Download
dieses Dokuments als pdf-Datei
Orbis Linguarum Vol.
17/2001
Ivan Stupek
Ostrava
Hadinas Prosawerke
Der
Anfang der zwanziger Jahre berühmt gewordene Emil
Hadina, 1885 in Wien geboren und 1957 in Ingolstadt
gestorben, hatte schon vor dem Ersten Weltkrieg im
Stil der Romantik zu schreiben begonnen. Er stammte
aus einer sudetendeutschen Familie. Er war Lehrer
in Bielitz und Iglau, Professor und Schuldirektor
in Troppau, wo er sich vor allem auch als Schriftleiter
der ?Deutschen Post? um das Deutschtum verdient machte.
Er kam zurück in die schlesische Heimat seiner Eltern.
Seine impressionistischen und neuromantischen Dichtungen
sind der österreichischen Literatur verbunden. Sehnsucht
nach Schönheit und Stille in seiner stimmungsvollen
und musikalisch dahinschwebenden Lyrik, wie auch in
seiner Prosa, sommerliche Stimmungen
und Frauenliebe erfüllen viele Gedichtbände und Romane.
Das
Optimistische steht im Zentrum seiner Romane, Erzählungen
und Novellen. Mit Vorliebe entnahm Hadina Beispiele
aus der deutschen Kulturgeschichte. In dem Band mit
dem bemerkenswerten Titel ?Das andere Reich? aus dem
Jahre 1919 spielt eine Novelle um die tragische Gestalt
des Dichters Hölty. In neun fesselnden Erzählungen
wird der Zusammenhang des irdischen Daseins mit dem
übersinnlichen Reich zur Darstellung gebracht. Diese
Novellen und Träume bewegen sich in bezaubernder
Weise in einer sonnigen und farbenprächtigen Sinnenwelt,
in der die Schönheit der Frauen, heiße Liebe, innige
Freundschaft, volle Hingebung, holde Jugendblut und
alles, wonach die Menschheit sich sehnt, zu ihrem
Recht gelangen.
Aber
auch das Tragische spürt man überall. Gleich im zweiten
Kapitel dieser Novelle ?Höltys letzter Frühling? begegnen
wir ein paar Stellen, welche davon zeugen, was für
die Beziehung der Autor zu Hölty hält. Aber auch zu
Lenau, welchen er auch erwähnt. Dieses Kapitel enthält
authentische Gefühle und Erlebnisse. Hadina mag diese
Zeit und eine ganze Reihe von deutschen klassischen
Schriftstellern, die in seiner Literatur oft eine
bedeutsame Rolle spielen. Der Stil ist klar, logisch
und abwechslungsreich.. Hadina beschreibt sein Idol,
als er im Jahre 1776 an einem Maientag von Hannover
nach Mariensee gefahren war: ?Ein blasses, krankhaft
schmales Gesicht voll unendlicher Müdigkeit lehnte
in der Ecke. Die Augen lagen tief in Schatten und
Höhlen. Aber die Stirn stieg hoch und hell empor,
und um den bartlosen jungen Mund spielten Güte und
Anmut.?
[1]
Die
letzte Liebe zwischen Hölty und Doris ist ergreifend
und aufrichtig. Nur die Frühlingssymbolik ersetzte
Hadina durch die Symbolik des Herbstes. Er wollte
dadurch etwas weiteres andeuten, und zwar weitere
Fortsetzungsmöglichkeiten in der Liebe, im Leben:
?So ist das Ende des Frühlings herbeigekommen und
mit dem Frühling soll auch Doris Mariensee wieder
verlassen. Sie wollen es Gott überlassen, ob ihr
aus dem verblühten Lenz ein langes, lebendiges Glück
reifen soll oder nur ein wehmütig schöner Traum. Ein
Fest soll alles beschließen, Frühling und Seligkeit,
die Liebe und vielleicht das Leben.?
[2]
Aber
Unglück, Schmerz, keinen Frühling, sondern was Schwermütiges
spürt man: ?Am Morgen fühlt Hölty die Brust wie in
Schmerzen aufgerissen und eine heiße Quelle steigt
ihm immer zum Hals empor. Da weiß er sein Los voraus,
klarer als je. Und doch ist eine kindliche Heiterkeit
über ihm, und sein Herz füllt sich mit dankbarer Demut.
Nun begreift er, wie wunderbar gütig der Abschied
seines Mädchens gefügt ist. Sie soll sein Leiden
und Zerfallen nicht sehen, ihr letzter Liebestag
sei verklärt von Schönheit und Hoffnung.?
[3]
Höltys
Lebensende wird ohne Pathos beschrieben, was auch
typisch für Hadinas ganzes Werk ist: ?Als im nächsten
Jahr der Frühling über Mariensee blühte und in den
alten Gärten und Waldfluren neue Blumengesichter erweckte,
fand er seinen Liebling nicht mehr. Noch ehe die alten
Blätter von den Bäumen fielen, war er heimgegangen.?
Ein
unglücklicher Bruder im Geiste und in der Liebe, der
Dichter Lenau, hat ihm später das Grablied gesungen:
Hölty, dein Freund, der
Frühling, ist gekommen!
Klagend irrt er im Haine,
dich zu finden.
Doch unmsonst! Sein klagender
Ruf verhallt in
Einsamen Schatten.
Ach, an den Hügel sinkt
er deines Grabes
Und umarmt ihn sehnsuchtsvoll:
?Mein Sänger
Tot!? So klagt sein flüsternder
Hauch dahin durch
Säuselnde Blumen...
[4]
Der
Roman ?Die graue Stadt ? die lichten Frauen? aus 1922,
einer der besten Werke Hadinas, verfolgt das Leben
Theodor Storms, sein einfaches und so eng begrenztes
Leben in Husum, und den inneren Reichtum, den er dennoch
hervorbringen konnte. Der Roman wird mehr in lyrischer
Stimme geschaffen, wozu auch die Natur und empfindliche,
zarte Beziehungen der Protagonisten dienen. Der Anfang
selbst ruft eine gemütlich ruhige Atmosphäre hervor:
?Ein Garten in Sommer- und Sonnentrunkenheit.?
[5]
Die
Hauptrolle bei der Erziehung des kleinen Theo erfüllt
seine Tante Elsabe Woldsen, Frau Lucie Storms jüngste
und anmutigste Schwester, wie sie Hadina beschrieb
-...?die hier zwischen Himmel und Erde, Lindenkrone
und Nelkenbeeten, den Starken da droben und den leuchtenden
Leuchtkäfern auf den weißen Muscheln ihre
schwebende Sommerandacht hielt.?
[6]
Hadinas Dialoge, welche seine Überzeugung über
die grundsätzliche Liebe jedes Deutschen zur Nation,
zur Heimat ausdrücken, sind nicht selten in seinem
Schaffen. Zum Beispiel ein Dialog zwischen dem kleinen
Theo und seiner Tante Elsabe: ?...Weißt du, warum
die Leute hier ihre Heimat so lieben? Weil sie so
oft um sie zittern müssen.?
?Das
ist wahr, Tante Elsabe! Ich habe die Stadt und Marschen
und Heide doppelt so gern, seit die Sturmflut kam.
Und seit Vater sagte: Die Heimat steht fest!?
?Behalt sie lieb, deine Heimat?, mahnte Elsabe
fast feierlich. ?Versprich es mir heute, vor meinem
Abschied. Und dein Haus, Eltern und Geschwister.?
Theodor reichte
der Tante die Hand und drückte sie fest.
?Ich
verspreche es dir ganz gewiß. Ich muß sie auch lieb
haben. Am meisten aber doch dich, Tante Elsabe!?
Er beugte sich
über ihre Hand und küßte sie. Auch eine Träne fiel
darauf.
?Sag?
nicht: am meisten. Die größte Liebe gehört deinem
Land. Wir werden altern und vergehen, aber die Heimat
lebt ewig.?
?Ewig!?
wiederholte leise der Knabe.
?Es gibt kein schöneres Wort, nicht wahr? Wie
wunderbar, daß sie ewig ist.?
[7]
Solche
patriotische Erziehungsmomente grenzen jedoch an nationalistische
Gefühle, welchen man in diesem Werk an mehreren Stellen
begegnen kann. In der Literatur Theodor Storms hingegen
kommt dieses nationalistische Element nicht zum Ausdruck,
wenn auch das patriotische allenthalben zu spüren
ist.
Die
graue Stadt Husum und die lichten Frauen, welche Theodor
so gut herangezogen haben. ?Zehn Jahre waren über
die graue Stadt hinweggezogen.?
[8]
?Die
graue Stadt hatte sich während
der zehn Jahre nicht sonderlich geändert.?
[9]
Doch
der junge Theo verändert sich, was den Bemühungen
seiner Mutter und Tante zuzuschreiben ist.
Die
Grundzüge dieses Romans hat das Leben selbst gedichtet.
Doch verlangten Komposition und Geschlossenheit manche
Zusammenrückung zeitlich etwas auseinanderliegender
Begebenheiten, namentlich in den ersten zwei Kapiteln.
Die zitierten Briefstellen sind fast durchweg wirklichen
Briefen entnommen. Aber auch seine dichterischen Versuche
an Konstanze bei der Gelegenheit ihres Geburtstages
sind ursprünglich und originell, was Hadina mit folgenden
Worten schildert:
Der
Husumer Garten in der Neustadt, der nun für immer
verloren war, rauschte mit seinen alten Ulmen- und
Lindenwipfeln zur fremden hohen Gartenmauer herüber,
von der der Verbannte in die nächtliche Ferne sah.
Und die Rosen- und Jasmingesträuche, noch in der
Brautzeit von ihm selbst gepflanzt und gepflegt, dufteten
wieder wie einst. Ein schönes, junges Frauengesicht
sah über seine Schulter hinaus in die Gartennacht.
Stundenlang, in schweigendem Glück. Es war ihr Geburtstag,
auch damals.
Und er formte die weh-süßen
Erinnerungen zu klingenden Versen:
Gedenkst du noch, wenn
in der Frühlingsnacht
Aus unserm Kammerfenster
wir hernieder
Zum Garten schauten,
wo geheimnisvoll
Im Dunkel dufteten Jasmin
und Flieder?
Der Sternenhimmel über
uns so weit -
Und du so jung. Unmerklich
geht die Zeit...?
[10]
In
allen Einzelheiten der Darstellung und Ausgestaltung
nahm der Autor das Recht des Romanschriftstellers
voll in Anspruch, der nur an das Gebot der höheren
und inneren Wahrheit gebunden zu sein scheint. Von
der ehrfürchtigen Liebe ist dieser Roman ausgegangen
und diese Liebe will er weitergeben, um dem Dichter
und seinem Werk neue Räume bereiten zu helfen. Um
eine tiefere Authentizität zu erreichen, geht der
Autor Hadina von mehreren sekundären Quellen aus,
welche ihm als eine echte Vorlage dienen sollten,
seinen Th. Storm richtig und realistischer darzustellen.
[11] Im
Gegensatz zu diesem Roman Hadinas, in dem er mehr
über Storms Beziehung zu seiner geliebten Konstanze
sprach, wobei Storm bis zu Ende ihres Lebens glücklich
ist, mit ihr zusammen zu sein, wenn er auch von ihr
unabhängig zu leben versucht, werden im nächsten Teil
der Th.Storm ? Dilogie ?Kampf mit den Schatten? von
Hadina mehr die eigentlichen und innerlichen Schicksalsmomente
des Romanhelden Storm geschildert. Beide Romane beginnen
mit fast denselben Worten und Gedanken. Im ersten
Teil ?Die graue Stadt ? die lichten Frauen? lauten
die ersten Worte: ?Ein Garten in Sommer- und Sonnentrunkenheit.
Draußen in der grauen Stadt ringsum war der Sommer
ein Fremdling, dessen goldenes Lachen nicht entzaubern
konnte.?
[12]
Im
zweiten Teil ?Kampf mit den Schatten? können wir die
ersten Zeilen lesen: ?Graue Schatten, schwerer als
je im Jahr, lasteten über der grauen Stadt. In der
Nacht hatte ein letzter nasser Novembersturm vom Westen
her die alten Dächer unsanft gerüttelt, die weiten
Böden der Patrizierhäuser stöhnend durchflattert,
den großen gelben Kirchbau und seine Pfefferbüchse,
wie die älteren Husumer noch immer grollend den neuen
Turm nannten, mit peitschenden Regenschauern gezüchtigt
und alle ängstlichen und wundergläubigen Herzen jäh
aus geruhigem Schlaf geheult.?
[13] Was
freilich den ersten vom zweiten Teil unterscheidet,
ist ein Versuch Hadinas, seinen Storm mehr philosophisch,
in den wirklicheren, ihn authentischer definierenden
Stellungnahmen auszuprägen, seine Empfindungs- und
Wahrnehmungspunkte präziser festzulegen. Gleich anfangs
sind die Worte Hadinas mit Gedanken Storms verschmolzen:
?Immer neue Erinnerungen leuchteten mild aus den Nebeltiefen.
?So komme, was da kommen mag, solang du lebest, ist
es Tag. Und geht es in die Welt hinaus ? wo du mir
bist, bin ich zu Haus. Ich sehe dein liebes Angesicht,
ich sehe die Schatten der Zukunft nicht.? Wie fern,
wie fern klang dieses lichte Gebet...?
[14]
Einer
der wichtigsten Gedanken im Werk sind die Worte: ?Leben
? leben ? schaffen und leben! Wer das könnte! Wer
die Kraft dazu hämmerte! Eine Hand, eine starke, gütige
Retterhand, die aus dem Schattenreich seiner Einsamkeit
heben und heilen könnte! Die zum Sehen und Genießen,
zum Schöpferischen Quell des Schönen zurückwiese,
daß sein Gelöbnis nicht eitles, selbstberauschendes
Blendwerk bliebe!?
[15]
Die
ganze Romanhandlung liegt mehr in den geistigen und
psychologischen Betrachtungen über den Sinn des Lebens,
des Schaffens, was mehr oder weniger von Momenten
seiner Frau Doris und ihrer Beziehungen zu Storm begleitet
wird. Oft ist es zu spüren, den Gedanken nachzufolgen,
als trüge Th.Storm das Stigma eines Verschuldens,
sogar des Todes:
Wie bald des Sommers
holdes Fest verging!
Es kommt der Herbst,
dem folgt kein Früh-
ling wieder.
Da fällt ein letzter
Sonnenstrahl hernieder -
Komm, laß uns spielen,
weißer Schmetterling!
Ach, keine Lilie, keine
Rose mehr,
Ein kalt Gewölk am Himmel
fährt daher.
Weh, wie so bald des
Sommers Luft verging -
O komm! Wo bist du, weißer
Schmetterling?
[16]
?Mit
diesem Lied in der Hand, kehrte der Dichter wieder
fröhlich zu den Seinen. Und umringt von Jugend und
Liebe, getröstet durch neue Schaffenskraft, gestärkt
von den freien Winden, die herb und rein aus Wald
und Wiesen wehten, fand er stets die rechten Bundesgenossen
im Kampfe gegen die Schatten.?
[17]
Nur
ein Dichter, der gleich dem großen norddeutschen Autor
das zarteste Empfinden mit kraftvoller Männlichkeit
verbindet, konnte uns das Wesen Storms so vollendet
vermitteln, wie
dies Hadina gelungen ist. Die mannigfachen
Beziehungen zwischen dem Leben und den Werken Storms
werden mit größter Kunst enthüllt.
Als
ein Dokument der positiven Aufnahme von Seiten der
Kritik füge ich einen längeren Zeitungsprobeausschnitt
aus der ?Sudetendeutschen Tageszeitung? bei: ?Hadinas
dichterische Gestaltungskraft wird man besonders im
Theodor Storm-Roman gebührend einzuschätzen wissen,
handelt es sich doch hier um eine einzigartige, große,
freie Dichterpersönlichkeit. Studium allein genügt
da nicht; da muß der Dichter sich einfühlen können
in die eigenartige Poesie der nordischen Natur und
Landschaft, der
grauen Stadt am Meer, in geheiligte Familienüberlieferung
und nicht zuletzt hellhörig auf die mitschwingenden
Saiten achten, die den scheinbar volltönenden Zusammenklang,
die anscheinend ungetrübte Harmonie des großen Lebensliedes
begleiten. ? Storm als Mensch und als Dichter hat
in der Seele seines gleichfalls lyrisch veranlagten
Lebensschilderers dieses treue Echo gefunden und darum
ist dem Schlesier das Lebensbild des Husumers so
ausgezeichnet und rund gelungen. Darin durften, der
Gesamtwirkung wegen, freilich auch dessen Schattenseiten
nicht fehlen, das ist seine Neigung zu trostloser,
selbstquälerischer Grübelei, und dann die Tragik seiner
ersten Ehe mit Konstanze Esmarch. Diese selbst, das
Muster einer echt deutschen, hoheitsvollen Frauenseele
und starken, leidgeprüften Lebenskämpferin, hat durch
die Feder des tief mitfühlenden Biographen das wohlverdiente
Ehrendenkmal erhalten,
und nicht ohne Absicht schließt Hadina mit
ihrem Heimgange seine Dichtung ...Das heißt man, mit
ehrfürchtiger Liebe und künstlerischem Feiergefühl
das Leben eines Dichters darstellen und seiner Lesergemeinde
neue Freunde werben: die freudigste Genugtuung für
den Biographen und Dichterfreund.?
Und
noch eine ganz kurze Bemerkung aus der ?Münchener
Allgemeinen Zeitung?: ?Das Werk einer rührenden Verehrung
und liebevollen Einfühlens, eine schöne Gabe für die
geistigen Freunde Storms! Ein Roman, dem großes, uneingeschränktes
Lob gebührt. Es gehört zum Besten unserer neuen Literatur.?
Der
1925 erschienene Roman ?Dämonen der Tiefe? befaßt
sich mit Gottfried August Bürger und erreicht seinen
Höhepunkt im sieghaften Durchbruch des Dichters bei
der Schöpfung seiner ?Lenore?.
Alles
zieht in lebendigen, oft stürmischen Szenen vorüber,
ein wahrhaft erschütterndes Bild, von Verständnis
durchglüht, mit künstlerischem Gefühl und Geschmack,
aber auch voll von Kenntnissen Hadinas über seinen
im Roman beschriebenen Helden.
Hadina
wollte die Überwindung des Bösen und Widrigen beweisen.
Es wird der Glaube an die aufwärtsstrebende Kraft
des menschlichen Geistes manifestiert. Als würden
wir die Atmosphäre seiner Balladen wahrnehmen, wenn
man die letzten Zeilen in Hadinas Romans liest, wo
er versuchte das Fühlen und die Sinnesempfindung
von Bürger uns
nahezubringen: ?Ein sommerheißer Junitag des
Jahres 1794 lag schwer über Stadt und Gefilden
Göttingens, trunken an
eigenen Gluten und schwülen Düften. Wer fliehen
konnte, floh in die kühlenden grünen Arme naher Wälder,
um für Stunden wenigstens aus dem Reich der siedenden
Steine erlöst zu sein.
Doch
aus den Wäldern schritt Eine zur gemiedenen Stadt.
Eine zwanzigjährige Schöne, voll und waldgesund,
das Geheimnis ihrer Herkunft und ihrer rauschenden
Tannenheimat in den braunen Lichtaugen. Ein gewaltiger
Strauß junger Waldwiesenblumen blühte aus dem sonnengebräunten
Arm des Mädchens.?
[18] ?Ihr
Weg zu den Sternen? lautet der Titel eines Romans
über Charlotte von Kalb aus dem Jahre 1926. Friedrich
Schiller als eine Nebengestalt dieses Romans ragt
trotzdem als Hauptgeist dieser ganzen Handlung empor,
wenn Hadina auch etwas anderes mit seinem Werk zu
tun gedachte, und zwar Schiller die empfindlichen
und stark aufrichtigen und festen Liebesbeziehungen
der Charlotte seiner echten Frau Lotte gegenüber darzustellen.
Eine Stimme
wollte trösten: Es ist wieder ein Flackerschein, der
in Rauch aufgeht. Wo sind sie alle, die Lotten, Margareten,
Katharinen, Henrietten und wie sie hießen, die sein
schnell entflammtes Herz ihr eigen glaubten! Vielleicht
einige Monate nur, und die bedeutungslose Anmut der
Rudolfstädterin stand als letzte in diesem Reigen.
[19]
Und
ein paar Zeilen weiter: ?Als dann Lotte von Lengefeld
in Weimar weilte, war Charlotte doch ergriffen, von
ihrer rührenden Heiterkeit und dem Vertrauen, das
sie in bedingungsloser Bewunderung gerade ihr entgegenbrachte.
Da war kein Spiel, keine Absicht oder Intrige möglich.
Und mit ganzer, verzweifelnder Liebe öffnete sie der
Nebenbuhlerin ihre Arme.?
[20]
Zum
erstenmal ist die bedeutendste Frau aus Schillers
Leben der Mittelpunkt eines Romans. Die dichterische
Kraft dieses Werkes, in dem alle Höhen und
Tiefen menschlicher Qualen und
Leidenschaften erglühen, ist für das Werk kennzeichnend.
Eigentlich
wie Schillers Leben selbst war auch trostlos und nicht
glücklich, auch sein Zusammenleben mit Lotte von Len-
gefeld bezeichnete eine gewisse Liebesunverläßlichkeit
und so verläßt der Dichter alle seine Frauen, die
ihn inspiriert und geistig unterstützt hatten. Er
ist sich anderer und wichtigerer Werte bewußt, wenn
er ausspricht:
Ich bin
arm, Charlotte. Wirklich arm, an Geist vielleicht
nicht, aber an Wissen und Kenntnis, Bildung und Blick
in die Tiefen von Welt und Menschenschicksal. Was
in mir wogte und stritt, konnte ich gestalten. Ich
bin erschöpft, mir fehlt der unendliche Born, der
Herrn Goethe aus seinen emsigen Naturstudien hemmungslos
zuströmt. Ich glaube, ich müßte einmal etwas ordentlich
lernen, strengste, nüchternste Wissenschaft. Dann
erst hätte ich den Dichter der Räuber völlig überwunden.
[21]
Solche
empfindungsvollen Scharfblicke und Bemerkungen Hadinas
sind mit künstlerisch, wahrgenommen durchlebten Federstrichen
ausgemalt, so daß alles ganz reell auf den Leser einwirkt.
Dies Werk von Hadina ist eines der sensibelsten und
feinfühligsten, welche von ihm geschaffen wurden.
Eine sehr wichtige Rolle spielen dabei gute Kenntnisse
von Schillers Leben und seiner Frauen.
Den
Lebensweg der Karoline Schlegel beschreibt der Roman
?Madame Lucifer? aus dem Jahre 1926. Eine herausragende
Dichtung, authentisch in der Darstellung, treu dem
Wesen des Motivs, lebendig im Ausgleich von Zeit und
Stil. Ein Hochgesang auf das Lebensbekenntnis und
Lebensweg einer Frau, die von ihrer Sendung etwas
spürte, darum Haus und Familie aufgab, um das Heim
der romantischen Welt zu gründen.
Friederike
Brion porträtiert der Roman ?Friederike erzählt? von
1931. Der Roman um Goethes Jugendliebe, die wundervollste
Mädchengestalt in seinem Leben, in ihrer heroischen
Hingabe und Reinheit.
Der
Roman ist in Briefen zusammengestellt. Der erste ist
im Jahre 1766 am Ostermontag geschrieben, der letzte
im frühen Herbst 1779, also zwischen ihrem 14 und
27 Lebensjahr. Ein Mädchen, wie es uns aus dem Goethewerk
?Dichtung und Wahrheit? bekannt ist, versuchte der
Autor Hadina auf seine Weise, doch auch aufgrund
von Friederikes Briefen darzustellen, in Briefen an
sie selbst. Es gibt eine ganz wesentliche Authentizität
und zwar Friederikes Briefdatierung an Goethe betreffend,
welche im Werk der Wirklichkeit entspricht. Friederike
Elisabeth, als ?Friederike von Sessenheim? durch ihre
Beziehung zu Goethe bekannt, wurde 1752 als Tochter
des Pfarrers Johann Jakob Brion geboren. Sie siedelte
mit ihren Eltern im Alter von 8 Jahren, d.h. 1760
nach Sessenheim bei Straßburg über und lernte Goethe
in der ersten Oktoberhälfte 1770 kennen, wo er als
Straßburger Student mit seinem Freund Weyland im
Haus ihrer Eltern zu Besuch war. Das zwischen den
beiden sich entwickelnde
Liebesverhältnis, das der Dichter
selbst im schon erwähnten Werk ?Dichtung und
Wahrheit? so anmutig geschildert hat, dauerte bis
zum August 1771, als Goethe Straßburg verließ.
In
ihrem ersten Brief vom 21. April 1766 lesen wir schon
in ihren Gedanken die Sensibilität und eine gewisse
Zuneigung, besonders, wenn diese Gefühle ihr
gegenüber aufgebracht werden konnten. ?Ich habe
dies Tagebuch von meiner Mutter bekommen, am Abend
vor meiner Konfirmation, als ich gerade 15 Jahre alt
wurde. Geburtstag, Ostern, Einsegnung, so traf alles
zusammen. Wie kann ein Herz so viel Liebe nur ertragen?
So unendlich viel Liebe?
Ich
glaube, auch die Liebe ist eine Last, unter der man
zerbrechen kann. Doch eine selige,
so daß es eine Lust sein muß, zu vergehen und sich
völlig zu verlieren...?
[22]
Von
diesem Geiste sind alle weiteren innerlichen Überlegungen
geleitet, in denen ihre Frömmigkeit, Ergebenheit
und Hingabe für die Liebe zu Eltern und Kirche, später
zu Goethe mit gut ausgeprägten Charakterzügen klar
von Hadina dargestellt sind.
Die
erste Erwähnung Goethes lesen wir im Brief vom 15.
Juni 1770: ?Die Botenfrau hat aus Straßburg einen
Brief gebracht. Einen Brief für mich. Von Friedrich
Weyland ist er geschrieben.
Nun
weiß ich, wie der Frankfurter heißt. Wolfgang Goethe.
Er studiert Jus, absolviert vielmehr seine schon
in Leipzig betriebenen Arbeiten. Auch soll er ein
Dichter sein und den Freunden bisweilen zierliche
Verse vorlesen. Und ein großer Frauenfreund obendrein.?
[23]
Am
Abend des 14. Oktober, 1770 schreibt Friederike den
nächsten Brief, als sie Goethe zum erstenmal traf.
Aber erst am 19. Oktober erfahren wir in Friederikes
Brief über ein Schreiben des damals einundzwanzigjährigen
Goethe, in dem er an sie selbst geschrieben hat: ??
Liebe neue Freundin?, so beginnt das Schreiben. Und
er begründet gleich diese artige Vertraulichkeit:
?Ich zweifle nicht, Sie so zu nennen. Denn wenn ich
mich anders nur ein klein wenig auf die Augen verstehe,
so fand mein Aug? im ersten Blick die Hoffnung zu
dieser Freundschaft in Ihrem, und für unsre Herzen
wollt? ich schwören. Sie, zärtlich und gut, wie ich
Sie kenne, sollten Sie mir, da ich Sie so lieb habe,
nicht wieder ein bißchen günstig sein??
[24]
Der
Autor Hadina hat aus mehreren Quellen die Briefe von
Friederike übernommen, die er an seine Vorstellung
von einem guten Goethebild anzupassen strebte. Schwer
zu beurteilen, aber jedenfalls wollte Hadina eine
klare, und dabei auch unbestrittene Geschichte von
beiden entwerfen. Und wichtig ist , daß ihm dieses
Bestreben gut gelungen ist. Eher unwichtig ist die
Frage, ob und wie weit die Liebe zwischen ihnen gelangt
war. In Hadinas Werk geht es um eine zärtliche Handlung
der reinen Liebe und seelischen Gespräche. In der
Wirklichkeit war es je doch anders, die Liebe war
eine aufrichtige Liebesbeziehung mit allen Attributen.
In diesem Roman schreibt Hadina die letzten Worte
Friederikes wahrscheinlich so wie sie wirklich ausgesprochen
wurden: ?Mir war es anders verhängt. Schwerer, heißer,
sündiger. Doch auch seliger und voll größerer Gnade.
Darum
werde ich nicht sterben, lange nicht, auch wenn ich
vielleicht zurücksinke in Krankheit und Elend, so
daß im stillen, flüsternden Pfarrhaus wieder nur die
helle Stimme Christians an alte frohe Zeiten erinnert.
Ich werde nicht sterben, sondern leben und leiden.
Leben und sühnen.?
[25]
Friederike
hatte nach seiner Abreise eine schwere Krankheit zu
überstehen. Dann wurde sie vom Dichter R. Lenz mit
leidenschaftlicher Liebe verfolgt. Goethe selbst sah
Friederike noch einmal im September 1779, als er auf
der Reise in die Schweiz begriffen, sie in Sessenheim
besuchte. Sie bewahrte ihm stets ein liebesvolles
Andenken und blieb trotz mehrfacher Heiratsanträge
unvermählt.
Auch
im Roman beschreibt Hadina die tatsächliche Handlung
der beiden aufgrund Friederikes Notizen vom frühen
Herbst 1779:
Wolfgang
blieb über Nacht und schied am andern Morgen bei Sonnenaufgang.
Gute, treuherzige Augen blickten ihm nach. Friede
und Versöhnung weiteten die Brust wie zum Gebet.
Er weiß:
bis zum letzten Tage bleibt sein Bild in meiner Seele
wie über meinem Bette. Und dazu der Spruch von der
Treue bis zum Tode, der die Krone des Lebens verheißen
ist. [26]
Das
letzte Jahrzehnt ihres Lebens verbrachte sie im Haus
ihrer verheirateten älteren Schwester Maria Salome,
von Goethe Olivia genannt und 1813 ist Friderike in
Meißenheim gestorben.
In
dem Entwicklungsroman ?Advent? aus dem Jahre 1923
wird wahrscheinlich auch aus eigenen Erlebnissen der
Weg eines selbstbewußten Mannes zum Mittelschullehrer
und protestantischen Geistlichen und schließlich zum
Dichter gezeigt. Aus dem Krieg gesund heimgekehrt,
ergreift ihn zutiefst der Tod seiner Mutter. Aus dem
Glauben an das Vaterland erhält er die Kraft zum Dichten.
Viele Stellen im Buch werden von Hadina zu nationalistisch
ausgesprochen: ?Nun wurde das Bundeslied der Cimbria
gesungen, das in den Schwur ausklang:
Der Wahrheit zur Ehre,
Der Freundschaft zur
Wehre,
Der Heimat zum Schutze,
Allen Teufeln zum Trutze,
So reicht euch Brüder
die Bruderhand,
Zu leben und zu sterben
fürs deutsche
Vaterland!
[27]
?Roman
einer Erwartung? nennt der Verfasser sein Buch. Es
ist beides in ihm. Erwartung und Sehnsucht. Und beides
in wundervolle Poesie gekleidet, die das Ganze wie
ein großes, lyrisches Gedicht lesen und erleben läßt.
Keine Ereignisse, keine fortschreitende oder durch
äußere Geschehnisse fesselnde Handlung. Alles ist
auf Innerlichkeit angelegt: Hans Leidfrieds Werden
und Wachsen, erzählt von einem, der einen tiefen Blick
in die Seele des Kindes und Jünglings getan hat, ihre
Freuden und Leiden kennt und sie liebt.
Hadinas
letzte Prosaschöpfung ist das Bekenntnis seiner eigenen
Menschlichkeit und wächst aus persönlichen Erinnerungen
und Erlebnissen gebieterisch zu einem wundervoll abgeklärten,
ergreifenden Sinnbild des Allgemeinmenschlichen. Jeder
Mann geht diesen Weg, diesen Kreuzweg der großen Erkenntnisse,
und so grüßt in diesem Werk ?aus der Fülle enger Einzelheit
ein Namenloser, der tausend- und tausendfach ging
durch die Menschengassen?. Die klare innere Steigerung
ist auch äußerlich in dem glänzend geschriebenen Buch
meisterhaft durchgebildet, indem der Dichter in Abständen
von je fünf Jahren den geistigen Aufbau des Ganzen
gibt. Aber über alle diese Eigenschaften und Vorzüge
des Buches geht die tiefe ethische Wahrhaftigkeit
der Darstellung, die bei aller Offenheit und Schonungslosigkeit
die ästhetische Schönheit wahrt und so auch künstlerisch
das Einzelschicksal zum Typus der modernen Menschlichkeit
macht.
In
der Zeitung ?Deutschösterreichische Tageszeitung?
schrieb man über den Roman ?Advent?: ?Ein tief durchdachtes,
zu ernstem Denken anregendes, in seiner Handlung allen
Anforderungen an einen zeitgenössischen Roman entsprechendes
Werk. Das Buch ist eine Gabe an uns alle, die wir
das Schreckliche der Gegenwart erleben müssen.
Ein
tiefdurchdachtes Werk. Hadina hat den sittlichen geistigen
Aufbau des durch Leid und Enttäuschung sich emporringenden
Menschen der Gegenwart in einer Art behandelt, die
selbst uns, die wir doch die Gegenwart leben, zu packen
versteht.?
Davon
abgesehen ist dies Werk ein abgeklärtes, ergreifendes
Sinnbild des allgemein Menschlichen, welches auch
von der äußeren Form her recht gut äußerlich lyrisch
geschrieben ist. Über alle diese Vorzüge geht die
tiefe ethische Wahrhaftigkeit der Darstellung. Doch
die primäre Position nimmt in dem Werk Hadinas Aussage
der Liebe zu seiner Mutter ein: ?Frau Agnes war stiller
geworden. Der Atem raschelte wie dürres Laub, wenn
es zertreten wird. Doch die Klagetöne klangen leiser,
ferner, wie abschiednehmend. Hans Leidfried sah den
erwarteten Gast jetzt sichtbar vor sich. Es war eine
graue, mantelverhüllte Gestalt mit abgewandtem Antlitz.
Nach unten zerfloß sie in Rauch, der über dem Teppich
entglitt.
?Laß sie mir!? bat er
tonlos.? Ich biete dir alles, was ich habe.?
?Was ist das?? scholl
die Antwort.
?Mein Leben,? erwiderte
der Sohn. ?Du kannst es gleichzeitig pflücken, wenn
du nach Jahr und Tag die Mutter holst.?
[28]
Zwei
weitere Romane sind nicht von herausragender Bedeutung.
Der Roman ?Geheimnis um Eva? mit dem Untertitel ?Ein
Frauenreigen? ist im Jahre 1929 im L. Staackmann Verlag
in Leipzig erschienen. Es ist ein Buch der Liebe und
der Leidenschaft. In diesen feinsinnigen Novellen,
die von tiefem psychologischen Einfühlungsvermögen
zeugen und die einzigartige farbige Musikalität seiner
Sprache darbieten, hat der Dichter der wahren Frauenwelt
ein unvergleichliches Denkmal gesetzt.
Sein
nächstes Werk ?Der Gott im Dunkel? mit dem Untertitel
?Drei Weisen um Liebe, Tod und Verklärung? erschien
im Verlag Heinz & Comp. Troppau, Leipzig 1933.
Eines
der Werke, welches eine sehr eigenartige Stellung
einnimmt, heißt ?Brüder und Heimat! Worte deutschen
Vertrauens? in 1919 Troppau herausgegeben. Der Untertitel
, der ?Die Hälfte des Reingewinns ist der Kriegsgefangegenfürsorge
gewidmet? lautet, zeugt auch von der inhaltlichen
Orientierung dieses nicht ganz gelungenen Werkes.
Ein in vier Teilen konzipiertes Schreiben stellt die
Beziehung des Autors zu Deutschland, zum deutschen
Volk dar. Gleich das erste Gedicht führt den Leser
in diese mit nationalen Gefühlen angefüllte Atmosphäre
ein. Das Gedicht heißt ?Kriegsgefangenen?, in dem
in der zweiten Strophe steht: ?Heimat! Da schluchzt
es hervor wie ein Schrei,/ Heimat! und reißt das Schweigen
entzwei./ Heimat! ? Und hundert Augen erwachen,/
Sehn zu den Sternen, weinen und lachen,/ Beten und
lästern, fluchen und stöhnen,/ Breiten die Arme und
ballen mit Höhnen/ Die magern Fäuste zum Sternenreigen,/
Beißen die Lippen ? und schweigen, schweigen,...//?,
wobei in diesem fünfstrophigen Gedicht alles zum Gedanken
der Erlösung emporwächst, was aber nicht natürlich
sondern im Gegenteil lautet: ?//Deutsche Heimat, o
wehre dem Hasse,/ Bau deinen Söhnen die rettende Gasse!/
Ihr trauten Freunde, Brüder und Schwestern,/ O wandelt
in Segen das Fluchen und Lästern,/ Wandelt in Arbeit
die Kraft ihrer Arme/ Und holt sie ins Leben, ins
schaffende, warme!/ In Liebe ihr zweifelndes Quälen,/
Rettet die Brüder, den Leib und die Seelen!/...?
[29]
Die
meisten Aufsätze sind in Prosa geschrieben. Im ersten
prosaischen Beitrag ?Die Brüder rufen! Ein Wort ans
deutsche Gewissen.? erinnern uns mehrere Gedanken
an uns bekannte Versuche der ideologischen Vergewaltigung
eines einfachen Menschen seines großen Reiches: ?Weit
in die Ferne, jenseits aller Kultur, rufen die Brüder.
Im Osten, in den einsamen Öden Sibiriens. In Not und
Drangsal, Schmutz und Schmerz und Siechtum. Sie rufen
mit jedem heiseren Laut ihrer Stimme, mit jedem Aufzucken
ihrer verlorenen, geängstigten Seele, mit jedem Blick
ihrer heißen, flackernden Augen, mit jedem ersten
Morgengedanken: ?Wieder ein Tag der Qual!? und jedem
letzten bitteren Entschlummern am todmüden Abend:
?Wieder nichts ? nichts ? nichts!??
[30]
Nach
dem ersten Weltkrieg drückt Hadina wie auch alle Deutschen
seine Sehnsucht nach Wiedervereinigung, seine Gefühle
von Erniedrigung und nicht nur gerechter Bestrafung
aus: ?Hier unsere Hand, unsere Arme, nun kehrt zurück,
ihr treuen, armen Dulder und Helden! Sie können es
nicht verstehen, daß ihrer Sehnsucht, ihrer heißen,
drängenden Liebe nichts, ? nichts entgegenkommt, um
sie heimzuführen. Es ist doch der Krieg zu Ende, der
Friede geschlossen. Der alte Staat hat sie ins Morden
gehetzt, Bruder gegen Bruder. Der neue Staat, der
aus seinen Trümmern erstand, scheint seine fernen,
leidvollsten Kinder zu vergessen. Wohl kehren die
Legionäre heim, die Söhne tschechischer Zunge, doch
unsere deutschen Brüder, die Kinder unserer deutschen
Schlesierberge und Böhmerwälder sollen warten, warten,
immer noch warten. Es wird schon noch werden, sagt
der Staat.?
[31]
Das
sind die gekünstelten Worte und Aufrufe, die an das
Volk gerichteten Aufforderungen, Apelle an die deutschen
Bürger, welche so typisch für Deutsche in der nicht
weit zurükkliegenden Geschichte sind, und welche für
einen modernen Europäer fremd und übertrieben klingen:
?Mitbürger, Volksgenosse, Arbeiter, Bauern und Bürger,
hört diesen Ruf! Hört und helft! Über alle Grenzen
von Stand und Weltanschauung und Partei hinaus geht
verbrüdernd das Elend unserer Ärmsten. Über all diese
Grenzen hinaus ergeht der Ruf an uns. Ob wir dabei
die Stimme des Milden, Gütigen vernehmen, der da
sprach:
?Was
ihr einem der Geringsten unter ihnen tut, das habt
ihr mir getan!?, ob das große Evangelium einer sozialen
Weltordnung, ob endlich die nationale Mahnung, dem
Bruder des eigenen Volkes zu helfen in seiner sternlosen
Nacht: wir alle, wo wir auch stehen und welchen Fahnen
wir auch folgen, hören im Grunde doch den gleichen
Ruf: ?Seid barmherzig! Helfet und rettet! Laßt uns
nicht zum Fluch, sondern zum Segen der Heimat werden!
Treue um Treue!?
[32]
Solche
ähnlichen Momente
gibt es in diesem mehr ideologisch orientierten
Werk, fast auf jeder Seite, hauptsächlich in bezug
auf die der deutschen Minderheiten in den Grenzgebieten,
die zur politischen und nationalen Aufklärung und
zum Nationalbewußtsein aufgewiegelt, ja aufgehetzt
wurden. Die einfachen Menschen verstehen es sicherlich
als ganz berechtigten Anspruch, ihr verlorenes Land
wiederzuerlangen, wiederzuerobern: ?Von dieser edelsten
Stätte schlesischer Waldheimat rauschen ihre grünen
Wege und Wiesen und Wälder weiter und weiter, immer
neue liebe Orte und Waldwinkel gucken weiß und kirchturmgeziert.
Wer könnte sie hier alle nennen ? die freundlichen
Städchen Jauernig und Engelsberg, das stolze, märchenhafte
Karlsbrunn, das heuer so einsam träumt wie ein verwunschenes
Prinzesschen, das helle, waldumschlungene Karlsthal,
und all die anderen Schützlinge schlesischer Wälder!
Nur wer wirklich Heimat hat in deutschem Lande, in
deutschem Denken und Innenleben, kann die ergreifende
Schlichtheit und Schönheit deutscher Fluren verstehen
und erfühlen. Die Welt hat sie verraten, wie sie uns
mit Schmach und Schande zeichnete. Aber sie lächelt
und leuchtet in gleicher Lieblichkeit wie ehedem,
an ihre Hoheit und den Kranz ihrer ewigen Anmut reicht
kein Leid, kein Hohn dieser Welt. Darum kann sie auch
uns zur Einkehr werden, zu Kraft und Sammlung, zu
stiller Erkenntnis tiefdeutscher Wesenheit. Aus unseren
Wäldern soll uns allen Heil widerfahren!?
[33]
Paul
de Lagarde, der Prophet deutschen Volkstums und deutschen
Glaubens aus der Periode der letzten Jahrzehnte vor
1900, hat einmal das schöne, tiefe Wort gesprochen:?
Die Menschen gedeihen nur an der geheimnisvollen Wärme
eines nie gesehenen Sterns.? Ich würde sagen, daß
die Vorstellung eines solchen Sternes beim Autor das
vereinigte, starke, unerschrockene Volk sei, das deutsche
Volk, Nation, Staat, Macht mit allen Attributen einer
unendlichen und totalen Freiheit ? ja, aber der Freiheit
für wen? Hadina schreibt im Kapitel ?Tauet, Himmel...!?:
?Dennoch glaube ich an dich und halte zu dir, mein
Volk und meine Heimat! ? so wollen wir Geduld üben,
des deutschen Edelgeistes warten und ihm in stille
Bahn bereiten. Er allein wird der große Gerechte sein,
der da kommen soll und in die verlorene und zerrüttelte
Welt das Licht gießt. Kein anderer Messias als der
wiedergeborene deutsche Geist kann uns retten und
zu neuem Leben führen.
[34]
Das
Fallen und die Sünde wird in seinem nächsten Roman
?Suchende Liebe? von 1919 betont, in dem der Autor
einen weiteren geistigen aber auch geistlichen Prozess
zu dichtern versuchte.
Von
besonderer Bedeutung ist vor uns ein halb religiöses,
halb philosophisches Werk, welches Hadina ?Religion
und Leben ? Ein Beitrag zum freien Gottsuchen unserer
Tage? genannt hat. Im diesem Werk versucht er für
uns alle von der Kindheit bis zum Tode einen echten
Menschenweg zu finden. Im ersten Kapitel stellt er
sich die Frage, worin die Wurzeln zu unserem Glück
liegen. Man kann nach Ansicht des Autors drei Gnadesgaben
entdecken, und zwar das Gefühl sicherer Geborgenheit,
Freiheit zur Arbeit und schließlich das geheimnisvoll
? poetische Hereinragen höherer Mächte in die Welt.
Im
Kapitel ?Surrogate des Lebens? wird nach unseren Zielen
gefragt, wo Licht und Dunkel in unseren Seelen sind
? woher und und wohin, was kann man zum Sinn des Lebens
eigentlich sagen... Weiter spricht er über Arbeit,
z.B.: ?Aber zwei freundliche Gestalten winken: Wissenschaft
und Kunst. Beide höchste Werte des Menschen. Beide
Quellen edelster Lust. Beide für viele der Weg zur
Erlöseung. Doch nicht die Erlösung.?
[35] Weiter
behauptet der Autor, daß alle Religionen aus dem Erlösungsbedürfnis
des Menschen geboren seien, auch die primitivsten
Formen der Religionsausübung ließen dies erlernen.
Die Abhängigkeit von der Religion wird immer wieder
akzentuiert: ?Und immer deutlicher hob sich das erwachende
Ich von der umgebenden Welt, und damit begann das
erste Betrachten, das erste Staunen, die ersten scheuen
Fragen... ? ein verirrtes Kind, das plötzlich die
Augen aufschlägt, Fremdes, ja Feindliches ringsum
erkennt und nun weint und sich schwach und verlassen
fühlt. So rief der Mensch nach Erlösung. So kam er
zur Religion.?
[36]
Es
wird über ethische Normen der Religion gesprochen.
Hadina sagt, daß sich aus der Naturreligion allmählich
ein Polytheismus entwickelt, indem die Lebenskräfte
immer deutlicher von ihrem Wirkungsgebiet, dessen
Beseelung sie waren, geschieden werden und sich in
menschliche Gestalt sich kleiden. Meist gruppieren
sie sich nach dem
Vorbild der menschlichen Familie. Ursprünglich
von ungeheuerer Körperkraft und Größe, leuchten sie
bei zunehmender Kultur ihrer Anbeter, später mehr
durch geistige Vorzüge, und noch später werden ihnen
sittliche Eigenschaften zugewiesen. Dann werde die
Religion ethisch. Bei Hadina sind solche Elemente
wie Moral und Geist grundsätzlich verzerrt, deformiert,
eher nicht begriffen, weil sie vereinfacht werden.
In einer Gesellschaft funktionieren die Postulate
nach Reinheit, Keuschheit, nach Gelübden der Herzen-
und Sittenausgewogenheit anders als da zu lesen ist:
?Der Grund menschlicher Gesellschaft ist gelegt, Recht
wird von Unrecht geschieden, Lohn und Strafe sind
Sachen des Herzens. Aber die Erfahrung lehrt, daß
Lohn und Strafe nicht gerechte Verteilung finden in
der Welt. Aus diesem Zwiespalt schafft wieder die
Religion Erlösung, indem sie eine waltende Gerechtigkeit
lehrt, eine Vergeltung nach dem Tode. Und der Inbegriff
alles Sittlichen werden die Götter ? wird der Gott,
der eine, der waltende Richter, in den dann der Polytheismus
ausläuft.?
[37]
Das
nennt Hadina die höhere
Stufe einer sittlichen Religion bei allen Völkern.
Diese Stufe solle zunächst von einzelnen erklommen
werden, die unbefriedigt von der Religion der Masse
aus tiefsten Herzensnöten, aus ehrlichem Ringen und
Kämpfen einen neuen Weg zum Unendlichen fanden und
diesen Weg den bedrängten Brüdern lehrten und wiesen.
Die
wichtigsten Worte hat der Autor in dieser kurzen,
interessanten Abhandlung im Kapitel ?Werdegang der
Religion? ausgesprochen: ?In gedranger Übersicht
suchte ich jetzt die Hauptpunkte der religiösen Entwicklung
zu geben und hervorragende Führerstimmen aus alter
und gegenwärtiger Zeit sprechen zu lassen. Nicht immer
hat der Werdegang der Religion geradlinige Tendenz,
aber führt er aufwärts. Von einer Religion, die ein
verbreitetes mythologisches System ihr Fundament,
einen ausgebildeten Kultus ihre Gewandung nennt, erhebt
sich ihre Evolution zu einem mythos- und kultusfreien
stillseligen Bekenntnis des Herzens; von einer Religion
der Furcht geht ihr Weg über die des gesetzmäßigen
Vertrages zur Religion der frei und uninteressiert
sich gebenden Liebe; von Religionsformen, die noch
keine ethischen Postulate kennen, steigt ihr innerer
Wert zur Sittlichkeitsreligion und erhebt sich sodann
über diese, indem Moral und Gesetz für den wahrhaft
religiösen Menschen keine Werte mehr sind, die sein
religiöses Leben tangieren, sie sind zwanglose Selbstverständlichkeiten
seiner freien Persönlichkeit; aus einer Religion der
Masse klärt sich immer entschiedener eine individuelle
Religiosität; die Religion, die sich auf Übernatürlichkeit
und Offenbarung stützte, gründet sich im liberalen
Protestantismus auf die historische Jesusgestalt und
erblüht dem modernen Menschen lediglich
aus eigenem inneren Erleben; die Religion der
Weltfeindlichkeit wird zur Religion des Lebens, die
in den tausendfältigen Formen des Weltgeschehens,
der Menschenarbeit, des Menschensehnens nicht mehr
ein sündiges Tränental beklagt, nein, die schaffende
Hand des ewigen Gottes, sein innerstes Leben und stets
neues Gestalten tiefgläubig verehrt.?
[38]
Ich
kann mich dieses Eindrucks nicht verwehren, daß man
unter solchen Worten doch umgekehrt einen Versuch
nach Berechtigung verwirklichen will, ein Individuum
selbstverantwortlich, selbständig, und auch autonom
sich realisieren zu lassen. Ein ?kultusfreies, stillseliges
Bekenntnis des Herzens? von einem zu anderen Systemen
widerspricht den Forderungen nach einem Glauben und
Wissen, wie es von entsprechenden offiziellen Stellen
oft zu hören oder lesen ist. Und eine individuelle
Religiosität fängt an, etwas anderes zu werden als
religiöse Massenproklamationen und Verkündigungen
über einen einzigen Gott mit seinen Moral- und allgemeinen
Lebensgesetzen für alle.