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Orbis Linguarum Vol.
17/2001
Erzsébet Forgács
Szeged
Jugendsprache ? Sprache
der Jugend?
1. Einführung
Auf
dem Umschlag des bekannten Buches von Claus
Peter Müller-Thurau ?Lexikon der Jugendsprache?
(1985) ist eine kleine Szene dargestellt. Ein Jugendlicher
spricht einen älteren
Herrn an: ?Chef, laß mal?n paar Stecken rüberwachsen!?
Da der ältere Herr vom Gesagten anscheinend nichts
versteht, kommt ihm ein junges Mädchen zur Hilfe: ?Mann,
schnall?s doch endlich, der will ?ne Schnecke angraben!?
Das Verstehen dieses kleinen Gesprächs könnte manchen
Schwierigkeiten bereiten, obwohl die Wörter selbst auf
den ersten Blick bekannt erscheinen. Sie haben hier
nämlich eine ganz andere Bedeutung, wie ?gewöhnlich?.
Die Übersetzung der jugendsprachlichen Szene in die
Standardsprache würde etwa so lauten: ?Du, Mann, gib
mir ein bisschen Geld!? Die Aussage des Mädchens bezieht
sich nicht auf die Gartenarbeit, sondern bedeutet in
salopp-umgangssprachlicher Übersetzung: ?Mann, kapiere
(?verstehe?) das doch endlich, er will ein Mädchen aufreißen
(?anmachen?)?.
Wie
dem Einführungsbeispiel zu entnehmen ist, weist die
Sprachverwendung der Jugendlichen besondere Merkmale
auf. Was diese Merkmale sind, d.h. was Jugendsprache
zur Jugendsprache macht, darauf soll im Folgenden eingegangen
werden. Zuerst sollen allerdings einige theoretische
Fragen kurz angesprochen werden: Was/wer ist unter
Jugend zu verstehen; was sind die Ursachen der Entstehung
der Jugendsprache, bzw. ihre Funktionen; was sind ihre
allgemeinen Stilzüge; auf welchen sprachlichen Ebenen
lässt sie sich charakterisieren. Die Besonderheiten
der Jugendsprache werden auf Grund von Texten gezeigt.
2. Was/Wer ist ?die Jugend??
Jugendsprache
soll ? der Bezeichnung nach ? die Sprache der Jugend
sein. Was, oder wer ist aber unter Jugend zu
verstehen?
Jugend
kann den Lebensabschnitt bedeuten, in dem man nicht
mehr als Kind, aber ? paradoxerweise ? noch nicht als
Erwachsener angesehen wird. Die Position der Jugendlichen
ist durch eine doppelte Verneinung, aber zugleich auch
durch eine doppelte Bejahung gekennzeichnet. Juristisch
gesehen ist diese ambivalente Übergangsperiode mit 18
Jahren, d.h. mit dem Erreichen der Volljährigkeit vollzogen,
ab wann man ? durch den Erwerb der vollen Geschäftsfähigkeit
und Strafmündigkeit ? als ?erwachsen? gilt. Die Grenzen
der Jugend als Lebensabschnitt lassen sich jedoch eher
durch das Bewusstsein des Einzelnen definieren.
Unter
Jugend werden hier Angehörige einer gesellschaftlichen
Gruppe verstanden, die sich in der oben skizzierten
Lebensphase befinden, die in ihrem Sozialisationsprozess
durch ihre gemeinsamen Anschauungen, Wertvorstellungen,
Interessen und Ziele miteinander verbunden sind. Diese
gemeinsame Lage findet auf unterschiedliche Art und
Weise ihren Ausdruck: in der Mode, in der Musik usw.
und nicht zuletzt in einer besonderen Sprache.
3. Funktionen der Jugendsprache
Eine
Gruppe von Menschen lässt sich in erster Linie durch
die gemeinsame Sprache definieren ? sei es eine ganze
Nation, eine nationale (oder auch ethnische) Minderheit,
eine Berufsgruppe oder sonst eine Sondergruppe in der
Gesellschaft. Die gemeinsame Sprache trägt wesentlich
zur Selbstgestaltung bei. Ihre Funktionen können stichwortartig
wie folgt zusammengefasst werden:
?
Ausdruck von Intimität
und Gruppensolidarität (?Wir-Gefühl? ? ?Ihr-Entfernung?);
?
Ausdruck von jugendlicher
Identität, von jugendlichem Lebensgefühl;
?
Möglichkeit der offenen
Gesellschaftskritik;
?
Abgrenzung von der von
Erwachsenen geprägten ? oft vielseitig interpretierbaren
? Standardsprache;
?
Profilierungsstreben
und Prestigegebaren (vgl. Henne
1986: 208; Reinke
1994: 397).
4. Jugendsprache ? Versuch einer Definition
Nachdem
Entstehungsursachen und die aus diesen abgeleiteten
Funktionen der Jugendsprache geklärt wurden, soll für
die weitere Untersuchung eine Arbeitsdefinition formuliert
werden. Dies erweist sich allerdings aus mehreren Gründen
als problematisch. Eine einheitliche Jugendsprache kann
nämlich gar nicht existieren: Die Jugend stellt keine
homogene Gruppe dar, dementsprechend existiert also
eine Vielzahl von Sprechstilen. Die andere Schwierigkeit
der Definition resultiert daraus, dass eine von den
anderen Varianten der Sprache scharf abgrenzbare Jugendsprache
nicht festzulegen ist: Die Übergänge zur Umgangssprache,
zur Salopp-Umgangssprache, zu den unterschiedlichen
funktionalen Verwendungsweisen, zu den anderen Gruppensprachen
oder sogar zu den Fachsprachen sind fließend. Die ?Jugendsprache?
stellt also keine gesonderte Sprache dar, ist eher eine
spezifische, für Jugendliche typische Verwendungsweise
der Sprache, die von der ?Erwachsenensprache? schon
deshalb nicht scharf abzugrenzen ist, weil diese beiden
nur Redeweisen, aber keine Kodes sind. Die Bezeichnung
?Jugendsprache? ist irreführend, da sie den Eindruck
macht, Jugendsprache habe eine eigene Lexik und eine
eigene Grammatik. In Wirklichkeit ist aber die Jugendsprache
eine schöpferische, spielerische, experimentell antikonventionelle
Abwandlung der Standardsprache. Die ?Jugendsprache?
ist eine jugendliche Sprechweise, die als ?spielerisches
Sekundärgefüge? betrachtet werden kann. (Vgl. Henne
1986: 208.)
5. Allgemeine Stilzüge der Jugendsprache
Die
Jugendsprache ist ? wie oben gesagt ? ein ?Sekundärgefüge?,
das sind in erster Linie umgangssprachliche (oder salopp-umgangssprachliche)
Sprechstile, die aber doch durch gemeinsame Merkmale
zu charakterisieren sind. Insgesamt kann die Jugendsprache
? nach der Einschätzung von Jugendlichen selbst ? durch
folgende Züge charakterisiert werden:
?
Sprachwitz (z.B. Erfindung
neuer Wörter, Umdeutungen);
?
Direktheit (oft betont
aggressives, unhöfliches Sprechen, innerhalb der Guppe
werden Höflichkeitsregeln außer Acht gelassen, keine
Notwendigkeit von ?Anschleimen?);
?
Spontaneität, und Kreativität
(Sprachspiele als Ad-hoc-Produkte, abgewandelte Sprüche
aus den Medien) und
?
Freiheit und Ungezwungenheit
(vgl. z.B. Wachau
1989: 77ff.).
6. Methodische Schwierigkeiten der
Untersuchung und Beschreibung der Jugendsprache
Die
Beschäftigung mit der Jugendsprache hat in den letzten
zwei Jahrzehnten einen Boom erlebt. Es sind zahlreiche
Lexika in diesem Bereich erschienen: selbst Müller-Thurau
hat neben dem bereits erwähnten ?Lexikon der Jugendsprache?
(1985) ein anderes ähnlich betiteltes Buch: ?Lass uns
mal ?ne Schnecke angraben? (1983) herausgegeben. Daneben
haben z.B. Hermann
Ehmann (1992) und Margot
Heinemann (1989) Wörterbücher aus der Jugendsprache
verfasst. Als Kritikpunkt bei den meisten derartiger
Werke ist zu erwähnen, dass die Authentizität der Belege
nicht immer gesichert zu sein scheint, und die Jugendsprache
oftmals als ein stereotypisiertes, beinahe mythisiertes
Medienprodukt angeboten wird (vgl. Schlobinski/Kohl/Ludewigt
1993: 10ff.).
Solche
unterhaltende ? auf dem Markt übrigens sehr gefragte
und sich leicht verkaufende ? Lektüren stellen die jugendsprachlichen
Persiflagen von bekannten Textvorlagen dar, wie die
des Nibelungenlieds (Claus/Kutschera
1986) oder sogar des Alten Testaments (Denger
1984). Derartige Texte sind als eine Art sprachliche
Parodie aufzufassen. Des Weiteren werden einige Bearbeitungen
des bekannten Märchens ?Rotkäppchen? nebeneinandergestellt,
damit die Charakteristika der jugendsprachlichen Variante
noch deutlicher erscheinen.
7. Ziele der sprachlich-stilistischen
Parodie
Die
sprachlich-stilistische Parodie kann unterschiedliche Ziele, und dementsprechend
unterschiedliche Erscheinungsweisen haben. Oft werden
z.B. bekannte Vorlagen ? wie die Gedichte von Goethe
und Schiller ? entstellt (vgl. den telegraphischen Erlkönig
in Riesel
1963: 236): zwischen Form und Inhalt, d.h. ursprünglicher
Aussage entsteht eine Kluft.
7.1.
Die Parodie hat oftmals das Ziel, einen humoristischen
Effekt hervorzurufen, wie z.B. der folgende Text, der
mit seiner abgekürzten Form wohl den modernen Zeitgeist
widerspiegeln möchte (vgl. Fluck/Maier
1986: 7, entnommen aus: Brigitte 6/84):
Rotkäppchen und der Wolf
(für Eilige)
Oma krank. Mädchen mit
Kappe
bringt zur Kranken Happe-Happe.
Wolf frißt Oma (wie gemein).
Mädchen tritt in Stube
ein.
Denkt: Das ist die Oma
nicht,
hat so?n komisches Gesicht.
Wolf frißt rotbekapptes
Kind.
(Sieht man mal, wie Wölfe
sind.)
Jäger kommt, tut Wolf
aufschneiden.
Schluß der Leiden für
die beiden.
Ende gut, vorbei die
Not:
Oma lebt noch, Wolf ist tot.
7.2.
Eine besondere Art Stilbruch entsteht durch die Kombinierung
unterschiedlicher Funktionalstile in dem Gedicht von
Rolf Krenzer:
Rotkäppchen
Kleines Mädchen, blonde
Zöpfchen,
rotes Käppchen auf dem
Köpfchen,
trägt Kuchen und Wein
fürs Großmütterlein.
Wolf kommt,
fragt promt:
?Wie kommt man zu dem
gewissen Haus??
Kurze Antwort: ?Dort
hinaus!?
So schlingt der Wolf
alles in sich hinein:
Großmutter, Rotkäppchen,
Kuchen
und Wein.
Ein Forstbeamter, bezahlt
vom Staat,
der mehr als Dienst nach
Vorschrift tat,
erlöst mit dem Messer
in der Hand
Großmutter, Rotkäppchen
samt Proviant.
Große Feier im Haus.
Märchen aus.
Die
Diminutivformen in der ersten Strophe sind für das sogenannte
Mutterische (für die Ammensprache) typisch, sie lassen
einen familiären Märchenstil erkennen, während die zweite
Strophe von der Amtssprache geprägt wird, und so erzeugen
die gänzlich unterschiedlichen Stilmerkmale einen ambivalenten,
wiederum humorvollen Stileffekt.
7.3.
Bekannte Vorlagen können in einen anderen Funktionsstil
übertragen werden, einerseits mit dem Ziel, durch die
Ambivalenz zwischen den stilistischen Merkmalen und
der Aussage/dem Thema einen komischen Effekt hervorzurufen,
andererseits die Stilzüge eines Funktionalbereiches
? meistens karikierend ? darzustellen. So wurden viele
bekannte literarische Vorlagen in die Amtssprache übersetzt,
so auch das Märchen ?Rotkäppchen? (Ladnar/Plottnitz
1976: 121):
?Rotkäppchen? auf Juristendeutsch
Als
in unserer Stadt wohnhaft ist eine Minderjährige aktenkundig,
welche infolge ihrer hierorts üblichen Kopfbedeckung
gewohnheitsrechtlich Rotkäppchen genannt zu werden pflegt
?
Vor
ihrer Inmarschsetzung wurde die R. seitens ihrer Mutter
über das Verbot betreffs Verlassens der Waldwege auf
Kreisebene belehrt. Sie machte sich infolge Nichtbeachtung
dieser Vorschrift straffällig und begegnete beim Überschreiten
des diesbezüglichen Blumenpflückverbotes einem polizeilich
nicht gemeldeten Wolf ohne festen Wohnsitz.
Dieser
verlangte in unberechtigter Amtsanmaßung Einsichtnahme
in den zum Transport von Konsumgütern dienenden Korb
und traf zwecks Tötungsabsicht die Feststellung, daß
die R. zu ihrer verwandten und verschwägerten Großmutter
eilends war.
Da
bei dem Wolfe Verknappungen auf dem Ernährungssektor
vorherrschend waren, beschloß er, bei der Großmutter
der R. unter Vorlage falscher Papiere vorsprachig zu
werden. Da dieselbe wegen Augenleidens krank geschrieben
war, gelang dem Wolf die diesfällige Täuschungsabsicht,
worauf er unter Verschlingung der Bettlägerigen einen
strafbaren Mundraub ausführte.
Bei
der später eintreffenden R. täuschte er seine Identität
mit der Großmutter vor, stellte der R. nach und durch
Zweitverschlingung derselben seinen Tötungsvorsatz unter
Beweis. Der sich auf einem Dienstgang befindliche Förster
B. vernahm verdächtige Schnarchgeräusche und stellte
deren Urheberschaft seitens des Wolfsmaules fest.
Er
reichte bei seiner vorgesetzten Dienststelle ein Tötungsgesuch
ein, welches zuschlägig beschieden wurde. Daraufhin
gab er einen Schuß ab auf den Wolf. Dieser wurde nach
Infangnahme der Kugel ablebig.
Die
Beinhaltung des Getöteten weckte in dem Schußabgeber
die Vermutung, daß der Leichnam Personen beinhalte.
Zwecks diesbezüglicher Feststellung öffnete er unter
Zuhilfenahme eines Messers den Kadaver zur Einsichtnahme
und stieß hierbei auf die noch lebende R. nebst Großmutter.
Durch
die unverhoffte Wiederbelebung bemächtigte sich der
beiden Personen ein gesteigertes, amtlich nicht erfaßbares
Lebensgefühl. Der Vorfall wurde von den Gebrüdern
Grimm zu Protokoll gegeben.
7.4.
Letztlich können bekannte Vorlagen auch in Gruppensprachen
übersetzt werden. So hat z.B. Uta
Claus und Rolf
Kutschera unter dem Titel ?Total tote Hose? zwölf
?bockstarke Märchen? (1984) in die Jugendsprache übertragen.
Das Ziel dabei lässt sich
eher erahnen, als mit Sicherheit erkennen. Uta
Claus schreibt in ihrem eigenartigen Vorwort
(?Etwas über mich und über die Sache?) Folgendes:
?Als
ich 1979 anfing, Märchen in Jugendsprache zu schreiben,
weil ich den Kontrast lustig fand (und man schließlich
nicht nur aus ernsthafter Arbeit bestehen kann), habe
ich übrigens auch selber gemerkt, wieviel Spaß es macht,
sich Ausdrücke auszudenken. Es ist also nicht alles
sprachauthentisch, was Sie jetzt zu lesen kriegen. Aber
munter soll?s machen.?
Ihr Aufruf zum Weiterlesen
lautet stilgerecht: ?Ab geht die Post??
Das
Hauptziel derartiger Arbeiten ist also Unterhaltung:
die erwachsenen Leser sollen Spaß daran haben, wie Jugendliche
? wenigstens angeblich ? reden. Der Unterhaltungswert
solcher Arbeiten ist desto größer, je überspitzter der
Stil ist. In diesem Sinne sind derartige Texte wiederum
Parodien. Meine Fragestellung lautet: Wie/wodurch erhalten
derartige Übertragungen ihren jugendsprachlichen Charakter,
d.h. welche Merkmale werden als ?typisch jugendsprachlich?
betrachtet? ? Bei der Beantwortung der Frage dient als
erste Grundlage die jugendsprachliche Variante des
Märchens ?Rotkäppchen? (Claus/Kutschera
1984: 51-54) (des Weiteren Text Nr. 1):
Ein Typ erzählt Rotkäppchen
In
dieser Story gehts um sonen reichen Zahn, der wohl mords
knackig aussah, aber durch die feine Family total out
war. Jede Menge Klamotten und sonen Plunder, aber dafür
immer auf liebes Mädchen machen und sonen Scheiß. Die
fuhr da aber entweder voll drauf ab oder blickte überhaupt
nich durch, jedenfalls machte se nie Rabbatz sondern
lief auch noch mit soner affigen roten Samtmütze rum,
die ihr die Großmutter mal verpaßt hatte. Jedenfalls
durch selbige antike Dame kam dann die ganze story ins
Rollen. Die hatte es wohl irgendwie umgehauen, wahrscheinlich
Migräne oder so, wie das bei diesen feinen Pinkeln ja
immer so is. Jedenfalls lag se in ihrer Poofe flach
und erwartet, daß die liebe Family anmarschiert kommt.
Die Alten vom Zahn hatten da wohl aber auch nicht gerade
den schärfsten Bock drauf, jedenfalls mußte der Zahn
jetzt mit sonem Freßkorb in den Wald latschen, wo der
Nobelschuppen von der maroden Alten stand. Und wie der
Zahn so durch den Wald schnürt, kommt doch son haariger
dunkler Typ angepirscht und ist unheimlich scharf auf
den Zahn, weil der so heiß aussieht. Die ist aber durch
ihre scheiß bürgerliche Erziehung total verklemmt und
läßt ne unheimlich blöde Quatsche raus. Der Typ denkt
wohl, daß er das schon irgendwie managed und macht auf
romantisch, so mit Blümelein, Vögelein und heiteitei.
Die kapiert aber wieder nich die Bohne was läuft und
will immer nur für die abgeschlaffte Alte Blumen griffeln.
Der Typ dreht fast durch, weil er den Zahn nicht krallen
kann, will aber unbedingt zu Potte kommen. Die Story
mit dem kranken Friedhofsgemüse hatte der Zahn ja beim
Blumenknacken an ihn rangelabert. Also nix wie hin in
die Villa, die alte Dame aus der Poofe geschmissen und
sich schon mal selber reingehauen. Als der Zahn endlich
angeschlurft kommt, schnallt der erst gar nix. Hat wohl
seine Linsen nich drin oder ist sonstwie ein bißchen
behämmert. Vielleicht isse aber auch cleverer als se
aussieht, und hat total kapiert, was Sache is, steigt
aber voll auf die Masche ein. Jedenfalls nach sonem
bißchen Geplänkel von wegen großer Nase und Augen und
so ist die Sache geritzt, der Typ griffelt sich den
Zahn und vernascht ihn. Die Kiste wär ja auch ganz o.k.
gewesen, wenn nicht die verklemmte Lady Zoff gemacht
hätte. Vielleicht hättse auch selber nen Bock auf denTyp
gehabt und war jetzt sauer. Bei dieser Sorte Weiber
ist ja alles drin. Jedenfalls holt se sonen Flintenspezi
als Verstärkung. Der spielt sich auch gleich als der
dicke Macker auf und fuchtelt solange mit seiner Knarre
rum, bis der Typ die Mücke macht, und ist auch noch
stolz drauf. Die alte Lady macht sich jetzt unheimlich
über den Freßkorb her und ist auch ganz happy. Nur für
den Zahn war das natürlich unheimlich beknackt, daß
ihre erste dicke Kiste so voll in die Hosen gegangen
ist.
7.5.
Bei einer sprachwissenschaftlichen Untersuchung sollte
man sich jedoch authentischen Texten zuwenden, um die
sprachliche Realität, und nicht bloß eine Fiktion beschreiben
zu können. Als vergleichendes Korpus für meine weiteren
Ausführungen dient neben dem oben zitierten Text von
Claus und Kutschera
die Nacherzählung des Märchens ?Die Bremer Stadtmusikanten?
als transkribierte Kasettenaufnahme von einer siebzehnjährigen
Berliner Jugendlichen (des Weiteren Text Nr. 2). Die
Gymnasialschülerin aus der 11. Klasse hatte die Aufgabe
bekommen, das berühmte Märchen der Gebrüder Grimm ?
soweit es geht ? in ihrer eigenen jugendsprachlichen
Redeweise nachzuerzählen.
Die Bremer Stadtmusikanten
Also,
es war einmal 'n Esel und ja, der war schon ziemlich
alt, und na ja und war nicht mehr so zur Arbeit tauglich,
und dann wollte ja, hat er irgendwie gemerkt, dass sein
Herrchen ihn nicht mehr haben wollte und dann, ja hat
halt Angst gekriegt und hat Reißaus genommen, und na
ja hat sich irgendwie gedacht: ?Na nee, ich gehe halt
nach Bremen und werd? Stadtmusikant".
Und
ist er halt gelaufen und gelaufen, und irgendwann traf
er auf'n Hund, der irgendwo am Wegrand lag, und hat
ihn halt gefragt, was mit ihm Ios sei, und ja und dann
meinte der Hund: "Ja, ja ich bin von zu Hause weggelaufen,
weil ich ja nicht mehr mit auf die Jagd kann, und gerade
wollte mich mein Herrchen, glaube ich, erschlagen,
und deshalb bin ich weggelaufen, aber jetzt weiß ich
nicht, was ich machen soll?. Dann hat der Esel einfach
gesagt: "Na ja, dann komm doch mit mir, weil dann
werden wir halt zusammen zwei Pop-Stars in Bremen".
Und dann
der Hund hat sich gedacht: "Na ja viel verlieren
kann ich ja nicht, gehe ich halt mit" ? und dann
sind se weitergelaufen. Und irgendwann später dann sind
sie durch 'n Wald gelaufen, und einmal war da 'ne Katze,
und die mautzte, und dann haben se auch gefragt, was
mit ihr Ios sei, und dann meinte die Katze: ja, sie
is halt nicht mehr so gut auf den Beinen, und liegt
halt lieber hinter?m Ofen, und na ja kann halt nicht
mehr so gut Mäuse fangen, hat da auch nicht mehr so'n
Bock drauf irgendwie, und dann, na ja hat se jedenfalls
irgendwie so mitgekriegt, dass ihr Frauchen sie ersaufen
wollte, und dann hat sie lieber Reißaus genommen. Na
ja, dann haben der Esel und der Hund der Katze halt
erzählt, was sie vorhaben, und dann hat die Katze halt
beschlossen, dass sie mitgeht.
Dann
sind se halt zusammen gelaufen bis se an so?n Bauernhof
kamen und haben schon von weitem so'n Gockelschreien
gehört. Dann, der hat halt immer herumgeschrien: "kikeriki,
kikeriki" Blabla? und dann ja haben sie ihn halt
gefragt, was er da so rumschreit, und dann meinte, ja,
dass er halt morgen in den Suppentopf kommen soll.
Ja, warum? Weil er halt auch schon so alt ist, und weil
er nervt am Morgen. Kommen halt irgendwie Verwandte
großartig, und deshalb soll er morgen in'n Suppentopf,
die Federn soll'n ihm ausgerumpft werd?n, und sollen
halt in ein Kissen gestopft werden.
Na
ja, da wollt? er halt noch mal aus vollem Halse schreien.
Dann meinten die ja-ja, meinten halt der Esel, der Hund
und die Katze, ja, dass er doch lieber mitkommen soll,
ist doch besser als zu sterben, und dann meinte halt
der Gockel, da dieser Hahn: "Na, o.k., ich komme
mit. Ich werde auch Bremer Stadtmusikant?.
Und
dann sind se gelaufen und gelaufen, haben's aber nicht
geschafft noch an einem Tag, bis nach Bremen zu kommen.
Na ja, und dann haben se irgendwo im Wald halt so Halt
gemacht, und's wurde schon langsam dunkel und dachten
sie sich: "Na ja, dann schlafen wir jetzt erstmal".
Na
ja, jedenfalls der Hahn hat'n bisschen Schiss vor der
Katze, is halt ganz oben in'n Baum geflogen, und hat
sich noch halt mal nach allen vier Seiten umgeschaut.
Na ja, dass die Katze ihn nicht fängt so, hatte schon
'n bisschen Angst gehabt so. Und die Katze hat sich
halt ein bisschen zurückgehalten, nur auf?n zweiten
Ast oder so geklettert. Und der Hund hat sich irgendwie
zu dem Esel gesellt. Und na ja jedenfalls konnten se
alle nicht so recht einschlafen, und na ja auf einmal
meinte der Esel ja, da hinten habe ich Licht gesehen,
guckt doch mal, vielleicht sollten wir da mal hin, da
is bestimmt ein Häuschen, da ist bestimmt um einiges
bequemer als hier.
Jedenfalls
sind sie dann drauf Ios. Und wanderten halt zu diesem
Häuschen und sind dann auch dort angekommen und guckten
dann da durchs Fenster, wo halt 'n Riesentisch mit
lauter Fressen stand, so mit ja, mit lauter ja richtig
leckeren Sachen, und aber um den Tisch rum saß halt
so'n alte Räuberbande, und schlemmte da, ne, und irgendwie
ist denen das Wasser im Munde zusammengelaufen, und
na ja jedenfalls dachten sie sich so, na ja, denen war
des viel mehr gegönnt, und haben halt 'n Plan geschmiedet.
Und irgendwann haben se's dann irgendwie so gemacht,
dass sich der Esel vors Fenster gestellt hat, und der
Hund auf den Esel, und die Katze auf den Hund, und der
Gockel auf die Katze, und dann haben sie halt losmusiziert,
weil sie ja dachten, sie sind große Musikanten, und
na ja der Hahn hat halt aus vollem Halse geschrien:
"kikeriki, kikeriki" Blabla.., und die Katze
miaut, und der Hund gebellt, und der Esel gewiehert:
"ai, ai"!
Und
dann, ja dann sind sie dann halt durchs Fenster gestürmt,
und dann haben sich die Räuber so erschrocken, dass
sie dachten, a Riesengespenster, Horrorfilm, ja, ha
ja jedenfalls haben se sich total erschreckt und sind
dann aus dem Haus gerannt, und dann haben sich's der
Esel und die Katze und der Hund und der Hahn erstmal
kräftig gemütlich gemacht.
Jedenfalls
dann haben sie die Reste aufgegessen, und dann irgendwie
wurden sie dann alle richtig müde, und dann hat sich
halt die Katze auf?n Ofen da geschmissen, weil es da
ja schön warm war, hat sich's da schön mollig gemacht
und ist erstmal eingepennt und na ja der Esel, der hat
sich dann da zu dem Mist gehauen, der da rumlag so,
hat er sich da bequem gemacht, der Hund hinters Türchen,
so wie er's gewohnt war.
Und
der Hahn hat sich dann auf dem Dach bequem gemacht ?
na ja, na ja, ein bisschen Schutz vor der Katze und
so. Na ja, und jedenfalls sind se dann alle schön eingenickt
und freuten sich schon, ja ihr eigens Häuschen und so,
jedenfalls, dann draußen im Wald waren dann halt die
Räuber, und da hat halt der Räuberhauptmann gesagt,
na ja: ?Wir haben uns zu leicht in's Bockshorn jagen
lassen, na ja da sind eigentlich keine Räuber, sind
doch Angsthasen sind wir?, na ja, hat er jedenfalls
einen seiner Kompander geschickt, er soll doch noch
mal nachgucken. Na ja, jedenfalls ist der dann da rein,
und na ja hat er die Tür aufgemacht, und sah da erstmal
die glühenden Augen der Katze, und dann dachte er,
na ja wär irgendwie Kohle noch vom Ofen, is er dann
da hin, und wollte irgendwie nachkuck'n, da ist die
Katze dann aber aufgesprungen und hat ihm das Gesicht
zerkratzt, und er ist dann schreiend wollte halt rausrennen
und dann hat ihm der Hund noch'n Bein gestellt, und
ja der Esel hat ihm noch'n mächtigen Tritt ins Gesäß
versetzt, ee ja verpaßt, so daß er im hohen Bogen hinausflog,
und der Hahn schrie dann noch "kikeriki, kikeriki"
und ist um ihn rumgeflattert.
Und
na ja, jedenfalls der Räuber, na ja der hat na ja Schiss
hat er gehabt und die Hosen voll, und ist dann jedenfalls
wieder raus in'n Wald zu seinem Hauptmann, und meinte,
ja: ?Da ist 'ne Hexe, da ist 'ne Hexe, die hat mir die
Augen zerkratzt, und hat mir Beine gestellt, mit ihrem
Holzbein und ja und draußen stand 'n Mann und wollte
mich mit 'm Messer aufschlitzen, und der Richter, der
saß auf dem Dach, und hat halt immer geschrieen, ja:
?Bringt mir den Übeltäter und so, der soll für seine
Räubertaten büßen!?, und jaja, da ist jedenfalls 'ne
große Hexe, und da geh ich nie wieder hin?. Und dann
rannten die Räuber noch weiter in den Wald hinein, und
voller Angst, und wollten nie wieder zurück 'n das Häuschen
kehren, na ja und die und ollen Freude da, die haben
sich's dann echt bequem gemacht, und haben ihren Lebensabend
genossen. (Basta! Basta! Aus!)
8. Charakterisierung der Jugendsprache
Die
Jugendsprache lässt sich ? mehr oder weniger ? auf allen
Sprachebenen beschreiben (vgl. Reinke
1994: 297ff.). Auf der phonologisch-artikulatorischen
Ebene sind u.a. prosodische Sprachspielereien, Spiele
mit den paralinguistischen Kommunikationsmitteln zu
erwähnen. Die Besonderheiten auf der morphologischen
Ebene lassen sich z.B. in der Vernachlässigung der grammatischen
Morpheme und in der Verwendung einiger produktiver
Wortbildungsmorpheme beschreiben. Als Merkmale der
Textebene sind vor allem bestimmte Stilfiguren
? Metaphern, Hyperbel usw. ? zu erwähnen.
8.1. Charakterisierung der lexikalischen
Ebene
Am leichtesten
lässt sich die lexikalische Ebene durch den jugendsprachlichen
Wortschatz (oft Umdeutungen standardsprachlicher Wörter)
beschreiben, durch die große Zahl der Anglizismen, durch
die spezifischen Begrüßungsformeln, und nicht zuletzt
durch die Phraseologismen, die meistens als spielerische
Abwandlungen der standardsprachlichen festen Wortverbindungen
enststanden sind. Der Text von Claus
und Kutschera
will seinen jugendsprachlichen Stil durch die Verwendung
typisch jugendsprachlich angenommener Wörter erreichen.
Zur Charakterisierung der lexikalischen Sprachebene
nehme ich zuerst diesen Text Nr. 1 und den authentischen
Text Nr. 2 als Vergleichkorpus.
Die
Jugendlichen können keinen beliebig neuen Wortschatz
erfinden. Sie können aber bereits vorhandenen Wörtern
eine neue Bedeutung verleihen, z.B. Zahn = ?Mädchen?
(vgl. noch die anderen Bezeichnungen für Mädchen: Gerät,
Torte, Sahneschnitte, Tussi, Supermutter
usw.).
Für
die jugendsprachlichen Wörter ist oft Polysemie charakteristisch.
Die aktuelle Bedeutung wird erst im Kontext ersichtlich.
Das Wort Mücke kann z.B. synonym zu den folgenden
Wörtern verwendet werden: Flöhe, Knete,
Mäuse, d.h. in der Bedeutung von ?Geld?, aber
kann auch der Spitzname für einen kleinwüchsigen Menschen
sein, oder eben im
Gegenteil: kann einen Riesen, einen großen Menschen
bedeuten. Die Warnung ?Vorsicht, Mücke ist im Anflug!?
könnte in der standardsprachlichen Übersetzung etwa
so lauten: ?Vorsicht, ein großer Mann nähert sich!?
Im Text Nr. 1 kommt das Wort in einer Wendung vor, und
bedeutet wieder etwas anderes: Der spielt sich auch
gleich als der dicke Macker auf und fuchtelt solange
mit seiner Knarre rum,
bis der Typ die Mücke macht, und ist auch noch
stolz drauf. Die Wendung die Mücke machen
bedeutet ?fliehen, weglaufen?.
Neben
der jugendsprachspezifischen Lexik ist die Häufigkeit
umgangssprachlicher und salopp-umgangssprachlicher
Wörter/Ausdrücke charakteristisch, z.B.: (die) Klamotte
(salopp ?Kleidung?); (der) Plunder (ugs. abwertend
?[alte] als wertlos, unnütz betrachtete Gegenstände,
Sachen?); (der) Pinkel (ugs. abwertend ?unbedeutender
Mann?); latschen (salopp ?langsam schlurfend,
schwerfällig oder nachlässig gehen?); kapieren,
schnallen (ugs., bzw. salopp ?begreifen,verstehen?);
(die) Masche (ugs. ?Trick, bei dem jmd. betrogen
werden soll?); beknackt (salopp ?in ärgerlicher
Weise einfältig, töricht; unerfreulich ärgerlich?);
labern ?ugs. abwertend ?dummes Zeug reden?)
usw. Jugendliche können veraltende Wörter zum neuen
Leben erwecken, z.B.: (das) Geplänkel (?Auseinandersetzung,
Wortgefecht?).
Selbst
solche Wörter/Ausdrücke, die als typisch jugendsprachlich
angesehen werden, kommen auch in der Alltagsrede der
Erwachsenen vor, z.B.: ?Die Alten vom Zahn hatten
da wohl aber auch nicht gerade den schärfsten Bock drauf??,
d.h. ?die Eltern des Mädchens hatten überhaupt keine
Lust dazu??; ?Die fuhr da aber entweder voll drauf
ab?? (?sie war davon beeindruckt / es hat ihr gefallen?);
?Die kapiert aber wieder nich die Bohne?? (?versteht
das überhaupt nicht?).
Im
Text Nr. 1 kommen als jugensprachlich bezeichnete Lexika
in übertriebenener Häufigkeit vor. Damit entsteht der
Eindruck, dass Jugendsprache eine Art Geheimsprache
ist: ?Nur für den Zahn war das natürlich unheimlich
beknackt, dass ihre erste dicke Kiste so voll in die
Hosen gegangen ist? (?Das Mädchen ärgerte sich aber
natürlich sehr darüber, dass ihre erste echte Beziehung
völlig gescheitert ist?).
Die
als typisch angesehenen Anglizismen lassen sich im Text
ebenfalls finden: In dieser Story geht?; durch
die feine Family total out war; Der Typ denkt
wohl, daß er das schon irgendwie managed?; ? ist
auch ganz happy. Die ?berühmten? Diminutivformen
? gebildet durch das Suffix -i ? sind mit einem
Beispiel zu präsentieren: Flintenspezi, abgekürzt
aus Flintenspezialist, in der Bedeutung von ?Jäger?.
Neben der Diminution sind eher Beispiele für die Augmentativbildung
zu finden, d.h. emotional gefärbte Vergrößerungsformen,
die zur Verstärkung des Ausdrucks dienen: mords knackig;
total verklemmt; total out usw.
Die
Nacherzählung des Berliner Mädchens ist nicht so verschlüsselt:
im Text Nr. 2 dominieren die umgangssprachlichen Wörter/Ausdrücke,
wie z.B.: hat Angst gekriegt; hat sie ? Reißaus
genommen; guckt doch mal; und dann haben
sich halt die Katze auf?n Ofen da geschmissen;
ist erstmal eingepennt; hat ihm noch?n mächtigen
Tritt ins Gesäß versetzt, ee ja verpasst; und
irgendwie ist denen das Wasser im Munde zusammengelaufen;
wir haben uns zu leicht ins Bockshorn jagen lassen.
(Neben diesen kommen aber auch gewählte Formulierungen
vor: haben ihren Lebensabend genossen usw.)
8.2. Charakterisierung der syntaktischen
Ebene
Für
die syntaktische Ebene ist die Vorliebe für sprechsprachliche
syntaktische Konstruktionen und Partikeln typisch.
Die
syntaktischen Besonderheiten kommen in der Nachdichtung
von Claus
und Kutschera nicht zum Ausdruck ? in dem Text stehen eher die lexikalischen
Charakteristika im Vordergrund. Zur Analyse der syntaktischen
Ebene wird der authentische Text herangezogen. Für die
jugendsprachliche Syntax ist die Verwendung der folgenden
Satzkonstruktionen typisch:
8.2.1. Anakoluth
Unter
Anakoluth oder Satzbruch wird die Veränderung der Satzkonstruktion
verstanden, ein ?Abweichen vom ursprünglichen und zum
Teil schon ausgeführten Satzplan während der Formulierung
des Satzes? (Conrad
1978: 32):
Also, es
war einmal ?n Esel und ja, der war schon ziemlich alt,
und na ja und war nicht mehr so zur Arbeit tauglich,
und dann wollte ja, hat er irgendwie gemerkt, dass
sein Herrchen ihn nicht mehr haben wollte und dann,
ja hat halt Angst gekriegt und hat Reißaus genommen,
und na ja hat sich irgendwie gedacht: ?Nah nee, ich
gehe halt nach Bremen und werd? Stadtmusikant?.
8.2.2. Ellipse
Der
Grund für die Entstehung von elliptischen Sätzen ist
die Sprachökonomie. Ellipsen entstehen durch die ?Ersprarung
von Redeteilen, die zum Verständnis entbehrlich sind,
da sie sich aus Kontext oder Situation ergeben? (ebd.:
71):
Und
dann, ja dann sind sie dann halt durchs Fenster gestürmt
und dann haben sich die Räuber so erschrocken, dass
sie dachten, a Riesengespenster, Horrorfilm, ja, ha
ja jedenfalls haben se sich total erschreckt und sind
dann aus dem Haus gerannt, und dann haben sich?s der
Esel und die Katze und der Hund und der Hahn erstmal
kräftig gemütlich gemacht.
? na ja, na ja, ein bisschen
Schutz vor der Katze und so.
8.2.3. Parenthese
Die
Parenthese entsteht durch den Einschub von Redeteilen
in den Satz, wodurch die geschlossene Satzkonstruktion
unterbrochen, der Satzbau aufgelockert wird. Eingeschoben
werden können z.B. Interjektionen oder Anredeformeln.
Im engeren Sinne verstehen wir unter Parenthese Schaltsätze
(vgl. ebd.: 191):
?wo
halt 'n Riesentisch mit lauter Fressen stand, so mit
ja, mit lauter ja richtig leckeren Sachen, und aber
um den Tisch rum saß halt so'n alte Räuberbande, und
schlemmte da, ne, und irgendwie ist denen das Wasser
im Munde zusammengelaufen, und na ja jedenfalls dachten
sie sich so, na ja, denen war des viel mehr gegönnt?
?
und gerade wollte mich mein Herrchen, glaube ich, erschlagen
und deshalb bin ich weggelaufen?
8.2.4. Ausklammerung
Die
Ausklammerung ? oder Ausrahmung ? ist wiederum ein häufiges
Merkmal der Jugendsprache und auch der Alltagsrede,
denn die Stellung von Redeteilen außerhalb des Satzrahmens
folgt dem sukzessiven Denkverlauf (vgl.
ebd.: 46):
Und dann
rannten die Räuber noch weiter in den Wald hinein, und
voller Angst, und wollten nie wieder zurück 'n das Häuschen
kehren?
8.2.5. Parataktische Fügungen
Unter
den Satzbauplänen dominiert ? wie in der Alltagsrede
auch ? die Parataxe, d.h. die Satzreihe:
?
ja, sie is halt nicht mehr so gut auf den Beinen, und
liegt halt lieber hinter?m Ofen, und na ja kann halt
nicht mehr so gut Mäuse fangen, hat da auch nicht mehr
so?n Bock drauf irgendwie, und dann, na ja hat se jedenfalls
irgendwie so mitgekriegt,?
Im
ganzen Text ist die übergroße Häufigkeit der Partikeln
charakteristisch, wie naja, ja, halt,
ne usw. Die Dehnungspartikeln und -phrasen (und
so, oder so) schaffen den jugendlichen Sprechern
die Möglichkeit, nachzudenken, um die Geschichte weitererzählen
zu können.
9. Zusammenfassung
Der
Begriff Jugendsprache ist in der Bedeutung ?spezifische
Art und Weise der Sprachverwendung? keine bloße Fiktion,
aber die pauschalen Vorstellungen von ihr basieren oftmals
nicht auf der Untersuchung authentischer Belege, sondern
auf typisierten Textvorlagen, die von Erwachsenen geschrieben
worden sind. Die spezifischen Merkmale der Sprachverwendung
der Jugendlichen lassen sich in erster Linie im lexikalischen
und im syntaktischen Bereich beschreiben. Viele Wörter/Wendungen
der jugendlichen Sprachverwendung sind Bestandteile
der umgangssprachlichen oder salopp-umgangssprachlichen
Schicht: eine scharfe Grenze zwischen Jugendsprache
und Umgangssprache lässt sich nicht festlegen. Außerdem
werden viele sprachliche Ausdrucksformen, die allgemein
als typisch jugendsprachlich angesehen werden, von
vielen Jugendlichen gar nicht gebraucht, oder wenigstens
nicht in der Dichte, wie es im Text von Claus
und Kutschera zu sehen war. Die pauschale negative Beurteilung,
dass die Jugend grob/vulgär sei, ist wiederum zu relativieren: die Besorgnis um die Sprache wegen Sprachverfall ist
nicht berechtigt, denn Jugendliche können sich in der
Kommunikation mit Erwachsenen ? und auch mit Gleichaltrigen
? gut anpassen. Die Charakteristika der Syntax ergeben
sich aus der Verwendung betont sprechsprachlicher Satzkonstruktionen,
was wiederum nicht nur für die Jugendsprache, sondern
gleichzeitig auch für die Alltagsrede charakteristisch
ist.
Literatur
?
Claus, Uta/Kutschera, Rolf (1986): Total krasse Helden. Die bockstarke Story von den Nibelungen.
Frankfurt am Main.
?
Conrad, Rudi (1978):
Kleines Wörterbuch sprachwissenschaftlicher Termini.
Leipzig.
?
Denger, Fred (1984):
Der grosse Boss: d. Alte Testament unverschämt fromm
neu erzählt. Frankfurt am Main.
?
Ehmann, Hermann (1992):
Affengeil. Ein Lexikon der Jugendsprache. München
?
Ehmann, Hermann (1996): Oberaffengeil.
Neues Lexikon der Jugendsprache. München.
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Fluck,
Hans-R./Maier, Michael
(1986): Stil ? Stilkritik ? Stilbildung. Hannover.
?
Heinemann, Margot (1989):
Kleines Wörterbuch der Jugendsprache. Leipzig.
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Henne, Helmut (1986):
Jugend und ihre Sprache. Darstellung, Materialien, Kritik.
Berlin/New York.
?
Ladnar, Ulrike/ Plottnitz, Cornelia (1976) Hrsg.): Fachsprache
der Justiz. Ein Arbeitsbuch für den Deutschunterricht
und die Gemeinschaftskunde auf der Oberstufe. Frankfurt
am Main.
?
Müller-Thurau, Claus Peter (1983): Lass uns mal?ne Schnecke angraben. Sprache und Sprüche der Jugendszene.
Düsseldorf.
?
Müller-Thurau, Claus Peter (1985): Lexikon der Jugendsprache. Düsseldorf/Wien.
?
Reinke, Marlies (1994):
?Jugendsprache?. In: Heringer, H. J./Samson, /Kaufmann,
G./Bader, (Hrsg.): Tendenzen der deutschen Gegenwartssprache.
Tübingen.
?
Riesel, Elise (1963):
Stilistik der deutschen Sprache. Moskau.
?
Schlobinksi, Peter/Kohl, Gaby/Ludewigt, Irmgard
(1993): Jugendsprache. Fiktion und Wirklichkeit. Opladen.
?
Wachau, Susanne (1989):
?? nicht so verschlüsselt und verschleimt über Einstellungen
gegenüber Jugendsprache. In: Osnabrücker Beiträge zur
Sprachtheorie. 41, S. 77-87.
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