und Aufklärung: Rationalismus, Empfindsamkeit, Sturm und Drang. 1740-1786. Reinbek b. Hamburg 1992 (=Horst Albert Glaser [Hrsg.]: Deutsche Literatur. Eine Sozialgeschich­te 4), S. 120-147; hier S. 141.

[12] Kaszyñski, Kleine Geschichte [wie Anm. 4], S. IX.

[13] Ebd., S. 114.

[14] Vgl. Paul Requadt: Lichtenberg. Stuttgart 1964, S. 133-165.

[15] Kaszyñski, Kleine Geschichte [wie Anm. 4], S. 10.

[16] Ebd., S. IX.

[17] Zu den Schwierigkeiten der Aphorismus-Definition vgl. neben Gerhard Neumann (Hrsg.): Der Aphorismus. Zur Geschichte, zu den Formen und Möglichkeiten einer li­te­ra­ri­schen Gattung. Darmstadt 1976 auch Kaszyñski, Kleine Geschichte [wie Anm. 4], S. 20: "Die Ursachen dieser Verwechslungen liegen nicht in den Abgrenzungskriterien, son­dern meist darin, daß sich diese Kriterien in manchen Fällen decken können. Die Apho­ris­musform schließt nämlich nicht aus, daß der vermittelte Inhalt auch als Sentenz, Maxime oder Spruch gleichzeitig in der Öffentlichkeit funktionieren kann."

[18] Einen systematischen Abgrenzungsversuch unternimmt Peter Krupka: Der polnische Apho­­rismus. Die "Unfrisierten Gedanken" von Stanis³aw Jercy Lec und ihr Platz in der polnischen Aphoristik. München 1976, insbesondere S. 48.

[19] Reinhart Meyer: Novelle und Journal. Bd. 1. Stuttgart 1987, S. 51.

[20] Zum Aphoristiker Kraus vgl. Kaszyñski, Kleine Geschichte [wie Anm. 4], S. 81-91.

[21] Zu Harden vgl. Uwe B. Weller: Maximilian Harden und die "Zukunft". Bremen 1970 und Harry F. Young: Maximilian Harden. Censor Germaniae. Ein Publizist im Widerstreit von 1892 bis 1927. Münster 1971.

[22] Zum Simplicissimus vgl. insbesondere Gertrud Maria Rösch (Hrsg.): Simplicissimus. Glanz und Elend der Satire in Deutschland. Regensburg 1996.

[23] Zit. nach Helmuth Rogge: Holstein und Harden. Politisch-publizistisches Zusammen­spiel zwei­er Außenseiter des Wilhelminischen Reiches. München 1959, S. 234.

[24] So der Bayerische Kurier vom 27.3.1898.

[25] So die Allgemeine Zeitung vom 13.3.1924.

[26] Süddeutsche Presse Nr. 320, 15.12.1882, S. 2.

[27] Carl v. Ostini: Eine Antwort. In: Süddeutsche Presse Nr. 325, 21.12.1882, S. 1-3.

[28] Richard Hamann; Jost Hermand: Deutsche Kunst und Kultur von der Günderzeit bis zum Expressionismus. Bd. I: Gründerzeit. Berlin 1965, konzentrieren sich vorrangig auf ten­den­ziell konservative oder letztlich nietzscheanisch-ästhetizistische Tendenzen, so daß die im Kern der geäußerten Meinungen linksliberale Grundströmung der gründerzeitlichen und vornaturalistischen Ära verloren geht. An einem anderen Beispiel habe ich dies un­ter­sucht in: Jürgen Joachimsthaler: "Wucherblumen auf Ruinen." Nationalliterarische (Des)­In­tegration bei Paul Heyse. In: Maria K. Lasatowicz; Jürgen Joachimsthaler (Hrsg.): Na­tio­nale Identität aus germanistischer Perspektive. Opole 1998, S. 217-254.

[29] Müchner Neueste Nachrichten 43 (1890), Nr. 80, 18.2.1890, S. 4.

[30] Süddeutsche Presse Nr. 320, 15.12.1882, S. 1.

[31] Ebd.

[32] Ebd.

[33] Bernstein selbst betonte in einer seiner Gerichtsreden triumphierend: "Was im Gerichts­saal gesprochen wird, hören [...] wenige Hunderte; was in den ‚M. Neuesten‘ steht, das le­sen Tausende und Abertausende." Münchner Neueste Nachrichten 46 (1893), Nr. 288, 26.6.1893, S. 14. Realistischerweise konnte Bernstein allein bei den Prozeßmitschriften in den "Mün­chner Neusten Nachrichten" mit bis zu einer halben Million Leser rechnen. Na­tür­lich erschienen solche Mitschriften (oft von ihm gezielt gelenkt) gleichzeitig auch in an­de­ren Blättern. Nicht umsonst warf ihm die ihm feindlich gesonnene "Augsburger Abend­­zei­tung" vor, er würde durch die Prozeßberichte insbesondere in den "Münchner Neuesten Nach­richten" und im "Berliner Tageblatt" Reklame für sich machen: Augs­burger Abend­zeitung Nr. 1, 2.1.1900, S. 8.

[34] Oscar Blumenthal: Theater und Gerichtssaal. In: Berliner Tageblatt 30 (1901), Nr. 574, 11.11.1901, S. 1.

[35] Erich Mühsam: Namen und Menschen. Unpolitische Erinnerungen. In: Ders.: Gesamt­aus­gabe. Hrsg. v. Günther Emig. Bd. 4: Prosaschriften II. Berlin 1978, S. 3-249; hier S. 213.

[36] Ludwig Thoma: Der Hoftheaterprozeß. In: März 1 (1907), Bd. 2, S. 422f.

[37] Insbesondere Schauspieler sprach Bernstein in seinen Kritiken gerne auf jede darstel­leri­sche Fehlleistung hin persönlich an. Ein Beispiel: "Herr von Kosinsky! Sie dürfen der Va­ter­landsliebe, welche Sie als polnischen Edelmann beseelt, nicht durch Angriffe auf die deut­sche Sprache Ausdruck geben. Warum sprechen Sie von ‚Selischkeit‘ und ‚Thä­tisch­keit‘? Warum sagen Sie: ‚Isch bitte Disch!‘" - Münchner Neueste Nachrichten 36 (1883), Nr. 359/360, 25.12.1883, S. 1. Selbst Publikumsstars hielten es für nötig, sich öffentlich ge­gen diese Art der "Existenzschädigung dem Schauspieler gegenüber" zu wehren, vgl. et­wa Alois Wohlmuth: Entgegnung. In: Münchner Neueste Nachrichten 42 (1889), Nr. 446, 27.9.1889, S. 3.

[38] Vgl. dazu auch Jürgen Joachimsthaler: Dichtung oder Plädoyer? Gerhart Hauptmann, Max Bernstein und das "Naturalismus"-Problem. In: Krzysztof A. Kuczyñski (Hrsg.): Gerhart Haupt­mann. Internationale Studien. £ód· 1996, S. 116-147.

[39] Die Einzelheiten sind nachzulesen in: Jürgen Joachimsthaler: Max Bernstein. Kritiker, Schrift­steller, Rechtsanwalt (1854-1925). Ein Beitrag zur Literatur-, Rechts-, Zensur-, Kultur-, Sozial- und allgemeinen Geschichte zwischen 1878 und 1925 mit Ausführun­gen zum "Naturalismus", zu Ibsen, Conrad, Gerhart Hauptmann und anderen Zeitge­nossen. 2 Bde. Frankfurt/M. u.a. 1995 (=Regensburger Beiträge zur deutschen Sprach- und Litera­tur­wissenschaft 58).

[40] Allgemeine Zeitung Nr. 66, 8.3.1900, 2. Abendblatt, S. 5.

[41] Münchner Neueste Nachrichten 53 (1900), Nr. 114, 9.3.1900, S. 5.

[42] Ella Mensch: Der neue Kurs. Litteratur, Theater, Kunst, Journalismus der Gegenwart. Neue Folge von Neuland Menschen und Büchern der modernen Welt. Stuttgart 1984, S. 73.

[43] An "Entrüstung über Kunstentweihung" erinnerte sich noch fünf Jahre später Carl v. Osti­ni: Der kleine Hydriot. In: Süddeutsche Presse Nr. 285, 2.12.1883, S. 5.

[44] Bayerische Literaturblätter 1 (1879), S. 96.

[45] Süddeutsche Presse Nr. 352, 23.12.1878, S. 3.

[46] Kaszyñski, Kleine Geschichte [wie Anm. 4], S. 6.

[47] Ebd., S. 17f.

[48] Ebd., S. 4.

[49] Vgl. Stefan H. Kaszyñski (Hrsg.): Vorbemerkung. Die leise Stimme des österreichi­schen Aphorismus. In: Ders. (Hrsg.): M±dro¶æ mówi przyciszonym g³osem. Aforyzmy aust­riackie. Die Stimme des Intellekts ist leise. Österreichische Aphorismen. Poznañ 2000, S. 15-22; hier S. 15.

[50] Stefan H. Kaszyñski: Kafkas Kunst des Aphorismus. In: Ders.: Österreich und Mittel­eu­ro­pa. Kritische Seitenblicke auf die neuere österreichische Literatur. Poznañ 1995, S. 93-105.

[51] Mensch, Der neue Kurs [wie Anm. 42], S. 73.

[52] Vgl. Ivo Braak: Poetik in Stichworten. Literaturwissenschaftliche Grundbegriffe. Eine Ein­führung. Kiel 61980, S. 174.

[53] Kaszyñski, Kleine Geschichte [wie Anm. 4], S. 7.

[54] Im Staatsarchiv München verrät eine Aktennotiz in der Akte AG München NR 1925 413, daß sich die NS-Reichsstelle für Sippenforschung Bernsteins Nachlaßakte nach Berlin kom­men ließ. Bald darauf wurde Bernsteins Witwe Elsa aus der seit 1900 von der Familie Bern­stein bewohnten Wohnung (in der sich auch der schriftliche Nachlaß Bernsteins be­fun­­den haben dürfte) vertrieben (und später nach Theresienstadt deportiert), laut Bern­steins Tochter Eva Hauptmann ist Bernsteins Nachlaß von den Nationalsozialisten gezielt ver­nichtet worden. Einen Grund dafür braucht man nicht lange zu suchen: Im Fech­en­bach­pro­zeß von 1922 (in dem es letztlich um die Dolchstoßlegende ging) hatte Bernstein vor der­selben Kammer des verfassungswidrigen Münchener Volksgerichtes München I, die ein Jahr später den Putschisten und Hochverräter Adolf Hitler, der eigentlich mit der To­des­strafe hätte rechnen müssen, zu einem Jahr ehrenvollster Festungshaft begnadigte, den Jour­­na­listen Lembke gegen den Vorwurf des Landesverrats verteidigt, der an ein eng­li­ches Nachrichtenbüro - von diesem dann dennoch nicht publizierte - Meldungen u.a. über Putsch­pläne der Nationalsozialisten und die Pläne der Organisation Consul übermittelt hatte. Das Volksgericht verordnete für alle Prozeßbeteiligten unter Gefängnisandrohung ab­so­lute Schweigepflicht und verurteilte Lembke mit dem Kommentar "Notwendigkeit der Geheimhaltung der Nachrichten im Interesse des Reiches oder der Länder ist selbst­ver­ständlich." (P. Dreyfus, Paul Mayer: Recht und Politik im Fall Fechenbach. Berlin 1925, S. 426. Die dort nicht veröffentlichte Liste der von Lembke mitgeteilten Nach­rich­ten - alle über rechtsradikale Reichsfeinde - befindet sich im Bayerischen Haupt­staats­archiv, MJu 13246). Daß in Bernsteins Nachlaß weiteres belastendes Material gegen die NSDAP zu finden sein könnte, war also nicht auszuschließen - und ist angesichts sei­ner an­waltlichen Arbeitsweise auch nicht unwahrscheinlich.

[55] Hildegard Reich: Zu Max Bernsteins 75. Geburtstag am 12. Mai 1929. In: Nordbaye­ri­sche Zeitung Nr. 109, 11.5.1929, S. 5.

[56] [Anonym]: Theater und Musik. In: Der Sammler 53 (1884), Nr. 28, 6.3.1884, S. 8.

[57] Ebd.

[58] [Anonym]: "Ritter Blaubart". In: Münchner Neueste Nachrichten 46 (1893), Nr. 133, 22.3.1893, S. 4.

[59] [Anonym; zu drei Einaktern von Max Bernstein]: Fürther Neueste Nachrichten 18 (1886), Nr. 340, 12.12.1886, S. 4.

[60] Kaszyñski, Kleine Geschichte [wie Anm. 4], S. 55-66.

[61] Ebd., S. 65.

[62] Max Bernstein: Endlich allein! Lustspiel in drei Akten. Berlin 1911 [Theateragentur Felix Bloch Erben], S. 15.

[63] Joachim Radkau: Das Zeitalter der Nervosität. Deutschland zwischen Bismarck und Hit­ler. München, Wien 1998.

[64] Max Bernstein: Henrik Ibsen’s neuestes Drama [Die Gespenster]. In: Der Sammler 53 (1884), Nr. 25, 28.2.1884, S. 5.

[65] Max Bernstein: Ein Kuß. Plauderei in einem Aufzug. Ritter Blaubart. Lustspiel in einem Aufzug. Leipzig [Reclam] 1887, S. 17.

[66] Max Bernstein: Grundsätze. In: Berliner Tageblatt 33 (1924), Nr. 506, 24.10.1924, S. 6.

[67] Bernstein, Kuß, Blaubart [wie Anm. 65], S. 44.

[68] Ebd., S. 46.

[69] Kaszyñski, Kleine Geschichte [wie Anm. 4], S. 16.

[70] Ebd., S. 18.

[71] Max Bernstein: Flecken in der Sonne. Lustspiel in vier Aufzügen. München 1888 [Thea­ter­agentur Felix Bloch Erben], S. 21.

[72] Bernstein, Kuß, Blaubart [wie Anm. 65], S. 45.

[73] [Anonym]: Der erste Nichtgentleman auf dem Zeugenstande. Bericht über den Münche­ner Geheimbunds-Prozeß am 26. und 27. Oktober 1888 vor dem Landgerichte München I. München 1888, S. 47.

[74] Münchner Neueste Nachrichten 59 (1906), Nr. 23, 16.1.1906, S. 3f.

[75] Kaszyñski, Kleine Geschichte [wie Anm. 4], S. 2.

[76] Münchner Neueste Nachrichten 53 (1900), Nr. 114, 9.3.1900, S. 4f.

[77] Münchner Neueste Nachrichten 56 (1903), Nr. 318, 11.7.1903, S. 3.

[78] Ebd.

[79] Münchner Neueste Nachrichten 53 (1900), Nr. 114, 9.3.1900, S. 5.

[80] Max Bernstein, Heinrich Stobitzer: Auf dem Kriegspfad. Schwank in drei Aufzügen. Ber­lin 1885 [Theateragentur Felix Bloch], S. 9.

[81] Münchner Neueste Nachrichten 56 (1903), Nr. 318, 11.7.1903, S. 3.

[82] Magazin für die Litteratur des In- und Auslandes 63 (1894), Sp. 1543-46.

[83] Münchner Neueste Nachrichten 56 (1903), Nr. 318, 11.7.1903, S. 3.

[84] Ebd., S. 3.

[85] Augsburger Abend-Zeitung Nr. 54, 23.2.1895, S. 5.

[86] Silos Marner [=Max Bernstein]: Münchener Plauderei. In: Berliner Tageblatt 21 (1892), Nr. 129, 11.3.1892, 1. Beiblatt, S. 1f. Man beachte auch, daß diese Münchner Kleinlich­keit zu einer grundsätzlich aphoristischen Formulierung nicht in etwa in Bernsteins Haus­blatt, den "Münchner Neuesten Nachrichten" (der heutigen "Süddeutschen Zeitung"), son­dern im führenden Blatt der Reichshauptstadt führt, wo ganz andere Kon­textualisierungs­mög­lich­keiten durch die Rezipienten gegeben waren.

[87] Max Bernstein: Zur Frauenfrage. In: Bayerische Literaturblätter 1 (1879), S. 15f.; 19; 29; 35f.; 47; 53; 61f.; 70f.; 76f.; 84f.; 93f.; hier S. 77.

[88] Ebd., S. 77.

[89] Ebd., S. 15.

[90] Ebd., S. 16.

[91] Silos Marner [=Max Bernstein]: Münchener Plauderei. In: Berliner Tageblatt 21 (1892), Nr. 63, 4.2.1892, S. 2f.

[92] Kaszyñski, Kleine Geschichte [wie Anm. 4], S. 16.

[93] Vgl. dazu auch Jürgen Joachimsthaler: Anged/Deutscht. Kleinere Schwierigkeiten mit der ‚wissenschaftlichen‘ Behandlung von ‚deutscher Identität‘ und ihrer "Geschichte‘. In: Joan­na Jab³kowska, Ma³gorzata Pó³rola (Hrsg.): Nationale Identität. Aspekte, Probleme und Kon­tro­­versen in der deutschsprachigen Literatur. £ód· 1998, S. 94-117.

[94] Max Bernstein: Münchener Jahresaustellung von Kunstwerken aller Nationen. München 1889, S. 36.

[95] Münchner Neueste Nachrichten 45 (1889), Nr. 137, 23.3.1889, S. 1f.

[96] Münchner Neueste Nachrichten 49 (1896), Nr. 9, 7.1.1896, S. 1f.

[97] Ebd.

[98] Ebd.

[99] Ebd.

[100] Münchner Neueste Nachrichten 40 (1887), Nr. 256, 9.8.1887, S. 1.

[101] Münchner Neueste Nachrichten 42 (1889), Nr. 256, 4.6.1889, S. 1f.

[102] Münchner Neueste Nachrichten 43 (1890), Nr. 122, 14.3.1890, S. 1.

[103] Bernstein, Aphorismus [wie Anm. 1].

 
 
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