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H.D. Tschörtner
Berlin
Gerhart Hauptmanns
Einakter
Der
Einakter ist gewiß
eine der ältesten dramatischen Formen. Als im
antiken Griechenland ein Sprecher
dem Chor gegenübertrat, Monolog und Dialog sich
entwickelten, entstanden in dionysisch-mythischem Klima
kurze szenische Spiele, aus denen dann Dramen hervorgingen.
Die berühmten griechischen Trilogien endeten mit Satyrspielen,
die offenbar volkstümlich komischen Charakter trugen.
Die klassische Einheit von Handlung, Zeit und Ort ist
hier zwangsläufig gegeben. Im spanischen Theater finden
sich diese Elemente in den populären Einaktern des Lope
de Rueda und den Zwischenspielen von Miguel Cervantes, für Deutschland sind hier
die Fastnachtspiele von Hans Sachs zu nennen. Auch
die Klassik und Romantik pflegte die kurze Form, so
Goethe mit mehreren Einaktern und Singspielen. Doch
erst in der Neuzeit, seit Ende des 19. Jahrhunderts,
gewinnt die dramatische Kurzform neues Interesse und
neue Möglichkeiten.
In
einer bemerkenswerten Anthologie „Spiele in einem
Akt”, Suhrkamp Verlag 1961, faßt Walter Höllerer
in Zusammenarbeit mit Marianne Heyland und Norbert Miller
„35 exemplarische Stücke” aus der internationalen
Literatur zusammen. Einige Jahre später erscheint eine
poetologische Untersuchung „Der moderne Einakter”
von Diemut Schnetz im Francke Verlag Bern und München
1967. In den fünf Typen-Gruppen von Höllerers Sammlung
taucht der Name Gerhart Hauptmann nicht auf, Schnetz
geht nur auf einen frühen Einakter ein. Indes enthält
das dramatische Gesamtwerk des schlesischen Nobelpreisträgers
eine Reihe von einaktigen Texten, genau ein Dutzend,
die im folgenden vorgestellt werden sollen. Sie alle
sind in der elfbändigen Centenar-Ausgabe
„Sämtliche Werke” (CA) abgedruckt
und werden jeweils mit Band und Seitenzahl nachgewiesen.
[1]
Beginnen
müßte man eigentlich mit zwei Texten aus der Jugendzeit,
kleinen Versdichtungen zu Hochzeitsfesten: „Liebesfrühling”
(1881), geschrieben zur Heirat des Bruders Georg mit
Adele Thienemann (CA VIII, S. 12-27), und „Der
Hochzeitszug” (1884) für Bruder Carl und Martha
Thienemann (CA VIII, S. 29-59). Der Privatdruck von
„Liebesfrühling”
(Nachdruck 1929) war die erste Veröffentlichung
des Dichters, es erlebte 1949 und 1999 sogar Wiederaufführungen
auf Hohenhaus. In diesem Zusammenhang sei auch der „Festaktus
zur Eröffnung des Deutschen Museums in München”
am 7. Mai 1925 genannt (CA III, S. 103-107), den Thomas
Mann als „auch so eine zu Herzen gehende Quasselei”
[2] befand und der freilich
„nur wenig Aufsehen erregt”
[3] hat.
Gerhart
Hauptmanns erster Einakter entstand Anfang 1896 in vier
Tagen. Als ihn nach dem schlimmen Fiasko der „Florian
Geyer”-Uraufführung die Nachricht von der Verleihung
des Grillparzer-Preises für „Hanneles Himmelfahrt”
erreichte, vertiefte er sich in dessen Werk. Seine Novelle
„Das Kloster bei Sandomir” gab die Anregung
zu dem Nachtstück „Elga”, das dann erst
1905 in der „Neuen Rundschau” und in Buchform
erschien, am 4. März erfolgreich uraufgeführt wurde
(CA I, S. 711-755). Während der Übernachtung in einem
Kloster träumt ein Reisender vom Untergang des früher
hier ansässigen Grafengeschlechts– ein Spiel im
Spiel. Graf Starschenskis Eheglück ist trügerisch, seine
schöne Frau Elga betrügt ihn mit ihrem Jugendgeliebten
Oginski, von dem auch ihre Tochter stammt. Während Elga
leugnet, weil sie nicht in Armut leben will, gesteht
Oginski und wird vom Grafen getötet. Die schuldlos schuldige„femme
fatale”, die nur ihrer dämonischen Lebenslust
folgt, ein zentrales Thema in Hauptmanns Werk, erscheint
hier lange vor dem Orloff-Erlebnis erstmals.
Trotz
des etwas skizzenhaften Charakters hat das Drama eine
starke theatralische Wirkung. Aus der Vorbemerkung
zum Erstdruck nach neun Jahren, daß dem „Entwurf”
eine Grillparzer-Novelle zugrunde liegt und der Autor
„irgendeine Weiterbildung des Vorhandenen nicht
beabsichtigt”,
[4] spricht eine gewisse
Distanz, noch 1930 erklärte er, daß die sechs Szenen
„anders als seine übrigen langsam gereiften Dramen
zu bewerten” seien.
[5] In der Titelrolle brillierten
viele Schauspielerinnen, von Ida Orloff bis Ingrid
Bergner. Zwei „Elga”-Opern (Erwin Lendvai
1916, Rudolf Weishappel 1967) und zwei Stummfilme entstanden
nach dem Stoff (1917 und 1919). Der russische Elga-Film
von 1917 trägt als Titel das bekannteste Zitat aus dem
Stück: „Es baue niemand sein Glück auf Weib und Kind.” Noch 1976 waren auf
einem Grillparzer-Forum vier Beiträge Aspekten der Dramatisierung
gewidmet.
[6]
In
seiner Untersuchung erwähnt
Diemut Schnetz auch das einaktige Vorspiel für
ein größeres Bühnenwerk und nennt neben Schillers „Wallenstein”
und Hebbels „Nibelungen” Hauptmanns Vorspiel
zur Bauernkriegstragödie „Florian Geyer”
von 1896 (CA I, S.
585-710). Es hat in der Tat eine ähnliche Funktion und
Eigenständigkeit wie„Wallensteins Lager”.
In der Burg des Bischofs Konrad von Würzburg werden
die zwölf Artikel mit den Grundforderungen der Bauern
höhnisch kommentiert. Die versammelten fränkischen
Ritter geloben, die Feste zu verteidigen. Nur einer
von ihnen, Wolf von Hanstein, schließt sich dem Bundschuh
an, damit Florian Geyers Engagement vorwegnehmend.
In
diesen Zusammenhang gehört, daß Hauptmann 1899 erneut
ein mehrteiliges Werk entwarf: „Die Nibelungen.
In drei Teilen und einem Vorspiel”. Im Nachlaß
liegt eine Mappe von über 300 Seiten mit einem ausgearbeiteten
Szenar und Quellen-Exzerpten. Geschrieben und in der
Centenar-Ausgabe gedruckt wurde nur das Vorspiel„auf
der Nibelungenfeste in der Mark zu Norweg” (CA
IX, S. 222-235). Sechs Jahre sind vergangen seit der
Hochzeit Siegfrieds und Kriemhilds, ein Sohn Gunther
schlägt nach dem Vater, als eine Delegation aus Worms,
herzlich begrüßt, sie zur„Sonnwende” einlädt,
und freudig stimmt man zu. Dieses in Blankversen geschriebene
Vorspiel ist ein voll gültiges einaktiges Werk, die
erneute reine Dramatisierung des Nibelungen-Stoffes
hätte dem Dichter wohl nur wenig innere Bezugspunkte
geboten.
Dramatische
Fragmente, abgebrochene und unvollendete Texte gibt
es von Hauptmann in großer Zahl – die Centenar-Ausgabe
braucht dazu zwei Bände. So existieren von einem 1906-1908
verfolgten Projekt „Das Pegnitzweibchen. Ein Spukmärchen”
zwei Szenen, die sich bei einer Vorlesung durch C.F.W.
Behl „als ein in sich abgeschlossener Einakter”
erwiesen
[7] (CA IX, S. 365-372).
In einer Frühlingsnacht diskutieren auf der Karlsbrücke
in Nürnberg der Berliner Professor Semper und der Maler
Hans Dahl in„stark bekneiptem Zustand” hitzig
miteinander. Dahl preist alte Zeiten und behauptet,
weit lieber im Mittelalter leben zu wollen. Als er
schließlich einschläft, geht der Professor eine Droschke
suchen. Da taucht die Pegnitznixe auf, ein reizendes
nacktes Wesen, plaudert und schäkert mit dem Maler,
verschwindet im Wasser, als der Professor zurückkommt.
Die wundersame Begegnung, die auch ins Mittelalter
zurückgleitet, hat durch den ironisch-satirischen Gehalt,
wie Behl feststellt, schon Ähnlichkeit mit dem späteren
Satyrspiel„Hexenritt”.
Die
beiden Einakter „Die schwarze Maske” und
„Hexenritt” erschienen unter dem Gesamttitel
„Spuk” Anfang 1930 in Buchform. Vergeblich
hatte Hauptmann versucht, den Freund Max Reinhardt zur
Uraufführung zu gewinnen. Dieser telegrafierte, er
könne nicht daran glauben, „daß es mir gelingen
werde die beiden stuecke auf der buehne lebendig zu
machen”
[8] . Der Inszenierung von
Hans Brahm, einem Enkel Otto Brahms, am Wiener Burgtheater
(3. 12. 1929) war dann auch nur ein Achtungserfolg beschieden.
In der„Ausgabe letzter Hand” von 1942 hat
der Dichter die beiden Einakter von ihrem Obertitel
befreit und als Einzelwerke eingeordnet, ebenso verfährt
1965 die Centenar-Ausgabe.
„Die
schwarze Maske” (CA III, S. 213-252) spielt Februar
1662 im Haus des Bürgermeisters
Schuller in der schlesischen Kleinstadt Bolkenhain.
Zum Mittagessen treffen sich hier in einer einzigartigen
toleranten Runde Vertreter aller Konfessionen: „Evangelisch-Lutherische,
Katholiken, Jansenisten, Hugenotten, Juden, Freigeister,
Adlige des Blutes, des Amtes und des Geistes”.
[9] Dieses Wunder wird als
das Verdienst Benigna Schullers, der schönen Frau des
Bürgermeisters, angesehen. Nur Löwel Perl, ein langjähriger
Freund des Hauses (gestaltet nach dem Freund Max Pinkus),
bleibt skeptisch: „Sind wir dem unversöhnlichen
Kampf wirklich enthoben?” Als ein schwarzgekleideter
Karnevalstänzer mit Totenkopf-Maske eindringt, bricht
sie ohnmächtig zusammen und wird von ihrer Stieftochter
aus erster Ehe, der Mulattin Arabella, aus dem Saal
geführt. Sie ist in Wahrheit Benignas Tochter mit dem
früheren Geliebten Johnson, einem ehemaligen Negersklaven,
der sie hier aufgespürt hat. Er hat auch den durch Sklavenhandel
reich gewordenen holländischen Greis umgebracht, nachdem
er sie in diese Verbindung gezwungen hatte. Zwei kurze
Auftritte Johnsons bringen den Höhepunkt des Dramas,
die Abrechung einer blutigen Schuld, mit ihm kommt
der schwarze Tod: die Pest. Von der als „königliche
Frau” und„geiles Weib” bezeichneten
Benigna, ein Engel mit Teufelszügen, wird am Schluß
der Tod gemeldet– ob durch die Pest, durch Selbstmord
oder Mord, bleibt offen.
Das
Schauspiel „Die schwarze Maske” geht auf
Notizen aus dem Jahre 1898 zurück, die unter dem Titel
„Frau Bürgermeister Schuller” überliefert
sind und zuvor schon zur Inquisitionstragödie „Magnus
Garbe” (1915 vollendet, 1942 gedruckt, 1956 uraufgeführt)
geführt hatten. Auch hier versucht der Dichter, „den
Geist einer Epoche mit Hilfe symbolischer Gestalten
darzustellen”.
[10] Die Kritik hat das
Stück als Parabelspiel und wegen seiner irrationalen
Züge, der Sphäre des Symbolischen, der barocken Weltangst
zu Hauptmanns bedeutenden Arbeiten gezählt. Ernst Alker
nennt „Die schwarze Maske” sogar ein „Meisterwerk
deutschen Surrealismus”.
[11] Die gleichnamige Oper
von Krzysztof Penderecki wurde 1986 bei den Salzburger
Festspielen uraufgeführt.
Das
als „Satyrspiel” bezeichnete Traumstück
„Hexenritt” (CA III, S. 253-275) ist dagegen
mehr komisch als scherzhaft gestaltet. Es spielt auf
einer Insel in Südschweden. In mondheller Nacht richten
sich zwei Jäger, Lars Andersdal und Peter Lerch, in
einer Schloßruine ihr Lager. Hier soll noch die „tolle
Madam”, eine frühere Bewohnerin, spuken, die zwei
Ehemänner überlebte und als „Generalin”
bezeichnet wurde. Aus Müdigkeit und Trunkenheit erheben
sich die Visionen, geschehen gespenstische Vorgänge
mit der Logik des Traums. Die angerufene Generalin
verwandelt sich aus einer häßlichen Hexe in das „süßeste,
holdeste junge Weib”, wird als höchste Priesterin
im Myste-rium von Leben und Tod bezeichnet. Mit drei
Flintenschüssen beginnt das Spiel, in dem Hauptmann
„Ulk mit dem Tiefsinn”
[12] treibt, mit drei Schüssen
endet es. Für die beiden Jäger haben nach Hauptmanns
Aussage Bengt Berg und Paul Eipper Anregungen gegeben.
Von der Kritik wurden bewußt oder unbewußt verwendete
psychoanalytische Traumsymbole entdeckt, mit den Traumschüben
sei hier bereits dem absurden Theater vorgearbeitet
worden.
Ein
wichtiges Dokument für die Haltung des Dichters in der
Zeit des Nationalsozialismus ist neben den Terzinen
des Epos „Der große Traum” das im Februar
1937 in Rapallo entstandene dramatische Requiem„Die
Finsternisse”. In diesem Einakter erfährt der
Tod des Textilfabrikanten, Philanthropen und Mäzens
Max Pinkus eine ebenso eigenartige wie überzeugende
Gestaltung. Er spielt 1934 in einer kleinen schlesischen
Stadt. Der Bildhauer Kroner, eine echte Hauptmann-Figur,
ist gerufen worden, die Totenmaske des verstorbenen
Geheimrates Joel alias Pinkus abzunehmen. Derartige
Aufträge sind seine einzige Einnahmequelle, da ihn die„Verhältnisse”
mit seiner Kunst nicht durchdringen lassen. Diese Verhältnisse
lasten wie ein drohendes Gewitter über dem ganzen Stück.
Man
hat den Tod des „königlichen Juden”, wie
Hauptmann in seinem Tagebuch schreibt, verheimlicht,
um die Stadt, die ihm zu großem Dank verpflichtet ist,
nicht vor Gewissenskonflikte zu stellen. Heimlich wird
er aus dem Haus gebracht, man hört den Totenwagen durch
die Torfahrt rumpeln. Als einziger christlicher Gast
nimmt an dem festlichen Totenmahl der Dichter Herdberg
mit seiner Gattin teil. In dieser Gestalt gibt Hauptmann
ein Selbstporträt – wir erkennen das charakteristische
zögernde Tasten seiner Sprache wieder (wie bei Mynheer
Peeperkorn in Thomas Manns „Zauberberg”).
Er hatte es als einziger Nichtjude gewagt, beim Begräbnis
seines Freundes anwesend zu
sein. In seinem Toast hebt Herdberg-Hauptmann
nicht die Leistungen des Verstorbenen als Geschäftsmann
hervor, seine industriellen Gründungen, die das Land
wirtschaftlich aufblühen ließen, sondern er feiert ihn
als Gründer einer monumentalen Bibliothek. Diese Tat
erscheint dem humanistischen Dichter als die bedeutsamste
des gestorbenen Freundes. Herdberg ist es auch, der
das Schlußwort spricht, das zugleich den Schlüssel des
Textes enthält: „Nicht nur ihr Juden! Das trifft
uns alle!”
[13]
Natürlich
konnte ein solches
anklagendes Werk damals nicht veröffentlicht
werden, es fehlt also in der Ausgabe letzter Hand von
1942. Nur in handschriftlichen Kopien kursierte es unter
den Freunden, zweimal war es von Vernichtung bedroht.
Die Erstausgabe edierte Walter A.
Reichart 1947 in New York mit einem erläuternden
Nachwort in nur 400 Exemplaren. Die Uraufführung fand
am 5. Juli 1952 in Göttingen statt. In seiner Dissertation
von 1962 untersucht Hartwig Kleinholz speziell die
magisch-mystischen Züge des Requiems.
Gerhart
Hauptmanns letzte Einakter sind die beiden Zwischenstücke
zur Atriden-Tetralogie: „Agamemnons Tod”
(1942) und „Elektra” (1944). Sie bilden
die Brücke zwischen den zwei Iphigenien-Tragödien, von
denen das chronologisch letzte„Iphigenie in Delphi”
durch einen Dramen-Plan Goethes angeregt wurde und zuerst
entstand (1940), die danach begonnene einleitende„Iphigenie
in Aulis” wurde nach jahrelanger Arbeit mit der
neunten Fassung abgeschlossen. Die beiden Zwischenstücke
sind zugleich Gerhart Hauptmanns letzte vollendete Dramen.
Ihre Uraufführung an einem Abend fand am 10. September
1947 in den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin
statt. Die Erstausgabe erschien 1948 im Suhrkamp Verlag.
Die
Tragödie „Agamemnons Tod” (CA III, S. 945-990)
spielt zehn Jahre nach Iphigeniens Opferung in einem
Demeter-Tempel in den Bergen bei Mykene. Als Schiffbrüchiger
kehrt Agamemnon in sein Reich zurück, wo seine Frau
Klytämnestra regiert und ehebrecherisch mit Aigisthos
lebt. Er gibt sich dem Tempelwärter und seiner Tochter
Elektra zu erkennen. Klytämnestra erscheint, getrieben
von einem Albtraum, wo sie ihren Gatten blutüberströmt
liegen sah, um ein schwarzes Schaf zu opfern. Sie leugnet
zunächst seine Identität, schmeichelt ihn dann ins kultische
Quellbad, wo sie ihn zwanghaft als Tochtermörder mit
dem Opferbeil erschlägt. Der herbeieilende Aigisthos
ersticht blindwütig die mit Agamemnon gekommene trojanische
Seherin Kassandra, als sie Agamemnon Klytämnestras Gatten
nennt, und begreift das Geschehene erst, als er den
Erschlagenen erkennt. Elektra kommt mit Volksvertretern,
verflucht die Mörderin und ruft ihren Bruder Orest zur
Rache auf. Klytämnestra hat das letzte Wort, der Traum
hat sie aufgejagt und in einen somnambulem Zustand versetzt,
„ich floh vor ihm, doch ließ er mich nicht los,
ich hab' ihn bis zu Ende
nun geträumt”. Alle Gestalten dieser dramatischen
Ballade erscheinen „in einem mythischen Zwielicht”,
[14] Kassandras Prophezeiungen
bestätigen den fluchbeladenen, zwanghaften Verlauf.
Die
Tragödie „Elektra”
(CA III, S. 991-1023) nannte C.F.W. Behl ein
ebenbürtiges Gegenstück zu „Agamemnons Tod”,
das „beinahe wie ein Spiegelbild wirkt”.
[15] Sie spielt am gleichen
Ort, der Demeter-Tempel ist jedoch inzwischen stark
verwahrlost. Hier hat Elektra Zuflucht gefunden, die
von langem Leiden gezeichnet ist. Ahnungslos betreten
Orest und sein Freund Pylades diesen Ort, angezogen
durch ein delphisches Orakel. Elga gibt sich dem Bruder
zu erkennen und bestätigt ihm, daß ihrer beider Vater
hier von Klytämnestra erschlagen wurde. Als sie ihm
die Mordwaffe, das blutverkrustete Beil, zeigt, bricht
er fast zusammen. Klytämnestra und Aigisthos suchen
im Tempel Schutz vor einem starken Gewitter. Klytämnestra
verweigert die Versöhnung und bekennt sich zu ihrer
Tat. Als Aigisthos Pylades angreift und von ihm getötet
wird, stürzt sich Klytämnestra auf Orest und versucht
ihn zu erwürgen. Kämpfend verschwinden sie im Badraum,
wo es Orest gelingt, sie mit dem Beil zu töten, den
Götterspruch zu vollstrecken. Von den antiken Elektra-Stücken
geht Hauptmann nur auf Aischylos zurück. Orests Zögern
und Zurückschrecken wird als Ringen um sein Menschentum
gegen den göttlichen Befehl gestaltet, er wird gleichsam
zum Geistesbruder Hamlets. Der amerikanische
Germanist John Weisert
befindet: „His nature is from Shakespeare through
Goethe”.
[16]
Gerhart
Hauptmanns Einakter, hier im Überblick vorgestellt,
umfassen thematisch und gestalterisch eine breite Palette.
Sie begleiten sein dramatisches Schaffen von den Anfängen
bis zum abschließenden Hauptwerk, dem gewaltigen Bau
der Atriden-Tetralogie. Sie bieten dankbare Vorlagen
für Einzelinszenierungen, ja sogar für Uraufführungen
(Nibelungen-Vorspiel/Pegnitzweibchen). Am häufigsten
gespielt wurden„Elga” und„Die Finsternisse”,
beide fanden auch die meisten Interpretationen. Elektra,
ein auch von Hugo von Hofmannsthal als Libretto für
Richard Strauß und als Theaterstück bearbeiteter Stoff
(1903 besuchte Hauptmann eine Reinhardt-Aufführung),
ist 1953 von einem Greifswalder Studio aufgeführt worden.
In den beiden Atriden-Bearbeitungen für einen Abend
(Erwin Piscator 1962 und Armin Stolper 1987) wurden
beide Mittelstücke verkürzt integriert. Jedenfalls
kann jede künftige Darstellung des deutschen Einakters
nicht an Gerhart Hauptmanns Beitrag zu diesem Genre
vorbeigehen.
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