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Orbis Linguarum Vol. 18/2001

Hubert Or³owski

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Die „Zagreber Germanistischen Beiträge”. Ein persönlicher Blick aus der Vogelperspektive

„Die „Zagreber Germanistischen Beiträge“, konzipiert als „Jahrbuch für Literatur- und Sprachwissenschaft“ an der Abteilung für Germanistik der Philosophischen Fakultät der Universität Zagreb, erscheinen seit 1992. Die Schriftleitung liegt in den Händen von Marijan Bobinac (verantwortlicher Chefredakteur), Zrinjka Glo­vac­ki-Bernardi, Mirko Gojmerac, Maja Häusler und Dragutin Horvat. Ab Heft 4 ge­hört auch Svjetlan Viduliè zur Redaktion. Der Umfang der einzelnen Hefte schwankt zwischen 160 und 250 Seiten.

Die Intention der Redaktion ist dem Geleitwort „An die Leser“ zu entnehmen: „Die Gründung der Republik Kroatien hat die Voraussetzungen für die Verwirkli­chung einer seit längerer Zeit gehegten Absicht geschaffen: der kroatischen Ger­manistik [...] ein eigenes Publikationsorgan zu bieten. In dieser Absicht ist auch der Wunsch erhalten, die Bestrebung fortzuführen, die seinerzeit in den nicht mehr erscheinenden ‚Zagreber Germanistischen Studien’ erkennbar waren. An die Stelle einer monographischen Reihe in lockerer Folge tritt nun ein Jahrbuch mit kürzeren Beiträgen, ein Periodikum, das die Vielfalt der aktuellen Forschungsinteressen dokumentieren soll. Das Jahrbuch würde allerdings nicht den Vorstellungen der Redaktion entsprechen, diente es lediglich als Hausorgan. Möglichst breite Mitar­beit aus Kroatien und dem Ausland ist ein ausdrücklicher Wunsch. Der Inhalt des ersten Bandes läßt das erkennen. Mitteleuropäische Zusammenarbeit: so lautet die Formel, die das bevorzugte langfristige Ziel ausspricht.“ [1]

Zwei Prämissen sind es also, die vordergründig die Tätigkeit der Redaktion be­stimmen: zum ersten die Arbeit an der verschriftlichten Gestalt nationaler Identität des germanistischen Faches, und zum zweiten die methodische Erfassung eines be­wußt eingeschränkten Kreises akademischer Textsorten.

Selbst eine erste Annäherung an die neun bisher erschienenen Hefte macht deut­lich, welchen literaturhistorischen Phasen und literaturwissenschaftlichen Frage­stellun­gen die germanistische Literaturwissenschaft in Kroatien Vorrang gibt. Be­vorzugt werden solche literahistorischen Gebiete wie die Wiener Moderne, die österreichi­sche Literatur nach 1945 und die der Gegenwart. Thomas Bernhard, Ingeborg Bach­mann, die Grazer Gruppe und einige Autoren aus dem Kreise der Jüngsten gehören insbesondere dazu. Bedeutende Schriftsteller als auch ‚Groß­schriftsteller’ wie z.B. Alfred Döblin und Thomas Mann, bilden eine willkommene Autorenriege. Eine weit begriffene Weimarer Klassik wird ebenfalls von der Redaktion gerne gesehen.

Ein Forschungsfeld findet allerdings im Zagreber Jahrbuch besondere Beachtung. Gemeint ist die Rezeption der deutschsprachigen, insbesondere aber der österrei­chi­schen Literatur in Kroatien. Dragutin Horvat stellte in mehreren Folgen einzel­ne Bereiche der kroatischen Rezeption dar. Unlängst konnte der Zagreber Profes­sor seine gesammelten Studien in Gestalt eines Bandes einer breiteren Öffent­lich­keit vorstellen. [2] Horvat orientiert sein Interesse an dem ins Kroatische übersetzten Werk von Franz Grillparzer, Ödön von Horváth („Geschichten aus dem Wiener Wald“), Hugo von Hofmannsthal, Artur Schnitzler, Franz Werfel, Karl Kraus, Jo­seph Roth. Eine Auswahlbibliographie zum Forschungsgegenstand rundet den Stu­dienband ab. Die Lektüre dieser Beiträge nährt den Verdacht, daß für die gegen­wär­tige Forschung in Kroatien Berührungsängste zum „Phänomen“ des Serbo­kroa­tischen, Kroatoserbischem bzw. Jugoslavischen an Aktualität wenig verloren haben. Wer (als Außenstehender) die Rezension von Stanko ®epiæ über das erste kroatische Etymologische Wörterbuch (ZGB, Heft 2) gelesen hat, wird nun das Trauma der „Umarmung“ der kroatischen Sprache durch die serbische besser ver­stehen. Heißt das aber, daß die Rezeption der österreichischen Literatur in Kroatien laborrein gesondert behandelt werden kann? Aus der Ferne läßt sich  diese Frage empirisch weder verifizieren noch falsifizieren; es ist aber kaum vorstellbar, daß man im „jugoslavischen“ Kroatien den Zugang zur österreichischen (bzw. deut­schen) Literatur nicht auch über andere „jugoslavische“ Sprachen gefunden hat.

Der im Geleitwort formulierte Wunsch, „möglichst breite Mitarbeit aus Kroatien und dem Ausland“ zu erstreben, ist verwirklicht worden; ein Blick auf die Namen von Autoren der einzelnen Beiträge bestätigen es. Man stößt wiederholt auf Namen österreichischer Germanisten, sowohl auf bekannte (Dietmar Goltschnigg, Johann Holzner, Klaus Zelewitz) als auch auf die von jüngeren Germanisten.

Ein besonderes Augenmerk verdient die Beihefte-Sonderreihe der ZGB. Diese Sammelbände in loser Folge beschäftigen sich mit „thematischen Ganzheiten“. Der erste Band, betitelt „Utopie und Krise”, konzentriert sich auf der Romantik. Der Band „Der Wende entgegen. Zum österreichischen Drama seit 1900“, unter starker Beteiligung österreichischer Literaturwissenschaftler, sammelt Vorträge einer Kon­­ferenz in Warasdin. Johann Holzner und Dragutin Horvat haben in Band drei die Er­träge des Innsbrucker Symposiums „Einschließung und Abweisung der Tra­di­tion. Österreichische Lyrik 1945-1995“ ediert. Mit Vlado Obad als Herausgeber des Bandes „Roda Roda“ ist zum ersten Mal ein kroatischer Literaturwissen­schaft­ler außerhalb von Zagreb, nämlich von der Universität Osijek, zur Zusammenarbeit ge­beten worden. Auffällig ist bei diesem Band die Beteiligung der Wiener Litera­tur­wissenschaftler. Marijan Bobinac hat den bisher opulentesten Band ediert. Gemeint ist die Festschrift zum 70. Geburtstag von Viktor ®megaè. Der Titel „Literatur im Wandel“ deutet die Spanne des Lebenswerkes des Zagreber Seniors, und zugleich auch die Weite des gegenwärtigen Blicks der germanistischen Literaturwissen­schaft in Kroatien.

Es ist zu hoffen, daß es den Zagreber Kollegen gelingen wird, trotz der Aller­weltskrise das Jahrbuch wie auch die Beihefte kontinuierlich zu edieren.


[1] Zagreber Germanistische Beiträge, H. 1, 19992, o. S. (Hervorhebung H.O.).

[2] Vgl. Dragutin Horvat: Österreichische Literatur in Kroatien. Beiträge zu einer inter­kul­tu­rellen Literaturgeschichte, Zagreb 2000, 139 S.

 
 
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