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Orbis Linguarum Vol.
18/2001
Werner Jung
Duisburg
Erinnerungsarbeit.
Der Schriftsteller Paul Schallück
I.
Als
Paul Schallück nach langer Krankheit 53jährig am 29.
3. 1976 in Köln an seinem Krebsleiden – gewiß
aber auch an den Spätfolgen seiner Kriegsverletzungen
– starb, bemerkte Heinrich Vormweg in seinem
Nachruf, daß Schreiben für Schallück “immer
zuerst und vor allem ein moralischer, ja politischer
Akt” war. „War Schreiben immer bestimmt
von der Absicht, etwas zu bewirken und zu verändern.”
Zusammenfassend: „Er war ein Sprecher jener,
denen die Vergangenheit ihrer Generation unbewältigt
blieb bis in die Gegenwart hinein und die ihre Konsequenzen
daraus zogen. Ein Moralist.” [1] Und Hans Schwab-Felisch fügt in seinem Nachruf,
damit gleichsam auch das geschwundene Interesse der
literarischen Öffentlichkeit in den 70er Jahren erklärend,
hinzu: “Schallücks Zeit als Erzähler waren die
fünfziger Jahre – (...). Er hat seine realistische,
mit Reflexionen durchsetzte Erzählweise nie aufgegeben.
Sprachliche Experimente lagen ihm fern.”
[2]
Paul
Schallück zählte sehr früh schon zu den ständigen
Mitgliedern der Gruppe 47 (von 1952 bis 1964)
[3] und teilte mit ihnen
sein Literaturverständnis. In Erzählungen, Kurzgeschichten
und Romanen thematisierte er ähnlich wie viele andere
maßgebliche Literaten von Böll über S. Lenz bis schließlich
zu Walser die Erfahrungen des Faschismus, des Kriegs
und des fatalen Weiterwirkens bestimmter Denkhaltungen
und Verhaltensmuster in der neuen Gesellschaft. Es
handelte sich zweifelsohne um politische Bücher, um
Zeit- und Gesellschaftsgeschichten, die aus einem
tiefen moralischen Impuls heraus entstanden und zugleich
auch ebenso moralisch wie aufklärerisch wirken wollten.
Das erklärt ihre Bedeutung für das erste Jahrzehnt
der Republik, bestärkt andererseits aber auch Schwab-Felischs
Einschätzung für die beiden Folgejahrzehnte.
Paul
Schallück, das ist die These dieses Beitrags, muß
als (vergessener) Erinnerungsarbeiter gesehen werden,
dessen literarische Produktion ganz im Zeichen der
von Heinrich Böll den Nachkriegsautoren abgeforderten
Aufgabe steht, Bilder der Erinnerung zu evozieren.
„Wir schrieben also”, notiert Böll in
seinem berühmten “Bekenntnis zur Trümmerliteratur”
von 1952, „vom Krieg, von der Heimkehr und dem,
was wir im Krieg gesehen
hatten und bei der Heimkehr vorfanden: von
Trümmern; (...).” An anderer Stelle: “Es
ist unsere Aufgabe, daran zu erinnern, daß der Mensch
nicht nur existiert, um verwaltet zu werden –
und daß die Zerstörungen in unserer Welt nicht nur
äußerer Art sind und nicht so geringfügiger Natur,
daß man sich anmaßen kann, sie in wenigen Jahren zu
heilen.”
[4] Mit jedem einzelnen
seiner Texte liefert Schallück Belege für diese Böllsche
Formulierung. Sein eigenes Credo, das gleichsam die
Böllsche und insgesamt die Poetologie der frühen Gruppe
47 grundiert, hat Schallück in dem knappen Essay „Daran
glaube ich” von 1959 dargelegt. Hier redet
er einer Subjektivität und einem Individualismus das
Wort, die, in gesunder Skepsis allen Ideologien gegenüber
geübt, als kritischer Stachel im Fleisch der Weltanschauungen
sondiert werden. Gesunder Menschenverstand und das
Bekenntnis zur sokratischen Weisheit (‚Ich weiß,
daß ich nichts weiß’) imprägnieren den Moralisten
zusätzlich vor den Gefahren der Ismen und der Anfälligkeit
für die heideggerschen Gestalten des ‚Man’,
des Geredes und Geschreibes: „Ich halte nichts
mehr von dem hartnäckigen, auch mir überlieferten
Dogma, daß alles zusammenpassen müsse. Der selbstherrliche
Wille zur Einheit scheint mir höchst verdächtig, eine
Erfindung derjenigen, die mit der Erfahrung nicht
fertig werden.” Stattdessen begrüßt er „den
Reichtum dieser Welt”, „die wirkliche
Vielfalt.” „Mir scheint
also”, resümiert er, “daß man keinen
weltanschaulichen Glauben braucht, um leben und handeln zu können. Es muß zum Beispiel nicht erst eine
richtige Erklärung der gesamten Welt gefunden und
von vielen angenommen werden, ehe wir mit den Bedrängnissen
unserer Tage fertig werden können. Wir brauchen,
im Alltag und gegenüber den Problemen, eine möglichst
gute Erkenntnis der Lage, der Umstände, in denen wir
wirken wollen.”
[5]
Das ist ein aufklärerisches Schreibprogramm reinsten Wassers, worauf Schallück
auch einmal in dem Essay „Moses Mendelssohn
und die deutsche Aufklärung” in einer autobiographischen
Nachbemerkung von 1961 ausdrücklich hinweist: „Und
als ich 1946 aus der Gefangenschaft heimkehrte in
ein Ruinenland und mich nach einem neuen menschlichen
Leben unter humanen Bedingungen sehnte, war ich der
Überzeugung, daß meine Hoffnungen sich nur unter dem
Zeichen der Lessingschen Aufklärung: in einem offenen
Horizont, mit Hilfe einer aktiven Toleranz, im Glauben
an die menschliche Vernunft und an eine Menschheit
erfüllen lassen. Die Aufklärung selbst hatte ja nicht
versagt; sie war vielleicht nur um Jahrzehnte zu früh
in der menschlichen Gesellschaft erschienen; und dieser
Überzeugung bin ich noch heute.”
[6] Toleranz, Vernunft
und Aufklärung lauten die Stichworte– so ausdrücklich
haben sich nach dem Krieg nur wenige Schriftsteller
im westlichen Teil unseres Landes auf die Traditionen
des 18. Jahrhunderts berufen.
Dieser
explizite Anschluß an die Aufklärung unterstreicht
ein weiteres Mal die politisch-moralische Tiefenschicht
seines Schreibens. Schallücks Texte sind einer heteronom
bestimmten Ästhetik verpflichtet: sie wollen auf den
Leser wirken, ihn aufrütteln, überzeugen, möchten
Wahrheiten vermitteln. Keine Welt des schönen Scheins,
sondern eine durch Reflexion und Erinnerungsarbeit
bewältigte erste Wirklichkeit soll dabei vor den
Augen des Lesers entstehen. Etwas, das sich auf keinem
anderen denn literarisch-künstlerischem Wege darstellen
läßt, um hier Adorno zu paraphrasieren, freilich auf
eine– Adorno geradezu entgegengesetzte und einem
Realismustheoretiker wie Lukács eher verbundene–
traditionell realistische Art, d.h. in einer klar
konturierten Erzählung und auf psychologisch stets
nachvollziehbare Weise.
Hinzu
kommt noch ein weiteres Moment: Schallücks autobiographischer
Hintergrund, den er nicht nur selbst anläßlich eines
„Nachrufs zu Lebzeiten” für seine Texte
reklamiert hat, sondern der darüber hinaus in einer
ganzen Reihe von Erzähltexten ausgeleuchtet worden
ist. Schallück deutet sein Schreiben aus dem Motiv
des Verwundetseins – und dieses in wörtlichem
Sinne wie in übertragener Bedeutung. „Zeit
seines Lebens”, schreibt Schallück über Schallück,
„war er gefährdet. Er war ein Verwundeter von
Anfang an.”
[7] Das beginnt im Elternhaus,
in der Erfahrung des Außenseitertums, denn Schallücks
Mutter war eine Russin, die der Vater aus der Gefangenschaft
nach dem I. Weltkrieg ins westfälische Warendorf mit
zurückbrachte. Sie war und blieb die Fremde, „etwas
Exotisches”, das man “für vieles schuldig”
sprach, „was ‚man’ sich nicht sofort
erklären konnte: (...). ‚Man’ verdächtigte
sie oft, ‚man’ beschuldigte sie des bösen
Blicks, ‚man’ mißtraute ihr grundsätzlich,
‚man’ verletzte sie, den Mann und die
Kinder unwillentlich und bewußt mit Blicken, Gesten,
Aus-dem-Wege-gehen, Übersehen, Grobheiten, Ins-Ohr-Flüstern,
während sie danebenstand.”
[8] Schallück nimmt diese
Stigmatisierung an, übernimmt, wie er weiter schreibt,
„die erwartete Rolle des Außenseiters.”
[9] Die nächste Blessur,
die ihn in corpore trifft und für sein weiteres Leben
bis in den Tod zeichnen wird, ist eine schwere Verletzung,
die ihm Résistance-Kämpfer in Paris zufügen. Wieder
genesen, sind es eben diese Verwundungen, die ihn
nach dem Krieg und nach einem Studium der Germanistik,
Philosophie, Geschichte und Theaterwissenschaften
schließlich als Autor anhaltend beschäftigen: „Aber
was immer nach dem Krieg, als er sich für’s
Schreiben entschieden hatte, an Romanen und Erzählungen,
auch an Hörspielen oder Essays geschrieben und veröffentlicht
hat [sic!] – unter anderem, (...), sind es immer
auch Berichte über Verwundungen, Zeugnisse von der
Verwundbarkeit, von der körperlichen und geistig-seelischen
Verletzbarkeit des Menschen.”
[10] Es ist vermutlich
diese doppelte Betroffenheit, die den Schriftsteller
Paul Schallück inspiriert hat: Außenseiter und zugleich
Verwundeter zu sein! Beides trägt zu jener Fremdheit
bei, in der der Soziologe und Philosoph Georg Simmel
die Voraussetzung für eine schärfere, eine vorurteilslosere
Erkenntnis gesellschaftlicher Beziehungen und Zusammenhänge
entdeckte. Der Fremde, so Simmel, schaut genauer hin,
denn er ist weder durch‚Gewöhnung’ noch
durch‚Pietät’ dem Gegebenen und vorgefundenen
Verhältnissen verbunden. Seine Kritik ist unerbittlich,
radikal und grundsätzlich. Und nichts wird ausgelassen.
Gegen
Ende seines Lebens hat Schallück noch einmal alle
kritischen Register gezogen in einem schmalen Lyrik-Bändchen,
das einen Rundumschlag gegen das Wirtschaftswunderland
BRD, gegen faulen Quietismus und sattes Wohlstandsdenken
gestartet hat. Thematisch dem jungen Enzensberger
verwandt, ohne dessen dialektische Schärfe freilich
zu erreichen, sind die Schallückschen Gedichte auf
die aufklärerische Moral und Politik vereidigt und
schon deshalb zutiefst‚politisch inkorrekt’:
Wir sehen die Welt
in rosigem Licht
in diesem Land
in dem Brillen-Tragen
Gebot ist
damit das Leben erscheint
wie es ist
angenehm und bequem
und behaglich
selig die Armen im
Geiste
sie säen nicht sie
ernten nicht
und ihre Konten wachsen
beständig
über die Köpfe der
Kopflosen
in diesem Land
in dem das Unglück
nur die Sünder verfolgt
(...)
[11]
Das
Bändchen ist Zusammenfassung und Abschluß eines Lebenswerks,
eine konkrete Warnung vor demjenigen, was Schallück
in seiner Rede anläßlich der Verleihung des Nelly-Sachs-Preises
der Stadt Dortmund den “Einschüchterungsterror
in der Bundesrepublik” genannt hat.
[12] 1974, als es erschienen
ist, steht es jedoch vereinzelt da in einer literarischen
Landschaft, die nach den Erfahrungen von 1968 nun
die neue Subjektivität
und Innerlichkeit pflegt und deshalb mit Nichtbeachtung
reagiert. 1974 ist ein Jahr anhaltender Gesinnungsschnüffelei
und der Berufsverbote – aber wirklich interessieren
tut sich kaum jemand dafür, ebensowenig wie für die
Revolution in Portugal oder für das Schicksal der
politisch Verfolgten in Chile und anderswo. Deutschland
(West) wird vielmehr zum zweiten Male Fußballweltmeister,
diesmal im eignen Land, und eine Anthologie wie die
aus dem Hanser-Verlag “Netzer kam aus der Tiefe
des Raumes” (womit nichts Despektierliches über
diese hervorragende Sammlung gesagt sei) sorgt für
hohe Verkaufszahlen und ein kleineres juristisches
Scharmützel ob der auf dem Umschlag abgebildeten
Fußballschuhe: Adidas oder Puma? Da muß ein Autor
wie Schallück aus dem Rahmen und der Reihe fallen,
wenn er als störrischer “Zeitkritiker und Zeitbefrager”
für literarisch-politische Verbindlichkeit optiert:
ein “Spezialist des Gewissens, der zur Selbstbefragung
anstiftet, um den Traum von einer besseren Wirklichkeit
einzulösen.”
[13]
II.
Schallücks
literarisches Oeuvre im engeren Sinne ist recht schmal:
fünf Romane, etliche Erzählungen und Hörspiele, Essays
und Aufsätze. Daneben jedoch existiert ein kaum übersehbares
journalistisches Schaffen, das Schallück u.a. in seiner
Tätigkeit für die Wochenzeitung des DGB, “Welt
der Arbeit”, hinterlassen hat.
[14] Der überwiegende
Teil der Erzähltexte ist in den frühen 50er Jahren
in rascher Folge entstanden und publiziert worden:
die Romane “Wenn man aufhören könnte zu lügen”
(1951), “Ankunft null Uhr zwölf” (1953),
“Die unsichtbare Pforte” (1954) und die
Erzählung “Weiße Fahnen im April” (1955).
1959 erscheint Schallücks wichtigster Roman “Engelbert
Reineke”, ein oft besprochener Text, der auch
ins Französische, Italienische, Russische, Polnische,
Tschechische und Ungarische übersetzt worden ist;
in den 60er Jahren dann wird mit dem Erzählband “Lakrizza
und andere Erzählungen” 1966 die Taschenbuchreihe
Signal-Bücherei im Baden-Badener Signal-Verlag eröffnet,
und 1967 veröffentlicht
er den humoristischen, von der Kritik arg abgestraften
Roman “Don Quichotte in Köln”. An größeren
Arbeiten wird danach nur noch
1974 ein Gedichtband verlegt und postum
die Erzählung “Dein Bier und mein Bier”
sowie eine darauf bezügliche Briefauswahl,
die sich auf Schallücks mißliche Wohnsituation in
den letzten Monaten seines Lebens beziehen.
Paul
Schallück ist ein Autor der 50er Jahre – daran
hat auch die mit geringem Erfolg veranstaltete Werkausgabe
im Kölner Braun-Verlag nichts geändert -, ein Autor
des Kahlschlags und Neuanfangs im Zeichen eines (psychologischen)
Realismus, der, wie es Malte Dahrendorf ausgedrückt
hat, um das “Irren und Suchen, immer wieder
Zurückschrecken vor der Wahrheit, feige Ausweichen
und letztendlich dennoch Hinfinden zu einer Wahrheit,
die sich nirgends bezeugt als im Innern selber”
kreist.
[15] Zu Recht –
allerdings nur en passant – weist Dahrendorf
in diesem Zusammenhang auch auf das Prinzip von Schallücks
Romanen hin, “durch Erinnerung Vergangenes
gegenwärtig zu machen.”
[16] Denn die Erinnerung
– vielmehr: der Zwang zur Erinnerung –
ist es, was die Protagonisten leiden läßt, ihnen aber
auch wieder Erkenntnisse vermittelt. Sie ist die offene
Wunde, die die Geschichte, Faschismus und Krieg, geschlagen
hat und die Schallücks Helden unausgesetzt bearbeiten
müssen – nämlich: wiederholen. Dabei zeigt sich
in der Abfolge der Texte auch eine wachsende Komplexität,
die mit dem gewachsenen historischen Abstand auf jeden
Fall gestiegen ist und ihre höchste Dichte schließlich
in “Engelbert Reineke” erfährt, in jenem
Roman, der in dem für die deutsche Literatur so geschichtsträchtigen
Jahr 1959 neben Grass’“Blechtrommel”,
Johnsons“Mutmassungen über Jakob” und
Bölls“Billard um halbzehn” erscheint.
“Wenn
man aufhören könnte zu lügen”, Schallücks erster
Roman, ist, wie der Verfasser des KLG-Artikels zu
Schallück, Fred Viebahn, bemerkt hat, “die Geschichte
einer verlorenen Generation, für die es keine moralischen
Wahrheiten mehr gibt, nur Trieb, Trug und Enttäuschung.
Die Sehnsucht nach Mitmenschlichkeit ist übermächtig
da, doch wie kann sich nach ihrer radikalen Zertrümmerung
Mitmenschlichkeit wieder entwickeln?”
[17] Alle Werte sind korrumpiert,
ja pervertiert worden durch die jüngste Geschichte,
deren Opfer gerade die Jungen sind. Deren Geschichte
erzählt Schallück anhand von unterschiedlichen Charakteren:
von dem im Krieg verwundeten Philologiestudenten Thomas
und seiner Freundin Maria, die, um über die Runden
zu kommen, sich prostituiert, von Thomas’ Zimmergenossen
Albert und der kommunistischen Studentin Renate sowie
von der jungen, am Ende sich im Wahnsinn einspinnenden
Frau Carla. Sie alle tragen die Bürde der Vergangenheit,
die auf ihnen zentnerschwer lastet und die die sensibleren
wie Thomas “leer” und “müde”
zurückläßt. (vgl. Wenn man aufhören könnte zu lügen,
S. 198) “Hinter dem Staub der unablässigen Betätigungen
verbargen sie die Kälte ihres Bewußtseins” (a.a.O.
S. 201), heißt es an einer Stelle über die sich entfremdende
Beziehung zwischen Thomas und Maria, was aber insgesamt
als Lebenshaltung hochgerechnet werden kann und den
Körperpanzer zeigt, den sich die jungen Protagonisten
im Grunde aus Angst vor tieferen Verletzungen zugelegt
haben. “Sie liegt, er sitzt, und beide schweigen.
Sie blicken und denken aneinander vorbei.” (a.a.O.
S. 259) In einem Gespräch zwischen Thomas und Albert
gegen Ende des Buches redet Thomas von drei Möglichkeiten,
die der ‚lost generation’ bleiben: “Kollektiv,
Wahnsinn, Selbstmord.” (a.a.O. S. 229) Das Kollektiv
– sei es das der kommunistischen Partei, die
Geborgenheit und damit Sicherheit suggeriert, oder
sei es dasjenige der Oberfläche, des heideggerschen
‚Man’– ist die übliche Form, sein
Leben auszuhalten, der Wahnsinn und der Selbstmord
sind die radikaleren Varianten, um dem Leiden am
Leben zu begegnen. Maria hat sich umgebracht, Thomas
beschließt, ihr zu folgen:“Keine Heimat mehr
im Fleich. Den Versuchungen des Kollektivs widerstanden,
summa cum laude.” (a.a.O. S. 265) Am Ende schreckt
er, im Bewußtsein seines eigenen Atems, dennoch vor
dieser letzten Möglichkeit zurück.
Während
der erste Roman und auch der zweite, “Ankunft
null Uhr zwölf”, “der keine Hauptfigur
kennt”
[18] , in der Gegenwart
angesiedelt sind und auf die aktuellen Blessuren,
Beziehungsängste und – allgemein – Verwundungen
der Akteure hinweist, gräbt der dritte Roman, “Die
unsichtbare Pforte”, schon tiefer in der Geschichte,
zeigt u.a. in der Figur einer Jüdin, die in einer
psychiatrischen Anstalt als fortlebendes Menetekel
an die faschistischen Greuel erinnert, daß und wie
die jüngere Geschichte weiterwirkt. Ulrich Bürger
– der Name ist sprechend – ist ein Durchschnittsbürger, 33jährig, Buchhändler, jedoch schwer tablettensüchtig. Zweimal
hat er sich bereits in einer Heil- und Pflegeanstalt
aufgehalten, ist aber immer wieder rückfällig geworden
und hat sich auf verschiedenen illegalen Wegen mit
Medikamenten versorgt. Bürger ist verlobt, plant zu
heiraten und steht unmittelbar vor einem Urlaub; doch
seine Sucht ist stärker, er verpaßt den Termin auf
dem Bahnhof und irrt nun ziellos– getrieben
von seiner Sucht– durch die Stadt. Dabei besucht
er einige Ärzte und auch zwei ehemalige Freundinnen.
Der Roman endet wieder vor der Pforte der Klinik,
in die er sich jetzt freiwillig begibt.
Man
hätte diese Geschichte eines Suchtkranken nur oberflächlich
gelesen, würde man sie einzig auf diesen Suchtaspekt
reduzieren. Denn Schallück hat in die Geschichte
des kranken Bürger nicht nur einige weitere Figuren
mit ihren Schicksalen, so den jüdischen Arzt Simon
Blum mit seinen stets vor Schreck geweiteten Augen
über die Vergangenheit (vgl. Unsichtbare Pforte, S.
193) oder die schon erwähnte Kranke aus der Anstalt,
hineinverwoben, sondern versucht in Andeutungen auch,
auf die Kontinuität in der deutschen (Unheils-)Geschichte
hinzuweisen. Das beginnt mit solchen Kleinigkeiten
wie den Hinweisen auf die fatale Ähnlichkeit zwischen
den neuen Wohnblocks der 50er Jahre und den langen
Gängen einer Kaserne (vgl. a.a.O. S. 162), die Ulrich
Bürger ebenso bemerkt wie die von Bomben aufgerissenen
Fenster (a.a.O. S. 13), um mit Erinnerungen an den
Krieg, in dem er selbst verletzt worden und sein Bruder
Clemens in Rußland verschollen und sicher umgekommen
ist, zu enden. Die Sucht erscheint so insgesamt als
Sedativ, als verzweifelte Möglichkeit, sich den unverarbeiteten
Erinnerungsfetzen zu entziehen – um den Preis
der Selbstzerstörung allerdings. Er möchte, heißt
es verschiedentlich, aus seiner
Haut herauskommen (a.a.O. S. 29, 240), und
nach der Einnahme der Medikamente fühlt er, wie“der
Stein im Innern erweichte, zerbröselte, (sich auflöste).”
(a.a.O. S. 130) Das ist ganz sinnlich und konkret
gemeint– der schmerzende Druck, der sich allmählich
verzieht -, zugleich aber auch bildlich, denn Bürger
flüchtet aus Unfähigkeit, sich der Vergangenheit zu
stellen und die Erinnerungen zuzulassen, in die alles
abdämpfende Betäubung durch Tabletten– in eine
allgemeine Gefühllosigkeit und die Verantwortungslosigkeit
des Süchtigen.
Das
Ende ist offen.
Ob Bürger letztendlich von seiner Sucht befreit
werden kann und geheilt wird, steht dahin. Die Geschichte
jedoch vergessen zu machen, also zu verdrängen, das
funktioniert nicht. Denn die Toten lassen sich, wie
es an einer zentralen Stelle von Schallücks folgendem
Roman “Engelbert Reineke” heißt, kein
weiteres Mal töten. (vgl. Engelbert Reineke, S. 156)
Dieser Text ist sicherlich auch Schallücks bedeutendste
Prosaarbeit und zugleich auf komplexe Art und Weise
arrangiert. Aber zugleich zeigt sich darin Schallücks
erzählerische Begrenztheit.
[19]
Beherrschendes
Thema ist die Frage nach dem Erinnern und Vergessen,
nach dem Vergessen-Wollen und Nicht-Können. Held des
Buches ist der junge Studienassessor Engelbert Reineke,
der an die Schule seines Vaters, Dr. Leopold Reineke,
genannt Beileibenicht,
versetzt wird. Es ist die hohe Zeit des deutschen
Wirtschaftswunders, der 50er Jahre
mit ihrem ungebrochenen Fortschrittspathos
und der dunklen Kehrseite, an die im Grunde niemand
rühren möchte, einer unverarbeiteten Vergangenheit.
Man – das bekanntlich immer ‚alle’
sind – will voran und nicht an die zurückliegende
Geschichte erinnert werden:“Einmal muß doch
Schluß sein.” (a.a.O. S. 89) Und:“Wir
müssen schließlich alle vergessen lernen, nicht wahr,
das Leben geht weiter.” (a.a.O. S. 34) So lauten
Kernsätze aus dem flachen Fundus des Alltagsbewußtseins
der Deutschen in den 50er Jahren. Und sie werden Engelbert
Reineke immer wieder vorgehalten. Auch er fühlt sich
hin- und hergerissen zwischen Erinnerung und Vergessen,
möchte wie die anderen auch einfach bloß voranleben
und wird doch ständig von den Erinnerungen an die
Vergangenheit eingeholt und gequält.
Der
dunkle Punkt nämlich der Geschichte, der allmählich
im Verlauf des Romans herausgearbeitet wird aus den
“Stollen” des Vergessens (vgl. a.a.O.
S. 86ff.), ist die Verhaftung Beileibenichts, bei
der mit Ausnahme des Mädchens Hildegard, Engelberts
Verlobter, ebenso Wolfgang Sondermann, der neue Nazi-Schulleiter,
sein Bruder Paul und der glühende Hitlerjunge Siegfried,
Wolfgang Sondermanns einziger Sohn, auf unterschiedliche
Weise beteiligt waren. Beileibenicht wird ins KZ verschleppt,
wo er, wie sein Sohn von einem Überlebenden erfährt,
an den Folgen fortgesetzter Torturen
stirbt. Doch daran möchte nach dem Krieg eben
niemand mehr erinnert werden, weshalb Engelbert auch
auf die anderen wie ein wandelndes “Fragezeichen”
wirkt: “Ich erkenne an den Blicken”, offenbart
er seiner Tante Luise, “mit denen sie mich
fassen oder nur streifen, daß sie sich durch mich
befragt fühlen; nicht durch ein Wort von mir, nein,
einfach dadurch, daß ich noch lebe und es wage, in
dieser Stadt zu leben.” (a.a.O. S. 64) Bei einem
Treffen im Hause der Sondermanns kommt es schlußendlich
zum Eklat, zum Eingeständnis der Schuld. Doch im Grunde,
so hat es zunächst den Anschein, hilft das nichts
in einer historischen Situation, da‚man’
sich arrangiert hat, die Bewußtseinsparalyse soweit
fortgeschritten ist, daß‚man’ außer dem
Anwachsen der Konten und dem Beobachten des allgemeinen
Wohlstands, einem neuen Wir-Gefühl (‚wir sind
wieder wer’), nur noch argwöhnische Blick für
die Nestbeschmutzer übrig hat– oder wie immer
sie heißen mögen die Underdogs: Nonkonformisten, Existentialisten,
von den Kommunisten gänzlich zu schweigen.
“Bekenntnisse
eines Nestbeschmutzers” (so der Titel einer
postum herausgegebenen Sammlung Schallückscher Erzählungen)
enthält auch der Roman “Engelbert Reineke”,
der anhand der Figur des Junglehrers auf die fatale
historische Dialektik aufmerksam macht. Denn Engelbert
ist als Sohn und Betroffener gezwungen, sich mit der
Vergangenheit auseinanderzusetzen, sich im Namen seines
Vaters zu erinnern, doch im Grunde genommen damit
allen anderen nur lästig zu fallen. Deshalb schwankt
er zwischen Resignation – er steht vor der Kündigung
und möchte in einer Fabrik neu beginnen – und
Trotz. Zum Schluß überwiegt, genährt zusätzlich durch
die Hoffnung auf eine neue, jüngere Kollegengeneration,
die mit den Alten aufräumen möchte, der Trotz, setzt
sich der Gedanke an die Notwendigkeit der Erinnerungsarbeit
durch. Die bürgerliche Saturiertheit ist längst nicht
alles, ja diese Gedanken an “einen neuen Mantel
und ein neues Kleid und Kaffeekränzchen und das Getuschel
dabei und jedes Jahr einmal Schützenfest und jedes
Jahr einmal Karneval und einmal in der Woche das im
Bett und Kinderkriegen ---” (a.a.O. S. 169)
– sie sind geradezu trügerisch. Das wirkliche
Leben, das “ganze lebendige Leben” (a.a.O.
S. 170), ist anders und anderswo. Notwendige Voraussetzungen
dazu, um es führen zu können, sind Authentizität,
Wahrhaftigkeit, moralische Integrität. Und hier
beweist dann Engelbert das Erbe seines Vaters, der
seinem Sohn einmal auf den Weg gegeben hat kurz vor
der Verhaftung: “Einer muß dasein, ganz, ungeteilt
und sichtbar, ohne Vorbehalt und Täuschung, einer
muß den Jungen wenigstens zeigen, wenn er es schon
nicht sagen kann, was wahr und was falsch ist.”
(a.a.O. S. 165)
[20]
Engelbert
setzt diese Haltung fort, freilich unter veränderten
historischen Bedingungen und als skeptisch Geläuterter
gegenüber allen sogenannten Weltanschauungen (unter
Einschluß der Religion). An einer Stelle legt Engelbert
sein intellektuelles Credo, sein Selbstverständnis,
dar – und wir erinnern uns wieder an Schallücks
ähnlichlautende Bemerkungen im Essay “Daran
glaube ich”: “ich war (...) dem Kommunismus
nahe gewesen, nicht der politischen Doktrin
und Heilslehre, eher den urchristlichen Beständen
der kommunistischen Weltauffassung; das war verweht,
denn wir erkannten, daß auch auf diesem Wege die Schmerzen
des Körpers und der Wahrheitssuche, das Leid der Unvollendbarkeit,
der entsetzlichen Einsamkeit
aller Liebenden und des alles zerstörenden
Todes nicht aus der Welt zu schieben waren; danach
hatte ich versucht, nicht mehr zu fragen, nicht mehr
zu suchen – es ist mir nicht ganz gelungen -,
aber es kann mir nun auch nicht mehr glücken, das
Unvereinbare im Postulat von der abendländischen
Harmonie zu vereinen; ich blieb also stehen vor
den vielen unverbundnen Dingen und Gedanken, vor der
Unvereinbarkeit meiner Erkenntnisse von Leben und
Sterben, ohne mich lähmen zu lassen in meinen täglichen
Aufgaben; im Gegenteil, erst jetzt, da ich keine
Kraft mehr verschwendete im Forschen nach den letzten
Dingen, konnte ich sie in meine alltägliche Arbeit
hineingeben. Und ich hoffe, daß ich den Mut nicht
verliere, vor dem Unvereinbaren auszuharren.”
(a.a.O. S. 139f.)
Was
Engelbert Reineke hier äußert, sind Ansichten und
Bekenntnisse eines Unangepaßten, eines nonkonformistischen
jungen Intellektuellen, eines Bruders vieler Böllscher
Helden oder auch von Walsers Berthold Klaff aus den
“Ehen in Philippsburg” (1957). Wo dieser
jedoch resignierte angesichts der unheilvollen Kontinuität
in der deutschen Geschichte, der politischen großen
Koalition aller Demokraten (und gewesenen Nazis) und
daher nur aus dem Leben scheiden kann, da hält Engelbert
Reineke auf der Linie des rigorosen Böllschen Moralismus
ein Plädoyer für die “Erinnerung” als
“Aufgabe”
[21] , womit Schallück
sich dezidiert in die Reihe jener Autoren stellt,
die, wie es Jochen Vogt ausgedrückt hat, “Erinnerungs-
und Trauerarbeit stellvertretend für eine Gesellschaft
(leistet), die solche Arbeit in ihrer Mehrheit und
ihren repräsentativen Institutionen abgewehrt hat.”
[22] Die Gefahr der Überforderung
mag sich da leicht einstellen– und im Falle
des“Engelbert Reineke” ist sie heute vielleicht
leichter erkennbar als unter den (Rezeptions-)Bedingungen
der späten 50er und frühen 60er Jahre: Schallück will
zuviel; er möchte nicht nur eine Geschichte erzählen,
Haltungen (intellektuelle und praktische) sowie richtiges
und falsches Verhalten verdeutlichen, das geistige
Klima (bis in den angedeuteten Existentialismus als
Grundhaltung bei vielen jüngeren hinein) greifbar
machen, in Rückblenden die Zeitebenen miteinander
verschalten, um so Konstellationen zu bezeichnen,
sondern zugleich auch wieder darüber reflektieren,
was einen Roman ergibt, bei dem die Handlung durch
die Maschen der vielen Dialoge und inneren Monologe
verschwindet und die (lebenden) Hauptfiguren überaus
blaß bleiben, nämlich ausschließlich Parole.
Dennoch
ist der Roman “Engelbert Reineke” ein
beeindruckendes Beispiel für die Literatur der 50er
Jahre und ein bemerkenswertes mentalitätsgeschichtliches
Zeugnis. Unvergessen bleibt eine kleine Episode vom
Anfang des Romans, die freilich als ein Leitmotiv
verstanden werden muß
[23] , wo Engelbert die
goldene Taschenuhr seines Vaters zum Geschenk erhält.
Diese Uhr, die nicht läuft, ist ein Bild stillgestellter
Zeit – Mahnung und Warnung vor der Unheilsgeschichte,
Ansporn zur fortgesetzten Erinnerungsarbeit: “Dann
ging ich wieder zum Fenster und hielt die goldene
Uhr, in der die Zeit aufgebahrt lag und sich nicht
zu erkennen gab, an das Ohr. Die tote Zeit gab keinen
Laut. Ich schüttelte sie. Der Sekundenzeiger kehrte
nicht ins Leben zurück. Ich schüttelte heftiger mit
leicht aufkommender Wut schließlich: nichts bewegte
sich, die Zeit lief nicht weiter. Und dann berührte
ich wieder das Rädchen, zwischen Daumen und Zeigefinger,
sanft und zärtlich. Und ich fühlte, wie mir ein Schweißtropfen
in die Braue rann. Und ich sah schon fast die unsichtbare
Vogelstraße, auf der zu mir herabtrieb, was damals
war und heute, in der gestorbenen Zeit, noch immer
war und auch morgen noch sein würde, und ich wußte,
daß es gleichgültig war, ob ich die Uhr aufzog oder
nicht.” (a.a.O. S. 20)
Noch
in einer Reihe von Erzählungen und Kurzgeschichten,
darunter “Weiße Fahnen im April” (1955),
hat Schallück Stationen seiner Biographie,
seine russische Herkunft, die Kriegsverletzung,
überhaupt Kriegserfahrungen
und die Situation auch der Übergangszeit thematisiert.
Dabei gelingen ihm immer dann eindrucksvolle Texte,
wenn er sich handlungsökonomische Beschränkungen auferlegt.
Seit den 60er Jahren wendet sich Schallück neben den
zahllosen Hörspielen auch in seiner Prosaproduktion
der Situation in der Bundesrepublik zu; es entstehen
Alltagsgeschichten über Liebe, Ehe und Sexualität
ebenso wie Prosaminiaturen, in denen treffsicher Aspekte
der Wohlstands- und Überflußgesellschaft (Werbung,
Konsum) aufgezeichnet werden (vgl. die Texte aus“Bekenntnisse
eines Nestbeschmutzers”).
Für
Schallück, der seine politische Einschätzung der alten
BRD in dem Essay “Deutschland – Gestern
und heute” (frz. 1965, dt. 1969) bündig artikuliert
hat, bedeutet 1945 die Stunde Null, seit der es eine
gewisse Kontinuität und Stabilität der Verhältnisse
gibt. Darin liegt eine ungeheure Chance, aber auch
wieder die Gefahr des Quietismus, eines apolitischen
Rückzugs, wie er ihn in der Ohne-Mich-Bewegung, erklärlich
gewiß aus dem “Schock des verdrängten schlechten
Gewissens”
[24] , zu erkennen glaubt.
Daher strahlt die Nachkriegsentwicklung in einem etwas
zwielichtigen Glanz: einerseits und zu Recht das Bedürfnis
nach Partizipation am allgemeinen Wohlstand und Reichtum
– “Prosperität”, so Schallück, “war
jedenfalls das einzig ernsthafte Erlebnis nach 1945”
[25] -, auf der anderen
Seite der Rückzug ins Private und nur Private –
“keine Zeit für öffentliche Angelegenheiten”,
“keine Zeit für sozialistische Ideen”
[26] -, weshalb am Ende
der ebenso politische wie kulturkritische Protest
der Studenten die zwangsläufige Notwendigkeit gewesen
sei.
Was
Schallück hier – im übrigen z. T. durchaus humorvoll
– essayistisch porträtiert, hat er versucht
erzählerisch umzumünzen in dem Roman “Don Quichotte
in Köln” (1967), dem ambitionierten Unternehmen
eines satirisch-komischen Zeit- und Gesellschaftsroman
über die bundesdeutschen Verhältnisse der 60er Jahre,
angesiedelt in Köln rund um zwei Figuren aus dem journalistischen
Milieu (Variationen von Tünnes und Schäl) mitten
im Karneval. Es mag gewiß an der Art des humoristischen
Stils liegen, der es mit ganz wenigen Ausnahmen in
der deutschen Literatur seit jeher schwer gehabt hat
– noch ein solches Meisterwerk wie A. V. Thelens“Insel
des zweiten Gesichts” (1953), immerhin 1954
mit dem Fontanepreis ausgezeichnet, ist von den Repräsentanten
der jungen deutschen Literatur arg abgestraft worden
-, daß Schallücks Pikaro-Roman sich weder bei der
Kritik noch beim Publikum hat durchsetzen können.
Man mag vielleicht auch das unglückliche Erscheinungsdatum
des Roman nach der ersten Rezession und unmittelbar
vor den Studentenunruhen für den‚Flop’
verantwortlich machen mit dem Hinweis, daß den einen
die Kritik an der bundesdeutschen Gesellschaft nicht
weit genug gegangen und darüber hinaus von Einzelgängern
und Käuzen geäußert worden ist, während die anderen
mit dem Humor nichts haben anfangen können oder ihn
gar am Muster von Grass’ Blechtrommel gemessen
haben. Jedenfalls ist Schallück mit seinem Roman‚durchgefallen’,
was ihn, der dieses Buch für sein ehrgeizigstes Projekt
gehalten hat, überaus hart getroffen hat.
Schriftsteller
sind nicht die schlechtesten Leser ihrer Texte, ganz
gewiß aber auch nicht die besten, weshalb man sich
nie auf Selbstaussagen und Interpretationen verlassen
sollte. Daher geht es zwar auch um die Verwundungen
und Gefährdungen im Werk Paul Schallücks, wie er
es in seinem Nachruf zu Lebzeiten formuliert hat,
genauer noch aber um die Fähigkeit des Erinnerns,
um eine Auseinandersetzung mit der jüngeren deutschen
Geschichte. Das ist sein Thema, dazu beherrscht er
auch die erzählerischen Mittel. Wenn er sich hiervon
ab- und der aktuellen Gegenwart zuwendet, dann verheddert
er sich in der Beliebigkeit, was nicht recht passen
will zur didaktisch-moralischen Zwecksetzung seiner
Poetologie. Er bleibt eben ein Schriftsteller der
50er Jahre– bis zum Schluß.
III.
Auch
das Bild des Literaturpreisträgers Schallück unterstreicht erneut die Einschätzung,
daß dieser Schriftsteller ein Autor aus der Frühzeit
der Gruppe 47 ist. 1955 erhält er auf Empfehlung der
beiden Germanisten von Wiese und Heselhaus, die entscheidend
bei der Preisvergabe des westfälischen Literaturpreises
gutachterlich mitgewirkt haben, den Droste-Preis,
gemeinsam mit dem (heute beinahe vergessenen) Walter
Vollmer. In der Begründung wird ausdrücklich der lokale
Bezug des Schallückschen Werkes hervorgehoben: “Durch
Paul Schallücks Werk hat die westfälische Landschaft
in der deutschen Nachkriegsliteratur wieder eine kräftige
Stimme erhalten, die sich durch realistischen Zugriff,
unbestechliche Kritik an den Zeitumständen und die
Gestaltung gleichnisstarker Bilder und Gestalten auszeichnet.
Das Gesamtwerk verrät eine starke dichterische Persönlichkeit,
die noch zu reiferen Leistungen berufen erscheint.
Durch die Verleihung des Preises soll zum Ausdruck
gebracht werden, daß Anlaß besteht, den weiteren Weg
des jungen Autoren mit besonderer Aufmerksamkeit zu
verfolgen.”
[27] Hier soll also ein
junger Autor ausgezeichnet werden, dem man einen kritisch-realistischen
Blick auf die Zeitverhältnisse attestiert, der vor
allem aber ein sogenannter ‚Heimatdichter’
ist, was dann zu einem kleinen Pressescharmützel geführt
hat. Schallück reagiert mit einem Leserbrief, in dem
er klarstellt, daß er zwar Westfale, keinesfalls aber
ein Heimatdichter sei: “Ich
bin also laut Herkunft und Bekenntnis westfälischer
Schriftsteller. Da ich mich nicht zu den Heimatdichtern
rechnen darf – (...) -, kann ich nur wiederholen,
daß sich der westfälische Dichter nicht schon dadurch
legitimiert, daß er Westfale, sondern allein dadurch,
daß er ein möglichst guter Dichter ist.” [28]
Es
hat dann eine Reihe von Jahren gebraucht, bis dem
(schon nicht mehr so jungen) Autoren Paul Schallück
1962 der Literaturpreis der Stadt Hagen – und
zwar zum ersten Mal und gemeinsam mit dem Lyriker
Ernst Meister – zugesprochen wird. Wiederum
ist Benno von Wiese mitbeteiligt, denn er führt den
Vorsitz im Preisgericht. In einer lokalen Zeitschrift
heißt es dazu: “In zwei Tagen, am 27. und 28.
April, traten neun westfälische Künstler, die sich
alle bereits einen Namen erwarben: Ernst Meister,
Paul Schallück, Erwin Sylvanus, Johannes Poethen,
Josef Reding, Horst Bingel, Heinrich Ost, Albert Scholl
und Werner Warsinsky vor die Öffentlichkeit, um jeder
etwa zwanzig Minuten aus seinem Werk zu lesen. –
Den besten Auftakt, den man sich dazu denken konnte,
gab das Referat von Professor Benno von Wiese: “Der
Dichter und die moderne Gesellschaft”. Nach
einem großentworfenen Bilde des Dichters, der einerseits
Seher, Menschheitsführer, andererseits aber Vagant
und Spieler sein kann, gipfelte der Vortrag in der
Feststellung, daß die Massengesellschaft unserer Tage
gerade jenen künstlerischen Menschen mit dem besonderen
Schicksal, den Außenseiter, den Einzelgänger nötig
habe, damit “die Spannung zur Zukunft”
nicht aufhöre. (...) – Die Jury beschloß nach
erfolgter Autorenlesung auf Grund reiflicher Überlegung,
den Preis von 5.000,- DM, entgegen der ursprünglichen
Absicht, zu teilen. Er wurde in einer Feierstunde
vor geladenen Gästen im Karl-Ernst-Osthaus-Museum
von Oberbürgermeister Turck an Ernst Meister und Paul
Schallück verliehen.”
[29] Und wieder ist es
der regionale Aspekt, der für die Preisvergabe von
entscheidender Bedeutung ist, wird der Westfale Schallück
geehrt.
1973
schließlich erhält Schallück den renommierten Nelly-Sachs-Preis
der Stadt Dortmund, dessen siebter Preisträger er
ist. Dieser mit 10.000 DM dotierte Preis wird Schallück
für sein gesamtes literarisches Schaffen, insbesondere
aber auch für den Don Quichotte-Roman verliehen. Die
Urkunde vermerkt: “Seine Romane, Erzählungen,
Satiren, Hörspiele, Gedichte und Essays zeigen Paul
Schallück als engagierten und scharfsichtigen Kritiker
unserer Gesellschaft. Die Gegenwart, in der wir leben,
ist sein Thema, die Gegenwart als Schnittpunkt von
Vergangenheit und Zukunft. In einer Zeit, in der
die Vergangenheit nur allzugern als toter Ballast
abgetan oder als Gegenstand sentimentaler Erinnerung
verklärt wird, wehrt sich Paul Schallück gegen das
Vergessen und Verdrängen der Erfahrung aus den Jahren
des Faschismus und des Krieges, kämpft er gegen die
unreflektierte Weiterverwendung menschenfeindlicher
Klischees in Sprache, Denken und Verhalten.”
[30] Glückwünsche und
Grüße erhält Schallück von Schriftstellerkollegen
und Politikern, darunter Hilde Domin, Ingeborg Drewitz,
Peter Härtling und etliche SPD-Größen. Willy Brandt
schickt ein Telegramm: “Lieber Paul Schallück/
Sie haben der Reihe bedeutender Literaturpreise in
Ihrer Hand [sic!]/ einen weiteren hinzufügen können/
Das ehrt den Preis wie auch seinen Träger.”
[31] Deutlicher aber noch
als bei den anderen Preisen zeigt sich, daß weniger
das literarische Oeuvre als vielmehr die dezidierte
politische Einstellung und damit das Programm einer
engagierten Poetik gewürdigt wird. Schon der Bezug
auf ein sechs Jahre zurückliegendes Buch – dazu
eines, das in der literarischen Öffentlichkeit durchgefallen
ist – macht stutzig. Sieht man sich freilich
die Hintergründe der Preisverleihung an, wird die
Angelegenheit verständlicher. Denn zur Jury gehört
u.a. der Bibliotheksleiter der Stadtbibliothek Dortmund
Fritz Hüser, ein Mann, der sich zeitlebens unermüdlich
für die Belange der Arbeiterliteratur und -kultur,
damit für eine engagierte, kritische (Gegen-)Kultur
eingesetzt hat. Und mit zur Jury zählt fernerhin Hugo
Ernst Käufer, ein mit Schallück befreundeter Lyriker,
der ebenfalls ein dezidiert politisches Programm
mit seinen Texten verbindet. Käufer ist es auch,
der bereits im Vorfeld, 1971, bei einer Vorauswahl,
wo Ilse Aichinger, Siegfried Lenz, Jakov Lind, Josef
Reding und Paul Schallück zur Diskussion angestanden
haben, vehement für Schallück eintritt. In einem
für die Jury geschriebenen Text heißt es u.a.: “Ich
rechne den Roman von Schallück [Don Quichotte in
Köln] zu den bedeutenden literarischen Leistungen
der letzten zwanzig Jahre, der es verdient hat, ausgezeichnet
zu werden. Daß sich Paul Schallück nicht nur in seinem
Werk für eine auf Toleranz bedachte Völkerverständigung
und für den Abbau von autoritären Strukturen einsetzt,
hat er bei vielen Gelegenheiten bewiesen, er hat u.a.
entscheidend bei der Gründung der großen jüdischen
Bibliothek in Köln mitgewirkt, die heute als ein Kristallisationsort
des deutschen und jüdischen Geistes angesprochen
werden kann.” [32] Ein Satz über den Roman, dann erfolgt die
Würdigung der Gesamtpersönlichkeit des Schriftstellers
Schallück.
Aber
darum geht es schließlich auch: man hat den Eindruck,
der sich bei der Lektüre des Briefwechsels, der zahlreichen
Interviews und Zeitungsartikel im Umfeld der Preisvergabe
verstärkt, daß hier ein kritischer Autor, der sich
weder literarisch noch politisch im Trend befindet,
ausgezeichnet werden soll – reichlich spät allerdings.
Die Stadt Dortmund, hat es den Anschein, möchte ein
Zeichen setzen, auch ein kritisches Zeichen gegenüber
einer Mehrheit innerhalb der sozialdemokratischen
Partei, die immerhin für Berufsverbote und andere
Einschränkungen der Demokratie verantwortlich
ist (man erinnere sich dagegen an Brandts Slogan:
‚Mehr Demokratie wagen’). Geehrt werden
soll ein Außenseiter des Betriebs, einer, der “mit
dem linken Flügel der SPD (sympathisiert)”
[33] , für den Schreiben,
eigenem Bekunden nach, “gesellschaftliche Kritik
und Engagement”
[34] einschließt und der
damit ganz auf der Linie jener von Hüser, Käufer oder
Josef Reding, einem anderen Bekannten von Schallück,
der publizistisch die Preisverleihung in einer Reihe
von Artikeln begleitet und kommentiert hat
[35] , favorisierten alternativen
Literatur- und Kulturkonzepts liegt, wie es u.a. auch
von der‚Gruppe 61’ oder dem‚Werkkreis
Literatur der Arbeitswelt’ vertreten wird.
“Ich
glaube”, bemerkt Schallück gegenüber seinem
Interviewpartner vom ‚Kölner Stadt-Anzeiger’,
“daß die Literatur nach wie vor eine spezifische
Chance hat. Daß Sprache nach wie vor menschliches
Leben auf eine Weise sichtbar machen kann wie keine
andere Äußerungsart des Menschen.”
[36]
Keine
letzten Worte, aber doch solche, die inmitten eines
unterdessen anders orientierten Buchmarktes und Lesepublikums
noch einmal bündig das Realismuskonzept der frühen
Gruppe 47 auf den Punkt bringen und an die Epigonen,
wie immer sie heißen mögen,‚Werkkreis Literatur
der Arbeitswelt’ und ähnliches, weitervermitteln.
Verhallt sind diese Bemerkungen nicht, aber anhaltend
gewirkt haben sie auch nicht.