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Orbis Linguarum Vol. 17/2001

Ivan Stupek

Ostrava

Hadinas Prosawerke

Der Anfang der zwanziger Jahre berühmt gewordene Emil Hadina, 1885 in Wien geboren und 1957 in Ingolstadt gestorben, hatte schon vor dem Ersten Welt­krieg im Stil der Romantik zu schreiben begonnen. Er stammte aus einer sudeten­deut­schen Familie. Er war Lehrer in Bielitz und Iglau, Professor und Schuldirektor in Troppau, wo er sich vor allem auch als Schriftleiter der ?Deutschen Post? um das Deutschtum verdient machte. Er kam zurück in die schlesische Heimat seiner El­tern. Seine impressionistischen und neuromantischen Dichtungen sind der österrei­chischen Literatur verbunden. Sehnsucht nach Schönheit und Stille in seiner stim­mungsvollen und musikalisch dahinschwebenden Lyrik, wie auch in seiner Prosa, sommerliche Stimmungen und Frauenliebe erfüllen viele Gedichtbände und Romane.

Das Optimistische steht im Zentrum seiner Romane, Erzählungen und Novel­len. Mit Vorliebe entnahm Hadina Beispiele aus der deutschen Kulturgeschichte. In dem Band mit dem bemerkenswerten Titel ?Das andere Reich? aus dem Jahre 1919 spielt eine Novelle um die tragische Gestalt des Dichters Hölty. In neun fes­selnden Erzählungen wird der Zusammenhang des irdischen Daseins mit dem über­sinnlichen Reich zur Darstellung gebracht. Diese Novellen und Träume be­wegen sich in bezau­bernder Weise in einer sonnigen und farbenprächtigen Sinnen­welt, in der die Schön­heit der Frauen, heiße Liebe, innige Freundschaft, volle Hin­gebung, holde Jugendblut und alles, wonach die Menschheit sich sehnt, zu ihrem Recht gelangen.

Aber auch das Tragische spürt man überall. Gleich im zweiten Kapitel dieser Novelle ?Höltys letzter Frühling? begegnen wir ein paar Stellen, welche davon zeugen, was für die Beziehung der Autor zu Hölty hält. Aber auch zu Lenau, wel­chen er auch erwähnt. Dieses Kapitel enthält authentische Gefühle und Erlebnisse. Hadina mag diese Zeit und eine ganze Reihe von deutschen klassischen Schrift­stellern, die in sei­ner Literatur oft eine bedeutsame Rolle spielen. Der Stil ist klar, logisch und abwechs­lungsreich.. Hadina beschreibt sein Idol, als er im Jahre 1776 an einem Maientag von Hannover nach Mariensee gefahren war: ?Ein blasses, krankhaft schmales Gesicht voll unendlicher Müdigkeit lehnte in der Ecke. Die Augen lagen tief in Schatten und Höhlen. Aber die Stirn stieg hoch und hell em­por, und um den bartlosen jungen Mund spielten Güte und Anmut.? [1]

Die letzte Liebe zwischen Hölty und Doris ist ergreifend und aufrichtig. Nur die Frühlingssymbolik ersetzte Hadina durch die Symbolik des Herbstes. Er wollte da­durch etwas weiteres andeuten, und zwar weitere Fortsetzungsmöglichkeiten in der Liebe, im Leben: ?So ist das Ende des Frühlings herbeigekommen und mit dem Frühling soll auch Doris Mariensee wieder verlassen. Sie wollen es Gott überlas­sen, ob ihr aus dem verblühten Lenz ein langes, lebendiges Glück reifen soll oder nur ein wehmütig schöner Traum. Ein Fest soll alles beschließen, Frühling und Seligkeit, die Liebe und vielleicht das Leben.? [2]

Aber Unglück, Schmerz, keinen Frühling, sondern was Schwermütiges spürt man: ?Am Morgen fühlt Hölty die Brust wie in Schmerzen aufgerissen und eine heiße Quelle steigt ihm immer zum Hals empor. Da weiß er sein Los voraus, klarer als je. Und doch ist eine kindliche Heiterkeit über ihm, und sein Herz füllt sich mit dankbarer Demut. Nun begreift er, wie wunderbar gütig der Abschied seines Mäd­chens gefügt ist. Sie soll sein Leiden und Zerfallen nicht sehen, ihr letzter Liebes­tag sei verklärt von Schönheit und Hoffnung.? [3]

Höltys Lebensende wird ohne Pathos beschrieben, was auch typisch für Hadi­nas ganzes Werk ist: ?Als im nächsten Jahr der Frühling über Mariensee blühte und in den alten Gärten und Waldfluren neue Blumengesichter erweckte, fand er seinen Liebling nicht mehr. Noch ehe die alten Blätter von den Bäumen fielen, war er heim­gegangen.?

Ein unglücklicher Bruder im Geiste und in der Liebe, der Dichter Lenau, hat ihm später das Grablied gesungen:

 Hölty, dein Freund, der Frühling, ist gekommen!

 Klagend irrt er im Haine, dich zu finden.

 Doch unmsonst! Sein klagender Ruf verhallt in

 Einsamen Schatten.

 Ach, an den Hügel sinkt er deines Grabes

 Und umarmt ihn sehnsuchtsvoll: ?Mein Sänger

 Tot!? So klagt sein flüsternder Hauch dahin durch

 Säuselnde Blumen... [4]

Der Roman ?Die graue Stadt ? die lichten Frauen? aus 1922, einer der besten Wer­ke Hadinas, verfolgt das Leben Theodor Storms, sein einfaches und so eng be­grenz­tes Leben in Husum, und den inneren Reichtum, den er dennoch hervorbrin­gen konnte. Der Roman wird mehr in lyrischer Stimme geschaffen, wozu auch die Natur und empfindliche, zarte Beziehungen der Protagonisten dienen. Der Anfang selbst ruft eine gemütlich ruhige Atmosphäre hervor: ?Ein Garten in Sommer- und Sonnentrun­kenheit.? [5]

Die Hauptrolle bei der Erziehung des kleinen Theo erfüllt seine Tante Elsabe Woldsen, Frau Lucie Storms jüngste und anmutigste Schwester, wie sie Hadina beschrieb -...?die hier zwischen Himmel und Erde, Lindenkrone und Nelkenbeeten, den Starken da droben und den leuchtenden Leuchtkäfern auf den weißen Mu­scheln ihre schwebende Sommerandacht hielt.? [6]

  Hadinas Dialoge, welche seine Überzeugung über die grundsätzliche Liebe je­des Deutschen zur Nation, zur Heimat ausdrücken, sind nicht selten in seinem Schaf­fen. Zum Beispiel ein Dialog zwischen dem kleinen Theo und seiner Tante Elsabe: ?...Weißt du, warum die Leute hier ihre Heimat so lieben? Weil sie so oft um sie zittern müssen.?

?Das ist wahr, Tante Elsabe! Ich habe die Stadt und Marschen und Heide dop­pelt so gern, seit die Sturmflut kam. Und seit Vater sagte: Die Heimat steht fest!?

  ?Behalt sie lieb, deine Heimat?, mahnte Elsabe fast feierlich. ?Versprich es mir heute, vor meinem Abschied. Und dein Haus, Eltern und Geschwister.?

Theodor reichte der Tante die Hand und drückte sie fest.

?Ich verspreche es dir ganz gewiß. Ich muß sie auch lieb haben. Am meisten aber doch dich, Tante Elsabe!?

Er beugte sich über ihre Hand und küßte sie. Auch eine Träne fiel darauf.

?Sag? nicht: am meisten. Die größte Liebe gehört deinem Land. Wir werden al­tern und vergehen, aber die Heimat lebt ewig.?

?Ewig!? wiederholte leise der Knabe. ?Es gibt kein schöneres Wort, nicht wahr? Wie wunderbar, daß sie ewig ist.? [7]

Solche patriotische Erziehungsmomente grenzen jedoch an nationalistische Ge­fühle, welchen man in diesem Werk an mehreren Stellen begegnen kann. In der Literatur Theodor Storms hingegen kommt dieses nationalistische Element nicht zum Ausdruck, wenn auch das patriotische allenthalben zu spüren ist.

Die graue Stadt Husum und die lichten Frauen, welche Theodor so gut heran­gezogen haben. ?Zehn Jahre waren über die graue Stadt hinweggezogen.? [8]

?Die graue Stadt hatte sich während der zehn Jahre nicht sonderlich geän­dert.? [9]

Doch der junge Theo verändert sich, was den Bemühungen seiner Mutter und Tante zuzuschreiben ist.

Die Grundzüge dieses Romans hat das Leben selbst gedichtet. Doch verlang­ten Komposition und Geschlossenheit manche Zusammenrückung zeitlich etwas aus­einanderliegender Begebenheiten, namentlich in den ersten zwei Kapiteln. Die zi­tier­ten Briefstellen sind fast durchweg wirklichen Briefen entnommen. Aber auch seine dichterischen Versuche an Konstanze bei der Gelegenheit ihres Geburtstages sind ursprünglich und originell, was Hadina mit folgenden Worten schildert:

 Der Husumer Garten in der Neustadt, der nun für immer verloren war, rauschte mit seinen alten Ulmen- und Lindenwipfeln zur fremden hohen Gartenmauer herüber, von der der Verbannte in die nächtliche Ferne sah. Und die Rosen- und Jasminge­sträuche, noch in der Brautzeit von ihm selbst gepflanzt und gepflegt, dufte­ten wieder wie einst. Ein schönes, junges Frauengesicht sah über seine Schulter hin­aus in die Gartennacht. Stundenlang, in schweigendem Glück. Es war ihr Geburtstag, auch damals.

 Und er formte die weh-süßen Erinnerungen zu klingenden Versen:

 Gedenkst du noch, wenn in der Frühlingsnacht

 Aus unserm Kammerfenster wir hernieder

 Zum Garten schauten, wo geheimnisvoll

 Im Dunkel dufteten Jasmin und Flieder?

 Der Sternenhimmel über uns so weit -

 Und du so jung. Unmerklich geht die Zeit...? [10]

In allen Einzelheiten der Darstellung und Ausgestaltung nahm der Autor das Recht des Romanschriftstellers voll in Anspruch, der nur an das Gebot der höheren und inneren Wahrheit gebunden zu sein scheint. Von der ehrfürchtigen Liebe ist die­ser Roman ausgegangen und diese Liebe will er weitergeben, um dem Dichter und sei­nem Werk neue Räume bereiten zu helfen. Um eine tiefere Authentizität zu errei­chen, geht der Autor Hadina von mehreren sekundären Quellen aus, welche ihm als eine echte Vorlage dienen sollten, seinen Th. Storm richtig und realistischer dar­zustel­len. [11] Im Gegensatz zu diesem Roman Hadinas, in dem er mehr über Storms Be­ziehung zu seiner geliebten Konstanze sprach, wobei Storm bis zu Ende ihres Lebens glücklich ist, mit ihr zusammen zu sein, wenn er auch von ihr unabhängig zu leben versucht, werden im nächsten Teil der Th.Storm ? Dilogie ?Kampf mit den Schatten? von Hadina mehr die eigentlichen und innerlichen Schicksalsmomente des Roman­helden Storm geschildert. Beide Romane beginnen mit fast denselben Worten und Gedanken. Im ersten Teil ?Die graue Stadt ? die lichten Frauen? lauten die ersten Worte: ?Ein Garten in Sommer- und Sonnen­trun­ken­heit. Draußen in der grauen Stadt ringsum war der Sommer ein Fremdling, des­sen goldenes Lachen nicht entzaubern konnte.? [12]

Im zweiten Teil ?Kampf mit den Schatten? können wir die ersten Zeilen lesen: ?Graue Schatten, schwerer als je im Jahr, lasteten über der grauen Stadt. In der Nacht hatte ein letzter nasser Novembersturm vom Westen her die alten Dächer un­sanft gerüttelt, die weiten Böden der Patrizierhäuser stöhnend durchflattert, den großen gelben Kirchbau und seine Pfefferbüchse, wie die älteren Husumer noch im­mer grollend den neuen Turm nannten, mit peitschenden Regenschauern ge­züch­tigt und alle ängstlichen und wundergläubigen Herzen jäh aus geruhigem Schlaf geheult.? [13] Was freilich den ersten vom zweiten Teil unterscheidet, ist ein Versuch Hadinas, seinen Storm mehr philosophisch, in den wirklicheren, ihn authen­tischer definierenden Stellungnahmen auszuprägen, seine Empfindungs- und Wahrnehmungspunkte präzi­ser festzulegen. Gleich anfangs sind die Worte Hadi­nas mit Gedanken Storms ver­schmolzen: ?Immer neue Erinnerungen leuchteten mild aus den Nebeltiefen. ?So komme, was da kommen mag, solang du lebest, ist es Tag. Und geht es in die Welt hinaus ? wo du mir bist, bin ich zu Haus. Ich sehe dein liebes Angesicht, ich sehe die Schatten der Zukunft nicht.? Wie fern, wie fern klang dieses lichte Gebet...? [14]

Einer der wichtigsten Gedanken im Werk sind die Worte: ?Leben ? leben ? schaffen und leben! Wer das könnte! Wer die Kraft dazu hämmerte! Eine Hand, eine starke, gütige Retterhand, die aus dem Schattenreich seiner Einsamkeit heben und heilen könnte! Die zum Sehen und Genießen, zum Schöpferischen Quell des Schönen zurückwiese, daß sein Gelöbnis nicht eitles, selbstberauschendes Blend­werk bliebe!? [15]

Die ganze Romanhandlung liegt mehr in den geistigen und psychologischen Betrachtungen über den Sinn des Lebens, des Schaffens, was mehr oder weniger von Momenten seiner Frau Doris und ihrer Beziehungen zu Storm begleitet wird. Oft ist es zu spüren, den Gedanken nachzufolgen, als trüge Th.Storm das Stigma eines Ver­schuldens, sogar des Todes:

 Wie bald des Sommers holdes Fest verging!

 Es kommt der Herbst, dem folgt kein Früh-

 ling wieder.

 Da fällt ein letzter Sonnenstrahl hernieder -

 Komm, laß uns spielen, weißer Schmetterling!

 Ach, keine Lilie, keine Rose mehr,

 Ein kalt Gewölk am Himmel fährt daher.

 Weh, wie so bald des Sommers Luft verging -

 O komm! Wo bist du, weißer Schmetterling? [16]

?Mit diesem Lied in der Hand, kehrte der Dichter wieder fröhlich zu den Sei­nen. Und umringt von Jugend und Liebe, getröstet durch neue Schaffenskraft, gestärkt von den freien Winden, die herb und rein aus Wald und Wiesen wehten, fand er stets die rechten Bundesgenossen im Kampfe gegen die Schatten.? [17]

Nur ein Dichter, der gleich dem großen norddeutschen Autor das zarteste Em­pfinden mit kraftvoller Männlichkeit verbindet, konnte uns das Wesen Storms so vollendet vermitteln, wie dies Hadina gelungen ist. Die mannigfachen Beziehun­gen zwischen dem Leben und den Werken Storms werden mit größter Kunst enthüllt.

Als ein Dokument der positiven Aufnahme von Seiten der Kritik füge ich einen längeren Zeitungsprobeausschnitt aus der ?Sudetendeutschen Tageszeitung? bei: ?Hadinas dichterische Gestaltungskraft wird man besonders im Theodor Storm-Ro­man gebührend einzuschätzen wissen, handelt es sich doch hier um eine einzig­artige, große, freie Dichterpersönlichkeit. Studium allein genügt da nicht; da muß der Dichter sich einfühlen können in die eigenartige Poesie der nordischen Natur und Landschaft, der grauen Stadt am Meer, in geheiligte Familienüberlieferung und nicht zuletzt hell­hörig auf die mitschwingenden Saiten achten, die den schein­bar volltönenden Zu­sammenklang, die anscheinend ungetrübte Harmonie des großen Lebensliedes be­gleiten. ? Storm als Mensch und als Dichter hat in der Seele seines gleichfalls lyrisch veranlagten Lebensschilderers dieses treue Echo gefunden und darum ist dem Schle­sier das Lebensbild des Husumers so ausgezeichnet und rund gelungen. Darin durf­ten, der Gesamtwirkung wegen, freilich auch dessen Schatten­seiten nicht fehlen, das ist seine Neigung zu trostloser, selbstquälerischer Grübelei, und dann die Tragik sei­ner ersten Ehe mit Konstanze Esmarch. Diese selbst, das Muster einer echt deu­tschen, hoheitsvollen Frauenseele und starken, leidgeprüften Lebenskämpferin, hat durch die Feder des tief mitfühlenden Biographen das wohl­verdiente Ehrendenkmal erhalten, und nicht ohne Absicht schließt Hadina mit ihrem Heimgange seine Dichtung ...Das heißt man, mit ehrfürchtiger Liebe und künstle­rischem Feiergefühl das Leben eines Dichters darstellen und seiner Lesergemeinde neue Freunde werben: die freu­digste Genugtuung für den Biographen und Dichter­freund.?

Und noch eine ganz kurze Bemerkung aus der ?Münchener Allgemeinen Zei­tung?: ?Das Werk einer rührenden Verehrung und liebevollen Einfühlens, eine schöne Gabe für die geistigen Freunde Storms! Ein Roman, dem großes, unein­ge­schränktes Lob gebührt. Es gehört zum Besten unserer neuen Literatur.?

Der 1925 erschienene Roman ?Dämonen der Tiefe? befaßt sich mit Gottfried August Bürger und erreicht seinen Höhepunkt im sieghaften Durchbruch des Dich­ters bei der Schöpfung seiner ?Lenore?.

Alles zieht in lebendigen, oft stürmischen Szenen vorüber, ein wahrhaft er­schüt­terndes Bild, von Verständnis durchglüht, mit künstlerischem Gefühl und Ge­schmack, aber auch voll von Kenntnissen Hadinas über seinen im Roman be­schrie­benen Helden.

Hadina wollte die Überwindung des Bösen und Widrigen beweisen. Es wird der Glaube an die aufwärtsstrebende Kraft des menschlichen Geistes manifestiert. Als würden wir die Atmosphäre seiner Balladen wahrnehmen, wenn man die letzten Zei­len in Hadinas Romans liest, wo er versuchte das Fühlen und die Sinnesemp­fin­dung von Bürger uns nahezubringen: ?Ein sommerheißer Junitag des Jahres 1794 lag schwer über Stadt und Gefilden Göttingens, trunken an eigenen Gluten und schwülen Düften. Wer fliehen konnte, floh in die kühlenden grünen Arme naher Wälder, um für Stunden wenigstens aus dem Reich der siedenden Steine erlöst zu sein.

Doch aus den Wäldern schritt Eine zur gemiedenen Stadt. Eine zwan­zigjährige Schöne, voll und waldgesund, das Geheimnis ihrer Herkunft und ihrer rauschenden Tannenheimat in den braunen Lichtaugen. Ein gewaltiger Strauß junger Waldwie­senblumen blühte aus dem sonnengebräunten Arm des Mädchens.? [18] ?Ihr Weg zu den Sternen? lautet der Titel eines Romans über Charlotte von Kalb aus dem Jahre 1926. Friedrich Schiller als eine Nebengestalt dieses Romans ragt trotzdem als Hauptgeist dieser ganzen Handlung empor, wenn Hadina auch etwas anderes mit seinem Werk zu tun gedachte, und zwar Schiller die empfindlichen und stark auf­richti­gen und festen Liebesbeziehungen der Charlotte seiner echten Frau Lotte gegenüber darzustellen.

Eine Stimme wollte trösten: Es ist wieder ein Flackerschein, der in Rauch aufgeht. Wo sind sie alle, die Lotten, Margareten, Katharinen, Henrietten und wie sie hießen, die sein schnell entflammtes Herz ihr eigen glaubten! Vielleicht einige Monate nur, und die bedeutungslose Anmut der Rudolfstädterin stand als letzte in diesem Rei­gen. [19]

Und ein paar Zeilen weiter: ?Als dann Lotte von Lengefeld in Weimar weilte, war Charlotte doch ergriffen, von ihrer rührenden Heiterkeit und dem Vertrauen, das sie in bedingungsloser Bewunderung gerade ihr entgegenbrachte. Da war kein Spiel, keine Absicht oder Intrige möglich. Und mit ganzer, verzweifelnder Liebe öffnete sie der Nebenbuhlerin ihre Arme.? [20]

Zum erstenmal ist die bedeutendste Frau aus Schillers Leben der Mittelpunkt eines Romans. Die dichterische Kraft dieses Werkes, in dem alle Höhen und Tie­fen menschlicher Qualen und Leidenschaften erglühen, ist für das Werk kennzeichnend.

Eigentlich wie Schillers Leben selbst war auch trostlos und nicht glücklich, auch sein Zusammenleben mit Lotte von Len- gefeld bezeichnete eine gewisse Lie­besun­verläßlichkeit und so verläßt der Dichter alle seine Frauen, die ihn inspiriert und geistig unterstützt hatten. Er ist sich anderer und wichtigerer Werte bewußt, wenn er aus­spricht:

Ich bin arm, Charlotte. Wirklich arm, an Geist vielleicht nicht, aber an Wissen und Kenntnis, Bildung und Blick in die Tiefen von Welt und Menschenschicksal. Was in mir wogte und stritt, konnte ich gestalten. Ich bin erschöpft, mir fehlt der unendliche Born, der Herrn Goethe aus seinen emsigen Naturstudien hemmungslos zuströmt. Ich glaube, ich müßte einmal etwas ordentlich lernen, strengste, nüch­tern­ste Wissen­schaft. Dann erst hätte ich den Dichter der Räuber völlig überwunden. [21]

Solche empfindungsvollen Scharfblicke und Bemerkungen Hadinas sind mit künst­lerisch, wahrgenommen durchlebten Federstrichen ausgemalt, so daß alles ganz reell auf den Leser einwirkt. Dies Werk von Hadina ist eines der sensibelsten und fein­fühligsten, welche von ihm geschaffen wurden. Eine sehr wichtige Rolle spie­len dabei gute Kenntnisse von Schillers Leben und seiner Frauen.

Den Lebensweg der Karoline Schlegel beschreibt der Roman ?Madame Luci­fer? aus dem Jahre 1926. Eine herausragende Dichtung, authentisch in der Darstel­lung, treu dem Wesen des Motivs, lebendig im Ausgleich von Zeit und Stil. Ein Hoch­gesang auf das Lebensbekenntnis und Lebensweg einer Frau, die von ihrer Sendung etwas spürte, darum Haus und Familie aufgab, um das Heim der roman­ti­schen Welt zu gründen.

Friederike Brion porträtiert der Roman ?Friederike erzählt? von 1931. Der Ro­man um Goethes Jugendliebe, die wundervollste Mädchengestalt in seinem Leben, in ihrer heroischen Hingabe und Reinheit.

Der Roman ist in Briefen zusammengestellt. Der erste ist im Jahre 1766 am Ostermontag geschrieben, der letzte im frühen Herbst 1779, also zwischen ihrem 14 und 27 Lebensjahr. Ein Mädchen, wie es uns aus dem Goethewerk ?Dichtung und Wahrheit? bekannt ist, versuchte der Autor Hadina auf seine Weise, doch auch auf­grund von Friederikes Briefen darzustellen, in Briefen an sie selbst. Es gibt eine ganz wesentliche Authentizität und zwar Friederikes Briefdatierung an Goethe betreffend, welche im Werk der Wirklichkeit entspricht. Friederike Elisabeth, als ?Friederike von Sessenheim? durch ihre Beziehung zu Goethe bekannt, wurde 1752 als Tochter des Pfarrers Johann Jakob Brion geboren. Sie siedelte mit ihren Eltern im Alter von 8 Jah­ren, d.h. 1760 nach Sessenheim bei Straßburg über und lernte Goethe in der ersten Oktoberhälfte 1770 kennen, wo er als Straßburger Student mit seinem Freund Wey­land im Haus ihrer Eltern zu Besuch war. Das zwi­schen den beiden sich entwickelnde Liebesverhältnis, das der Dichter selbst im schon erwähnten Werk ?Dichtung und Wahrheit? so anmutig geschildert hat, dauerte bis zum August 1771, als Goethe Straßburg verließ.

In ihrem ersten Brief vom 21. April 1766 lesen wir schon in ihren Gedanken die Sensibilität und eine gewisse Zuneigung, besonders, wenn diese Gefühle ihr gegen­­über aufgebracht werden konnten. ?Ich habe dies Tagebuch von meiner Mutter be­kommen, am Abend vor meiner Konfirmation, als ich gerade 15 Jahre alt wurde. Ge­burtstag, Ostern, Einsegnung, so traf alles zusammen. Wie kann ein Herz so viel Liebe nur ertragen? So unendlich viel Liebe?

Ich glaube, auch die Liebe ist eine Last, unter der man zerbrechen kann. Doch eine selige, so daß es eine Lust sein muß, zu vergehen und sich völlig zu verlieren...? [22]

Von diesem Geiste sind alle weiteren innerlichen Überlegungen geleitet, in de­nen ihre Frömmigkeit, Ergebenheit und Hingabe für die Liebe zu Eltern und Kir­che, später zu Goethe mit gut ausgeprägten Charakterzügen klar von Hadina darge­stellt sind.

Die erste Erwähnung Goethes lesen wir im Brief vom 15. Juni 1770: ?Die Bo­tenfrau hat aus Straßburg einen Brief gebracht. Einen Brief für mich. Von Fried­rich Weyland ist er geschrieben.

Nun weiß ich, wie der Frankfurter heißt. Wolfgang Goethe. Er studiert Jus, ab­solviert vielmehr seine schon in Leipzig betriebenen Arbeiten. Auch soll er ein Dichter sein und den Freunden bisweilen zierliche Verse vorlesen. Und ein großer Frauen­freund obendrein.? [23]

Am Abend des 14. Oktober, 1770 schreibt Friederike den nächsten Brief, als sie Goethe zum erstenmal traf. Aber erst am 19. Oktober erfahren wir in Friederikes Brief über ein Schreiben des damals einundzwanzigjährigen Goethe, in dem er an sie selbst geschrieben hat: ?? Liebe neue Freundin?, so beginnt das Schreiben. Und er be­gründet gleich diese artige Vertraulichkeit: ?Ich zweifle nicht, Sie so zu nen­nen. Denn wenn ich mich anders nur ein klein wenig auf die Augen verstehe, so fand mein Aug? im ersten Blick die Hoffnung zu dieser Freundschaft in Ihrem, und für unsre Herzen wollt? ich schwören. Sie, zärtlich und gut, wie ich Sie kenne, sollten Sie mir, da ich Sie so lieb habe, nicht wieder ein bißchen günstig sein?? [24]

Der Autor Hadina hat aus mehreren Quellen die Briefe von Friederike über­nommen, die er an seine Vorstellung von einem guten Goethebild anzupassen strebte. Schwer zu beurteilen, aber jedenfalls wollte Hadina eine klare, und dabei auch unbestrittene Geschichte von beiden entwerfen. Und wichtig ist , daß ihm dieses Be­streben gut gelungen ist. Eher unwichtig ist die Frage, ob und wie weit die Liebe zwischen ihnen gelangt war. In Hadinas Werk geht es um eine zärtliche Handlung der reinen Liebe und seelischen Gespräche. In der Wirklichkeit war es je doch anders, die Liebe war eine aufrichtige Liebesbeziehung mit allen Attributen. In diesem Roman schreibt Hadina die letzten Worte Friederikes wahrscheinlich so wie sie wirklich ausgesprochen wurden: ?Mir war es anders verhängt. Schwerer, heißer, sündiger. Doch auch seliger und voll größerer Gnade.

Darum werde ich nicht sterben, lange nicht, auch wenn ich vielleicht zurück­sinke in Krankheit und Elend, so daß im stillen, flüsternden Pfarrhaus wieder nur die helle Stimme Christians an alte frohe Zeiten erinnert. Ich werde nicht sterben, sondern leben und leiden. Leben und sühnen.? [25]

Friederike hatte nach seiner Abreise eine schwere Krankheit zu überstehen. Dann wurde sie vom Dichter R. Lenz mit leidenschaftlicher Liebe verfolgt. Goethe selbst sah Friederike noch einmal im September 1779, als er auf der Reise in die Schweiz begriffen, sie in Sessenheim besuchte. Sie bewahrte ihm stets ein liebes­vol­les Andenken und blieb trotz mehrfacher Heiratsanträge unvermählt.

Auch im Roman beschreibt Hadina die tatsächliche Handlung der beiden auf­grund Friederikes Notizen vom frühen Herbst 1779:

Wolfgang blieb über Nacht und schied am andern Morgen bei Sonnenauf­gang. Gute, treuherzige Augen blickten ihm nach. Friede und Versöhnung weiteten die Brust wie zum Gebet.

Er weiß: bis zum letzten Tage bleibt sein Bild in meiner Seele wie über mei­nem Bet­te. Und dazu der Spruch von der Treue bis zum Tode, der die Krone des Le­bens ver­heißen ist. [26]

Das letzte Jahrzehnt ihres Lebens verbrachte sie im Haus ihrer verheirateten älte­ren Schwester Maria Salome, von Goethe Olivia genannt und 1813 ist Friderike in Meißenheim gestorben.

In dem Entwicklungsroman ?Advent? aus dem Jahre 1923 wird wahrscheinlich auch aus eigenen Erlebnissen der Weg eines selbstbewußten Mannes zum Mit­tel­schullehrer und protestantischen Geistlichen und schließlich zum Dichter gezeigt. Aus dem Krieg gesund heimgekehrt, ergreift ihn zutiefst der Tod seiner Mutter. Aus dem Glauben an das Vaterland erhält er die Kraft zum Dichten. Viele Stellen im Buch werden von Hadina zu nationalistisch ausgesprochen: ?Nun wurde das Bundeslied der Cimbria gesungen, das in den Schwur ausklang:

Der Wahrheit zur Ehre,

Der Freundschaft zur Wehre,

Der Heimat zum Schutze,

Allen Teufeln zum Trutze,

So reicht euch Brüder die Bruderhand,

Zu leben und zu sterben fürs deutsche

Vaterland! [27]

?Roman einer Erwartung? nennt der Verfasser sein Buch. Es ist beides in ihm. Erwartung und Sehnsucht. Und beides in wundervolle Poesie gekleidet, die das Ganze wie ein großes, lyrisches Gedicht lesen und erleben läßt. Keine Ereignisse, keine fortschreitende oder durch äußere Geschehnisse fesselnde Handlung. Alles ist auf Innerlichkeit angelegt: Hans Leidfrieds Werden und Wachsen, erzählt von einem, der einen tiefen Blick in die Seele des Kindes und Jünglings getan hat, ihre Freuden und Leiden kennt und sie liebt.

Hadinas letzte Prosaschöpfung ist das Bekenntnis seiner eigenen Menschlich­keit und wächst aus persönlichen Erinnerungen und Erlebnissen gebieterisch zu einem wundervoll abgeklärten, ergreifenden Sinnbild des Allgemeinmenschlichen. Jeder Mann geht diesen Weg, diesen Kreuzweg der großen Erkenntnisse, und so grüßt in diesem Werk ?aus der Fülle enger Einzelheit ein Namenloser, der tausend- und tau­sendfach ging durch die Menschengassen?. Die klare innere Steigerung ist auch äußerlich in dem glänzend geschriebenen Buch meisterhaft durchgebildet, indem der Dichter in Abständen von je fünf Jahren den geistigen Aufbau des Gan­zen gibt. Aber über alle diese Eigenschaften und Vorzüge des Buches geht die tiefe ethische Wahr­haftigkeit der Darstellung, die bei aller Offenheit und Schonungs­losigkeit die ästhe­tische Schönheit wahrt und so auch künstlerisch das Einzel­schick­sal zum Typus der modernen Menschlichkeit macht.

In der Zeitung ?Deutschösterreichische Tageszeitung? schrieb man über den Roman ?Advent?: ?Ein tief durchdachtes, zu ernstem Denken anregendes, in seiner Handlung allen Anforderungen an einen zeitgenössischen Roman entsprechendes Werk. Das Buch ist eine Gabe an uns alle, die wir das Schreckliche der Gegenwart erleben müssen.

Ein tiefdurchdachtes Werk. Hadina hat den sittlichen geistigen Aufbau des durch Leid und Enttäuschung sich emporringenden Menschen der Gegenwart in einer Art behandelt, die selbst uns, die wir doch die Gegenwart leben, zu packen versteht.?

Davon abgesehen ist dies Werk ein abgeklärtes, ergreifendes Sinnbild des all­gemein Menschlichen, welches auch von der äußeren Form her recht gut äußerlich lyrisch geschrieben ist. Über alle diese Vorzüge geht die tiefe ethische Wahrhaf­tigkeit der Darstellung. Doch die primäre Position nimmt in dem Werk Hadinas Aussage der Liebe zu seiner Mutter ein: ?Frau Agnes war stiller geworden. Der Atem raschelte wie dürres Laub, wenn es zertreten wird. Doch die Klagetöne klan­gen leiser, ferner, wie abschiednehmend. Hans Leidfried sah den erwarteten Gast jetzt sichtbar vor sich. Es war eine graue, mantelverhüllte Gestalt mit abgewand­tem Antlitz. Nach unten zerfloß sie in Rauch, der über dem Teppich entglitt.

 ?Laß sie mir!? bat er tonlos.? Ich biete dir alles, was ich habe.?

 ?Was ist das?? scholl die Antwort.

 ?Mein Leben,? erwiderte der Sohn. ?Du kannst es gleichzeitig pflücken, wenn du nach Jahr und Tag die Mutter holst.? [28]

Zwei weitere Romane sind nicht von herausragender Bedeutung. Der Roman ?Ge­heimnis um Eva? mit dem Untertitel ?Ein Frauenreigen? ist im Jahre 1929 im L. Staackmann Verlag in Leipzig erschienen. Es ist ein Buch der Liebe und der Lei­den­schaft. In diesen feinsinnigen Novellen, die von tiefem psychologischen Ein­fühlungs­vermögen zeugen und die einzigartige farbige Musikalität seiner Sprache darbieten, hat der Dichter der wahren Frauenwelt ein unvergleichliches Denkmal gesetzt.

Sein nächstes Werk ?Der Gott im Dunkel? mit dem Untertitel ?Drei Weisen um Liebe, Tod und Verklärung? erschien im Verlag Heinz & Comp. Troppau, Leipzig 1933.

Eines der Werke, welches eine sehr eigenartige Stellung einnimmt, heißt ?Brü­der und Heimat! Worte deutschen Vertrauens? in 1919 Troppau herausgegeben. Der Untertitel , der ?Die Hälfte des Reingewinns ist der Kriegsgefangegenfürsorge gewidmet? lautet, zeugt auch von der inhaltlichen Orientierung dieses nicht ganz ge­lungenen Werkes. Ein in vier Teilen konzipiertes Schreiben stellt die Beziehung des Autors zu Deutschland, zum deutschen Volk dar. Gleich das erste Gedicht führt den Leser in diese mit nationalen Gefühlen angefüllte Atmosphäre ein. Das Gedicht heißt ?Kriegsgefangenen?, in dem in der zweiten Strophe steht: ?Heimat! Da schluchzt es hervor wie ein Schrei,/ Heimat! und reißt das Schweigen entzwei./ Heimat! ? Und hun­dert Augen erwachen,/ Sehn zu den Sternen, weinen und la­chen,/ Beten und lästern, fluchen und stöhnen,/ Breiten die Arme und ballen mit Höhnen/ Die magern Fäuste zum Sternenreigen,/ Beißen die Lippen ? und schwei­gen, schweigen,...//?, wobei in diesem fünfstrophigen Gedicht alles zum Gedanken der Erlösung emporwächst, was aber nicht natürlich sondern im Gegenteil lautet: ?//Deutsche Heimat, o wehre dem Hasse,/ Bau deinen Söhnen die rettende Gasse!/ Ihr trauten Freunde, Brüder und Schwestern,/ O wandelt in Segen das Fluchen und Lästern,/ Wandelt in Arbeit die Kraft ihrer Arme/ Und holt sie ins Leben, ins schaffende, warme!/ In Liebe ihr zweifeln­des Quälen,/ Rettet die Brüder, den Leib und die Seelen!/...? [29]

Die meisten Aufsätze sind in Prosa geschrieben. Im ersten prosaischen Bei­trag ?Die Brüder rufen! Ein Wort ans deutsche Gewissen.? erinnern uns mehrere Ge­danken an uns bekannte Versuche der ideologischen Vergewaltigung eines ein­fachen Menschen seines großen Reiches: ?Weit in die Ferne, jenseits aller Kultur, rufen die Brüder. Im Osten, in den einsamen Öden Sibiriens. In Not und Drangsal, Schmutz und Schmerz und Siechtum. Sie rufen mit jedem heiseren Laut ihrer Stim­me, mit jedem Aufzucken ihrer verlorenen, geängstigten Seele, mit jedem Blick ihrer heißen, flackern­den Augen, mit jedem ersten Morgengedanken: ?Wie­der ein Tag der Qual!? und jedem letzten bitteren Entschlummern am todmüden Abend: ?Wieder nichts ? nichts ? nichts!?? [30]

Nach dem ersten Weltkrieg drückt Hadina wie auch alle Deutschen seine Sehnsucht nach Wiedervereinigung, seine Gefühle von Erniedrigung und nicht nur ge­rechter Bestrafung aus: ?Hier unsere Hand, unsere Arme, nun kehrt zurück, ihr treuen, armen Dulder und Helden! Sie können es nicht verstehen, daß ihrer Sehnsucht, ihrer heißen, drängenden Liebe nichts, ? nichts entgegenkommt, um sie heimzuführen. Es ist doch der Krieg zu Ende, der Friede geschlossen. Der alte Staat hat sie ins Morden gehetzt, Bruder gegen Bruder. Der neue Staat, der aus seinen Trümmern erstand, scheint seine fernen, leidvollsten Kinder zu vergessen. Wohl kehren die Legionäre heim, die Söhne tschechischer Zunge, doch unsere deutschen Brüder, die Kinder un­serer deutschen Schlesierberge und Böhmerwälder sollen warten, warten, immer noch warten. Es wird schon noch werden, sagt der Staat.? [31]

Das sind die gekünstelten Worte und Aufrufe, die an das Volk gerichteten Auf­forderungen, Apelle an die deutschen Bürger, welche so typisch für Deutsche in der nicht weit zurükkliegenden Geschichte sind, und welche für einen modernen Euro­­päer fremd und übertrieben klingen: ?Mitbürger, Volksgenosse, Arbeiter, Bau­ern und Bürger, hört diesen Ruf! Hört und helft! Über alle Grenzen von Stand und Weltan­schauung und Partei hinaus geht verbrüdernd das Elend unserer Ärm­sten. Über all diese Grenzen hinaus ergeht der Ruf an uns. Ob wir dabei die Stim­me des Milden, Gütigen vernehmen, der da sprach:

?Was ihr einem der Geringsten unter ihnen tut, das habt ihr mir getan!?, ob das große Evangelium einer sozialen Weltordnung, ob endlich die nationale Mahnung, dem Bruder des eigenen Volkes zu helfen in seiner sternlosen Nacht: wir alle, wo wir auch stehen und welchen Fahnen wir auch folgen, hören im Grunde doch den gleichen Ruf: ?Seid barmherzig! Helfet und rettet! Laßt uns nicht zum Fluch, sondern zum Se­gen der Heimat werden! Treue um Treue!? [32]

Solche ähnlichen Momente gibt es in diesem mehr ideologisch orientierten Werk, fast auf jeder Seite, hauptsächlich in bezug auf die der deutschen Minder­heiten in den Grenzgebieten, die zur politischen und nationalen Aufklärung und zum Natio­nalbewußtsein aufgewiegelt, ja aufgehetzt wurden. Die einfachen Menschen ver­ste­hen es sicherlich als ganz berechtigten Anspruch, ihr verlorenes Land wiederzu­erlan­gen, wiederzuerobern: ?Von dieser edelsten Stätte schlesischer Waldheimat rauschen ihre grünen Wege und Wiesen und Wälder weiter und weiter, immer neue liebe Orte und Waldwinkel gucken weiß und kirchturmgeziert. Wer könnte sie hier alle nennen ? die freundlichen Städchen Jauernig und Engelsberg, das stol­ze, märchenhafte Karls­brunn, das heuer so einsam träumt wie ein verwun­sche­nes Prinzesschen, das helle, waldumschlungene Karlsthal, und all die anderen Schütz­linge schlesischer Wälder! Nur wer wirklich Heimat hat in deutschem Lande, in deutschem Denken und Innenle­ben, kann die ergreifende Schlichtheit und Schön­heit deutscher Fluren verstehen und erfühlen. Die Welt hat sie verraten, wie sie uns mit Schmach und Schande zeichnete. Aber sie lächelt und leuchtet in gleicher Lieblichkeit wie ehedem, an ihre Hoheit und den Kranz ihrer ewigen Anmut reicht kein Leid, kein Hohn dieser Welt. Darum kann sie auch uns zur Einkehr werden, zu Kraft und Sammlung, zu stiller Erkenntnis tief­deutscher Wesenheit. Aus unse­ren Wäldern soll uns allen Heil widerfahren!? [33]

Paul de Lagarde, der Prophet deutschen Volkstums und deutschen Glaubens aus der Periode der letzten Jahrzehnte vor 1900, hat einmal das schöne, tiefe Wort gesprochen:? Die Menschen gedeihen nur an der geheimnisvollen Wärme eines nie gesehenen Sterns.? Ich würde sagen, daß die Vorstellung eines solchen Sternes beim Autor das vereinigte, starke, unerschrockene Volk sei, das deutsche Volk, Nation, Staat, Macht mit allen Attributen einer unendlichen und totalen Freiheit ? ja, aber der Freiheit für wen? Hadina schreibt im Kapitel ?Tauet, Himmel...!?: ?Dennoch glaube ich an dich und halte zu dir, mein Volk und meine Heimat! ? so wollen wir Geduld üben, des deutschen Edelgeistes warten und ihm in stille Bahn bereiten. Er allein wird der große Gerechte sein, der da kommen soll und in die ver­lorene und zerrüttelte Welt das Licht gießt. Kein anderer Messias als der wie­der­geborene deutsche Geist kann uns retten und zu neuem Leben führen. [34]

Das Fallen und die Sünde wird in seinem nächsten Roman ?Suchende Liebe? von 1919 betont, in dem der Autor einen weiteren geistigen aber auch geistlichen Pro­zess zu dichtern versuchte.

Von besonderer Bedeutung ist vor uns ein halb religiöses, halb philosophisches Werk, welches Hadina ?Religion und Leben ? Ein Beitrag zum freien Gottsuchen unse­rer Tage? genannt hat. Im diesem Werk versucht er für uns alle von der Kind­heit bis zum Tode einen echten Menschenweg zu finden. Im ersten Kapitel stellt er sich die Frage, worin die Wurzeln zu unserem Glück liegen. Man kann nach An­sicht des Au­tors drei Gnadesgaben entdecken, und zwar das Gefühl sicherer Ge­bor­genheit, Frei­heit zur Arbeit und schließlich das geheimnisvoll ? poetische Her­einragen höherer Mächte in die Welt.

Im Kapitel ?Surrogate des Lebens? wird nach unseren Zielen gefragt, wo Licht und Dunkel in unseren Seelen sind ? woher und und wohin, was kann man zum Sinn des Lebens eigentlich sagen... Weiter spricht er über Arbeit, z.B.: ?Aber zwei freundli­che Gestalten winken: Wissenschaft und Kunst. Beide höchste Werte des Menschen. Beide Quellen edelster Lust. Beide für viele der Weg zur Erlöseung. Doch nicht die Erlösung.? [35] Weiter behauptet der Autor, daß alle Religionen aus dem Erlösungs­bedürfnis des Menschen geboren seien, auch die primitivsten For­men der Religions­ausübung ließen dies erlernen. Die Abhängigkeit von der Reli­gion wird immer wieder akzentuiert: ?Und immer deutlicher hob sich das erwa­chen­de Ich von der umgeben­den Welt, und damit begann das erste Betrachten, das erste Staunen, die ersten scheuen Fragen... ? ein verirrtes Kind, das plötzlich die Augen aufschlägt, Fremdes, ja Feindliches ringsum erkennt und nun weint und sich schwach und verlassen fühlt. So rief der Mensch nach Erlösung. So kam er zur Religion.? [36]

Es wird über ethische Normen der Religion gesprochen. Hadina sagt, daß sich aus der Naturreligion allmählich ein Polytheismus entwickelt, indem die Lebens­kräfte immer deutlicher von ihrem Wirkungsgebiet, dessen Beseelung sie waren, geschie­den werden und sich in menschliche Gestalt sich kleiden. Meist gruppieren sie sich nach dem Vorbild der menschlichen Familie. Ursprünglich von ungeheuerer Körper­kraft und Größe, leuchten sie bei zunehmender Kultur ihrer Anbeter, später mehr durch geistige Vorzüge, und noch später werden ihnen sittliche Eigenschaf­ten zuge­wiesen. Dann werde die Religion ethisch. Bei Hadina sind solche Elemen­te wie Moral und Geist grundsätzlich verzerrt, deformiert, eher nicht begriffen, weil sie vereinfacht werden. In einer Gesellschaft funktionieren die Postulate nach Reinheit, Keuschheit, nach Gelübden der Herzen- und Sittenausgewogenheit anders als da zu lesen ist: ?Der Grund menschlicher Gesellschaft ist gelegt, Recht wird von Unrecht geschieden, Lohn und Strafe sind Sachen des Herzens. Aber die Erfahrung lehrt, daß Lohn und Strafe nicht gerechte Verteilung finden in der Welt. Aus diesem Zwiespalt schafft wieder die Religion Erlösung, indem sie eine wal­ten­de Gerechtigkeit lehrt, eine Vergel­tung nach dem Tode. Und der Inbegriff alles Sittlichen werden die Götter ? wird der Gott, der eine, der waltende Richter, in den dann der Polytheismus ausläuft.? [37]

Das nennt Hadina die höhere Stufe einer sittlichen Religion bei allen Völ­kern. Diese Stufe solle zunächst von einzelnen erklommen werden, die unbefriedigt von der Religion der Masse aus tiefsten Herzensnöten, aus ehrlichem Ringen und Käm­pfen einen neuen Weg zum Unendlichen fanden und diesen Weg den bedräng­ten Brüdern lehrten und wiesen.

Die wichtigsten Worte hat der Autor in dieser kurzen, interessanten Abhand­lung im Kapitel ?Werdegang der Religion? ausgesprochen: ?In gedranger Über­sicht suchte ich jetzt die Hauptpunkte der religiösen Entwicklung zu geben und hervorra­gende Führerstimmen aus alter und gegenwärtiger Zeit sprechen zu lassen. Nicht immer hat der Werdegang der Religion geradlinige Tendenz, aber führt er aufwärts. Von einer Religion, die ein verbreitetes mythologisches System ihr Fun­dament, einen ausgebildeten Kultus ihre Gewandung nennt, erhebt sich ihre Evolu­tion zu einem my­thos- und kultusfreien stillseligen Bekenntnis des Herzens; von einer Religion der Furcht geht ihr Weg über die des gesetzmäßigen Vertrages zur Religion der frei und uninteressiert sich gebenden Liebe; von Religionsformen, die noch keine ethischen Postulate kennen, steigt ihr innerer Wert zur Sittlichkeits­re­ligion und erhebt sich so­dann über diese, indem Moral und Gesetz für den wahr­haft religiösen Menschen keine Werte mehr sind, die sein religiöses Leben tangie­ren, sie sind zwanglose Selbstver­ständlichkeiten seiner freien Persönlichkeit; aus einer Religion der Masse klärt sich immer entschiedener eine individuelle Religio­sität; die Religion, die sich auf Übernatür­lichkeit und Offenbarung stützte, gründet sich im liberalen Protestantismus auf die historische Jesusgestalt und erblüht dem modernen Menschen lediglich aus eigenem inneren Erleben; die Religion der Welt­feindlichkeit wird zur Religion des Lebens, die in den tausendfältigen Formen des Weltgeschehens, der Menschenarbeit, des Men­schensehnens nicht mehr ein sündi­ges Tränental beklagt, nein, die schaffende Hand des ewigen Gottes, sein innerstes Leben und stets neues Gestalten tiefgläubig verehrt.? [38]

Ich kann mich dieses Eindrucks nicht verwehren, daß man unter solchen Wor­ten doch umgekehrt einen Versuch nach Berechtigung verwirklichen will, ein Indi­viduum selbstverantwortlich, selbständig, und auch autonom sich realisieren zu las­sen. Ein ?kultusfreies, stillseliges Bekenntnis des Herzens? von einem zu ande­ren Sys­temen widerspricht den Forderungen nach einem Glauben und Wissen, wie es von entsprechenden offiziellen Stellen oft zu hören oder lesen ist. Und eine in­dividuelle Religiosität fängt an, etwas anderes zu werden als religiöse Massen­proklamationen und Verkündigungen über einen einzigen Gott mit seinen Moral- und allgemeinen Le­bensgesetzen für alle.


[1] E.Hadina: Das andere Reich. Novellen und Träume. L.Staackmann Verlag Leipzig 1920, S. 54

[2] Ebd. S. 83

[3] Ebd. S. 84

[4] Ebd. S. 90

[5] E.Hadina: Die graue Stadt ? die lichten Frauen. L.Staackmann Verlag Leipzig 1932, S. 5

[6] Ebd. S. 6

[7] Ebd. S. 48

[8] Ebd. S. 49

[9] Ebd. S. 50

[10] Ebd. S. 314

[11] Theodor Storm, ein Bild seines Lebens. Von seiner Tochter Gertrud Storm. Verlag Karl Curtius, Berlin; Kindheitserinnerun­gen und Heimatsbeziehungen bei Th. Storm in Dichtung und Le­ben. Von Dr. Franz Kobes. Verlag Gebrüder Paetel, Berlin; Th. Storms Leben und Werke. Von Alfred Biese. Verlag Hesse & Becker, Leip­zig; Th. Storm, sein Leben und sein Schaffen. Von Hartwig Jeß. Verlag G. Wes­termann, Braunschweig; Heili­gen­stadt in Theodor Storms Leben und Entwicklung. Von Maria Brüll. Verlag Franz Coppen­rath, Münster.

[12] E.Hadina: Die graue Stadt ? die lichten Frauen: S. 5

[13] Ebd. S. 7

[14] Ebd. S. 11

[15] Ebd. S. 13

[16] Ebd. S. 217

[17] Ebd.

[18] E.Hadina: Dämonen der Tiefe. Ein Gottfried Bürger Roman. Reichenberg 1922. Verlag von Gebrüder Stiepel Gesellschaft m.b.H.: S. 195

[19] E.Hadina: Ihr Weg zu den Sternen. Der Roman einer Schillerfreundein. Carl Reißner ? Verlag. Dresden 1926. S. 206

[20] Ebd. S. 206

[21] Ebd. S. 194

[22] E.Hadina: Friederike erzählt... Ein Tagebuch aus Sessenheim. L. Staackmann Verlag ? Leipzig, 1931. S. 18

[23] Ebd. S. 66

[24] Ebd. S. 97

[25] Ebd. S. 245

[26] Ebd. S. 260

[27] E.Hadina: Advent. Roman einer Erwartung. J.Staackmann Verlag / Leipzig 1923. S. 143

[28] Ebd. S. 254

[29] E. Hadina: Brüder und Heimat. Troppau 1919. Druck und Verlag: Karl Skrobanek, Troppau. S. 9-10.

[30] Ebd. S. 11

[31] Ebd. S. 28

[32] Ebd. S. 32

[33] Ebd. S. 40

[34] Ebd. S. 54

[35] E.Hadina: Religion und Leben, Leipzig 1912,Verlag J.G.Findel, S. 11

[36] Ebd. S. 19

[37] Ebd. S. 21

[38] Ebd. S. 36

 
 
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