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Orbis Linguarum Vol. 19/2002
Marianne Gruber
Wien
Othello
Da ist sie
wieder, die alte Stimme, die mich nicht zu rufen verstand,
zu leise, um mich aus meinem Grab zu holen, zu laut,
um mich Frieden finden zu lassen. Und mit ihr all die
Geschichten, die sie herbeimurmelt, Geschichten um Geschichten,
von denen niemand mehr weiß. Schwer zu sagen, ob wahr
oder erlogen, erfunden oder erlebt. Fest steht nur,
daß ich wieder träume, seit ich in dieses Zimmer zurückgekehrt
bin, in dem ich angeblich geboren wurde, in dieser Stadt,
in der ich einmal zu Hause gewesen sein soll. Ich träume
von den Dingen, wie sie wirklich sind, von Toten, sagt
die Stimme, vom wahren Gesicht, das ihnen das Leben
nie gelassen hätte. Von der Gnade des Ungeborenseins,
sagt sie, als wäre nur da nie Geschaute nicht geschändet.
Woher ich
komme, weiß ich nicht, meinen Namen habe ich vergessen.
Ich bin, das ist alles. Und die Geschichte meiner Geschichten
hat dem nichts hinzuzufügen. Geburtsort, Städte, Jahreszahlen,
dazwischen ich, das ist alles. Ein abgestürzter Clown,
sage ich, ein Pflegefall sagen die anderen. Bettlägerig
in der Dämmerung seines Zimmers, pfui Teufel. Einer,
vielleicht eine, die längst von nichts mehr wüßten,
gäbe es nicht die Stimme, die spricht und spricht. Sie
flüstert mir Namen zu, Othello, Desdemona, Jason, Medea
und andere, ich weiß nicht woher. Menschenschicksale,
deren mehrere vermutlich und ziemlich unbestimmt. Alles
andere ausgelöscht und vorbei. Erinnerung, sagt die
Stimme, verloren, sage ich. Die Welt hört auf, wenn
auch nur in diesem Kopf. Aber sie hört nicht auf.
Das zwingt
mich, dort zu sein, wo sonst niemand ist: bei den Schreien und in
den stummen Zimmern, in den vergessenen Stunden und
den endlosen Abschieden, um mich eines
Tages sinken, vielleicht auch fallen zu lassen,
dorthin, wo es kein Erkennen mehr gibt. Es wird die
Stunde meiner Wahrheit sein, meiner letzten Erkenntnis:
alles ein und dasselbe. Was uns am Kragen packt, ist
wahr und die Unentrinnbarkeit dessen, was uns eben
gepackt hat, Erkenntnis.
Es war William,
der mich dies lehrte, dessen törichter Begleiter ich
war. Ich fragte ihn nach der Hoffnung auf den Engel,
den wir alle irgendwann in der Dunkelheit erwarten,
damit er unser Verirrtsein beende. Ich dachte damals
noch an Engel, jung wie ich war, was zur Erklärung
dienen mag, gewiß nicht zur Entschuldigung. William
verlachte mich wie Sie es jetzt vermutlich tun werden.
Er verstand viel von den Menschen und war mir immer
voraus, wenn es darum ging, die Spiele anderer zu durchschauen.
Er wußte immer viel rascher als ich, was es war, das
vor uns abrollte. Er sah die Lügen, ich die Sehnsucht
nach Wahrhaftigkeit. Er nahm die Flüche wahr, ich hörte
die Bitten. Er kannte die Menschen, ich erträumte sie
mir. Wie auch nicht. Das Leben gehörte den anderen,
was man so Leben nennt: die Taten, Entscheidungen, Gerichte.
Ein Narr baut kein Haus. Er steht im Schatten der Mauern,
blickt durch Fenster dorthin, wo andere zu Hause sind
und wartet. Kann gut sein, daß sich die Dinge, das Dinge
zu nennen, erst enthüllen, wenn man die Welt aufgegeben
hat, nicht nur sich selbst. Und wir hatten uns beide
aufgegeben, jeder auf eine andere Art.
Sagen Sie
nicht, daß dann alles leicht wird. Nichts zu wünschen,
nichts mehr zu wollen und dennoch zu schauen und zu
sehen macht zynisch. Das war sein Weg. Oder es macht
einen zum Narren, das war der meine, egal ob in der
Manege oder oben auf dem Seil
In einer solchen
Manege traf ich William wieder einmal, als wir gerade
unsere Zelte abbrachen, um weiterzuziehen. Er trieb
sich gern bei fahrendem Volk, Gauklern und Spielern
herum. Sie sind dem Leben so nah, meinte er. Sie verstehen,
was es ist: verdammtes, ernstes, blutiges Spiel.
Er kam also und fragte: Hast du Zeit?
Ich hatte.
Dann auf nach
Venedig, sagte er. Ich habe von einem Mohren gehört,
der mich interessiert. Ein hervorragender Feldherr,
so genial, daß sich die weiße Schickeria der Stadt seiner
Dienste versichert und sich vor ihm verneigt.
Vielleicht
mögen sie ihn tatsächlich, sagte ich. Venedig ist mit
seinen Schiffen nah an Afrika.
Venedig ist
nah an der Macht, antwortete William, aber davon
verstehst du nichts. MACHT.
Macht! Die wollen sie behalten. Da ist ihnen sogar ein
Mohr recht, vermute ich.
Wenn du den
selben meinst, von dem ich gehört habe, so hat er eben
die Tochter eines der Edlen geheiratet.
Tja. William
strich mit der Linken durch sein Haar. Und jetzt glaubt
er womöglich, daß er es geschafft hat. Er ist ein simples
Gemüt.
Ehrlich und geradlinig, sagte ich.
Oh ja. Der
Bauer bestellt den Boden, die Spinnerin spinnt Garn,
der Krieger kämpft. Du kennst ihn.?
Ich war eben auf dem Weg zu ihm.
William blieb
stehen und blickte mir ins Gesicht Du lieber Himmel,
sagte er. Noch immer der stumme Zeuge, der durch die
Zeiten wandert? Dann erwartet uns wohl nach altem Brauch
eine Tragödie, sonst hättest du nicht auf dem Weg gemacht.
Für Komödie nimmst du dir keine Zeit.
Ich bin eine, sagte ich.
William schaute
mich an. Ja, wahrhaftig, das bist du. Kein Stück
ohne dich. Aber ich brauche eine, obwohl ...
über das Grauenhafte lachen die Leute am liebsten.
Zu jener Zeit
war er schon sehr verändert. Romeo und Julia hatten
noch sein Mitgefühl gehabt, auch wenn
er ihre Geschichte verfälschte. Später wurde
es schwer, den alten Freund zu entdecken.
Was ist mit dir, fragte ich.
Nichts, antwortete
er. Ich spiele noch immer das alte Spiel, was heißt:
Ich lebe. Komm.
Wir kamen
gegen Abend in Venedig an. Othello wanderte im Dämmerlicht durch den Garten seines Palastes, nachdenklich, wie mir
schien und allein. Wir folgten ihm, William und
ich unter der gleichen Narrenkappe verborgen und beobachteten
ihn.
William sah
in ihm ein großes, dunkles Tier, eine menschlich ausgeformte
Urgewalt der Natur, gewaltig in seinen Trieben, mächtig
an Gestalt.
Was meinst
du, woran er denkt: An eine Schlacht? An die nächste
Staatsratssitzung, an Desdemona, wenn er nach Hause
kommt und sie umarmt?
An Desdemona vermutlich, antwortete ich.
Ach ja, seufzte
William. Er hat dieses gewisse Glitzern in den Augen.
Glaubst du, daß er auch Visionen hat?
Othello hatte
eine einzige Vision, und sie hieß Desdemona. Alles andere
war für ihn eine kühle Rechnung, eine klare Überlegung:
Daß er Kriege führte, Venedigs Herren fast ebenso in
Schach halten mußte wie die Feinde der Stadt, war, wie
es war, und er hatte damit fertig zu werden. Er glaubte
an keinen Staat, und sein Ehrbegriff war von kindlicher
Einfachheit. Man sagt, was man denkt und man hält sein
Wort, so gut es geht. Aber Desdemona fiel aus jedem
Rahmen. Schwer zu sagen, was er dachte, wenn er an sie
dachte. In seinen Augen umgab sie etwas Unaussprechliches,
Heiliges. Es gehörte nicht zur Erde und es kam nicht
vom Himmel. Es offenbarte sich ihm manchmal in einem
seltsamen Zwischenreich, wenn er nachdenklich durch
die Gärten seines Palastes streifte, nachts an der Reling
stand oder von fern Desdemona betrachtete.
Heilig, fragte
William. Entweder willst du mich verspotten oder in
Schwierigkeiten bringen. Du vergißt, daß ich nach
einem neuen Theaterstück suche. Heilig. Der Ausgang
der Geschichte wäre vorgegeben. Was denkst du, was die
Leute mit einem anstellen, der vor sie hintritt, um ihnen zu sagen, daß das,
was dein und nicht mein Othello heilig nennt, zwar gedacht
werde kann, aber nicht existiert. Nicht wirklich. Und
das, obwohl alle meinen, sie bedürften dessen. Was denkst
du, was geschehen wird, wenn ihnen einer sagt, daß sich
in diesem Leben nicht finden lassen wird, was sie suchen
und - das wissen wir beide - daß sie gleichzeitig die
unmögliche Suche danach niemals werden aufgeben können?
- Vielleicht ermorden sie nur den Autor, wahrscheinlich
aber auch den Theaterdirektor, den Regisseur, die Schauspieler
und vermutlich ihre Familien und Nachbarn. Ich bin kein
Selbstmörder. Das ist kein Thema für mich.
Othello war
ein seltsamer Prüfstein. Manche glauben, er wäre erfunden,
und William tat alles, um diesen Glauben zu nähren und
die Leute glauben zu machen, daß Dichter über Erfindungen
schrieben, die erfundener waren als andere Erfindungen,
erfundener als das Rad und das Feuer, mit dem man sie
verbrennen wird.
Ich verstand
recht gut, daß er seine Haut retten wollte während der
vielen Jahre, in denen wir einander unsere
Geschichten zutrugen, er seinem Narren, der Narr
ihm. Längst schon hatte ich meinen Streit mit ihm begraben.
Er schrieb, wie er es meinte, tun zu müssen, und ich
schwieg mein Schweigen, wie Sie es kennen.
Irgendwann ereilt jeden von uns die Lüge.
Wer leben
will, muß lügen können, sagte er einmal und daran versuchte
er sich zu halten. Aber Othello blieb ein Problem für ihn, so
wie ich eines für ihn war, wenn auch in anderer
Weise.
Ich machte
ihm Vorhaltungen. Du kennst die Geschichte noch kaum
und fängst schon an zu fälschen.
Er senkte
den Kopf. Gut, gut, nickte er. Wir wollen ihn nicht
erfinden, wir werden ihm zusehen.
Wenn Sie sich
in der Dunkelheit meines Zimmers zurechtgefunden haben,
werden Sie allmählich die Umrisse der Dinge hier erkennen
können. An der Wand dort hinter Ihnen - nein, keine Schrift - ist der Degen, der
ganz zum Schluß noch in Othellos Hände fand. Er war
nicht das Ende, das war schon vorbei, alles gelaufen,
nichts mehr zu retten. Die Taten sind selten das Ende,
zumeist bloß der Markierungspunkt für das, was später
kommt.
Und mit dem
Degen ist da die Erinnerung an einen, der nicht sein
durfte, der er war und nicht bleiben durfte, der er
war. Denn nichts kränkt mehr als das Abbild dessen,
was man selbst nicht geworden ist, nichts bringt so
sehr in Versuchung als das, was man hätte
sein können und nicht wurde, was ihm Traum erscheint
und niemals im Spiegel des Tageslichts.
Ich weiß nicht,
ob Jago, die Kanaille, begriff, was er tat. Sie
erinnern sich gewiß noch an ihn. Er war jener, der
zuerst den jungen, in Desdemona verliebten Rodrigo aufhetzte,
Othello der Entführung Desdemonas anzuklagen, der verantwortlich
war für die Klage des Vaters, für die Verdächtigung
der Mohr hätte sich des Mädchens mit Hilfe von Zauberei
bemächtigt und der, als all dies mehr zufällig als
durch Geschick abgewehrt, Othello, den Schwarzen unter
Weißen von Desdemonas Untreue überzeugen wollte und
sich dazu des schwachen, törichten Cassio bediente.
Was er in
Gang zu setzen hoffte, wußte Jago freilich wohl, auch
worauf er baute: auf die schändliche Seite der menschlichen
Natur, die er besser als viele andere kannte, auf die
alltäglichen Eitelkeiten, die Rachsucht und darauf,
wie selten sich die Liebe eines Mannes über den Gedanken
an Besitz hinweghebt. Othellos Leidenschaftlichkeit
sollte seine Eifersucht anstacheln, nicht seine Liebe.
Nicht ungeschickt
gedacht, sagte William. Jago war eine Figur ganz nach
dem Geschmack seiner Verachtung.Wetten, er schafft es?
Keine Wetten,
sagte ich, um dieser beiden willen nicht. Es gibt eine
Welt, auch wenn sie sich selten erfüllt, in der Liebe
nichts als Liebe ist.
William lachte
ein bitter klingendes Lachen. Narr, du, sagte er. So
kann nur ein Narr sprechen. Wie willst du die Welt widerlegen?
Manchmal,
im Momenten, die ein Pochen waren, fühlte ich, er hoffte,
der Narr könnte die Welt widerlegen.
Vielleicht ließ er mich deshalb so oft in seinen
Stücken sprechen.
Die Hoffnung
widerlegt die Welt, sagte ich. Die Sehnsucht widerlegt
sie, das Lächeln eines Augenblicks widerlegt sie nicht
weniger als die Schreie es tun. Nur die Taten können
es nicht.
So wird Jago
gewinnen, sagte William. Und die Welt hat sich bewiesen.
Ich wußte
nicht, was ich da sagte, als ich antwortete, kann sein,
daß die Stimme ohne Mund, die alte Stimme wieder einmal
aus mir sprach: Die Welt wird siegen, solang sie besteht.
Und doch durfte
Jago nicht hoffen, daß Othello tatsächlich in seine
Falle ging. Zu viel hatte der große Mohr zuvor schon
erlitten und zu verzeihen gehabt: den Hochmut Venedigs,
der sich nur aus Notwendigkeit und nicht aus Achtung
und Liebe beugte; der Natur, daß sie ihn gezeichnet
hatte; seinem Gott, daß er - wer weiß zu welcher Prüfung
- dieses Zeichen der Natur zugelassen hatte.
Wie im Theater
erlebten wir Jagos Spiel. Theater, das heißt Zuschauer
zu sein und das Leben doppelt zu erleben: sehen, was
es ist und sich gleichzeitig beflügelt fühlen von der
schöpferischen Kraft des gezeigten Unterganges, aber
auch zu erleben, was uns in den Tagen und Nächten
oft verborgen bleibt: daß wir, selbst wenn es uns das
Herz zerreißt, nichts werden ändern können.
Wir hörten
zu, wie Jagos Intrige begann. Sie kennen die Geschichte
und bei Gott, sie ist wahr erzählt. Dieses verfluchte
Taschentuch und all die anderen Mißverständnisse.
Wir standen
da, hörten Jagos Einflüsterungen und beobachteten Othellos
Gesicht. Mir schien er unbeeindruckt. Er hob kaum den
Kopf. Dann sahen wir ein leises Lächeln.
William nickte anerkennend. Er durchschaut
das Spiel, sagte er.
Gewiß doch,
antwortete ich. Er ist nicht der Dummkopf als den du
ihn später darstellen wirst, aber das bedeutet nichts.
William blickte
mich forschend an.
Warst du es nicht, der an Othello mehr glauben
wollte als ich begreifen kann? Was macht dich besorgt.
Es war das
Lächeln, das mich irritierte. Ein Spieler und Falschspieler
hat schon gewonnen, finde er einen, der mitspielt. Gut,
Othellos Spiel war ein anderes als das Jagos, aber er
hörte ihm zu. Er gab sich einer Verführung preis. Sie
entsprang nicht einmal so sehr Jagos Intrige oder wenn
doch, dann anders, als William es später niederschrieb.
Sie entsprang Othellos eigenem Kopf, der sich den kleinen
Intriganten auserwählt zu sehen, wie weit ein Mensch
verkommen kann.
Eines abends
nahm er sie in die Arme und sagte: Liebes, da ist so
ein kleiner Gauner, eine Schmeißfliege, Abschaum. Er
benützt anscheinend dich, um mich in die Knie zu zwingen,
nachdem die Klage deines Vaters abgewiesen worden ist.
Er will mich glauben machen, daß du falsch spielst.
Ich sollte ihn entlassen, aber ich will noch nicht.
Er wird mir etwas zeigen, das ich wissen will. Ich werde
ihn also eine Weile gewähren, glauben lassen, ich spielte
sein Spiel mit.
Und wirst du es tun, fragte Desdemona.
Othello lachte auf. Ich sage dir das,
damit du dich nicht beunruhigst.
Aber es beunruhigt
mich, antwortete Desdemona. Niemand sollte in diese
unsere Zweisamkeit einbrechen dürfen.
Versteh mich,
bitte, antwortete
Othello. In diesem hochmütigen Land voll hochmütiger
Menschen, in dem sich der törichteste Tropf noch allen
anderen überlegen fühlt, in dem der Stolz darauf, Venezianer
zu sein als Freibrief für beinahe jedes Verbrechen gegen
das Herz gilt, in dem die Intrige als Elixier gegen
die satte Langeweile des Lebens verwendet wird, muß
eben sie fallen, wollen jemals Fremde ungekränkt durch
die Straßen wandern.
Mag sein, antwortete Desdemona, ich fühle
trotzdem Angst.
Du zweifelst
an meiner Liebe. Vertraue ihr. Sie wird dich ziehen
lassen, wenn du gehen willst. Sie wird dir die Freiheit
gewähren, wenn du sie beanspruchst. Das Wunder, daß
du mir geschenkt hast, wird davon nicht berührt. Es
kam, es wird mir vielleicht wieder genommen werden,
ich rechne damit. Aber daß es war, vermag mir niemand
zu rauben.
Gut gesagt,
murmelte William, und närrisch geredet. Der Kerl spricht,
als hätte sich der Himmel über ihm geöffnet und vergißt,
daß es eine Versuchsstation der Hölle ist, in der wir
leben. Nun gut, wir werden sehen.
Wir sahen,
wie Othello Desdemona in die Arme nahm und beruhigend
über ihr Haar strich, wie sich Desdemona an ihn klammerte.
Wir hörten sie flüstern. Man kann kein Spiel spielen,
ohne Teil von ihm zu werden. Und wir hörten Othello
antworten: Bin ich nicht Herr über die Flotte, halte
ich nicht Macht in den Händen, eben weil dies für mich
nicht gilt?
Desdemona
wußte um seinen Stolz, um sein Ehrgefühl, um sein offenes,
gerades Wesen, auch um seine Ängste. In ihr erkannte
er sich als jenen Teil der Welt wieder, der des Lichtes
bedurfte, ohne zu begreifen, wie sehr die Welt des Lichts
auch der Dunkelheit bedarf.
Desdemona
beschwor den Gatten, den Geliebten, das Dunkel unerleuchtet
zu lassen und darin zu achten. Die Niedrigkeit - ans
Licht gezerrt - vermag nur Niedrigkeit zu sein, Scham
und Schande bauen kein Haus. Sie beschwor ihn, die Tage
gewähren zu lassen, was sie gewährten.
Gewiß ahnte
sie nicht, was auf sie beide zukam. Ich sah sie auf
ihrem Lager liegen, von Othello umschlungen, ihm umschlingend,
beide ein Bollwerk, wie es schien, eine Festung, uneinnehmbar,
und die alte Angst, die mir die Stimme ohne Mund zuflüstert,
seit ich sie höre, erfaßte mich, während William zunehmend
zufrieden den beiden zusah.
Sie reden
es aus, sagte er, das
ist gut, wenn auch kein Stoff für ein Theaterstück,
es muß nicht immer Theater sein. Vielleicht doch, setzte
er nach einer Weile hinzu, als Lustspiel könnte es
zu brauchen sein. Du sagst die Szenen an.
Nicht wieder
in die Manege, nicht um Othello und Desdemona anzusagen.
Nicht bei diesen beiden, sagte ich.
Ich weiß nicht,
was mich gepackt
hatte. Es gibt ein Erleben, das einen nicht man
selbst sein läßt. Welt bricht ein, die Sonne verdunkelt
sich. Unverletzlich zu sein bedeutet fühllos zu werden,
die strahlende Größe ist nichts als anderes als das
Zeichen des Endes. Die Welt muß sie zerbrechen und
die sie nicht zerbrechen kann, tötet sie.
Wir folgten
Othello zu jenem denkwürdigen Zusammentreffen mit Jago,
bei dem dieser Ganove seinem Herrn anbot, einen Beweis
für Desdemonas Treubruch und für Cassios Verrat zu liefern.
Othello ging auf diese Zumutung ein, wie Sie wissen.
Er lächelte dabei, wie Sie nicht wissen können, denn
William machte ein grimmiges Lachen daraus, das des
Verzweifelten, der keines Beweises mehr bedarf, der
schon weiß, was sich unabwendbar zeigen wird.
Othello lächelte,
als er seinen Horchposten bezog, lächelnd trat er näher.
Daß Desdemona ihr Taschentuch vermißte, war ihm bereits
bekannt. Es war aus der Wäscherei nicht zurückgekommen. Emilia, Desdemonas Kammerfrau,
hatte wie immer die Wäsche kontrolliert, Bettücher,
Bezüge, Hemden und Taschentücher nachgezählt und schon
um ihrer selbst willen den Verlust angezeigt. Sie habe
nicht... Nun, sie hatte tatsächlich nicht.
So macht der
Schurke es also, dachte Othello. Schau an, wie leicht
das gehen könnte. Ein mißverständliches Wort und schon
meint man, daß nicht mehr gilt, wofür man kurz zuvor
sein Leben verwettet hätte. Dieser Kerl macht tatsächlich
vor nichts halt, da ihn offensichtlich nichts hält.
In diesem
Moment wurde sein Lächeln grimmig. Er stellte sich Jagos
Gesicht vor, wenn er ihm eröffnete, daß er sich zum
Teufel scheren möge, falls ihn der überhaupt nähme.
Er hörte sich die Szene gar nicht bis zu Ende an. Zum Henker damit, sagte
er laut.
Jago mißverstand
ihn. Hast du es gehört, Herr, fragte er atemlos. Er
lacht über dich.
Ja, antwortete
Othello, es ist leicht zu lachen, wenn man kein Elend
kennt. Und doch gilt noch immer: Wer zuletzt lacht,
lacht am besten.
Jago faßte
es als Drohung gegen Cassio und Desdemona auf. Sieh
zu, daß du ihn los wirst, sagte er. Räche deine Ehre
oder erlaube mit, deinem treuen Diener, sie zu rächen.
Unerträglich ist mit, daß man dich kränkt.
So, brüllte Othello. Ist dir das unerträglich. Nun laß
mich dir meine Macht zeigen.
Gerade aufgerichtet
blickte Othello auf den schwächlichen Jago hinab. Schon
öffneten sich seine Lippen, um zu sagen, was zu sagen war: Fahr
zur Hölle, Bastard.
Jago mißverstand
auch diese Geste. Befiehl Herr, sagte er. Was immer
du mir befiehlst, ich werde es tun.
Es klang beinahe
wie ein Betteln. Befiehl. Herr, befiehl mir. Und Othello
packte plötzlich Rührung. Unter all den Würdenträgern,
Soldaten, Bedienten, in diesem feindlichen Land, in
dem ihn alle flohen als einen von der Natur, dieser
verfluchten Natur Gezeichneten, in dieser abweisenden
Stadt erwies sich Jago als sein einziger Freund. Denn
in aller Schändlichkeit war diese Intrige doch auch
ein Versuch gesuchter Nähe. Befiehl Herr, befiehl mir.
Von einem
Moment zum anderen ruhig, sagte Othello: Sieh zu, daß
du das Taschentuch bekommst. Wenn du hast, bringe es
mir. Damit wandte er sich ab und ließ den verdutzten
Jago stehen. Er war fest entschlossen, die Sache damit
zu beenden, Jago in ein paar Wochen, vielleicht Monaten
mit einem ehrenvollen Auftrag weit weg zu schicken
als Strafe für sich selbst und für ihn.
William schrieb es anders nieder. Er ließ Othello rasend vor Verzweiflung
sagen: "O daß ich neun Jahre an
ihm morden könnte." Und: "O die Welt besitzt kein süßeres
Geschöpf; sie hätte an eines Kaisers Seite ruhen und
ihm Sklavendienste gebieten können... "
In Wahrheit
ging Othello still davon. Er ging zu Desdemona, um ihr
zu sagen, daß das Spiel beendet sei, so wie sie es gewünscht
hatte. Er ging sehr langsam, blieb zwischendurch stehen
uns suchte nach seiner Vision, nach seinem Unaussprechlichen,
nach seinem Heiligen, das nicht zur Erde gehörte und
nicht vom Himmel kam. Er suchte jenes Gefühl des Zwischenreiches,
in das er hin und wieder geraten war auf dem Weg zu
Desdemona oder wenn er durch die Gärten seines Palastes
streifend oder nachts an der Reling stehend an sie gedacht
hatte. Es regte sich nicht. Und dann, plötzlich, begann
er zu laufen, in der Hoffnung, ihr Anblick möge ihm
den Himmel wieder öffnen.
Da stand sie.
Und sie war zu Nacht bereit, ins Gebet vertieft, schön
innen und außen. Ein vollkommenes Kunstwerk. Voll Rührung
betrachtete sie Othello, aber der Himmel öffnete sich
nicht. Und der Mohr begriff jäh das Spiel, das ihn gespielt
hatte. In dieser Welt der Lüge und des Verrates war
Desdemona der einzige wahre Mensch, das Heilige, das
Unaussprechliche, Unvergleichliche, das sich jedem Beispiel
entzog, Alpha und Omega, eine Schöpfung in sich. Unbegreiflich
für die meisten Menschen. An diesem Wunderwerk hatte
sich Jago vergehen wollen, an ihn hatte er, Othello,
sie preisgegeben. Er blickte an sich hinab, sah seine
schwarzen Hände, seine dunklen Füße, spürte das Begehren
nach Desdemona, erblickte im Spiegel sein Gesicht. Schändliche
Natur, die ihn verführt hatte, Jagos Spiel zu spielen.
Jago konnte er zum Teufel jagen, auch noch den nächsten
Jago und den dritten, aber es gab Tausende von seiner
Sorte, tausende kleiner, mieser Ganoven, die nichts
anderes im Sinn hatten als sich selbst gleich zu machen,
was sie nicht begriffen. Diese Welt war nicht geschaffen,
das Erhabene zu dulden. Die Welt zerbrach die Guten,
Starken und Mutigen. Und die sie nicht zerbrechen konnte,
tötete sie. Bloß, was blieb dann noch? Die Schlachten,
die er schlug, die Kriege, die er führte, Venedigs hochmütige
Schickeria, ein Säufer wie Cassio, Emilia, die Taschentücher
nachzählte, Sitzungen mit dem Dogen, öde Partys, einsame
Abende in Spelunken, wo man sich betrinken konnte, ohne
erkannt zu werden, Wanderungen den Strand entlang zwischen
Fischerbooten und Netzen, nicht endende Kreise durch
den Garten und Natur, verfluchte Natur, die davon lebte,
daß einer den anderen besiegte.
Desdemona,
meine Liebe, sagte er, vergib mir. Du wußtest es. Wir
sind Spieler auf Gedeih und Verderb, um zu verderben
- andere und uns selbst. Wir wissen nichts, wir glauben
nichts, wir vermögen nichts. Wir sind Bettler, die verzweifeln
müssen, wenn das Heilige erlischt.
Nein, das sagte er nicht. Er dachte es.
Mit gesenktem Kopf trat er vor sie.
Desdemona!
Ja, ihren Namen sagte er. Und: Es wird kalt, und nichts
gibt uns die Hoffnung auf Sonne zurück. Und: Sie ertragen
nicht, daß du bist, die du bist. Und: "O die Welt besitzt
kein süßeres Geschöpf".
Der Rest war
nicht mehr wichtig. Ich verließ das Schlafgemach, das
Haus, die Stadt. Desdemona war tot. Mag sein, daß sich
alles weitere so abgespielt hat, wie William es niederschrieb.
Ich fragte ihn nichts. Als wir einander wieder trafen,
später, zeigte er mir das Manuskript seines Theaterstückes.
Du hast recht
behalten, sagte er. Ich habe das Stück so geschrieben,
wie es die Leute gern sehen. Was sie so Erbauung nennen,
Reinigung von sich selbst. Stellvertreterleid. Stellvertreterleben.
Und ich habe ihn töten lassen, was er liebte, weil das
die Leute verstehen. Es ist so unsere Art. Wir holen
uns über den Tod das Unveränderliche und über das Unveränderliche
die Ewigkeit zurück. Was ist denn Dauer anderes als
das, was sich nicht verwandelt. Wie es sich wandelt,
ist es dahin und ein Anderes tritt an seine Stelle.
Das ertragen wir nicht.
Nein, widersprach
ich. Dauer, das ist die Aufgabe der Zeit zugunsten der
Ewigkeit, die große Sehnsucht nach Frieden, der nicht
der Zeit gehört und dennoch die Welt nicht aufgibt,
in der sich die Widersprüche versöhnen, ohne ihre Existenz
zu leugnen, das Nichts, das alles ist und über das Nichts
und das Etwas lacht.
Was, grinste
Shakespeare, gehst du neuerdings unter die Mystiker?
In diesem Verdacht hatte ich dich dann
und wann. Aber laß dir raten. Deine
Rolle ist das nicht. Sie ist kleiner, demütiger
und darum hilfreicher. Der Narr verhilft den Leuten,
was man so die Leute nennt zu jener Wahrheit, die sie
verstehen können und zu der sie anders nicht den Mut
haben.
Und die Liebe,
entgegnete ich? Sag nicht, sie ist den Hunden preisgegeben.
Jago hat Othello dazu gebracht, sich selbst zu hassen,
seine Natur und über die Natur alles, was er wahrhaftig
war. Es hätte nicht sein müssen Du weißt, was er zum
Schluß gesagt hat.
O, daß sich
die Natur meiner erbarmte? Nun gut, ich hab es hingeschrieben,
wenn auch in einem anderen Zusammenhang. Der, den du
meinst, hätte niemand verstanden. Daß die Natur unser
besseres Wesen ist und die Verzweiflung nur aus dem
Kopf kommt. Daß dieses Erbarmen ein Aufgehen im Leben
wäre.
In einer Liebe, sagte ich.
Er starrte
mich an. Du weißt, wie wenig ich von uns halte. Wir
betteln besser Steine an als unsresgleichen.
Es muß nicht so sein.
William zuckte
mit den Schultern. Vielleicht. Was solls.
Irgendwann ereilt jeden von uns die Lüge. Wir lieben
Ideen, Vorstellungen, Bilder im Kopf. Sie geben uns
Macht. Für sie töten wir und lassen uns töten. Wir lieben
nicht mehr, wenn etwas Gestalt hat, warm und zum Angreifen
ist, schwitzt, welkt. Es macht uns so hilflos. Der Tod,
der Tor.
Das Leben, sagte ich.
William schaute
mich lang an. Du mußt daran glauben, sagte er. Und wahrhaftig,
du scheinst es zu tun. Aber Othello
hat sich für eine Idee entschieden und gegen
das Leben. Dafür werden noch viele sterben.
Es muß nicht sein, beharrte ich noch
immer.
Aber es muß
wahrscheinlich sein, antwortete William. Und du hast
es gewußt. Der Falschspieler hat schon gewonnen, findet
er einen, der mit ihm spielt. Das waren deine Worte.
Lies. Von Spieler zu Spieler.
Ohne Ausweg?
Ganz ohne Ausweg.
Damit gab
er mir das Manuskript in die Hand, aber ich kannte es
bereits. Ich hatte bei einer der Aufführungen zugesehen,
wie immer im Schatten der Kulissen.
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