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Stephan Wolting
Berlin
Verlorener Narziß
Komplementäre Motive von Verlorenem Sohn und Narziß in Gedichten
Rainer Maria Rilkes unter dem Einfluss Sigmund Freuds
und Lou Andreas-Salomés
1.
Einführung
Im
Jahre 1921 erschien in der Zeitschrift Imago Lou
Andreas-Salomés Aufsatz Narzißmus als Doppelrichtung,
in dem zum ersten Mal Auszüge aus Rilkes Gedicht Narziß
(Dies also) abgedruckt wurden.
[1] Rilke hatte im April
1913 in Paris zwei Narzißgedichte verfaßt
[2] , wovon das erste, bekanntere
und kürzere Narziß verging, Rilke in einem Brief
an Katharina Kippenberg vom 19.07.1918 als „leicht
geschlossene Arabeske“
[3] bezeichnete und das
1919 im Insel-Almanach das erste Mal erschien.
Rilke
selbst spricht im Zusammenhang mit sämtlichen 1919 von
ihm im Insel-Almanach veröffentlichten Texten
in einem Brief vom 23.01.1919 an Gräfin Caroline Schenk
von Stauffenberg davon, daß alle diese Werke „Annäherungen
an die Grenzempfindungen des Daseins“
[4] darstellten. Fülleborn/Engel
weisen in ihrem Kommentar auf das besondere Charakteristikum
dieser Epoche hin, „mit rein poetischen Mitteln
das Erbe der Metaphysik anzutreten“ und (...)
Kunstwerke zu schaffen, in denen die Totalität aller
Erfahrungen sich zu einer Sinnform formt.“
[5]
Diese
Bemerkungen wie die Betrachtungen Rilkes deuten auf
die besondere Verbindung von Kunst und Metaphysik in
bezug auch auf das (Gesamt-) Werk Rilkes hin, eine Verflechtung,
die sich bei der Betrachtung der Motivkombination von
Narziß und Verlorenem Sohn als fundamental
für ein Verständnis erweisen wird, weil es sich hierbei
im künstlerisch-religiös-narzißtischen Sinne vor allem
um die Darstellbarkeit von Be- und Entgrenzungsphänomenen
im Hinblick auf die Konstituierung des Subjekts und
der es umgebenden„Fremde” handelt.
Lou
Andreas-Salomé wollte das Religiöse wie das Künstlerische
im oben erwähnten Aufsatz als spezifisch narzißtische
Lebensäußerungen verstanden wissen. Es gilt als gesichert,
daß die für sie fundamentale Beschäftigung mit dem Phänomen
des Narzißmus neben der Auseinandersetzung mit
Freuds Aufsatz von 1914 Zur Einführung des Narzißmus
[6] an gemeinsame Diskussionen
mit Rilke „aus der ersten und intensivsten Phase
ihrer Beziehung anknüpft“
[7] . In Auseinandersetzung
mit Rilkes Konzeption modifiziert sie den Begriff des
Narzißmus auf eine Weise, die seine bei Freud
weitgehend verdeckte Rückbindung an Geistes- und Denktraditionen
der Jahrhundertwende offenlegt.
[8]
2.
Rilkes Bezug zum Narziß-Motiv
Bislang
sind relativ wenig konkrete Untersuchungen zur Narzißmusproblematik
in bezug auf die beiden oben genannten Gedichte angestrengt
worden, wohingegen Simenauer bereits in den 50er Jahren
versuchte, das Werk Rilkes auf dessen „narzißtische
Persönlichkeitsstruktur“ zu reduzieren
[9] , einer Auffassung, der
insbesondere von Holzapfel Ende der 80er Jahre vehement
widersprochen
[10] und diese als „unzeitgemäß“
bezeichnet worden ist. Trotz gegenteiliger Positionen
kommen beide Verfasser in der Bedeutsamkeit der Narzißmus-Problematik
für das Werk Rilkes überein.
Darüber
hinaus lieferten weitere
prinzipielle Vorüberlegungen für diese Betrachtung
die Untersuchungen, die Marcel Kunz in seinem Werk
Narziß. Untersuchungen zum Werk Rainer Maria Rilkes
durchführte.
Innerhalb
des Narzißmus-Diskurses läßt sich, angefangen
bei Freuds Aufsatz
[11] bis heute, eine Rehabilitierung
des Narzißmus-Begriffs feststellen, der der negativ
konnotierten, populärwissenschaftlich verformten Vorstellung
des Narziß`, aber auch der psychologischen
Narzißmus-Konzeption, eine positive, künstlerische
Bewertung des Phänomens zur Seite stellt, zu der Lou
Andreas-Salomé wie Rilke einen nicht unerheblichen Teil
beigetragen haben und den ich, im vorläufigen, heuristischen
Sinne im Gegensatz zum„analytischen Narzißmus“
den„synthetischen Narzißmus“ nennen möchte.
Bislang
ist in der Forschung nicht bekannt, welche der zahlreichen
Überlieferungen des Narziß-Motivs Rilke gekannt hat.
[12] Es ist gleichwohl davon
auszugehen, daß er ein „ausgezeichneter Kenner“
der Ovidschen Metamorphosen war.
[13] Zudem weisen Ursula
und Rebekka Orlowsky darauf hin, daß es insbesondere
seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer
verstärkten Rezeption dieses Motivs kam – sich
somit die literarische Verarbeitung mit der psychologischen
Beschäftigung zeitlich überschneidet – und im
Grunde erst in der literarischen Moderne die wichtigsten
Narziß-Texte geschrieben wurden.
[14]
3.
Mittelbare und unmittelbare Begegnung
von Rilke und Freud über Lou
Neben
der Tradition des ovidschen Mythos ist außer den Gedichten
Rilkes oder Gides, den späteren von Valery, die Rilke ins Deutsche übersetzte, natürlich Freuds Abhandlung
Zur Einführung des Narzißmus für die Narziß-Forschung
von herausragender Bedeutung gewesen. Auch wenn es
in der Kommentierten Rilke-Ausgabe heißt,„daß
Freuds Narzißmusbegriff für Rilke sicherlich keine Rolle
spielte“ (insbesondere deshalb, weil er erst
1914 erscheint), so lassen sich doch deutliche Belege
dafür finden, daß die Motivik sowohl für Freud als auch
für Rilke fast zur gleichen Zeit eine zentrale Rolle
zu spielen begann: immerhin sind die beiden Gedichte
und die Abhandlung zeitlich nur ein Jahr voneinander
getrennt.
Dazu
finden sich historisch-biographische Bezüge, die die
Begegnung der beiden – konkret wie theoretisch
– über die Person Lou Andreas- Salomé ausweisen.
Am 7./8. September 1913, als Lou mit Victor Tausk dessen
Vortrag Die psychologische und pathologische Bedeutung
des Narzißmus für den Psychoanalytischen Kongreß
in München unter dem Vorsitz C.G. Jungs vorbereitete
[15] , kam es während des
Kongresses zu einer Begegnung, einem gemeinsamen Abendessen
zwischen Lou, Rilke und Freud.
[16] Über die Begegnung
mit Freud erzählt Rilke in zwei Briefen. Im ersten vom
15.09.1913 an Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe berichtet
er, „daß er (auf dem Kongreß, Einfügung SW) fast
neben Freud gesessen habe und von allen ausgezeichnet
behandelt worden sei”, im zweiten an Magda von
Hattingberg vom 21.2.1914, daß er eigens nach München
gekommen sei, „um Freud zu sehen”.
[17] Beide Briefe verraten
eine insgeheime Hochachtung gegenüber dem Gründer der
Psychoanalyse.
4.
Die beiden Narziß-Gedichte
Rilkes
Die
beiden Narziß-Gedichte von Rilke handeln nicht
von der üblicherweise mit dem Narzißmus in Verbindung
gebrachten Ich-Zentrierung, sondern gerade vice versa
von der Erkenntnis des Ich-Verlustes und der damit einhergehenden
Angst vor diesem, im ersten Gedicht in einer Art Außensicht,
im anderen aus einer die Perspektive des Narziß` selbst
übernehmenden Innensicht.
Dieser
Narziß, wie er in beiden Gedichten auftaucht, scheint
bereits auf den ersten Blick alles andere, nur nicht
im herkömmlichen Sinnes des Wortes `narzißtisch´ zu
sein, sondern es ist gerade die Angst, nicht mehr „narzißtisch“
genug, d.h. gleichzeitig nicht mehr „künstlerisch“
sein zu können, die Rilkes Narziß in beiden Gedichten
umtreibt. So heißt es in Narziß verging :es ist„ihm
gesetzt, daß er sich sähe“ als Bedingung der Möglichkeit
des künstlerischen Prozesses, dessen Vollendung ihm
aufgegeben ist. Kunz hat auf diese besondere sprachliche
Konstruktion aufmerksam gemacht:
(...)
Narziß tritt nicht vor den Spiegel in der Absicht, sein
Spiegelbild zu erblicken. „Ihm war gesetzt“:
das heißt, daß er sich in diesem Vorgang passiv verhält.
Er „liebt ein“, was von Ihm ausgegangen
ist, er ist entzückt über diese Rückwendung. Doch diese
Rückkehr, die dem Engel Möglichkeit höheren Daseins
ist, bedeutet für Narziß den Untergang: und hob sich
auf und konnte nicht mehr sein.
[18]
Ähnlich
wie in der antiken Überlieferung bei Ovid steht auch
in Rilkes Konzeption die Frage des Verlustes oder der
Konsolidierung des Selbst im Vordergrund. Wie das bei
Rilke oft geschieht – man denke etwa an die Anonymisierung
des Hauses im Malte innerhalb der Legende vom
Verlorenen Sohn – wird die Umgebung des
Helden entpersonalisiert bzw. anonymisiert. Außer
Narziß selbst tauchen keine anderen Figuren wie
beispielsweise in der Ovidschen Erzählung (keine Nymphe
Echo, etc.) auf und trotzdem äußert sich gerade die
Angst vor dem Substanzverlust des Eigen, des Selbst,
in der Angst vor dem Anderen (nicht dem Fremden
[19] ),
der aber als immer schon (antizipiert) internalisiert
zu begreifen ist. Das oder der
Andere kündigt sich im ersten Gedicht höchstens noch
durch den „Heliotrop“ oder den „offenen
Wind“ an.
[20]
Die
Metaphorik des Windes oder des Atmens fällt im wörtlichen
Sinne auf Narziß selbst zurück, indem er alles wieder
zu sich nimmt („auf sich nimmt“ heißt es
im Gedicht vom Verlorenen Sohn), „einatmet“,
was eh schon immer in ihm enthalten war. Der Einfluß
des Außen soll so weit wie möglich aufgrund der
Furcht vor dem (nicht nur rein künstlerischen) Substanzverlust,
zurückgenommen, wieder „eingeatmet“ werden.
Dieses Moment des Einatmens ist mit dem Moment der Lust
– und zwar der Lust am Eigenen, an sich selbst
bzw. am eigenen Tätigsein verbunden. Mit Freud interpretiert
geschieht hier zunächst genau das, was dieser als Kennzeichen
des Paraphrenikers bezeichnet hatte: das Zurückziehen
der Libido von Personen bzw. der Außenwelt.
[21]
Jede
Begegnung mit dem wie auch immer gearteten Anderen
kann nur eine Trübung des eigenen Glücks, weil Einschränkung
der Möglichkeiten des eigenen Selbst bedeuten. Insofern
wird hier exakt das von Freud als Entwicklungsprinzip
bezeichnete Narzißtische als eine nachfolgende
Entwicklung des Autoerotischen und als Durchgangsstufe
zur Objektbeziehung dienendes Phänomen beschrieben,
aber anders als Freud hält Rilke im Gedicht die Forderung
hoch, zu diesem Zustand zurückzukehren, was Freud als
Regression angesehen hatte.
Jede
Begegnung mit dem Anderen, beispielsweise selbst die
im Gedicht Dies also herausgestrichenen und von
Andreas Salomé für den schöpferischen Prozeß relevanten
Formen des Traums oder der Liebe
[22] , werden in ihrem Bezug
auf etwas außerhalb des Selbst Liegendes als ständige
Gefährdungen und Bedrohungen der eigenen Substanz, des
„eigenen Kerns“ verstanden. Jede Liebesbegegnung
erweist sich so immer nur als Trübung
des eigenen Spiegels, der die klare„Teilnahmslosigkeit“
der Wasserfläche abgeht und so das Schließen der Kreise,
besser des eigenen Kreises, verhindert, wozu Anthony
Stephens bemerkt:
Für
diesen Narziß scheint die Liebe des Anderen nur eine
Verstärkung der Vergänglichkeit seiner Schönheit zu
bedeuten. Die Neutralität des vom Einfluß des Anderen
gereinigten Spiegelbildes im Wasser ist dementsprechend
Voraussetzung für jenes Sich-Bemächtigen, wodurch Narziß
sein verströmtes Wesen aus der Exteriorität zurückgewinnt
[23]
In
diesem Sinne kann der Narziß von Rilke dann wirklich
„nicht mehr sein“, endet im Lacanschen
Sinne als „monade fermée“
[24] , da er keinerlei Beziehungen
zur Außenwelt mehr fähig ist. Der Narziß in Rilkes
Gedichten hat nur die Wahl so narzißtisch wie möglich
sein Selbst zu konstituieren oder im Verfall an das
Sich-außerhalb-seines-Selbst-Befindliche zugrundezugehen.
Der
(internalisierte) Andere
im Selbst ist gleichsam die Wunde, durch die
Rilkes Narziß verblutet, so lange bis die restlose
Identifikation mit dem „teilnahmslosen“
Spiegelbild die Vertilgung jenes störenden Elements
und die Absicherung einer solipsistischen Vollkommenheit
ermöglichen würde. Das „Fremde“ ist als
(die Unerreichbarkeit des) das „Andere des Eigenen“,
nach den impliziten Forderungen von Rilkes Narziß-Gedichten,
so weit wie möglich zurückzudrängen. Aus dieser im Grunde unauflösbaren
Aporie der Wahl zwischen solipsistischer Abgeschlossenheit
oder dem Mit-anderen-Sein bei gleichzeitigem eigenen
Substanzverlust stellt sich im Grunde für Rilke zu dieser
Zeit keine Lösung; weshalb auch die prinzipielle Verzweiflung
des Narziß über diesen Zustand anhält.
[25] Diese Aporie läßt sich
allerdings bei der Betrachtung der Interpretation von
Lou Andreas-Salomé zumindest ansatzweise auflösen.
5.
Die Narzißmus-Konzeption
von Lou Andreas-Salomé in Auseinandersetzung mit Rilkes
und Freud´s Vorstellung
In
dem von Andreas-Salomé abgedruckten Narziß-Gedicht
Rilkes Dies also
[26] lassen sich bis
in die Formulierungen hinein Parallelen zum Narzißmus-Aufsatz
Lou Andreas-Salomés finden. So heißt es beispielsweise
in der dritten Strophe des Gedichts: „Nachgiebige
Mitte in mir, Kern voll Schwäche,/ der nicht sein Fruchtfleisch
anhält/“. An der entsprechenden
Stelle im Aufsatz heißt es bei Lou: „Künstlerisches
Schaffen enthüllst gewissermaßen aus dem Leibhaften
den fruchtbaren Kern, der sich im Werk dann allseits
auswächst.“
[27] Die Vorstellung des
organischen Entwickelns und Auswachsens des eigenen
Kerns im künstlerischen Prozeß bei Salomé entspricht
bei Rilke im umgekehrten Sinne der Angst um die Zerstörung
des eigenen Kerns,
„des Kerns voll Schwäche“ bzw. von neuem
des Verlustiggehens des eigenen Selbst: „Dies
also: dies geht von mir aus und löst/ sich in der Luft
und im Gefühl der Haine,/entweicht mir leicht und wird nicht mehr das Meine.“
Eine
andere Stelle ist in diesem Zusammenhang von noch gewichtigerer
Bedeutung, an der Lou Andreas-Salomé neben dem Selbstbezug
die Trauer bzw. Schwermut oder Melancholie über den
vermeintlichen Ichverlust ausdrückt.
[28] Bei Rilke zeigt sich
dies parallel in dem dort zitierten Gedicht deutlich
und explizit genannt in Gestalt des ungeliebten von
ihm abgefallenen Eigenen, das er nur noch„anstaunen
darf als Gleichmut überstürzter Steine und dabei stellt
er fest:„sehen, daß ich traurig bin.“
Immer
hat dieses Sehen phänomenologisch mit der Wahrnehmung
von etwas zu ihm Gehörendes wie zugleich fremd Gewordenem
zu tun, wodurch die Erschütterung über die Gleichgültigkeit
alles Äußeren, worin sich das Eigene verliert, entsteht:
„Wie ich traurig bin!“ Bei Lou Andreas-Salomé
heißt es an der entsprechenden, auch für ihre prinzipielle
Narzißmus-Konzeption wichtig hervorzuhebenden Stelle:
„(...) man bedenke, daß der Narkissos der Sage
nicht vor einem künstlichen Spiegel steht, sondern vor
dem der Natur: vielleicht nicht nur sich im Wasser
erblickend, sondern auch sich als alles noch (...)?
Liegt nicht in der Tat über seinem Antlitz von jeher
neben der Verzücktheit auch die Schwermut?
[29] .
In
Auseinandersetzung mit Rilkes Gedicht geht Lou Andreas-Salomé
über die Narzißmus-Konzeption von Selbstverzückung
und damit verbundenem Zugrundegehen des Narziß`hinaus
und öffnet den Begriff in Richtung auf die Vorstellung
von Wehmut
[30] über den Verlust einer
wie auch immer gearteten Einheit, was sie mit„dem
Zustand der Natur“, an anderer Stelle als„Urzustand“
bezeichnet.
In
Absetzung zu Freuds Aufsatz Totem und Tabu, der
dort u.a. behauptet hatte, daß die „narzißtische
Organisation des Ichs, die nie mehr völlig aufgegeben
wird
[31] , dem Ich eine Kohärenz
und nur die „Illusion einer Einheit“ vermittelt,
insistiert Lou Andreas-Salomé auf der „verlorenen
Einheit“ als Bezugspunkt des Menschen.
[32]
In
diesem Kontext kommt ihrer berühmten Formulierung, wo
sie feststellt, daß wir „ja nicht aus der Zweiheit
kommen, sondern mit dem bewußten Denken erst in sie
eingehen, eigentliche Bedeutung zu. Sie will sich
nicht damit zufriedengeben im späteren Erwachsenenleben
lediglich Überreste eines primären Narzißmus´
im Sinne Freuds zu finden, der ja Narzißmus einerseits
als Entwicklungs- und Lebensphase, andererseits als
Kontinuum des gesamten Lebens (und zum dritten als ein
sich besonders in Liebesbeziehungen äußerndes Phänomen)
beschrieben hatte.
Lou
Andreas-Salomé nimmt die schon bei Freud angelegte Doppelstruktur
auf, erweitert sie auf die „lebensnotwendige
und lebenslange Rückbindung an die eigene Wurzel“
und deutet somit die
von Freud beschriebenen Restphänomene als deren
Symptome. In ihrer Definition spiegelt sich zudem der
„Urgund“ wider, wie sie ihn für das künstlerische
Schaffen postuliert: „(...) im narzißtischen Doppelphänomen
wäre sowohl die Bezugnahme der Libido auf uns selbst
ausgedrückt als auch unsere eigene Verwurzelung mit
dem Urzustand, dem wir, entsteigend, dennoch einverleibt
bleiben (...)“.
[33]
Für
den stichhaltigsten Beweis der Verwurzelung des Menschen
mit dem Urzustand hält sie das Phänomen des Künstlerischen,
was zunächst die Wunde des Eigenen durch das Andere
aufrechterhält und zugleich als vom Menschen unablösbares
Phänomen dessen Narzißmus nicht nur als zu überwindende
Entwicklungsstufe, sondern auch als essentielle Zutat
des Erwachsenenseins hoch- und offenhalten soll.
[34]
Die
Synthese in der Verbindung der beiden Tendenzen des
Narzißtischen soll im Künstler, an anderer Stelle bei
ihr im künstlerischen Werk zum Ausdruck kommen. In
diesem Sinne ist Lou Andreas-Salomés Konzeption einer
späteren Auffassung vergleichbar, die im Lacanschen
Modell der Gleichzeitigkeit von Erkennen und Verkennung
(bezogen auf das 6 bis 18-monatige Kind vor dem Spiegel)
von Identität bei gleichzeitigem Identitätsverlust ihre
Entsprechung findet.
[35]
Heinrich
Holzapfel hat in seiner Arbeit auf diese Grundlagen
im Werk Rilkes aufmerksam gemacht, indem er darauf
hinweist, daß Rilke zugleich Abbild wie Urbild des„narzißtischen
Konfliktes“ repräsentiert.
Wenn
Rilke zugleich Abbild wie Urbild des narzißtischen Konflikts
repräsentiert (...), so `wiederholt´ sein Werk die
Dialektik des Narzißmus als Konflikt von Identität und
Identitätsverlust auf `ursprüngliche Weise´. Er reproduziert
den Mythos, und indem die Gefährdungen des Narziß in
ihm noch einmal ausgetragen werden, läßt diese Wiederholung
den Narziß neu entstehen. Im Vollzug dieser `narzißtischen´
Selbst-Deutung erscheint der Mythos ein weiteres, `gesteigertes´
Mal, wie in einem Spiegel sozusagen. (...) Die „imaginäre
Verhaftung“, die sie belastet, strebt einer `medialen
Aufhebung´ des Subjekts zu, in der es die Gefährdungen
des Selbstverlustes überwunden hat. (...)“.
[36]
Diese
mediale Aufhebung des Subjekts vollzieht sich im Prozeß
der künstlerischen Tätigkeit, beispielsweise des Dichters
(Rilke), aber auch des Bildhauers (Rodin). Insofern
wird das Kunstwerk aus dem Narzißmus des Künstlers entborgen,
ist dann aber selbst nicht mehr „narzißtisch“,
weil im Akt des künstlerischen Schaffens die Subjektgebundenheit
des Künstlers überwunden, weil verobjektiviert wird.
Diese Überwindung des eigenen narzißtischen Subjekts
im Prozeß des künstlerischen Schaffens verweist auf
eine ontologische wie metaphysische Dimension, die
sich mit Rilkes Künstlerkonzeption (aber auch mit dessen
Liebes-Konzeption) im Hinblick auf das Verlorene-Sohn-Motiv
überschneidet.
Nicht
erst durch die Arbeit von Höhler
[37] wird in der Rilke-Forschung
der Verlorene Sohn u.a. mit dem Künstler parallelisiert,
dessen Ideal es ist „Niemandes-Sohn zu sein“
und somit gerade auch im Hinblick auf die am Schluß
des Malte entwickelte Konzeption der intransitiven Liebe,
niemandem Fremden mehr verhaftet zu sein. Im Gedicht
Der Auszug des Verlorenen Sohnes wird bis in
die Wortwahl genau, das Narziß-Motiv angesprochen.
6.
Künstler – Narziß –
Verlorener Sohn –
Dieses
Gedicht
[38] , das schon 1906
als eines der Neuen Gedichte in Paris erschien
[39] , nimmt in seinen ersten
vier Zeilen das Motiv des Sich-im-Wasser-Spiegelnden
auf: Nun fortzugehn von alledem Verwornen, das unser
ist und uns doch nicht gehört, das, wie das Wasser
in den alten Bornen, uns zitternd spiegelt und das Bild
zerstört.
Die
Störung des Bildes
unseres Selbst wird
bedingt durch das Zittern der Wasseroberfläche,
das Zittern des Spiegels,
der beinträchtigt durch den Filter alles Fremden
uns selbst nicht mehr so wiedergeben kann, wie wir wirklich
sind. Kunz hatte herausgestellt, daß in Rilkes gesamtem Werk auffallend oft das Motiv des Spiegel auftaucht:
dieser Spiegel keinesfalls einfach optische Reflexion
ist, sondern in seiner Funktionsweise zugleich
„aufnehmen, aufbewahren und wieder zurückgeben
kann.
[40]
Zur
Zeit der Narziß-Gedichte wie der früheren Verlorenen-Sohn-Problematik
liegt diese Auffassung
für Rilke nur erst als noch einzulösende Forderung
vor. Narziß wie der Verlorene Sohn gelten
noch als ungehört
[41] , sie bleiben in der
Verzweiflung verloren, können noch nicht„sein“,
im Sinne des Zurückströmens zu sich selbst, der Vereinigung
mit dem Ich.
Narziß
ist der mißlungene Versuch eines „Wirbels der
Rückkehr“, in ihm ist zuviel „gewußte Welt“,
so daß nur ein Teil der Spiegelfunktion erreicht werden
kann: eine leere Rückkehr, die nur Selbstverblendung
ist, oder eine Aufhebung im teilnahmslosen, nicht mehr
einzuholenden Gegenüber.
[42]
Es
gelingt Narziß demnach nicht, den Zwischenraum zwischen
dem eigenen Spiegelbild und der räumlichen Distanz zu
überbrücken, im Gegensatz zu später beschriebenen „reinen
Daseinsformen“
in Rilkes Werk wie dem Engel, dem Schwan oder
auch der Rose, „denen die Rückwendung zu sich,
das Umgebensein von sich gelungen ist, die es erreichen,
Spiegel und Gespiegelte,
Fangende und Ball zugleich zu sein.“
[43]
Zu
dieser Zeit, in der mittleren Phase, kann Rilke nur
die Richtung andeuten, die sich darin zeigt, den wesent-lichen
Spiegel von allem nicht seinen, d.h. fremden, „reinigen“
zu wollen oder wie er im Verlorenen-Sohn-Gedicht
fordert: „von allem fortzugehen“ (das unser
ist und uns doch nicht gehört) und so paradoxerweise
den Doppelschritt im dialektischen Sinne andeuten zu
wollen, daß der Weg von uns weg den Weg zu uns hin bedeutet,
das Fremde als das zu entdeckende Andere des Eigenen
fungiert. So wird am Schluß der Auszug des Titels
und der Fortgang der ersten Zeile zum Eingang
in ein neues Leben.
Von
besonderer Bedeutung erscheint mir hier die allgemein
zu wenig berücksichtigte Verflechtung des Motivs des
Verlorenen Sohnes mit dem Narziß-Motiv.
Auch wenn genaue Angaben dazu fehlen, so liegt es beispielsweise
auf der Hand, daß Rilke das Motiv des Verlorenen
Sohnes nicht erst seit dem Besuch des Marburger
Domes präsent war.
[44] Insbesondere ist hier
auf seine Tätigkeit als Schreiber bei Rodin zu verweisen
[45] , der zwei fast identische
Plastiken mit den Titeln Adolescent désespére ou
Narcisse/Narziß (1891)
[46] und
der L´Enfant Prodigue/Der Verlorene Sohn (1889)
schuf.
Die
sich aufdrängende Motivverbindung, läßt sich insbesondere
über die Konzeption der Einsamkeit des
Künstlers, der Einsamkeit vor Gott
wie vor den Menschen herstellen. Immer wieder
betont Rilke beispielsweise in seinem Rodin-Aufsatz
in bezug auf dessen Plastik vom Verlorenen Sohn das
Motiv der Einsamkeit.
So
ist jener schmale Jüngling, der kniet und seine Arme
empor wirft und zurück in einer Geste der Anrufung
ohne Grenze. Rodin hat diese Figur Der verlorene
Sohn genannt, aber sie hat, man weiß nicht woher,
auf einmal den Namen: Priére. Und sie wächst
auch über diesen hinaus. Das ist nicht ein Sohn, der
vor dem Vater kniet. (...). Diesem Stein gehören alle
Weiten; er ist allein auf der Welt.
[47]
Alleinsein,
„Einsamkeit“ heißt aber gerade auch von
allem Fremden gereinigt, von allem nicht eigenen,
was sowohl für den Menschen im allgemeinen wie für den
Künstler im besonderen gilt.
[48]
So
geht es Rilke im Grunde auch in der Beschreibung des
Verlorenen Sohns bei Rodin wie im eigenen Gedicht
um die Ausscheidung alles Fremden, jenes Anderen,
was nicht sein ist.
[49] Das Ideal der Einsamkeit
des Verlorenen entspricht im umgekehrten Sinne
der Angst vor der Trübung des Eigenen durch das „zitternde
Wasser aller Anderen” in den Narziß-Gedichten.
Rettung
liegt nur darin, “aus allem fortzugehen”,
„in ein neues Leben einzugehen“ und der
Entsprechung des Ideals eines im positiven Sinne sich
immer mehr auf sich selbst -beziehenden Künstlers,
der einem immer einsamer werdenden Verlorenen Sohn
ohne Gott oder einem sein Selbst immer klarer spiegelnden
Narziß entspricht.
Wird
auch in der Sekundärliteratur die Verzweiflung dessen
darüber sowohl bei Rodin wie auch bei Rilke hervorgehoben,
so deutet sich zumindest eine Lösung an, sich von allem
„anderen“ (fremden)
zu lösen und so zugleich zu„Niemandes Sohn“
zu werden, worin insbesondere der Künstler seine Aufgabe
zu suchen hat. Diese Künstler-Ästhetik wird von Fülleborn/Engel
folgendermaßen aufgefaßt:
(...)
indem der Dichter mit ihrer Hilfe (der Selbstentfaltung
des Dichter-Ich, SW) Widerständiges, Fremdes aus sich
herausstellt, sich von erlittenen Beschädigungen freimacht,
die er als Kunstwerk objektiviert (...).
[50]
Der
Verlorene Sohn
ist schon bei Rodin ohne jeden (göttlichen) Hintergrund
in den Raum gestellt, genauso wie es in den Narziß-Gedichten
nur noch (antizipiertes) internalisiertes Anderes gibt.
Dieser
„Neue Heilige” ist der auf seinen eigenen
Grund Zurückgestiegene, der gleichsam die narzißtischen
Züge in sich kultiviert. Der Verlorene Narziß
deutet somit zumindest die Richtung der Unerreichbarkeit
der durch die Anderen verstellten Fremde unseres eigenen
Selbst an. Es gibt Hinweise darauf, daß sich nach Rilkes
späterer Konzeption die Dinge des Kunstwerks
selbst den Spiegel vorhalten sollten, daß der Künstler
sich seines Narzißmus im künstlerischen Schöpfungsakt
entledigt, wiewohl zugleich die Kunstwerke bzw. deren
Objektivationen selbst narzißtisch infiziert werden.
Der
Weg zu uns hin (Narziß) wie der Weg (zunächst) von uns
fort (Verlorener Sohn) führt immer nur zu einem Ziel:
der Einsamkeit unseres Selbst in der Welt nach Gott.
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