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Orbis Linguarum Vol.
18/2001
Bernd Balzer
Berlin
Realität und Geschichte
bei Alexis, Freytag und Fontane
Was ist
Realismus? Das möchte ich endlich mal wissen. Was
heißt das? Ich verwende das Wort auch gelegentlich
als Hilfswort, aber ich weiß bis heute nicht, was
Realismus ist. Im Grunde ist alles realistisch; denn
indem es da ist, ist es wirklich
[1] .
Das
Zitat ist im Zusammenhang meines Themas anachronistisch,
denn es ist aus dem Jahre 1971 und stammt von Heinrich
Böll– zugleich ist es nach dem Ende oder während
der Endphase der postmodernen Episode wieder höchst
aktuell, vor allem jedoch schließt sie unmittelbar
an die entsprechenden Diskussionen im Deutschland
des 19. Jahrhunderts an, und Bölls Resümee„im
Grunde ist alles realistisch” wiederholt–
ohne daß ihm dies bewußt war Fontanes Ansichten:
„Der
Realismus in der Kunst ist so alt als die Kunst selbst,
ja, noch mehr: er ist die Kunst”
[2]
und:
[Der Realismus]
ist die Widerspiegelung alles wirklichen Lebens, aller
wahren Kräfte und Interessen im Elemente der Kunst[...].
Er umfängt das ganze reiche Leben [...] die tiefste
Empfindung zieht er in sein Bereich, und die Grübeleien
eines Goethe wie Lust und Leid eines Gretchen sind
sein Stoff. Denn alles das ist wirklich.
[3]
Natürlich
ist das nur zu bekannt, wie die ganze Reihe ähnlicher
Äußerungen aus den Theoriedebatten aus jener Zeit,
den 50er und 60er Jahre des 19. Jahrhunders. Sie sind
in den „Manifesten und Dokumenten” des
Metzler-Verlages
[4] bestens dokumentiert.
Nicht
darin steht der Ausruf Walter van Astens seinem Freund
Louis Bovillard gegenüber:
[...]
du willst Realitäten. Was hatten die Juden mehr von
Palästina als ein Traumbild. Das Traumbild weckte
einen Moses.
Allerdings,
das ist Fiktion, aus Willibald Alexis großem Roman
Ruhe ist die erste Bürgerpflicht (Ruhe 153)
[5] .
Er
erschien 1852; an dem Opus von über 1000 Seiten hatte
der Autor bereits gearbeitet, als sich das Scheitern
der Märzrevolution abzeichnete. Er kündigte in der
Vorrede an, „eine Zeit, die nicht mehr ist,
in ihren großen Lineamenten darzustellen”,
bestritt aber ausdrücklich, etwas „conterfeien”
zu wollen
[6] .
Als
„wahr nach den Gesetzen des Lebens und der Dichtkunst
erfunden und doch niemals zufälligen Ereigniss der
Wirklichkeit nachgeschrieben” wollte 1855 Gustav
Freytag seinen Roman Soll und Haben verstanden
wissen
[7] , und Fontane hatte
schon zwei Jahre davor im bereits zitierten Kontext
darauf insistiert, daß„die Hand”, die
nach Goethes Motto„ins volle Menschenleben”
greifen solle,„eine künstlerische” zu
sein habe.
Kurz:
die Verbindung von Wirklichkeits- und Kunstanspruch, von Abbildung und
Schöpfung zeichnet die Positionen aller drei Autoren
aus, über die ich mich äußern will– und auch
das ist wahrlich nicht überaschend, ist doch die deutsche
Tendenz zum„Realidealismus”, zum„Bund
der Beiden”– Realismus und Idealismus
ebenfalls ein Gemeinplatz, den am besten wohl Rudolph
Gottschall formulierte:
Der Realismus
als durchgreifendes Stylprinzip kann in der Dichtkunst
nur zu Verirrungen führen. Dagegen ist er vollkommen
berechtigt, wo er sich in den Dienst der Idee begiebt
und die von ihr durchleuchtete Welt in ihrer ganzen
Wahrheit darstellt.
[8]
Der
offenbar weitgehende Konsens– kein völliger,
darauf sei jetzt schon hingewiesen– in der
Programmatik macht die Differenzen in den literarischen
Texten um so interessanter.
Einen
von dreien dieser literarischen Texte
habe ich bereits genannt – Ruhe ist die erste
Bürgerpflicht – die beiden anderen: Gustav
Freytags Roman In einer kleinen Stadt, 1880
als 6. Teil seines Romanzyklus Die Ahnen erschienen
[9] , und Fontanes Novelle
Schach von Wuthenow (1883). Drei sehr unterschiedliche
Texte, bezogen auf den jeweiligen Ort im Spektrum
erzählerischer Möglichkeiten: – Novelle, strikt
komponierter Roman, heterogenes, fast ausuferndes
Epos – unterschieden auch bezogen auf die Entstehungszeit,
zumindest was den Abstand von Alexis' Roman zu den
beiden anderen betrifft, extrem unterschiedlich im
Umfang – gut 100, etwas über 300 und über 1000
Seiten –, fast ebenso different die zumindest
aktuelle Bewertung – vor 1950 ist auch Fontanes
„kleines Meisterwerk”
[10] mit den beiden anderen
von der Kritik eher negativ gesehen worden. Georg
Lukács erst hat das geändert, der auch das Wort vom
„kleinen Meisterwerk” prägte. Lukács hatte
Recht mit seinem Urteil „kleines Meisterwerk”
– aber seine Begründung ist falsch. Der Vergleich
von Schach von Wuthenow mit Freytags Roman
und dem Text von Alexis soll das verdeutlichen.
Trotz
der eben betonten Unterschiede bietet sich dieser
Vergleich an: Alle drei Texte geben ein Bild Preußens
„vor Jena”
[11] (bei Freytag geht
die Romanhandlung noch
bis ins Jahr 1815), und in allen drei Fällen ist die
Geschichte nicht nur Kulisse sondern wesentlicher Gegenstand: „Erzählung aus der Zeit des Regiments Gendarmes”
formuliert Fontane als Untertitel, ganz ähnlich Alexis:
„Vor fünfzig Jahren”. Fontane hat der
Titelfrage bekanntlich einige Aufmerksamkeit gewidmet
und seinem Verleger Alternativen vorgeschlagen, wobei
er darauf bestand: „Als zweiter Titel würde
immer folgen: Erzählung aus den Tagen des Regiments
Gensdarmes.”
[12]
Bei
Freytag bürgt der Kontext dieser poetisierten„Bilder
aus der deutschen Vergangenheit” und die übrigen
Teile des Zyklus für den Primat der Geschichte, aber
auch er setzt auf die Wirkung von Titeln– jeweils
des 1. Kapitels, das auch hier dem Muster des Zyklus
folgt und lautet„Im Jahr 1805”.
Der
gemeinsame historische Ort – bei Fontane und
Alexis ist es mit Berlin auch der gleiche geographische
Ort – bedingt Gemeinsamkeiten im historischen
Personal und Ereignissen – Napoleons europäische
Eroberungen, die politischen Konstellationen zwischen
Preußen, Österreich, Rußland, Frankreich, etc., die
herausragenden Persönlichkeiten in Militär, Diplomatie,
Regierung, Fürstenhäuser, Könige sind, wenn auch
unterschiedlich häufig, Personal der Erzähltexte.
Und das geht bis zu Lokalereignissen und Redeweisen,
wie der vom „guten König”, der sich –
auf Friedrich Wilhelm IV gemünzt – in allen
drei Texten findet
[13] . Solche Gemeinsamkeiten
zeichnet natürlich vor allem das Verhältnis von Alexis
Roman zu Fontanes Novelle aus. Gendarmenmarkt und
Sala Tarone, Tempelhof, die Linden und Prinz Louis
Ferdinand spielen in der schlesischen Kleinstadt,
die Freytag – wie noch stets – der Großstadt
als Romanschauplatz vorzog, keine Rolle. Für Fontane
hingegen, der nach eigenem Bekunden „Von Sala
Tarone [...] als Tertianer nie mehr als das Schild
überm Laden gesehn, in der Tempelhofer Kirche [...]
nie gewesen” ist und „alles,
bis auf den letzten Strohhalm” als von ihm erfunden
erklärte
[14] , – für Fontane
war neben den Aufzeichnungen Mathilde von Rohrs, den
Memoiren der Sophia Schwerin
[15] und der Vossischen
Zeitung
[16] der ihm sehr gut
vertraute Alexis'sche Roman eine wichtige Quelle gerade
„für das Gegenständliche”
[17] , wie
die „Schlittenpartie der Gensdarmen” (Alexis
676) – und darüberhinaus: Über Liebe
und „beauté” läßt Alexis
schon Bovillard philosophieren (Alexis, S.
42) sogar die für Schachs Problem so entscheidende
„beauté diable” definiert dieser (Alexis,
189). Mirabeau (Alexis, S. 296), die stereotype Rede
von der „schönen Frau”
[18] , der vielbeschworene
„Geist des großen Friedrich” (Alexis,
S. 232) und die Debatten über den leergewordenen Ehrbegriff
[19] fand Fontane bei
Alexis vorgeprägt. Bülow ironisiert in Schach
dessen Redeweise über die„Säulen auf denen Preußen
ruht”, bei Alexis tat dasselbe ein fortschrittlich-kritischer
Major, dessen Sprechweise und Argumentationsstil
denen Bülows ungewöhnlich ähnlich ist:
Der General ging.
„Eine aus lauter Preußentum konzentrierte Säure!”,
sagte der Major.
„Und doch immer noch einer der Bessern”,
entgegnete der Rat. (Alexis, S. 307)
Damit
mag es genug sein und ich könnte mich mit dem Resümee
I. M., Langes begnügen:, wonach Schach von Wuthenow
[...] das Grundthema von Ruhe ist die erste Bürgerpflicht
zu höchster künstlerischenr Vollendung” führte
[20] , es geht mir jedoch
nicht um die Auslotung literarischer Einflüsse oder
„Intertextualitäten“, aber: Literatur
gehörte für Fontane tatsächlich zum Bereich des „Wirklichen”,
der zum Stoff werden konnte. Das gleiche gilt freilich
auch für Alexis, der sich zum Beispiel für die breit
ausgesponnene Episode der Liebesintrige gegen die
Eitelbach und Dohleneck ausdrücklich an Choderlos
de la Clos und Sue orientiert
[21] , für das Motiv der zur Verführung herzurichtenden Unschuld deutlich erkennbar an
Theodor Mundts Madonna und Lessings
Emilia, Stoff- und Motivtraditionen,
deren sich auch Freytag bedient, wenn er eine vergleichbar
Episode zwischen einer Dienstmagd, ihrem Bräutigam
Hans und dem Inspektor eines adligen Gutsherren spielen
läßt.
Schließlich gelingt die Perfektionierung des entscheidenden
Moments der Fontaneschen Erzählweise, des Dialogs,
der Causerie, nicht von ungefähr in dieser Novelle,
die so unverkennbar unter dem mitprägenden Vorbild
von Alexis stand und „dem unendlichen Gespräch”,
das dessen Roman in der Formulierung Wolfgang Beutins
[22] darstellt.
Manchmal
wird dort der Dialog gedoppelt durch erzählten Dialog.
Ein Beispiel:
„Stellen Sie
sich vor, schöne Frau, der Professor da[...]meint,
wenn's mit den Franzosen losgeht, wäre es doch sehr
zweifelhaft, wer Sieger bleibt.” Man blickte
verwundert und halb erschrocken auf den Redner oder
auf die glücklicherweise entfernte Gestalt des Mannes
in Rede.
„Na,
auf Ehre, 'sist wahr” setzte der Offizier hinzu.
„Er räsoniert von Bonapartes Genie als Feldherr;
nun, das mag er
haben, wir lassen's ihm [...].Aber als ich
ihn fragte, was er denn zu unsrer Armee meinte, wissen
Sie, was er sagte? [...] Hören Sie, ich hab's des
Spaßes wegen behalten: uns stehe ein Heer gegenüber,
das aus dem jugendlichen Volksbewußtsein stets neue
Kräfte schöpft [...], ob wir denn mit unseren geschlossenen
Phalangen von altem Ruhme, aber ohne deren Genius
[...] uns getrauten eine Kraft zu werfen, die ewig
neu wächst? Ich sage Ihnen, es war zum Bersten.”
(Alexis, S. 40).
[23]
Das entsprechende
Thema kommt auch bei Freytag vor:
„Er ist ein Korse,”
rief verächtlich der Reiterleutnant, Baron Hille[...]
„Ohne
Zweifel,” bestätigte der Einnehmer. „Ob
dieser Mann aber als Korse, als Franke oder als Gallier
nichtsnutziger ist, vermag ich nicht zu entscheiden.
Ich höre jede dieser drei Eigenschaften an ihm tadeln.
Vielleicht würde der Herr Baron uns sagen, weshalb
man der Insel Korsika nichts Gutes zutrauen darf.”
„Der
Kerl und sein republikanisches Gesindel werden laufen,
wenn sie von preußischen Husaren attackiert werden”
rief der aufgeregte Leutnant wieder. Ein beifälliges
Summen der Offiziere bestätigte die Worte. Auch die
vom Zivil nickten mit dem Kopfe.
„Der
Kaiser trägt hohe Stiefeln”, sagte der Einnehmer,
„die mögen ihn wohl bisher am Laufen gehindert
haben. Denn diese Eigenschaft hat er noch nicht sehen
lassen; wenn er es ja einmal versuchte, ist er noch
immer vorwärts gekommen.” (Freytag, S. 339f.)
Beide
Passagen stellen nicht nur Napoleons Genie über preußische
Mittelmäßigkeit, sie haben darüberhinaus ein deutlich
mimisch-satirisches Moment der Selbstentlarvung hohlen
preußischen Dünkels, und sie formulieren erkennbar
die Position des jeweiligen Autors. Ich hatte die
Absicht, eine entsprechende Passage aus Schach
von Wuthenow anzufügen, deren ich mehrere zu erinnern
glaubte: Spricht doch Bülow wiederholt über
die Rückständigkeit der preußischen Armee,
das Genie Napoleons, etc. Es gibt aber im Text nirgendwo
das zitierfähige Gesamturteil, das weder Freytag noch
Alexis dem Leser
für irgendeines ihrer
ihnen wichtigen Themen schuldigbleiben. Bülows
Sottisen stehen bei Fontane das Lob anderer, notfalls
des Erzählers entgegen, der
Preußenkritik die Worte – und die Metapher
– vom „Schwanengesang”
[24] , so wie Bülows Schlußbrief
von dem Victoires aufgewogen wird. Gerade daran nahm
Georg Lukács Anstoß, sozusagen im Namen aller, die
Fontane einen „unsicheren Kantonisten schalten.
Diesen Vorwurf wenigstens konnte man weder
Alexis noch Freytag machen. Sie hatten nicht nur jeder
eine feste Position, sie stellten sogar ihre Romane
in deren Dienst.
Das
zentrale Thema der drei Texte, Der Zustand Preußens
vor Jena, eignet sich bestens dazu, diesen Unterschied
zu illustrieren:
Wenn
ich solch ein Haus (das Bordell) betrachte und die
Wirtschaft darin, werde ich unwillkürlich an unsern
Staat erinnert. (Alexis, S. 231).
Das
sind des jungen
Bovillards, also Alexis' Worte. Später präzisiert
der alte Fuchsius:
Wir
stimmen darin, wenn Sie in der Verbrecherwelt nur
einen andern Abklatsch der höhern Stände erblicken.
(Alexis II, S. 265),
und die Fürstin
Gargazin beschwört gar göttliches Urteil:
Lebe
wohl, Babel! Du und dein Reich sollen vergehen!”
(Alexis II, S. 405 [und sie meint damit Berlin].
Ganz ähnlich wieder
Freytag:
Denn
das meiste, was der Bürger bis dahin mit scheuer Ehrfurcht
betrachtet, hatte sich verächtlich gezeigt. Streng
waren die Kleinen bevormundet worden, jetzt waren
die höchsten Behörden, die ersten Offiziere in ihrer
hohlen Eitelkeit und in der Erbärmlichkeit ihres
Charakters erwiesen. (Freytag, S. 388)
Und auch
er sah in diesem Zustand die Voraussetzung für den
Wandel zum Besseren:
Aus
Trübsal und Gefahren steigt ein neues Leben empor;
was unhaltbar war, fällt um uns in Trümmer. (Freytag,
S. 390).
Gewiß:
Alexis' Kritik ist schärfer, seine politischen Vorstellungen
von denen Freytags deutlich unterschieden
[25] , sein Vertrauen auf
die sittliche Kraft des Bürgertums weit geringer,
dennoch: Gleichermaßen behandeln beide die Geschichte
als Material und Argument in der jeweils gegenwärtigen
politischen Debatte.
Daß Fontane über Preußen vor Jena „viel milder”
[26]
urteilte als Freytag und Alexis,
ist bekannt,
Denn schließlich war die Zeit lange
nicht so schlecht, wie sie gemacht wurde.
[27] ,
ebenso
wie er bestritt, „daß unsere Niederlagen, uns
sittlichend, eben dadurch unsere Wiedergeburt
erzeugte”
[28] . Daß er generell
die Literatur, die realistische Literatur, als mögliches
Spielfeld einer Tendenz entschieden verneinte, sollte
ebenso bekannt sein, ist möglicherweise durch die
vielen Versuchen der Literaturwissenschaft, ihn zum
Kronzeugen widerstreitender Tendenzen zu machen, verdeckt
worden. Im Vergleich unserer drei Texte tritt diese
Position in jedem Fall deutlich zutage, denn gerade
hieran, an einer vorausgesetzten Tendenz, entzündete
sich Fontanes Kritik an den beiden Kollegen: Bei
Alexis erkennt er die „Tendenz des Romans”
in der Absicht, den „Auflösungsprozeß”
zu zeigen
[29] .
Bei
Freytag findet er alles „herausgeklügelt”
und „einem doktrinären Zweck” untergeordnet:
„Infolge davon pulst kein Leben in dem Buch.”
[30] Fontane spricht Freytags
Roman damit nicht nur den Literaturcharakter ab–
das ohnehin:
im ganzen
genommen aber ist es trocken und ledern und mehr historische
Konrektors- als Dichter-Arbeit.
[31] –,
sondern
er spricht ein vernichtendes Urteil über dessen Realismus:
Wenn „kein Leben pulst”, kann „eine
Welt der Fiktion” eben nicht, auch nicht „auf
Augenblicke als eine Welt der Wirklichkeit erscheinen”
[32] . Es fehlt das, was
Henry James „the air of reality” nannte,
unabdingbare Voraussetzung, um „the illusion
of life” herzustellen
[33] .
Fontanes
Urteil über Alexis ist weniger scharf formuliert aber
ebenso dezidiert; er mißt ihn an Walter Scott:
Er [Scott]
kannte keine Tendenz; er wollte nicht, über den bloß
literarischen Erfolg hinaus, noch dieses oder jenes
[...] nicht Fragen lösen, nicht Vorbilder aufstellen,
nicht warnen, nicht Gerechtigkeit üben.[...] Er stand
über den Dingen. W. Alexis [...] stand immer mitten
inne. [34]
In
diesem Literaturverständnis sah Georg Lukács bei allem
Lob über das„kleine Meisterwerk” die Schwäche
Fontanes als eines„spätbürgerlichen Schriftstellers”–
nur glücklichen Umständen sei es zu verdanken, daß„die
Liebesgeschichte , bei allen ihren individualisierten
[...] Zügen, die typische Erscheinungsweise dieser
gesellschaftlich-geschichtlichen Grufdlage ist”:
Was
also der Novelle ihre wirkliche Größe verleiht, die
Verwesungsatmosphäre der Zeit von Jena, verdankt seine
Entstehung einem halben Zufall. Und auch nach ihrer
Vollendung ist sich Fontane gerade des entscheidenden
Gehalts keineswegs bewußt.
Uwe
Johnson hat im 4. Band der Jahrestage den Dogmatismus
dieser Äußerungen und seine möglichen politischen
Folgen dargestellt
[35] . Ich beschränke mich
auf die literaturtheoretischen:
Nach
Lukács Maßstab wäre Alexis weit über Fontane zu stellen,
denn in der Illustration gerade der Atmosphäre in
Preußen vor Jena läßt er sich von niemandem übertreffen,
und er war sich über sein Tun in jeder Phase klar.
Dies wenigstens
erkannte schon Fontane:
Sie
[die Lupinus] wählte er
aus, um an ihr vorzugsweise die Fäulnis unserer damaligen
Zustände, den verbrecherischen Egoismus, das Abhandengekommensein
jedes natürlichen Gefühls zu demonstrieren. Zu gleicher
Zeit war sie ihm ein Mikrokosmos aller Untat.
So
blind oder bewußtlos, wie Lukács
unterstellte, war Fontane nicht. Seine Figuren
sind nicht – jedenfalls nicht nur und nicht
in erster Linie – Demonstrationsobjekte und
das mit voller Absicht und aufgrund ästhetischer Überlegungen.
Das trifft auch auf Schach von Wuthenow zu.
Benno von Wieses Charakterisierung „Schach ist
hier weit mehr Repräsentant als individuelle Person”
[36] muß man, glaube ich,
wenn nicht umkehren, dann zumindest stark relativieren:
Natürlich ist er auch Repräsentant – z.B. „die
Verkörperung jener preußischen Beschränktheit, die
nur drei Glaubensartikel hat” (Schach, S. 24),
aber das kennzeichnet ihn nur unter anderem neben
einem ganzen Bündel von Eigenschaften, die ihn erst
zu fiktionalen „Illusion” einer „Welt
der Wirklichkeit” werden lassen. Und zu diesen
Eigenschaft gehört der Widerspruch, der stehengelassen,
nicht aufgelöst wird im Sinne und im Dienste einer
Tendenz. Er ist – um es mit den Worten C.F.
Meyers zu formulieren – „kein ausgeklügelt
Buch,/” sondern „[...] ein Mensch mit seinem Widerspruch”
[37] . Die Figur wird glaubwürdig
und macht auch die Novelle als ganze zu einer Geschichte,
an die wir glauben.
Alexis'
alter General, der in manchem einem alt gewordenen
Schach aus der Vorgeneration gleicht, geriet zur Karikatur,
und der oben zitierte Satz, er sei„doch immer
noch einer der Bessern” vollendet die satirische
Destruktion der preußischen Armee in Gestalt eine
Zerrbildes. Fontane wendet einen entsprechenden Dialog
ganz anders:
[Alvensleben:]
„Und doch unterschätzen Sie Schach. Er ist immerhin
einer der Besten.”
[Bülow:] „Um
so schlimmer.”
[Alvensleben:]
„Einer unser Besten, sag' ich, und wirklich
ein Guter.” (Schach, S. 24)
Das
ist nun nicht etwa die Apotheose Preußens, obwohl
Bülow im Schlußbrief Alvenslebens Charakterisierung
nahezu wörtlich übernimmt–„all seiner
Fehler unerachtet, immer noch einer der Besten”
(Schach, S. 131) -, aber es wird der typisierenden
Karikatur eine glaubwürdige Figur gegenübergestellt.
Poetische
Wahrheit erreichen zu wollen, war gleichermaßen das
Anliegen der drei Autoren: Alexis und Freytag aber
stellten sich jeweils „in den Dienst [einer]
Idee” um die von ihr durchleuchtete Welt in
ihrer ganzen Wahrheit” darzustellen, wie
es die bereits zitierten Worte Gottschalls
formulierten
[38] . Daß sie damit hinter
den Forderungen der Posie zurückbleiben mußten, hat
schon Fontane mit dem gebotenen Nachdruck überzeugend
nachgewiesen. Daß sie aus gleichem Grund aber die
beanspruchte Wahrheit ebenso verfehlen mußten, wird
als logische Notwendigkeit schon bei Einsicht in
den Zirkel des Verfahrens erkennbar: Die detailrealistische
Bebilderung einer vorausgesetzten Idee kann den Wahrheitsbeweis
weder für die Idee noch für ihre Abbildung erbringen.
Das wird im Vergleich der beiden Romane mit Fontanes
Novelle aber auch tatsächlich deutlich. Fontane ist
es– und Lukács hat damit ja so recht,
gelungen,
die gesellschaftlich-moralischen Gründe der Vernichtung
des friderizianischen Preußen in der Schlacht von
Jena durch das Auf und Ab einer Liebesgeschichte
in der Berliner 'Gesellschaft' blendend zu beleuchten”(Lukács,
S. 92)
–
obwohl er nach Lukács Kritik gerade diese Absicht
gar nicht hatte. Gerade andersherum wird es jedoch
richtig: Gerade weil er nicht mit dieser Absicht
ans Schreiben ging, gelang ihm der poetische Beweis
für die„Fäulnis unserer damaligen Zustände”.
Zu Alexis Roman faßte Fontane zusammen:
der Gedanke
war richtig, an einer einzigen Nachtschattenblüte
den ganzen Giftgehalt jenes Schutt- und Kehrichthaufens
von anno fünf und sechs zeigen zu wollen; aber er
versah es im Maß.
[39]
Die
ästhetische Orientierung Fontanes bewahrte Maß und
Balance und daher den Eindruck realistischer
Abbildung. An Alexis und Freytag hingegen bewahrheitet
sich Goethes Satz von der bemerkbaren Absicht, die
den Leser verstimmt.
Das
ist nicht etwa mein verspäteter Tribut an das Goethejahr.
Goethe kommt bei meinem Thema unmittelbarer ins Spiel
– ex negativo aus der Sicht Fontanes, denn sein
Lob Scotts – er habe „nicht Fragen lösen,
nicht Vorbilder aufstellen, nicht warnen, nicht Gerechtigkeit
üben” wollen
[40] , impliziert auch
eine Kritik von Konzepten ästhetischer Erziehung,
wie sie Goethe im Bildungsroman vor allem aber in
seinen Novellen realisierte. Die Entsagungspoetik,
die die Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten
und später auch die Novelle charakterisiert,
stellt in der Weise„Vorbilder” auf, wie
sie Fontane ablehnte.
Dabei
ist für den poetischen Realismus der deutschen Literatur
bekanntlich die Novelle zur wichtigsten Prosagattung
aufgestiegen und hat die erzähltheoretischen Debatten
in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts dominiert –
unter Ausschluß von Alexis' natürlich, aber auch Freytags
und Fontanes, der mit den Gattungsbezeichnungen,
wie man weiß ausgesprochen sorglos und unreflektiert
umging und sonst auch keine Novellen im Sinne des
zeitgnössischen Standards schrieb – mit Ausnahme
Schachs von Wuthenow:„sich ereignete
unerhörte Begebenheit”,„Falke”,
Wendepunkte, dramatischer Aufbau sind hier ohne weiteres
identifizierbar, der Novellencharakter kaum zu bestreiten,
auch dann nicht, wenn man sich nicht an diesen normativen
Kategorien orientiert. Und doch fällt dieser Text
aus dem„deutschen Novellenschatz” heraus–
ist in Heyses entsprechender Sammlung natürlich auch
nie aufgenommen worden.
Vielleicht
ließe sich aus der Spezialität
der deutschen Novelle und der deutschen Novellendebatte
die Besonderheit des eingeschränkten Ranges des deutschen
Realismus begründen. Und auch dabei kommt Goethe
ins Spiel. Die Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten
setzten, langezeit unerkannt, den ästhetischen, erzählerischen
und moralischen Rahmen, den die Novellengeschichte
im 19. Jh. ausfüllte – theoretisch, wie im
reichhaltigen „Schatz” ihrer Erzählungen.
Goethe läßt seine Erzählgesellschaft einen Lernprozeß
erleben, den sie anhand einer Entwicklung von Anekdoten,
über die nach den Kategorie „wahr” oder„unwahr”
zu urteilen ist, zu den„moralischen Erzählungen”
des zweiten Tages durchlaufen. Der Leser wird dann
noch einen Schritt weitergeführt zum„Märchen”.
In
der Novellentheorie des 19. Jh. wiederholt sich der
eine Teil dieser Bewegung in der Linie, die
sich von Wihelm Schlegels Qualifikation der Novelle
als „eine Anekdote, eine noch unbekannte Geschichte”
[41] über Wielands Postulat
einer„wirklichen Welt”, wo alles natürlich
und begreiflich zugeht”, (Theorie, S. 10) bis
hin zum Gestaltungsort der„tiefsten Probleme
des Menschenlebens” bei Storm (Theorie, S. 50)
zieht. Für den anderen Teil andere steht die Romantik,
vor allem Eichendorff, der sich polemisch gegen die„Zwecknovelle”
wandte (Theorie, S. 35). Für beide Bewegungen ist
seit Goethe gemeinsamer Maßstab die Forderung nach
besonderer ästhetischer Qualität.
Und
noch eine Parallele zur Goetheschen Novellenreflexion
ist auszumachen: Die deutsche Realismusdebatte zwischen
Wahrheit, Wirklichkeit und Poesie, der Realidealismus
also, bewegt sich zwischen den gleichen Polen und
postuliert den gleichen Maßstab. Mit Alexis –
„Des Dichters Aufgabe ist, die Menschen zu schildern
wie sie sind.” Aber von der Dichtung verlangen
wir [...], daß sie unsere Gefühle erheben und uns
die ewige Schönheit ahnen lassen soll” (Alexis
II, S. 332) – und Freytag, der „wahr nach
den Gesetzen des Lebens und der Dichtkunst”
erfinden „und doch niemals zufälligen Ereigniss
der Wirklichkeit” nachschreiben” wollte,
wiederholt sich die Argumentationsline von Schlegel
bis Storm, mit Fontane und seiner Polemik gegen den
außerästhetischen Zweck – scheinbar die
Position Eichendorffs, der entschieden dem Goetheschen
Vorbild zum Märchen zu folgen gewillt war.
Natürlich
ist Fontane kein Romantiker, aber er geht mit seiner
Forderung nach Illusion der Wirklichkeit zurück zur
Wahrscheinlichkeitskategorie Wielands, die in der
Verfälschung der Goetheschen Kurzdefinition der Novelle
„unerhörte Begebenheit” (korrekt muß
es heißen „sich ereignete unerhörte Begebenheit”,
Theorie, S. 28)
so häufig unterschlagen wird. Das reduziert
nicht den ästhetischen Anspruch, sondern es löst sich
vom ethischen Primat der deutschen ästhetischen Debatte–
nicht mit dem Ergebnis einer„unmoralischen Erzählung”,
wohl aber dem geringerer erzählerischer Angestrengtheit.
Die
Konzentration in Deutschland nicht erst seit 1850
– aber da verstärkt – auf die Novelle
als ästhetisch-moralische Erzählung war im deutschen
Realismus eine Flucht vor den Herausforderungen des
realistischen Gesellschaftsromans. Es ist bezeichnend,
daß Fontane der europäischen Entwicklung erst dann
nahezukommen wußte (erreicht hat auch er sie nicht),
als er die eher mißglückten Versuche moralisch-ästhetischen
Erzählens (Grete Minde, Ellernklipp, Quitt)
aufgab. Schach ist die einzig gelungene Novelle Fontanes.
Sie ist das Gegenstück zur „Nivelliererei”
(Keller) der „Normalnovelle”, die er im
Stechlin durch den ausschließlich zu diesem
Zweck in den Roman eingeführten Dr. Pusch satirisch
destruieren läßt:
Es gibt
eine Normalnovelle. Etwa so: tiefverschuldeter Assessor
und 'Sommerleutnant' liebt Gouvernante von stupender
Tugend, so stupende, daß sie, wenn geprüft, selbst
auf diesem schwierigsten Gebiete bestehen würde. Pötzlich
aber ist ein alter Onkel da, der den halb entgleisten
Neffen an eine reiche Cousine standesgemäß zu verheiraten
wünscht. Höhe der Situation! Drohendster Konflikt.
Aber in diesem bedrängten Moment entsagt die Cousine
nicht nur, sondern vermacht ihrer Rivalin auch ihr
Gesamtvermögen. Und wenn sie nicht gestorben sind,
so leben sie heute noch [...]
[42] .
In
der satirischen Übertreibung werden nicht nur die
Trivialmotive der damals inflationären Famlienblatt-Novelle
aufgespießt, sondern es wird das seit Goethe gültige
Grundprinzip der Novelle, erzählend eine Welt in Ordnung
bringen zu wollen, aufgehoben.
[43]
Was
im Stechlin quasi „theoretisch”
formuliert ist, hat Schach von Wuthenow 16
Jahre zuvor praktisch vorgeführt.
Dieses
Werk Fontanes war zugleich die Absage an den vaterländischen
Roman nach dem Muster von Alexis, Hesekiel und seines
eigenen Erstlings Vor dem Sturm und der Einstieg
in das, was an „sozialer Romankunst” in
Deutschland der 80er Jahre des 19. Jahrhunderts überhaupt
möglich war. Auch dies hat Hanjo Kesting auf einen
präzisen Begriff gebracht:
Unter dem
Aspekt der Lebenswirklichkeit ist der deutsche Roman
zwischen 1830 und 1880 kaum existent. Das lag nicht
nur an der Rückständigkeit der sozialen und wirtschaftlichen
Verhältnisse in Deutschland, sondern an der vorherrschenden
Neigung, die Wirklichkeit des Lebens einem Bildungsziel
und Ideal, manchmal auch einer Ideologie unterzuordnen.
[44]
und:
Fontane
war die große Ausnahmeerscheinung, er als erster und
einziger brach mit der klasischen Tradition [...]
Fontane erschuf den Roman für Deutschland neu, indem
er ihm einen ungeahnten Gehalt an zeitgenössischer
Wirklichkeit und sozialer Transparenz zuführte.
[45]
Natürlich
war es die von Fontane gesuchte intensive Begegnung
mit den europäischen Vorbildern,
die ihm das ermöglichte
[46] . Hugo Austs zwar
nur „auf das Schmalste reduzierte tabellarische
Lektüre-Chronik”
[47] zeigt immerhin, daß
Fontane vor Schach Scott, Thackeray, Gogol
Turgenjew, Fielding, Smollett, Galdós gelesen hatte.
Dickens fehlt auf dieser Liste– weil diese Lektüre-Erfahrung
selbstverständlich ist. Sie war es aber ebenso für
Freytag, und Scott hatten jener und Alexis (so intensiv
wie kein anderer) gelesen, was zeigt, daß Vorbilder
allein nicht ausschlaggebend waren.