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Orbis Linguarum Vol. 17/2001

Zbigniew Światłowski

Legnica/Rzeszów

Gottfried Benn oder furor melancholicus

Das Wort ?Turpismus? hat der polnische Dichter Stanisław Grochowiak um das Jahr 1960 geprägt. Er bezeichnete mit ihm literarische Gebilde, die der Tatsache Rechnung trugen, daß zur Wirklichkeit (der äußeren wie der inneren) auch Häß­liches oder gar Ekelerregendes gehöre, und daß die Welt vorwiegend aus Materie besteht, welche, der Zeit untertan, verfällt, verwest, zerbröckelt, Form verliert, frei­lich auch immer wieder sich zu neuen Formen amalgamiert. So ad infinitum, in dem blubbernden Durcheinander des Werdens und Vergehens. Grochowiak hat zwar den Namen, aber nicht den Turpismus selbst als eine Blickeinstellung? see­lische Gestimmtheit? poetische Strategie erfunden. Die Antike hielt es wie selbst­verständlich mit dem Grundsatz, daß natürliche Dinge (Verrichtungen) unmöglich häßlich sein können (?naturalia sunt non turpia?), und auch spätere Epochen ließen im Raum des Ästhetisches vieles zu, was erst das bürgerliche Jahrhundert, die Kunst im Wortsinn als schönen Schein begreifend, mit rigoroser Schärfe tabuisiert hat.

Man kann die Geschichte der Moderne unter diesem Gesichtspunkt beschrei­ben: wie die Tabuzonen nach und nach von Künstlern (Schriftstellern) in Beschlag genommen, wie immer mehr ?Schranken, Hemmungen, Vorurteile, also Selektions­mechanismen? (D. Wellershoff) außer Kraft gesetzt und neue Aufmerksamkeits­richtungen entwickelt werden und die Kunst (Literatur) sich anheischig macht, von der gesamten Wirklichkeit Besitzt zu ergreifen. Dieser Entgrenzungsvorgang hat seine Höhepunkte und seine Heroen. Wenn Charles Baudelaire in Paris der trium­phierenden und folglich parvenühaft auf das schöne Dekor stolzen Bourgeoisie zum Trotz das Aas zum lyrischen Objekt macht, so signalisierte das kommende Erdbeben, die alte Kunsttempel zum Einsturz bringen werden?

Auch im Literarischen war Deutschland eine verspätete Nation und selbst die sich sonst ungestüm gebärdenden Naturalisten schreckten nicht nur vor den zügel­losen Kühnheiten eines Baudelaire, sondern auch vor dem grellen Realismus eines Flaubert oder aber Zola zurück. Insoweit kam die Wirkung jener Handvoll Gedich­te, die der damals siebenundzwanzigjährige Gottfried Benn, 1913 unter dem Titel ?Morgue? zusammengestellt hat, einem Trommelschlag gleich, der aufhorchen, viele zusammenzucken ließ, auch Turmwächter auf die Zinnen rief, die nun auch in Deutsch­land die Barbaren auf dem Vormarsch erblickten. Man kann die hefti­gen Reaktio­nen nachvollziehen: Schon mit diesen Texten war das äußerste Maß an ?Un­verfro­renheit? und Schockwirkung erreicht worden. Es sind Momentauf­nah­men aus der ärztlichen Praxis, (Klein)szenen aus Leichenhallen, Prosektorien, Kranken­sälen, einseitig in der Blickrichtung, obsessiv auf Chemie und Physiologie der Körper­ma­terie fixiert, auch noch mit grausamem Hohn die Vorstellungen von Herrlichkeit, Würde, Schönheit und Glücksanspruch des Menschen zerfetzend. Keine Spur von Mitleid, eher Haß auf den mit eisernem Gesetz sich vollziehenden Kreislauf der Natur, der blühende Leiber in ?Klumpen Fett und faule Säfte? verwandelt und ? diese Idiosynkrasie steht im Zentrum von Benns Weltempfinden ? auf das wuchern­de Fleisch, die schwüle Sinnlichkeit, die verdreckten Kavernen des Inneren. Er gibt sich sachlich, aber er will, daß seine Gedichte Schmerz zufügen: Niemand, der sie gelesen hat, soll sich fortan den Mitmenschen anders als mit Ekel nähern.

Ist das Rhetorik? Ist das jugendliche Provokationslust?:

Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch-:

geht doch mit anderen Tieren um!

Mit siebzehn Jahren Filzläuse,

zwischen üblen Schnauzen hin und her,

Darmkrankheiten und Alimente,

Weiber und Infusorien,

mit vierzig fängt die Blase an zu laufen-:

meint ihr, um solch Geknolle wuchs die Erde

von Sonne bis zum Mond-? Was kläfft ihr denn?

Ihr sprecht von Seele ? Was ist eure Seele?

Verkackt die Greisin Nacht für Nacht ihr Bett- (?).

 (Benn 1978, Bd. 3: 12)

Ja, auf Provokation ? auf Provokation derjenigen, deren ? um Nietzsches Formu­lierung zu gebrauchen ? ?Existenzbedingung (?) die Lüge-: anders ausgedrückt das Nicht-sehn-Wollen um jeden Preis? ist, hat er es wirklich an­gelegt. Aber ?ju­gendlich? ist diese Dichtung nur in dem Sinne, daß Jugend immer schon Unbe­dingt­heit des Gefühls, abgrundtiefe Weltverachtung oder aber inbrünstige Welt­verliebtheit, auf der einen, rigorosen Wahrheitswillen und ehrfurchtslose Neugier auf der anderen Seite verkörpert, und folglich nicht anders kann, als jegliche Feig­heit sowie Lauheit des Empfindends und Urteilens zu hassen. Zugegeben: die Ge­dichte des ?Morgue?-Zyklus wirken effektheischend schreiend grell. Aber sie sind durchaus echt empfunden. Denn es war tatsächlich das Initiationserlebnis Benns, der zwischen 1905 und 1912 das Medizinstudium absolvierte und dann an den Ber­liner Krankenhäusern praktizierte: die penetrante Präsenz des Körperlichen in allen Stadien des Zerfalls, vor der alles Gerede über ?Seele? und ?Geist? sich ge­radezu grotesk ausnahm. Das Erlebte und Erfahrene brennt auf der Zunge, will hin­ausgeschrien, ad oculos demonstriert werden, auf daß es für jedermann hör- und sichtbar wird.

Der Vorzeigegestus ist in ?Mann und Frau gehen durch die Krebsbaracke? exem­plarisch ausgeprägt. Der Titel bezeichnet genau die ?lyrische? Situation. Er und sie besichtigen den Ort des Leidens und Sterbens. Für ihn, der, wie man vermuten kann, dort als Arzt arbeitet, bietet der Anblick nichts Neues, hier ist er ? das Wort klingt freilich reichlich paradox ? heimisch. Wozu aber dieser Rundgang in weib­licher Begleitung? Was bezweckt die insistierende Direktheit, mit der er der Besu­cherin die einzelnen Stationen erklärt (?Hier diese Reihe sind zerfallene Schöße/ und diese Reihe ist zerfallene Brust?), ja, sie dazu bringt, bei den grauenvollsten Fällen besonders lange zu verweilen, mit seinen Kommentaren den Eindruck der lähmenden Trostlosigkeit noch verstärkt: ?Komm, hebe diese Decke auf./ Sieh, dieses Fett und Säfte,/ das war irgendeinem Manne groß/ und hieß Rausch und Heimat? (Ebd., 14)

Er tut nichts anders, als jeder gute Pädagoge tut, der den Schülern die Lektion einprägen möchte: Er bedient sich anschaulicher Beispiele, steuert die Aufmerk­samkeit und ? schlägt Verbindungen zwischen den Exempla und ihren allgemeinen Bedeutungen. Ja, wir wohnen einer pädagogischen Reise bei, auf der ein simpler, in Unwissenheit gehaltener, ans schamhafte Wegsehen gewöhnter Geist eine Ini­tia­tion erlebt ? mit der unheilvollen Alchemie des Universums vertraut gemacht wird. Ein ? in Nietzsches Sinne ? ?furchtbarer? Mensch, dieser Mann des Ge­dichts, von der Art, zu der er wohl seine Partnerin ?heranzüchten? möchte, zeigt die Reali­tät, wie sie ist ? aus Widerstreben gegen die Heuchelei? aus Anstand? aus Ins­tinkt. Was geht hier vor? Die ? um wieder ein abgewandeltes Wort Nietzsches zu zitieren ? Selbstüberwindung der Illusion von der heilen Welt die Selbstüberwin­dung des Pastorensohnes in seinen Gegensatz ? den Nihilisten. Eine persische, wie Nietzsche sagt, eine denkerische Tugend: ?Wahrheit reden und gut mit Pfeilen schie­ßen.? Und Benn schießt: mit wutdurchglühten Invektiven, die all jene ?schö­nen Seelen, ?ho­mi­nes optimi?, Eltern, Erzieher, Dichter, Philosophen ? treffen sollen, die ihm An­deres vorgegaukelt, Gott an den Himmel gemalt, geistige Panazee gegen irdische Mühsal versprochen haben. Er zahlt ihnen heim, daß er aus den luftigen Höhen der ?jahrtausendalten Verlogenheit? so schmerzlich (weil vollends unvorbereitet) ab­stürzen mußte: in die Lichtlosigkeit der jeder Aussicht auf die Erlösung baren Kör­perlichkeit. So kann nur jemand sprechen, der sich vor Sehnsucht nach Transzen­denz verzehrt und es nicht ertragen kann, mit seinen Empfindungen und Gedanken, Tiefen und Räuschen nur Funktion der Materie zu sein: ?Ich brülle: Geist, enthülle dich!/ Das Hirn verwest genauso wie der Arsch! (?) Ein Fleckchen!/ Ein Fleck, der gegen die Verwesung spräche!!-/ Das Fleckchen, wo sich Gott erging!? (Ebd., 37) Ja, das ist er: ?Spürhund nach Gott und klein und krumm??(Ebd., 34)

Wie soll man da überhaupt leben, wenn einer ständig an Ekelgefühlen würgen muß? Wenn sich in einem alles dagegen sträubt, wie die anderen zu sein: mit ?Nah­rungssorgen, Familiensorgen, Fortkommensorgen? vollends ausgelastet (Ebd., Bd. 1: 492), das Schwierigste mit einer Standardformel vom Tische wischend, öden Belustigungen nachgehend, ohne jeglichen Sinn für Größe und Tragik? Die Frage zielt ins Zentrum von Benns Daseinsproblematik. Und er hat sie bündig beantwor­tet: ?Man soll ja auch nicht.? (Ebd., Bd. 4: 11) Die Erkenntnis ist auf dem Pa­pier geblieben. Aber gegen das Sosein der Welt, wie gegen die menschliche Ver­fassung hat Benn von den ersten Texten an einen erbitterten Prozeß angestrengt, hat sich in Grenzüberschreitungen versucht, nach gesteigerten Erlebnismöglichkeiten getrach­tet ? und überhaupt nach Wegen geforscht, die Existenzlast erträglicher zu machen. Die protäische Wandelbarkeit seiner geistigen Gestalt ist so zu erklären: als Abfol­ge von Abwehrstrategien? Zuerst wird es der radikale Solipsismus sein, der sich alle Probleme mit der Welt vom Halse schafft, indem er sie einfach nicht zur Kennt­nis nimmt. So verfährt Dr. Rönne, der unverkennbar autobiographisch fundierte Protagonist von Benns frühen Prosatexten, von denen er die meisten während des Ersten Weltkrieges, in der Brüsseler Etappe schrieb, wo er als Militärarzt seine Zeit nach dem verrichteten Dienst ?zwischen Schiebern und Exzellenzen? ver­brach­te, notgedrungen an ihren stumpfsinnigen Unterhaltungen und Kasinosit­zun­gen teil­nehmend. Auch wenn es ihm nur um den Preis höchster psychischer An­strengung gelang, so brach er doch nicht zusammen, im Gegenteil, er erlebte eine Phase ge­steigerter Produktivität und ekstatischen Freiheitsgefühls. Er lernt fürs Leben, wird die damalige Erfahrung immer wieder als Schutzschild gegen die Realität vorhal­ten: ?In Krieg und Frieden, in der Front und in der Etappe, als Offi­zier und als Arzt (?) an Betten und an Särgen, im Triumph und im Verfall verließ mich die Trance nicht, daß es diese Wirklichkeit nicht gäbe. Eine Art innerer Kon­zentration setzte sich in Gang, ein Anregen geheimer Sphären, und das Individuel­le versank, und eine Ur­schicht stieg herauf, berauscht, an Bildern reich und pa­nisch.? (Ebd., Bd. 4: 30)

Und Rönne wendet sich von der Wirklichkeit ab, versinkt in seine Gesichte, die voller sinnlicher Aufwallungen, südlicher Landschaften sind: Sie stehen für Ent­grenzungen, dionysischen Rausch (?tiefe Bacchanalen?) auch für Zeitentho­ben­heit, Ichvergessenheit, glückhaftes Untertauchen im Lebensganzen ? für jenen schmerzlos unbeschwerten Zustand, der dem Augenblick voranging, in dem der Mensch das Gehirn empfing und sich von der übrigen Schöpfung abtrennte. Ihm gilt Benns tiefste Sehnsucht: dem Ursprung, als das Unheil der Bewußtwerdung noch nicht begann. Das Nachfolgende hat er schon 1913 geschrieben und Dr. Rön­ne hätte es fertig zitieren können: ?O daß wir unsere Urahnen wären./ Ein Klümp­chen Schleim in einem warmen Moor./ Ein Algenblatt oder ein Dünenhügel,/ vom Wind Geformtes und nach unten schwer./ Schon ein Libellenkopf, ein Möwen­flü­gel/ wäre zu weit und litte schon zu sehr.? (Ebd., Bd. 3: 25)

Von Nietzsche sind wir weit abgekommen. Mit der Wahrheit auch noch zu leben ? das übersteigt die Kraft jener ?Art Mensch, die er (Benn) konzipiert?. Er braucht ? da die Uhr der Evolution sich nicht zurückdrehen läßt ? andere Abwehr­mittel. Zum Beispiel Drogen?

Er hat sie ? vor allem, wie Georg Trakl, das Kokain ? tatsächlich über Jahre eingenommen, war aber Manns genug, um die Sucht zu kontrollieren, dachte im Rückblick ergriffen an den Brüsseler Frühling 1916 zurück, als er ?am Rande lebte, wo das Dasein fällt und das Ich beginnt?. Denn darauf kam es an: Daß der Druck der Realität nachläßt, die bewußte Hirntätigkeit aufhört, Raum und Zeit nicht mehr als Schranken für das ?Verfließen? des sich ?entformenden? ?entschwei­fen­den? Ich empfunden werden, entfernteste Weiten und prähistorische Vergangen­heiten vor dem inneren Auge erstehen: ?O Nacht! Ich nahm schon Kokain,/ und Blutverteilung ist im Gange,/ das Haar wird grau, die Jahre fliehen,/ ich muß, ich muß im Überschwange/ noch einmal vorm Vergängnis blühen.? (Ebd., 53) ?Der Ich-Zerfall, der süße, tiefersehnte? (Ebd., 52) ? jetzt kann die eigentliche dichte­ri­sche Arbeit beginnen, jetzt meint er gottähnlich überall zugleich zu sein oder das Seiende auch vernichten zu können: ?O still! Ich spüre kleines Rammeln:/ Es sternt mich an ? es ist kein Spott!/ Gesicht, ich: mich, einsamen Gott,/ sich groß um einen Donner sammeln.? (Ebd., 54) Rausch, Allmachtphantasien, psychisches Fieber ent­formen auch die Sprache, entladen sich in hektischen Assoziationsreihen, treiben Wortneubildungen hervor, setzen syntaktische Ordnungen außer Kraft.

Es ist das Reich der Freiheit ? der selbstherrlichen Ich-Schöpfung? Was sich außerhalb dieses inneren Bereichs mit schwerfälliger Unausweichlichkeit, in end­losen Wiederholungen nach den eingeschliffenen Rastern des Denkens, Reagie­rens, Verhaltens abläuft, verwirft er als das Uneigentliche schlechthin, als sinnent­leerte Betriebsamkeit ? als verachtenswerte Verflachung und Degradierung des Menschlichen.

Er zieht Konsequenzen. Im Essay ?Irrationalismus und moderne Medizin? (1931) geht er so weit, den Hippokrates-Eid zu kündigen? Die Kranken heilen? Die Men­schen ?karitativ unterstützen?, diese ?widrigen Konsumententypen körperlich auf­bauen?, auf daß sie weiterhin in ihren ?Futtertrögen suhlen? können? Hat es ?ir­gend­einen erfüllteren Sinn, das rationalisierte Einzelwesen (?) in körperlichem Unverfall zu bewahren, wenn die Epoche nichts weiter hinter ihm erblickte, nichts weiter aus ihm machte als Pferdekräfte, Brauchbarkeiten, Arbeitskalorien, Kal­dau­nenreflexe, Drüsengenuß?? (Ebd., Bd. 1: 146) Man ahnt schon, daß die Antwor­ten negativ ausfallen müssen. Er wünscht all diesen ?Nützlichkeitsfanatikern? Ver­derben und Untergang, beschwört über sie Chaos und Katastrophen herauf: ?Faust­schlag gegen das Pamphlet des Lebens aus dem ausgefransten Maul hedonistischer Demokratien (?).? (Ebd., 17)

Diese Kritik differenziert nicht, ihr sind alle sozialen Stände, alle politischen Parteiungen gleich. Was sollen da auch feine Unterschiede, wo Benn doch haß­erfüllt das Prinzip selbst diffamiert, nach dem die Menschheit angetreten hat, Welt und Leben zu gestalten: die Ratio, die die Wirklichkeit kategorisiert, zergliedert, ausleuchtet, in Begriffe faßt, dies alles zu dem Zwecke, die Existenz möglichst ?behaglich? zu machen. Ihren endgültigen Triumph datiert er auf das 19. Jahrhun­dert, setzt ihn mit dem Heraufkommen der bürgerlichen Gesinnung gleich, welche, vollends auf das Materielle fixiert, den ?Gebrauchstyp? hervorbringt, ?den Mon­tagentyp, optimistisch und flachschichtig, jeder Vorstellung einer menschlichen Schicksalhaftigkeit zynisch entwachsen? (Ebd., 154); darauf bedacht, alle see­li­sche Unruhe, alles tiefer reichende Problembewußtsein mit Pillen und Sozial­the­ra­pien aus der Welt zu schaffen, von seiner Fähigkeit überzeugt, die Zukunft voraus­berechnen und steuern zu können, dabei innerlich ausgehöhlt, ohne echte Anhäng­lichkeiten, ohne moralische Substanz.

Er wußte das hier Beschriebene freilich viel eindringlicher als ich zu formulie­ren: ?Der Mensch ist gut, sein Wesen rational, und alle seine Leiden sind hygie­nisch und sozial bekämpfbar, dies einerseits und anderseits die Schöpfung sei der Wissenschaft zugänglich, aus diesen beiden Ideen kam die Auflösung aller alten Bindungen, die Zerstörung der Substanz, die Nivellierung aller Werte, aus ihnen die innere Lage, die jene Atmosphäre schuf, in der wir alle lebten, von der wir alle bis zur Bitterkeit und bis zur Neige tranken: Nihilismus.? (Ebd., 156)

Die Welt, wie Benn sie sieht, widerlegt alle Glücksrezepte und Fortschritts­theo­rien. Sie hat keine Richtung, keine höhere Motivierung; aus einem dunklen Ur­grund kommend, entwickelt sie sich im spasmatischen Rhythmus von sprunghaften Mu­ta­tionen, wird sie vom Zufall mal da, mal dort hindirigiert?

So argumentiert Benn in der großen Debatte um Sinn und Tendenz des histo­ri­schen Prozesses, die Ende der zwanziger Jahre stattfindet, als der europäische Geist sich allenthalben politisiert, in den Tageskämpfen Stellung bezieht, aus Parteipro­grammen Ziele und Hoffnung auf eine bessere Welt schöpft und für sie zu wirken sich bereit erklärt. Der Verlauf der besagten Debatte ist vorzüglich geeignet, Benns geistige Haltung als auch seine besondere Position im zeitgeschichtlichen Kontext zu charakterisieren. Politisch war Benn in den zwanziger Jahren nicht (früher aller­dings auch nicht) hervorgetreten und doch mußte er es sich gefallen lassen, daß man politische Maßstäbe an seine Dichtung ? an ihn anzulegen begann. Die Sache verhielt sich in Kürze wie folgt. Nachdem im Juli 1929 die höchst respektable ?Neue Bücherschau?, ein um geistige Unabhängigkeit bemühtes Kulturorgan, einen Benn enthusiastisch feiernden Aufsatz aus der Feder Willy Haas? veröffentlicht hatte, er­klärten zwei der KPD nahestehende Redaktionsmitglieder, der Dichter Johannes R. Becher sowie der Reporter Egon Erwin Kisch unter Protesterklärungen ihren Aus­tritt aus dem Redaktionskomitee und zwar mit der Begründung, daß sie unmöglich weiterhin eine Zeitschrift vertreten können, die solch verkehrte Werthierarchie gel­ten läßt. Benn warfen sie ?widerliche Aristokratie?, Menschenverachtung, Zynis­mus und Nihilismus vor. Und so wie sich Kisch zu der Behauptung verstieg, daß ?für ihn der literarische Lieferant politischen Propagandamaterials turmhoch über dem überlegenen Dichter steht?, so wußte Becher keine schlimmere Invektive für Benn als ?schöne Seele?. Aus der Sicht eines Zeitgenossen, der über Hals im Schlamm politischer Auseinandersetzungen stak, wahrlich eine Ungeheuerlichkeit?

Diesen Anfeindungen schleudert Benn eine wortgewaltige Tirade entgegen: ?Becher und Kisch gehen davon aus, daß jeder, der heute denkt und schreibt, es im Sinne der Arbeiterbewegung tun müsse, Kommunist sein müsse, dem Aufstieg des Proletariats seine Kräfte leihen. Warum eigentlich? Soziale Bewegungen gab es doch von jeher. Die Armen wollten immer hoch und die Reichen nicht herunter. Schaurige Welt, kapitalistische Welt, seit Ägypten den Weihrauchhandel monopo­lisierte und babylonische Bankiers die Geldgeschäfte begannen (?) und immer die Gegenbewegungen: mal die Helotenhorden in den kyrenischen Gerbereien, mal die Sklavenkriege in der römischen Zeit, die Armen wollen hoch und die reichen nicht herunter, schaurige Welt, aber nach drei Jahrtausenden darf man sich wohl dem Ge­danken nähern, dies sei weder gut noch böse, sondern rein phänomenal.? (Ebd., Bd. 4: 208f) Und mit noch mehr Nachdruck: ?(?) das ist extrahuman, wie kann ich denn verpflichtet sein, mich einem Prozeß zuzuwenden, dessen ideologische Aufmachung ich als erkenntniswidrig empfinde und dessen menschlicher Ursprung weit vor mir und weit fort von mir aus eigenen Kräften seinen Lauf begann und seine Richtung nahm? (?) Nein, mir kommt der Gedanke, ob es nicht weit radika­ler (?) ist, die Menschheit zu lehren: so bist du und du wirst nie anders sein, so lebst du, so hast du gelebt und so wirst du immer leben (?). Die Geschichte ist ohne Sinn, keine Aufwärtsbewegung, keine Menschheitsdämmerungen, keine Illu­sionen mehr darüber, kein Bluff.? (Ebd., 210) Und er läßt es sich schließlich nicht nehmen, dem heiligen Mythos der damaligen ? nicht nur der kommunistischen ? Linken, dem Sowjetland, am Zeuge zu flicken: ?Ja, es erscheint mir angebracht (?) nach allem, was man aus Rußland hört, dem einmal ins Gesicht zu sehen: dem Typischen des proletarischen Prozesses, der Immanenz des revolutionären Schocks, dem reinen Umschichtungscharakter der neuen Machtlage bei gleichgebliebener imperialistischer und kapitalistischer Tendenz.? (Ebd.) Er kündigt an, weiter sei­nen einsamen Weg zu ziehen, ohne sich für einen wie auch immer gearteten so­zialen Dienst vereinnahmen zu lassen. Und er nimmt für sich das Recht in Anspruch nur an sich ? an sein Werk denken zu dürfen. Ist das moralisch minderwertig? Be­deutet das sträfliche Vereinzelung und Verweigerung der Teilnahme an mensch­li­chen Angelegenheiten? Beileibe nicht, beharrt Benn. Auch er ist Teil einer Gemein­schaft, die möglicherweise mehr Gutes schafft als die politischen Weltbeglücker: Der ?Gemeinschaft derer, die der Menschheit zu dienen glauben, indem sie den Worten dienen, ich meine die Gemeinschaft der Künstler, Dichter, Schriftsteller, die den Härten des Lebens nichts anderes entgegenzusetzen haben als ihren Glau­ben, ihr Talent, und ihre Leiden (?).? So möchte Benn gesehen werden: als Geistes­aristokrat, der, sein Schicksal mit wenigen ähnlich Auserwählten teilend, die Gegen­wart in die universelle Perspektive der sich frei durch ?Äone? bewegenden, Kon­ti­nente und Jahrtausende zu einer erhellenden Formel zusammenpressenden Er­kennt­nis rückt?

1933 sollte man ihn anders erleben. Auch heute, nachdem so viele Erklärungs­versuche unternommen worden sind, kann man aus dem Staunen nicht herauskom­men. Gottfried Benn, der hochmütig Abwesende, der Lebens- und Menschen­ver­ächter, der, wie man allen Grund zu glauben hatte, im ?Hotel Abgrund? (G. Luk?cs) wohnlich Eingerichtete, wird von einem Tag auf den anderen zum wortgewaltig fanatischen Befürworter einer Diktatur, die gerade das verkörperte, was er am tief­sten hätte verabscheuen müssen: das auftrumpfend Plebejische, das demagogisch Marktschreierische, das von der Politik - und die war für ihn seit jeher der Inbe­griff des Geistlosen schlechthin ? Besessene. Er redet und publiziert, wo man ihn immer reden und publizieren läßt, er stellt Texte zum Zeitgeschehen in einem Schnell­ver­fahren her, wie es sonst die Tagesjournalisten tun. Er ergreift geradezu hemmungs­los Partei, zeigt sich gegen jeden Zweifel gefeit, läßt es sich konsequenterweise nicht neh­men, gegen Andersdenkende, gegen die ? so sieht er die Dinge ? Verständ­nis­losen mit der ganzen Wucht seines Sprachvermögens loszufahren. ?Halte dich nicht auf mit Widerlegungen (?), habe Mangel an Versöhnung, schließe die Tore? (Benn (I): 449) ? dies seine eigenen Worte.

Und er läßt sich Argumente für sein Bekenntnis zu den Braunbehemdeten ein­fallen, auf die wohl selbst die gewieftesten Nazipropagandisten, ja, nicht einmal Dr. Goebbels gekommen wären. Was er sagt, hat stilistischen Glanz und Furor, es beeindruckt durch die Brillianz der Ideenverbindungen, durch die Weite der Per­spektiven, die er da vor den Lesern-Zuhörern auftut. Kein Begriff ist ihm zu pathe­tisch, kein historischer Vergleich zu weit hergeholt, um die Bedeutung der ?natio­nalsozialistischen Revolution? zu verdeutlichen. Sie ist ihm ein säkuläres Ereignis, ein epochemachender Einschnitt in der Geschichte des Abendlandes, Ausdruck von ?ungeheuren geistigen Kämpfen?, in denen sich das deutsche Volk, lange Zeit durch allerlei ?irre, wurzellose Utopien; humanitäre, soziale oder pazifistische Ma­kula­tu­ren? (Ebd., 246) am klaren Sehen gehindert, zu seiner wahren Bestim­mung ? und zwar gleich stellvertretend ?für den ganzen Erdteil? (Ebd., 240) ? durchringt. Er läßt illustre Zeugen für dieses sein Epochenverständnis aufmar­schie­ren, zitiert ? um we­nigstens die charakteristischsten Beispiele zu nennen ? Fichte, Jacob Burck­hardt, Nietzsche, freilich auch eher obskure Denker wie Marinetti oder aber Julius Evola.

Am 24. April 1933 hält Benn indes die schnell berühmt gewordene Rundfunk­re­de ?Der Staat und die Intelektuellen?, mit der er seine Position für jedermann un­miß­verständlich kenntlich macht. Zum ?Tage deutscher Arbeit? am 1. Mai meldet er sich wieder zu Worte, um ? auch dies seine Originalformulierungen ? jenen ?großartigen geschichtlichen Moment? zu feiern, in dem ? die Tendenz dazu sieht er in deutschen Landen überall am Werke ? ?die Arbeit herausgeführt werden (soll) aus ihrem Makel als Joch, aus ihren Strafcharakter als proletarisches Leid, den sie die letzten Jahrzehnte trug?. Am 23. Mai holt er ganz groß aus. Den Anlaß liefert ihm ein privater Brief, den er von dem zu ihm seit Jahren ehrfürchtig auf­schauenden, nunmehr seinen politischen Umfall scharf kritisierenden Klaus Mann erhalten hat.

Benn sagt es dem Briefschreiber rundheraus, daß dieser mit seinem ?bürger­li­che(n) Neunzehntes-Jahrhundert-Gehirn? (Benn (IV), 81) den Sinn des gegen­wär­tig Geschehenden vollends verfehle, ja, überhaupt einem Begriff von Geschichte anhänge, welcher die Bezeichnung ?novellistisch?, will wohl besagen, ?blauäugig? und verhamlosend, verdient. Was wunder, daß dieses ?Neunzehnte-Jahrhundert-Gehirn? geistig gar nicht in der Lage gewesen sei, das Gesetzliche am Herauf­kom­men eines Menschentypus zu erkennen, der, ?dem unerschöpflichen Schoß der Rasse? entsteigend, ohne Rücksicht auf demokratische Gepflogenheiten, auf feine humanitäre Bedenklichkeiten und Empfindlichkeiten der ?liberalen und indivi­du­alistischen Ära? ?gesetzesverleugnend und moralumschaffend? (Ebd., 82) sich nun­mehr daran macht, ?die Idee seiner Generation und seiner Art in den Stoff der Zeit zu bauen.? (Ebd., 83) Sei es denn je anders gewesen? Sei das Große viel­mehr nicht immer schon in der Geschichte ?aus furchtbaren und gewaltsamen An­fängen em­por(ge)wachsen?? (Ebd., 79) Die Stunde habe wieder geschlagen, die Erde drehe sich um die Achse: ein Wendepunkt, wie es z.B. die Gründung des Rö­mischen Reichs oder aber ? für Benn gehören diese Erscheinungen in die gleiche Kategorie ? der Sieg eines neuen Baustils gewesen waren, an dem das Illusionäre an allen ?in­ternationalistischen Verbrüderungsträumen?, an allen pazifistischen und revo­lutionären Utopien blitzartig erhellt wird. Wer sehen wolle, der komme und schaue! Anderseits: ?Welch intellektueller Defekt, welch moralisches Manko? in dem ?großen Gefühl für Opferbereitschaft und Verlust des Ich an das To­tale, den Staat, die Rasse, das Immanente, nicht in der Wendung vom ökonomi­schen zum mythi­schen Kollektiv, in diesem allem nicht das anthropologisch Tie­fe­re zu sehen.? (Benn (I), 440) Nein, Benn hat beileibe nicht das Gefühl, die Kehre im Rausch ? im Zu­­stand der glückhaft von intellektualistischen Zweifeln entlas­tenden Bewußt­seins­vernebelung vollzogen zu haben. Im Gegenteil: nachdrücklich reklamiert er für sich die Würde der klarsichtigen Erkenntnis: ?Ich spreche im Na­men des Ge­dan­kens und derer, die sich ihm beugen.? (Ebd., 441) Und da er eben mit keinem ?in­tellektuellen Defekt? behaftet sei und sich auch keines ?moralische(n) Man­ko(s)? schuldig weiß, so fällt es ihm nicht schwer, ?frei über den Augenblick in die Zu­kunft hinein seinen Blick und seine Berechnung (zu) werfen (?) fast schon in einer Art von Erkenntnis, die das Gesetzmäßige nährt.? (Ebd.) Das Gesetz­mäßige: es sei überall am Werk; in Deutschland spreche es mit der mächtigen Stimme des wider die (After)weisheit der intellektuellen ?Elite? zur Kenntlichkeit gelangenden Volkes. Das Gesetzmäßige ? seine ?Formel heißt heute: internationale Sammlung (?), die vorwärtsgerichtete, ordnende, positive, die moderne Staatstendenz, die moderne Staatsidee (?) (Ebd., 442), von der ?typologische(n) Majorität? ge­tra­gen, ?von echten menschlichen Substanzen ernährt.? (Ebd., 443) Noch ein­mal: wer sehen wolle, der komme und schaue, wie sich ?ein neuer menschlicher Stil? bildet, wie der ?nationale Staat aus seinem ?politischen Grundbegriff heraus neue intelligible und ästhetische Formen? (Ebd., 446) entwickele! Und er stei­gert sich auch noch in eine Vision von - man bedenke: die Rede ist von Hitlers Reich ? geradezu unüber­bietbarer Schwülstigkeit: ?Es ist für mich kein Zweifel, daß es politisch in die Rich­tung jener ghibelinischen Synthese geht, von der Evola sagt, die Adler Odins flie­gen den Adlern der römischen Legion entgegen. Dieser Adler als Wappen, die Kro­ne als Mythos und einige große Gehirne als Beseeler der Welt. Mythologisch heißt das: Heimkehr der Asen, weiße Erde von Thule bis Avalon, imperiale Symbole darauf: Fackeln und Äxte, und die Züchtigung der Über­rassen, der solaren Eliten, für eine halb magische und halb dorische Welt.? (Ebd., 255) Und weiter: ?Da steht das Geschlecht: Geist und Tat, transzendenter Realismus und heroischer Nihilis­mus (?). Zusammengeschmolzen die Architektur des Südens und die Lyrik des Nebellandes; Hochwuchs der Atlantide; ihre Symbolwerke werden große Gesänge sein, Oratorien in Amphistadien, Strandchöre der Meerfischer, Muschelsym­pho­nien in Kalkhallen und mit den Hörnern der Urjäger. Unendliche Fernen, die sich füllen, ein großer Stil bereitet sich vor.? (Ebd., 255)

Daß ich so ausführlich zitiere, ergibt wohl einen Sinn; anders ? und spräche ich mit tausend Zungen ? könnte ich dem Leser die Unverhältnismäßigkeit zwischen dem, was Benn über den ?historischen Augenblick? zusammendichtet, und den Ge­gebenheiten gar nicht klarmachen. ?Solare Eliten? ? sie müßten wohl den Reihen der SS entsteigen. ?Die Lyrik des Nebellandes? ? ist es möglich, daß er an so was wie die Balladen eines Agnes Miegel oder eines Freiherrn Börries von Münch­hau­sens gedacht hat? ?Oratorien? hat es in der Tat schon in Fülle und Hölle gegeben: ein Preisausschreiben der ?Deutschen Arbeitsfront? wurde mit 489 ?Thingspielen? beliefert. Ob die Asen sich tatsächlich zur ?Heimkehr? anschickten, muß freilich dahingestellt bleiben. Auch was der Dichter mit ?Muschelsymphonien in Kalkhal­len? gemeint haben mag, kann ich mir so recht nicht erklären. Es muß aber gewiß etwas ausgesucht Erhabenes gewesen sein. Wie mußte indes die Lage in den Mo­naten, als Benn all dies schrieb, demjenigen erscheinen, der nicht am Horizont nach den Asen Ausschau hielt und möglicherweise auch für die Musik, wie sie die ?Hörner der Urjäger? erzeugen, nicht so viel übrig hatte? Das berüchtige ?Ermäch­tigungsgesetz? war im März 1933 in Kraft getreten und Deutschland in kurzer Zeit zum totalitären Einparteienstaat geworden. Die Unantastbarkeit der Person, des Eigentums, der Korrespondenz galten als unvereinbar mit der Staatsräson; auch machte sich der neue Staat anheischig, die ? um dies mit Benn auszudrücken ? ?Ge­dankenfreiheit, Pressefreiheit, Lehrfreiheit (?) aufs speziellste zu über­wachen.? (Ebd., 446) So konnte es nicht ausbleiben, daß ?gewisse erste Ränge leergefegt, gewisse Geistergüter weniger in Schwung gehalten? (Ebd., 444), will besagen: den Flammen übergeben, aus den Museen entfernt, auf die übelste Weise beschimpft wurden. Man weiß: es ist keine Hyperbel. Am 12. Mai 1933 wurden allein in Ber­lin 20000 Bände in einer ? hat sich Benn durch diesen Aspekt der Sache angetan gefühlt? ? fast wie ein ?Gesamtkunstwerk? inszenierten Aktion verbrannt, darunter Werke von Benns expressionistischen Weggenossen, Kurt Pinthus, Ernst Toller, Albert Ehrenstein. Weiter. Im Laufe weniger Monate des Jahres 1933 verlor die von Benn kommissarisch verwaltete Sektion für Dichtkunst fünfzehn Mitgleider, darunter alle Juden. Den um ihren Sitz in der Akademie gebrachten und bald auch mit Berufsverbot belegten ?Dichterlingen? erging es immerhin glimpflicher als jenen vielen Tausenden, die zur gleichen Zeit inhaftiert, in den Gestapokellern ge­prügelt, in die Kzs eingewiesen wurden. Genug. Die Fakten sind sattsam bekannt.

Nun will ich ganz naiv fragen, was Benn von den politischen, sozialen, kultu­rellen Realitäten des Dritten Reiches überhaupt gewußt hat? wissen wollte?? Wie hat er die Informationsflut gefiltert?? Oder hat er es einfach gemieden, sich vom Strom, der da viel Trübes mittrug, überhaupt benetzen zu lassen? Oder hat er, um sich dieses Ja abringen zu können ?die theoretischen und ästhetischen Bezirke vom Wirklichen zunächst abgetrennt?? (Die Formulierung verdanke ich Karl Heinz Bohrer) Einfach in die Saiten gegriffen, um schön zu tönen?

Benn: ?Das Parteiprogramm. Ich hatte es nie bis zu Ende studiert, was auf keiner der NS.-Versammlungen gewesen, hatte weder vor noch nach 1933 eine NS.-Zeitung oder Zeitschrift abonniert (?).? (Benn (IV), 71) Ob er nach dem 30. Jänner 1933 mit den führenden Männern des Regimes in persönlicher Berührung gekommen ist? Auch dies wohl nicht; er jedenfalls will sich nur an eher peinliche Begegnungen bei verschiedenen Anlässen mit untergeordneten Nazi-Chargen erinnern. Er hätte sich freilich über das Denkniveau und den Bewußtseinsstand der Parteispitze aus­reichend informieren können, wo doch genug schriftliche (Ent)äußerungen von Hit­ler etwa vorlagen. Eigentlich klug von ihm, daß er seinen Glauben an die ?so­la­ren Eliten? nicht dem Härtetest unterworfen hat, zu dem für ihn, den Liebhaber des zuchtvoll ?gestylten? Wortes die Lektüre von, sagen wir, ?Mein Kampf? oder aber ?Mythos des XX. Jahrhunderts? geworden wäre. Er will sie, die neuen Herrscher doch so sehen: tatentschlossen, gegen humanitäre Anwandlungen durch einen Pan­zer aus strotzender Vitalität gewappnet, dabei durchaus denkgeübt, ?artistische, pro­duktive Typen?, der Philosophen und Dichter ebenbürtige Partner. ?Eine Ran­schmeißerei der übelsten Art?, wie Franz Fühmann bezeichnet? (Fühmann 1994: 436) Auf die Art begreift man wirklich nichts. Immerhin ? aine Analogie sehe ich durchaus ? hat ein Novalis in dem ziemlich farblosen Friedrich Wilhelm dem Drit­ten nichts weniger als einen ?mystischen Souverän? (so in berühmten Abhandlung ?Glaube und Liebe?) erblickt? Und nicht anders ging es bei den Azteken zu, als sie den landenden Spanier ansichtig wurden und sofort ? weil eine alte Wahrsa­gung die nun eintretende Situation vorwegzunehmen schien ? zu glauben bereit waren, Götter vor sich zu haben. Es waren bekanntlich keine.Der Rausch verfliegt. In die Sommermonate 1934 ? seit der Machtübernahme sind wenig mehr als zwölf Monate vergangen ? fallen die letzten Texte Benns, wo Gedanken anklingen, wie man sie aus den Essays und den öffentlichen Auftritten des vergangenen Jahres kannte. Ab diesem Zeitpunkt wird man von ihm keine einzige Äußerung verneh­men, die man als Zustimmung, sei es zu den ideologischen Voraussetzungen, sei es zur politischen Praxis des III. Reiches auslegen könnte. Auch verschwindet er voll­ends aus dem offiziellen Literaturleben. So nachdenklich seine früheren Entschei­dungen stimmen mögen, so bedarf sein neuerlicher ?Umfall? wohl keines langen Kommentars. Der Hitlerstaat ist soziale Realität geworden, man konnte den neuen ?Phänotyp?, ?die solaren Eliten? in Aktion sehen und sich näher über ihre Geistes­verfassung sowie menschliche Qualität informieren; der Tatsachensinn hatte die Chance, sich wieder das Geltungsrecht zu verschaffen. Was Benn erfährt, ist un­endlich schäbig. Es ist übrigens eine Schäbigkeit, die sich im Besitz der Macht weiß, sich also unverschämt arrogant und herrschsüchtig zeigt, auch jede Gelegen­heit nutzt, zuzuschlagen. In der autobiographischen Schrift ?Doppelleben? (ent­stan­den zwischen 1943-9) hat er darüber detailliert berichtet; wer?s will, mag es dort nachlesen. Hier gilt es freilich, der Frage nachzugehen, wie eine Persönlichkeit vom Range Benn mit solchem Illusionsverlust, mit solch brutaler Widerlegung des noch kürzlich imperativisch Behaupteten fertig wird? was sie daraus lernt? wie sie es für weitere geistige Produktion ausnutzt?

Der Sturz konnte nicht heftiger sein. Schon im August 1934 schreibt er an die befreundete Schriftstellerin Ina Seidel: ?Ich lebe mit vollkommen zusammen­ge­knif­fenen Lippen, innerlich und äußerlich. Gewisse Dinge haben mir den letzten Stoß gegeben. Schauerliche Tragödie! Das Ganze kommt mir allmählich wie eine Schmiere, die fortwährend ?Faust? ankündigt, aber die Besetzung reicht nur für ?Hu­sarenfieber?. Wie groß fing das an, wie dreckig sieht es heute aus.? (Benn 1957: 58) Und er beschließt, sich unsichtbar zu machen, unterzutauchen, dem Zwang zu Lippenbekenntnissen zu entgehen, die von ihm zu hören man immerhin schon gewöhnt war. Wie das bewerkstelligen? Er bewirbt sich um die Aufnahme in die Wehrmacht, wird auch aufgenommen und darf ab März 1935 seinen Dienst als Sanitätsoffizier in Hannover verrichten. Die Uniform wird er bis zum Ende des Reiches nicht ablegen. Die Armee bietet ihm den Windschatten, in dem er die wid­rige Zeit zu überstehen hofft. Auch die materielle Sicherheit ist nicht zu ver­ach­ten. Und schließlich noch dies: Er hat Muße, um nachzusinnen ? an sich und seinem Werk zu arbeiten. Publizieren darf er nicht, nachdem er mehrmals in offiziellen Pu­blikationen als Vertreter ?der entarteten Kunst? ? seine expressionistischen An­fänge hat man keineswegs vergessen und alles, was er zum Ruhme der ?Neuen Ord­nung? geschrieben hatte, war wohl als Buße nicht genug ? heftig attackiert wor­den ist. Aus der Reichsschrifttumskammer, der staatlichen Schriftsteller­ver­einigung wurde er ebenfalls ausgeschlossen, woran sich auch noch das Verbot ?jeder weite­ren Berufsausübung? anschloß. Das Gute ist: er braucht keine Rück­sicht darauf zu nehmen, was die braunen Kulturverwalter, was das Publikum von ihm erwartet.

Was in jener Zeit ? in Hannover, dann in Berlin und schließlich in Landsberg an der Warthe (Gorzów Wielkopolski), wohin er 1944 abkommandiert wurde ? entstand, gehört zum Belangvollsten, das er überhaupt geschrieben hat und auch sein Nachruhm ist zu einem guten Teil auf diese Texte gegründet. Das Schrille, Überspitzte, unkontrolliert Eruptive, das vielen vor 1933 entstandenen Texten an­haftete, ist einer beherrschten Nachdenklichkeit gewichen, die aus Denkergebnis­sen und Gefühlsmaterie Kondensate herausdestilliert und in formvollendete Wort­konstruktionen faßt. ?Alles gelingt. Kein Absinken in Sentimentalität, keine aufge­setzten Schnodderigkeiten, keine Tricks, um über leere Stellen hinwegzugelangen, wie vorher, wie auch später wieder. Alles ist wesentlich, jeder Gedanke und jedes Bild.? (Wellershoff 1958: 143) Nun gilt die Erkenntnis, die sich in dem schon zitierten Brief an I. Seidel fand: ?Es gibt nur die Form und den Gedanken.? (Benn 1957: 61) Nun ist die Entscheidung für den Rest des Lebens gefallen: Er, der sich eine Zeitlang auf der Seite der ?Geschichtlichen?, die da ?handeln und hochwol­len?, befand, wird fortan jede Berührung mit jenem Bereich tunlichst vermeiden, wo über Menschenschicksale verfügt wird, die Zukunft verplant, am Körper der Gesellschaft laboriert wird. Man könnte diese seine späten Schriften wahrlich als ?Betrachtungen eines Unpolitischen? überschreiben?

Einem zum Verstehen von Benns Werdegang unerläßlichen Denkmotiv muß noch genauer nachgegangen werden. Wenn er 1932 sich über den europäischen Nihilismus Gedanken macht, 1933 sich in pathetischen Rekonstruktionen der ?do­rischen Welt? versucht, 1935 gegen die historischen Täter und für die ?Stillen?, die ?Nachdenklichen?, ?die schwarzen Kutten? Partei ergreift (Benn 1978, Bd. 4: 284), 1951 sich mit ?Probleme(n) der Lyrik? auseinandersetzt ? immer sind es Plädoyers für den Gestaltungswillen, Konstruktionsgeist, formende Schöpferkraft, die den modernen Wertzerfall überwinde, die ?materialistisch-mechanische Form­welt durchstößt und aus einer sich selbst setzenden Idealität? (Ebd., Bd. 1: 151), das Grauen des Nichts banne und der Menschheit ? dem Volk eine ?ganz neue Mo­ral und Metaphysik? biete ? ?Moral und Metaphysik der Form.? (Ebd., 159)

Das ist Benns Art den bewunderten Nietzsche umzudeuten: in den Propheten einer Ära ?nach dem Nihilismus?, in der Geist als eine ?dem Leben übergeordnete Instanz? ?im Kunstwerk eine Welt aufrichtet und eine überwindet, formend über­windet.? (Ebd., 474) Der Künstler also als der von Nietzsche imaginierte Über­mensch, der keiner Transzendez, keiner Vertröstung auf ein Jenseits, auch keiner moralischen oder soziologischen Begründungen bedarf, um produktiv zu werden. Die Kunst als die Religion der Zukunft, das Einzige, was die Welt und das Menschen­dasein vor dem Tribunal des Geistes zu rechtfertigen vermag. Eine Kunst freilich ? dies kann nicht nachdrücklich genug herausgearbeitet werden ? nicht nach dem Geschmack des bürgerlichen Zeitalters, nicht im Sinne des modernen Konsum­menschen, der unterhalten werden und gespiegelt werden will mit seinen banalen Wünschen und Bestrebungen, mit seinem Interesse an ?reich Epische(m), (?) psy­chologischen Verkleisterungen, Kausalität, Milieuentwicklung.? (Ebd., 160) Son­dern: Kunst als Artistik, Suche nach dem vollkommenen, einzig möglichen Aus­druck, ?Proportion, Realisierungszauber, Bindung an einen Stil? (Ebd., 161), ?Ge­nauigkeit der Wortgefüge, Seltenheit der Bestandteile, Glätte der Oberfläche, Über­einstimmung des Ganzen? (Ebd., 412), unvergänglich schöne ?Anordnung von Sät­zen, Worten, Vokalen.? (Ebd., 413) Und: Kunst als ?Sieg über nackten Tatbestand und zivilisatorische Sachverhalte? (Ebd., 292), als ?Gegenbewegung gegen reine (?) Vegetation.? (Ebd., 291) Kunst als anthropologischer, letztendlich also auch historischer Faktor von einer durch nichts anderes zu übertreffenden Wirkung?

(Da konnte es allerdings geschehen, daß Benn ?artistisch produktive Typen? in den Führern des Dritten Reiches erblickte und in dem Umbruch des Jahres 1933 den gleichen Willen zu Form, Stil, ?Einarbeitung ideellen Seins in das Material? (Ebd., 291) am Werke sah, wie bei seinen Meistern, Schöpfern absoluter Wort­kunst, Stefan George z.B. oder aber den Expressionisten, die er auf diese merk­würdige Weise den Nationalsozialisten genehm zu machen versuchte. Nun: Seit 1934 ist er die Illusion losgeworden, daß ?die Vereinigung von Geist und Macht? möglich sei)

Diese Überzeugung prägt also das von ihm in den Jahren des Schreibverbots Ge­schaffene. (Ohnehin hätte man ihn seine neugewonnenen Einsichten kaum pu­blik machen lassen.) 1945 ist Benns Schublade voll von unveröffentlichten Texten, darunter ein Buch Lyrik, ein Buch Prosa, ein Band Essays. Das Wort ?Schublade? trügt, denn vorsorglich hat sie Benn seinem Freund und Mäzen, dem Bremer Pa­tri­zier Friedrich Wilhelm Oelze zur Aufbewahrung anvertraut. Als die Rote Armee heranrückt, entkommt Benn nach Berlin, wo er auch das Kriegsende heil übersteht. Die Zukunft bleibt freilich höchst ungewiß, außerdem sind die ersten Nachkriegs­monate durch äußerste materielle Not gekennzeichnet. Er hat einen weiteren Grund, tief niedergeschlagen zu sein: Seine Frau, die er aufs Land verschickt hatte, wo sie ihm besser aufgehoben als in der Großstadt zu sein schien, beging im Juli 1945 Selbstmord. Ein Jahr lang leidet er unter Schreibhemmungen und bereits Vorhan­denes darf er nicht publizieren, da er doch auch für die andere, antifaschistische Seite eine persona non grata ist; man hat seine Wortmeldungen nach der braunen Machtübernahme nicht vergessen, während man über seine weitere Entwicklung nicht weiß. Allmählich wird er praktisch und seelisch mit der neuen Lage fertig. Auch beginnen die westlichen Alliierten die Denazifizierungsmaßnahmen läß­li­cher zu handhaben, so daß Benn endlich daran denken kann, wieder vor die Öffent­lich­keit zu treten. 1948 ist es soweit; zunächst druckt der Züricher Arche-Verlag ?Sta­tische Gedichte?, allesamt in den Jahren des erzwungenen Schweigens entstanden, und fast zum gleichen Zeitpunkt nimmt sich Max Niedermeyer seines Werkes an, das er über Jahrzehnte betreuen? edieren? engagiert vertreten wird. Nun erschei­nen Benns Bücher in rascher Folge: der Roman ?Ptolomäer?, die unter dem Titel ?Ausdruckswelt? zusammengefaßten Essays, umfangreiche Gedichtsammlung ?Trunkene Flut? ? dies alles nur im Jahre 1949. Das Echo übertrifft alle Erwar­tung. Enthusiastische Presserezensionen erscheinen, Germanisten nehmen Benn in ihre Vorlesungs- und Forschungspläne auf und auch junge Literaten bekennen sich zu ihm. Beinahe über Nacht sieht er sich auf jene Ruhmeshöhen hinaufkatapultiert, auf denen bis jetzt ? unerreichbar für ihn ? sich solche Größen wie Rilke, Hof­mannsthal oder aber George ergehen durften. Wahrlich, ein singuläres Comeback. Mit künstlerischen Gründen allein ist es nicht ausreichend zu erklären, so sehr Benn auch durch ausgeprägte Modernität seiner Sprachkunst fasziniert haben mochte, die radikal von dem abstach, woran man in den zwölf Jahren des Dritten Reiches gewöhnt war. Hier fand man, was man mit dem Begriff der ?Avantgarde? verband und wovon vor allem die jüngere Generation nur eine vage Vorstellung hatte: artis­tischen Glanz, formale ?Zauberkünste? interesselose Freude an der Sprachge­stal­tung. Hier konnte man das Gefühl haben, auf den Höhen der Weltkultur zu verwei­len, von wo aus das der Vereinnahmung durch Zeitideologien trotzende Ich souve­rän die Welt überblickt ? sich auf sie ? dies in beiden Bedeutungen der Redewen­dung ? einen eigenen Reim macht. Hier drängte sich einem sofort die Erkenntnis auf, einer singulären Persönlichkeit zu lauschen, die keinem anderen schreibenden Zeitgenossen auch nur im geringsten gleicht.

In der Tat: Man kann sich schwerlich einen größeren Unterschied denken als den, der zwischen den zur gleichen Zeit entstehenden Werken (Erzählungen, short stories, Romanen) der jüngeren Künstlergeneration und Benns Gedichten sowie Prosa bestand. Auf der einen Seite betonte Realitätsnähe, Genauigkeit im Abspie­geln von Alltagskonstellationen, Schreiben als brüderliches Zugehen auf den Mit­menschen, an dessen Erfahrungen und Erlebnissen die Autoren teilhaben, und die sie auch in seiner Sprache wiederzugeben trachten; auf der anderen Seite hochmü­tiges Wegblicken über die Niederungen der Gegenwart, schärfste Intellektualität, kurz: eine Schreibhaltung, die, überhaupt nicht daran interessiert, die Welt ?abzu­bilden?, ?wirkliche Menschen in wirklichen? Situationen agieren zu lassen, gerade das Artifizielle an der (Wort)kunst herausstreicht, auf jeden vordergründigen Re­alismus zugunsten der freien Bewegung von Denkinhalten verzichtet, auch den Begriff einer geschlossenen Persönlichkeit mit höhnischer Radikalität verab­schie­det: ?Warum Gedanken in jemanden hineinkneten, in eine Figur, in Gestalten, wenn es keine Gestalten nicht mehr gibt? Personen, Namen, Beziehungen erfinden, wenn sie gerade unerheblich werden?? (Ebd., Bd. 2: 154)

Was noch zähle, sei einzig allein Ausdruckswille, der Geist in der ewigen ?Am­bi­valenz zwischen Bilden und Entgleiten? (Ebd., Bd. 1: 437), Kunst ? um dies noch­mal zu sagen ? als die letzte mögliche Transzendenz.

Aber das alles hätte die Gemüter nicht so heftig bewegt, wenn Benn nicht die Seelenlage der Zeit getroffen, ihre dunklen Empfindungen in luzide Formeln ge­bracht, ihren Erfahrungen Rechnung getragen, ihrem Wollen philosophische und dichterische Legitimation verschafft hätte.

(?) niemand kann die Geschichte anders sehen denn als die Begründung von Mas­sen­morden: Raub und Verklärung -: der Mechanismus der Macht. (Ebd., Bd. 2: 137)

Das Abendland geht meiner Meinung nach gar nicht zugrunde an den totalitären Sys­temen oder den SS-Verbrechen (?), sondern an dem hündischen Kriechen seiner In­telligenz vor den politischen Begriffen. (Ebd., Bd. 4: 281f)

Gedanken töten, Worte sind verbrecherischer als irgendein Mord, Gedanken rächen sich an Helden und Herden. (Ebd., Bd. 1: 385)

Wünsche für Deutschland: Neue Begriffsbestimmung für Held und Ehre. Ausmer­zung jeder Person, die innerhalb der nächsten hundert Jahre Preußentum oder das Reich sagt. (Ebd.: 388)

In solchen Sentenzen erkannten sich viele deutsche Leser wieder, die nach dem Durchgang durch die Infernos der modernen Geschichte desillusioniert, glauben­los, auch allergisch gegen ?große Worte? geworden, in ihnen Argumente für die eigene Geschichtsmüdigkeit und Geschichtsskepsis, für den eigenen Abscheu vor ideologisch (patriotisch) motivierter Gewalt, ja vor dem Handeln überhaupt fan­den, sich durch sie von der Verpflichtung entbunden fühlten, das Karusell welt­po­litischer Ereignisse (Machtkämpfe) zu verfolgen, wechselnde Losungen sich anzu­eignen, sich für und wider zu entscheiden, hinter wechselnden Fahnen herzu­ziehen, sich selbst zur Opfergabe darzubringen. Es sahen sich durch Benn auch all dieje­ni­gen bestätigt, die nach dem Erlebten den gesamten Entwicklungsgang der Mensch­heit als einen Irrweg zu erkennen glaubten, der nun, in einer Sackgasse auslaufend, ein tristes, völlig unpathetisches Ende nehme. Viele stimmten also in seine Abge­sänge auf das ?Abendland? ein, gewannen dank ihm das Gefühl höherer Einge­weit­heit darin, was die Stunde mit sich bringt. Und mochte manch ein nüchterner Geist ihm intellektuelle Inkompetenz vorwerfen, so war es vor dem Hintergrund der kürz­lich erst erloschenen Krematorien von Auschwitz, in Erinnerung an Millio­nen Tote des Weltkrieges, im Wissen um den Zusammenbruch so vieler Hoffnungen und Ideale kaum möglich, der wuchtigen Rhetorik solcher Passagen zu widerstehen: ?(?) es handelte sich nicht mehr um den Verfall des einzelnen Menschen, auch nicht einmal einer Rasse, eines Kontinents oder einer sozialen Ordnung, eines ge­schichtlichen Systems, sondern etwas weit Ausholendes geschah: die Zukunfts­lo­sigkeit eines ganzen Schöpfungswurfes trat in das allgemeine Gefühl (?) mit einem Wort: das Quartär ging hintenüber. Nicht dramatisch, nicht wie das Ende einer Schlacht (?) Hier würden noch einige ideologische Draperien aus dem historisch-politischen Fonds (?) einige Generationen benebeln, in Asien würden sie noch einige Opfer für die Hexen und einige Gebete für die Wasserratten vor die Tempel tragen, aber dort wie hier alles abgespielt und ohne tiefen Glauben (?). Was sonst noch da war, würden ein paar Reste einsamer Seelen sein, etwas sehr bewußter, tief melancholischer, schweigend sich erlebender Geist-: aber das Dogma, das vom Homo sapiens, war zu Ende.? (Ebd., Bd. 2: 219)

Daß Benn die abendländischen Ideo- und Theologien in einem schnoddrig-zyni­schen Ton abfertigte, ohne je weinerlich zu werden, steigerte noch die Wirkung seiner Argumentation; dies war die Tonart, mit der die vielfach gebrannten Zeit­ge­nossen mit den Zeitläuften fertigzuwerden gewohnt waren. Denn dieser feinsinnige poeta doctus konnte, wenn?s nottat , durchaus grob werden und Worte wie Waffen gebrauchen, die wehtun, verletzen, zu Boden werfen können. Man lese nur, wie er seine hitlerhörigen Landsleute charakterisiert: ?Ein Volk (?) im ganzen unberührt von der moralischen und ästhetischen Verfeinerung benachbarter Kulturländer, phi­losophisch von konfuser idealistischer Begrifflichkeit, prosaistisch dumpf und unpointiert (?) läßt eine antisemitische Bewegung hoch, die ihm seine niedrigsten Ideale phraseologisch verzaubert, nämlich Kleinbausiedlungen, darin subventio­nier­ten, durch Steuergesetze vergünstigten Geschlechtsverkehr, in der Küche selbst­ge­zogenes Rapsöl, selbstbebrüteten Eierkuchen, Eigengraupen, am Leibe Heimat­kur­keln, Gauflannel und als Kunst und Innenleben funkisch gegrölte Sturmbannlieder (?) Ein Turntreck im Garten und auf den Höhen Johannisfeuer ? das ist der Voll­germane. Ein Schützenplatz und der zinnerne Humpen voll Bock, das sei sein Ele­ment.? (Ebd., Bd. 1: 315f)

Wahrlich, in diesen späten Jahren war er kein versponnener Schwärmer mehr, gab sich keinen Täuschungen über das Beharrungsvermögen des Soseins hin, trug den Daseinsnotwendigkeiten durchaus Rechnung, war auch seinem Lebenswandel nach kein Bohemien, ging kein Risiko ein, wußte sich seiner Haut zu wehren ? mit Zynismus, mit Rollenspielen und Täuschungsmanövern. Dies war seine Strategie des Doppellebens, wie er sie im Prosastück ?Der Ptolomäer? (1947) den Zeitge­nos­sen als Mittel anempfahl, das Eigene im Ansturm des Fremdbestimmten zu bewahren. Der ?Ptolomäer? also ? mit der abgrundtiefen Fremdheit zwischen dem Ich und der Welt (wie Benn selbst) wohlvertraut, versucht er gar nicht, sie zu über­brücken, sondern täuscht vor: Anpassungsbereitschaft, Bürgertugenden, Interesse für Mitmenschen, sogar sozial-politisches Engagement, kurz: ?Normalität?. Als Inhaber eines Salons für Kosmetik betreibt er die Erzeugung des schönen Scheins als eine einträgliche Einkommensquelle. Milde und tolerant, ist er bereit, jedem der Kunden in seinen politischen, ethischen und sonstigen Ansichten zuzustim­men. Ja, er zwingt sich sogar ?beifälliges Gemurmel? (Ebd.) ab, wenn die Zeit­ge­nossen ?das Leben mit Haut und Haar fressen, seine letzte Blödheit, seine niedrig­ste physiologische Fassung als Verdauung, als Sperma, als Reflexe.? (Ebd.)

Und doch sind das alles ?Ablenkungsmanöver?, die sein wahres Selbst unsicht­bar machen sollen. Hinter der unauffälligen Bürgermaske verborgen pflegt er den Reichtum ?seiner geistigen Visionen?, hält er den Kopf für schwindelerregende (kunst)metaphysische Erlebnisse frei: ?Nein, ich bin kein Pessimist ? woher ich stamme, wohin ich falle, das ist alles überwunden (?). Ich trage kein Wissen um meine ?Geworfenheit?, wie die modernen Philosophen (?). Sich abfinden und gelegentlich auf Wasser sehen. Handgriffe, Lotion, Kundendienst für das psycho­physische Ideal ? ganz auf der Höhe: ein vielgewanderter, selbständig gewordener Coiffeur. Die Erfahrungen des Lebens und dann in gewissen Stunden dieses Erd­teils letzter Traum. Die Geier und die Wasserrosen, das Geschäft und die Hallu­zi­nationen.? (Benn 1978 (2): 256) ?Wir alle leben etwas anderes, als wir sind?? (Ebd., 212).

Dieser Haltung wußte Benn die Würde der klarsichtig das Gesetz der histori­schen Stunde durchschauenden Erkenntnis zu verleihen. Sein Fazit der Perspekti­ven: es werde kein ?Nach-dem-Nihilismus? geben, keine neue Mutation der abend­ländischen Menschheit, nur noch stagnierendes, auf seine primitivsten Funktionen reduziertes Dasein.

Die Entsubstanzialisierung der Geschichte? die Entsubstanzialisierung der Be­griffe? die Entsubstanzialisierung der Menschenperson ? ?das Innere ein Vakuum /?/ die Persönlichkeit /wird gewahrt von den Anzügen?, ?die historischen Reli­gio­nen von fünf Jahrhunderten zertrümmert?, die ?ideologischen Draperien? zerfetzt.

Ja, dies sei wahrlich die Stunde der Introvertierten, welche sich in eine beinahe schon ?autistische Realität? zurückziehen, um dort Gesichten? Berauschungen zu leben. Die Stunde der mönchischen Existenzen ? der ?schwarzen Kutten, welche durch Entschluß, Riten, Verzicht auf das Gewohnte (?) die Weltausweitung lö­schen und in einer stummen Tat (?) die Vereinigung der verlorenen Dingwelt vollziehen.? (Ebd., 223)

Es ist Benns eigene Haltung. Ein vornehmes Über-den-Dingen-Stehen, Sich-Offenhalten für die Schicksalsstunden der Seele? der Poesie, wenn man ?schweigt und die Ewigkeiten vorüberziehen, alles sich zu Schweigen und Traum? sammelt; ?gesteigertes, provoziertes Leben ? Spannungen, Extraits? (Ebd., 247) mit weit ?geöffneten Gesichten, Ein- und Ausstrahlungen immenser Art, weiten Fugen und Gewölben? (Ebd., 247), ?entwicklungsloses Bewußtsein, steil und tatenlos, in sich gekehrt unter Böen aus Nirvana? (Ebd., 251) ? dies also an Stelle des weltver­än­dern­den Elans, der ruhelosen Lebensneugierde und ?lust, auch an Stelle der bür­gerlichen Emsigkeit. Statt der vielen Reize, wie sie die Zivilisation an den moder­nen Phänotyp heranträgt, die Konzentration auf das Allerwesentlichste ? die Ar­beit am ?Ausdruck?, dem einzigen, das ?verweilt?. Statt ?Parolen?, politischen, weltanschaulichen etc. Gemeinplätzen, das nachdenkliche Graben in den eigenen existentiellen ?Beständen.? (Ebd., 232) ?Panoptikum, Bilder, Fragmente? von ?Fra­gen koloriert? (Ebd., 226), ?die hohe Ästhetik des Glasbläsers? (Ebd., 241), welcher die Welt ?als Hauch aus einem Pfeifenrohr? (Ebd., 232) hervorzaubert und wieder ?zu einem Nichts in sich zusammensinken läßt?, statt des ?Schwin­del(s) mit auswattierten Substanzsätzen? (Ebd., 252), will heißen statt des Denkens in Zusammenhängen ? logischen und historischen Kausalitäten. Und: kein Zappeln angesichts des Unvermeidlichen; nur: gelassenes Sichabfinden. ?Statisch? die auf diesen Voraussetzungen aufgebaute Existenz. ?Statisch? ? so bezeichnet er sie selbst ? die Gedichte, mit denen er 1948 zum kometenhaften Aufstieg der Nach­kriegsjahre den Anlauf nahm. Im Titeltext konnte man das lesen und die sprachbe­wußte Prägnanz der Formulierungen sorgte dafür, daß man sich an diesen Zeilen berauschte: ?Entwicklungsfremdheit/ ist die Tiefe des Weisen,/ Kinder und Kin­deskinder/ beunruhigen ihn nicht,/ dringen nicht in ihn ein./ Richtungen vertreten,/ Handeln,/ Zu- und Abreisen/ ist das Zeichen einer Welt,/ die nicht klar sieht./ (Benn 1978 (3): 236)

Es stellt sich die Frage nach den Voraussetzungen, somit nach der Repräsen­ti­vität und Aussagekräftigkeit solchen Dichtertums. Ich hole zunächst aus. In ?Men­schen getroffen?, für mich einem der schönsten Gedichte von Benn stehen am En­de Zeilen, deren nachdenkliche melancholische Warmherzigkeit in seinem gesamten Ouevre völlig singulär ist:

Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden,

woher das Sanfte und Gute kommt,

weiß es heute nicht und muß nun gehn (Ebd., 321)

Man lasse sich nicht täuschen, auch nicht durch die von Benn zur Schau getragene Abgeklärtheit. Er war ein Menschenverächter, vergleichbar darin mit Karl Kraus, Louis Ferdinande Celine, Thomas Bernhard, welcher übrigens ebenfalls Gelassen­heit als Adelszeichen des wahrhaft souveränen Geistes zu bezeichnen pflegte. Auch jenen berühmten Satz von Kraus hätte Benn gewißlich gern beherzigt, (nur freilich statt ?Wien? Berlin sagen müssen): ?Die Volkszählung hat ergeben, daß Wien 2030834 Einwohner hat. Nämlich 2030833 Seelen und mich?. Was sich Elias Ca­netti zu diesem misanthropischen Bonmot einfallen ließ, trifft übrigens auf Benn ebenfalls bestens zu: ?der Plural rückt es (das Wort ?Seele? ? Z.Ś.) in die Nähe der Toten Seelen Gogols, es sind Seelen, die eben keine mehr sind. In ihrer Vielzahl wird ihnen ihr Leben abgesprochen. Alle zusammen werden einem Einzigen ent­gegengestellt, der ?Ich? heißt, und dieses Ich wiegt sie auf (?).? (Canetti 1989, 254) Man kennt indes das Sprichwort ?wenn zwei dasselbe sagen??. Kraus war es um moralische Integrität? innere Wahrhaftigkeit der Menschenperson zu tun. Auch Bernhards Schelttiraden haben ihr Maß in ? ich habe mir diese für viele sicherlich ziemlich überraschende These wohl überlegt ? der altehrwürdigen Idee eines Menschentums, das unprätentiös Gutes will und tut? Das dürfte Benn ? ich will es in seinem schnoddrigen Originalton sagen ? völlig schnuppe gewesen sein; über moralische Fehltritte der Mitmenschen regte er sich nicht im geringsten auf, so wie ihn auch die Greuel der modernen Geschichte kaum anrührten. ?Das Jahr­hundert der Wölfe?? Aus seiner Sicht eine hysterische, weil aus Extremfällen ab­geleitete Diagnose. Den dominierenden Epochentypus sah er vielmehr so: ?Indivi­dualitäten! Orgasmus zu einer Stunde, später Weihwasser, auch Teilnahme an Fes­ten. (?) Gespenster! Leere! Gliedloses Gewoge! (?) Reize, Gewohnheiten, Ver­stimmungen der Höchstfall der Besonderheiten.? (Benn 1978 (2): 131f) ?Haltung, Mienen, Grimassen, alles Aufwärtsbewegungen (?)? (Ebd., 135). Er hält dagegen: ?Das Wesen des Menschen ist die Gestaltungssphäre. Nur in der Gestaltungs­sphä­re wird der Mensch erkenntlich, nur in ihr werden die Gründe und Hintergründe seiner Erschaffung klar (?)? (Ebd., 132). Und: ?Aus mir spricht die Zersetzung, wurde mir öfter erwidert. Nein, antwortete ich (?), aus mir spricht der abendlän­dische Geist, der ist allerdings die Zersetzung des Lebens und der Natur, ihre Zer­setzung und ihre Neusetzung aus menschlischem Gesetz (?).? (Ebd., 142) ?De­ge­neriert? seien vielmehr die ?Völker?, ?die in dem hausfraulichen Sinne den Geist eines durch zentrale Belieferung stillbaren Wohn-, Siedlungs- und Heimtriebes lehren? (Ebd., 132), ?erschöpft? die Rasse, die dem ?Glauben an das Leben? (Ebd., 246) verfallen war, statt sich von ?sublimeren denkerischen Bedürfnissen? (Ebd., 236) leiten zu lassen?

Das ist, muß man anmerken, ziemlich willkürlich dekretiert. Denn ?degene­riert? und ?erschöpft? sei die Menschheit nach Benns Bestimmungen immer schon ge­wesen und immer schon war den Menschen das Leben ?der Grenzbegriff, das Was­ser, das Palmenprofil in der Wüste? (Ebd., 246) und ?der Wohn-, Siedlungs- und Heimtrieb? ein Leitstern ihres Tuns und Strebens. Höchstens in der ? stark idealisierten ? Glanzzeit des alten Griechenlands findet Benn einen Phänotyp, der seinen Vorstellungen vom ?Wesen des Menschen? entspricht: schöpferisch genug, um Götter und Mythen zu zeugen, und auch der eigenen Existenzweise ?Ausdruck?, ?Form?, ?metaphysische Begründung? zu geben.

Es war dieser Gottfried Benn ein Künstler wie der von Thomas Mann zum pa­ra­digmatischen Fall der modernen Kulturkrise tiefsinnig stilisierte Adrian Lever­kühn: ein Zerebralmensch in der Nachfolge Schopenhauers und Nietzsches, der ?Tiefe?, für den ?das Leben kein zentrales, kein existentielles Gewicht? (Ebd., 246) besaß. Lag es an der gleichen (An)triebsschwäche, welche ? wieder bietet sich eine Tho­mas Mannsche Gestalt zum Vergleich an ? den Senator Thomas Buddenbrook dem Alltag entfremdet? ihn eine ?ptolomäische Doppelexistenz? führen läßt ? mitten unter ?lauter fertige(n) Persönlichkeiten, in denen Lebenswendung, Berufung, in­ne­rer Wandel immer in gradliniger, einfach zu beschreibender Form? (Ebd., 136) vorging? Es muß so gewesen sein. Wie hieß es doch bei Benn? ?Nichts gegen die Ordnung der Erde? (Ebd.), ?aber in uns ist etwas, das das nicht mitmacht, das sich irritieren läßt, sich von außen nach innen wendet.? (Ebd., 224)

 Zitierte Literatur:

?  Gottfried Benn: Gesammelte Werke 1-4. Stuttgart 1978.

?  Elias Canetti: Das Gewissen der Worte. Essays. Frankfurt am Main 1985.

?  Franz Fühmann: Briefe 1950-1984. Rostock 1994.

?  Dieter Wellershoff: Gottfried Benn. Phänotyp dieser Stunde. Frankfurt am Main / Berlin 1959

 
 
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