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Orbis Linguarum Vol.
17/2001
Cezary Lipiński
Zielona
Góra/ Wałbrzych
Von der Befriedigung
des ?philologischen Triebs?.
Friedrich Schlegels Theorie des Lesens
?Der Autor hat den
Mund zu halten,
wenn sein Werk den
Mund auftut.?
Friedrich Nietzsche
Einer
der Texte Friedrich Schlegels, die Grundlegendes zu
seiner Lesetheorie enthalten, ist zweifellos die
viel besprochene
Rezension Über Goethes Meister
(1798). Die fundamentale Annahme, dass ?jedes vortreffliche
Werk, von welcher Art es auch sei, mehr weiß als es
sagt, und mehr will als es weiß? (II:140)
[1] , machte einen Paradigmawechsel
in der Betrachtung des literarischen Rezeptionsprozesses
möglich und erwies sich durch ihre Einwirkung auf
die Dekonstruktion als fruchtbar bis auf den heutigen
Tag. Ihr Sinn baut auf die dort geäußerte Notwendigkeit
des Kritikers/Lesers auf, über die Grenzen des sichtbaren
Werks mit Vermutungen, Behauptungen und Hypothesen
hinauszugehen, was eine durchaus kreative Rolle des
Lesers bei der Aufnahme des künstlerischen Werks voraussetzt
und beide Faktoren in
einen engen Zusammenhang bringt. Die rezeptive Tätigkeit
des Lesers schließt permanentes Strukturieren
und Zusammenfügen der einzelnen Text-Teile zum kohärenten
Ganzen ein, ?bis zu dem Punkt, wo der Mensch fähig
wird, das Höchste und das Tiefste zu fassen? (II:139).
Andererseits präsupponiert die obige Aussage einen
verborgenen, im
Gange der Auseinandersetzung mit dem Text zu
erschließenden Gehalt, der zugleich, als potentielles
Kriterium seiner ?Vortrefflichkeit?, ein ansehnliches
künstlerisches Niveau des Werks unter Beweis
stellt. Der Lektürevorgang verläuft nach dem Prinzip
des üblichen hermeneutischen Zirkels, wo man ?von
den Teilen zum Ganzen gesetzmäßig? (II:135) fortschreitet,
ohne sich jedoch ins unendlich Kleine zu verlieren.
Diese Quantelung des Text-Ganzen muss im gewissen
Sinne von der Vernunft als Basis einer der Lektürestufen
ausgehen. Diese kommt als eine Instanz
zur Geltung, die den Folgen des absurden,
unangemessenen, reduktionistischen Triebs vorbeugt. (In solcher Rolle wäre hier z.B. die
Intuition wohl nicht zu denken.) Es ist eine
Warnung vor der Überbewertung der technischen Werkstatt
des Rezipienten (vor allem des Kritikers), bei der
das eigentliche Vorhaben, das Werk ?zu einem in
sich vollendeten Ganzen zu runden? (II:135), zu kurz
kommt. Die angeschlagene Frage literarischer Wertung
gipfelt in der Feststellung, dass man den Text vielleicht
?zugleich beurteilen
und nicht beurteilen? (2:133) solle. Zwar
will Schlegel gute
Texte von wertlosen klar getrennt wissen, jedoch
schließen seine weiteren Ausführungen zur Lesetheorie
tiefere Stichhaltigkeit einer solchen Einstellung
aus. Da es beim Aufbau der Text-Bedeutung jeweils
hauptsächlich auf die Interaktion zwischen Werk und
Leser ankommt, lässt sich diese im Voraus gar nicht
bestimmen, zumal sie, angesichts der Signifikanz des
Feedbacks, nur als einmalig gedacht werden kann.
Durchaus gerechtfertigt erscheint bei dieser Denkweise
die Annahme, dass ein guter Leser es mit einem anspruchsloseren
Text weiterbringen könnte, als ein schlechter mit
einem guten, und das lässt schon literarische Wertung
und den Leser als interdependente Größen durchschauen.
Der Paradigmawechsel in der Sichtweise des Sinns,
der nun als eine gewisse Herausforderung an Stelle
der bisherigen festen Zuordnung tritt, sorgt für deutliche
Verlagerung der Akzente und Bedeutung des Rezeptionsprozesses.
Goethes Wilhelm Meister, als einer der sich
selbst beurteilenden Texte, sollte übrigens dem jüngeren
Schlegel die Mühe des Kritikers glücklicherweise erspart
haben.
Summarisch wird
die hier umrissene Lesetheorie wie folgt dargestellt:
Es
ist schön und notwendig,
sich dem Eindruck
eines Gedichtes ganz hinzugeben, den Künstler
mit uns machen zu lassen, was er will, und etwa nur
im einzelnen das Gefühl durch Reflexion
zu bestätigen und zum Gedanken
zu erheben, und wo es noch zweifeln oder streiten
dürfte, zu entscheiden und zu ergänzen. Dies
ist das Erste und das Wesentlichste.
Aber nicht minder notwendig ist es, von allem
Einzelnen abstrahieren zu können, das Allgemeine
schwebend zu fassen, eine Masse zu überschauen,
und das Ganze festzuhalten, selbst dem Verborgensten
nachzuforschen und das Entlegenste zu verbinden.
Wir müssen uns über unsre eigne Liebe erheben, und
was wir anbeten, in Gedanken vernichten können: sonst
fehlt uns, was wir auch für andre Fähigkeiten
haben der Sinn für das Weltall. Warum sollte man nicht
den Duft einer Blume einatmen, und dann doch das unendliche
Geäder eines einzelnen Blatts betrachten und sich
ganz in diese Betrachtung
verlieren können? Nicht bloß die glänzende
äußre Hülle, das bunte Kleid der schönen Erde, ist
dem Menschen, der ganz Mensch ist, und so fühlt und
denkt, interessant: er mag auch gern untersuchen,
wie die Schichten im Innern aufeinander liegen, und
aus welchen Erdarten sie zusammengesetzt sind; er
möchte immer tiefer dringen, bis in den Mittelpunkt
wo möglich, und möchte wissen, wie das Ganze konstruiert
ist. So mögen wir uns gern dem Zauber des Dichters
entreißen, nachdem
wir uns gutwillig haben von ihm fesseln lassen, mögen
am liebsten dem nachspähn, was er unserm Blick entziehen
oder doch nicht zuerst zeigen wollte und was ihn doch
am meisten zum Künstler macht: die geheimen Absichten,
die er im stillen verfolgt, und deren wir beim Genius,
dessen Instinkt zur Willkür geworden ist, nie zu viele
voraussetzen können. Der angeborne Trieb des durchaus
organisierten und organisierenden Werks, sich zu einem
Ganzen zu bilden,
äußert sich
in den größeren wie in den kleineren
Massen. Keine Pause ist zufällig und unbedeutend;
und hier, wo alles zugleich Mittel und Zweck ist,
wird es nicht unrichtig
sein, den ersten Teil unbeschadet
seiner Beziehung aufs Ganze als ein Werk für
sich zu betrachten. (II:130 f.)
Diese Schilderung
ermöglicht vorab das Festhalten dreier Lesestufen:
1.
uneingeschränkte Hingabe
dem Text und seinem Autor (Entwicklung einer passiven
Lesehaltung des bloßen Empfängers)
2.
Quantelung und Zusammenfügung
der Text-Teile nach der Art des hermeneutischen Zirkels
(Vernunft bekommt den Vorrang vor dem Gefühl)
3.
Selbstentäußerung
[2] (das Sichhinwegsetzen
über die Schranken des eigenen Gefühls) und anschließendes
aktives Sich-Vertiefen ins Text-Innere (um der Objektivierung
der Rezeption willen).
Die
fundamentale Frage: wozu eigentlich lesen? wird von
Schlegel einerseits mit dem Hinweis auf die kreative
Vielfalt der Literatur beantwortet (?mit jedem Buch
[öffne sich] eine neue Szene und eine neue Welt? [II:135]),
und andererseits mit dem inneren Gefüge des Menschen
in Zusammenhang gebracht (?Lesen heißt den philologischen
Trieb befriedigen, sich selbst literarisch affizieren.
Aus reiner Philosophie oder Poesie ohne Philologie
kann man wohl nicht lesen? [II:239]).
Die oben unterbreiteten Ausführungen lassen deutlich erkennen, inwieweit
Schlegel die Auffassung von
einem wehrlosen, dem Autor vorbehaltlos ausgelieferten
Text und einem
passiven Leser
[3]
ablegte. An ihre Stelle tritt zunächst das Verhältnis
zweier gleichberechtigter Subjekte: des Autors und Lesers, die erst im gemeinsamen Agieren
den eigentlichen Text-Sinn
hervorbringen. Dieses Paar, das sich dann zur
scheinbaren, aber im Endeffekt reduzierbaren Antinomie
von ?Text vs. Leser? entfalten wird, markiert den
Übergang von der Rezeption zur Kreation: von der bisher
unterstellten Lektüreauffassung als Entdeckungsreise
wird nun zur Gottes-Perspektive übergeleitet, wo der
Leser selbst die Stellung des Urhebers antritt. Der
hörigen Unterstellung dem Willen des Autors zu Beginn
der Lektüre entpricht die Beteiligung des Lesers an
der Schöpfung des Werks als Krönung des Leseprozesses.
Eine besondere Verdeutlichung
verdient der individuelle Umgang mit dem Text.
Der Leser, dessen Umrisse immer deutlicher aus Schlegels
Äußerungen hervortreten, lässt sich von niemandem,
ob Autor oder Kritiker, bevormunden. Die Versuche,
dem Rezipienten etwas vorzuschreiben, werden zugunsten
uneingeschränkter Freiheit verworfen:
Überhaupt
muß man auf mehr als einem Wege zum Ziel dringen können.
Jeder gehe ganz den seinigen, mit froher Zuversicht,
auf die individuellste Weise, denn nirgends gelten
die Rechte der Individualität ? wenn sie nur das ist,
was das Wort bezeichnet, unteilbare Einheit, innrer
lebendiger Zusammenhang ? mehr als hier, wo vom Höchsten
die Rede ist. (II: 320)
Den
Übergang vom autor- zum leserorientierten Lesen markieren
u.a. die Lyceums-Fragmente
(1797), wo auf die ?fast immer herrschende Neigung
jedes Schriftstellers: entweder manches nicht zu
sagen, was durchaus gesagt werden müßte, oder vieles
zu sagen, was durchaus nicht gesagt zu werden brauchte?
(II:150), hingewiesen wird. Der Differenzierung zwischen
den analytischen und synthetischen Naturen gemäß
unterteilt Schlegel die Schriftsteller, je nach ihrer
Herangehensweise an den Leser, in zwei gleichnamige
Gruppen:
Der
analytische Schriftsteller beobachtet den Leser, wie
er ist; danach macht er seinen Kalkül, legt seine
Maschinen an, um
den gehörigen Effekt
auf ihn zu machen. Der synthetische Schriftsteller
konstruiert und schafft sich einen Leser, wie er sein
soll; er denkt sich denselben nicht ruhend und tot,
sondern lebendig und entgegenwirkend. Er läßt das,
was er erfunden hat, vor seinen Augen stufenweise
werden, oder er lockt ihn es selbst zu erfinden. Er
will keine bestimmte Wirkung auf ihn machen, sondern
er tritt mit ihm in das heilige Verhältnis der innigsten
Symphilosophie oder Sympoesie. (II:161)
Wie
daraus ersichtlich, bevorzugt der jüngere Schlegel
deutlich die synthetische Art, die ein partnerschaftliches
Verhältnis mit dem Leser aufzubauen und ihn in die
Sinnbildungsprozesse des Textes miteinzubeziehen vermag.
In dieser Relation miteinander verzahnt, bringen sie
die intendierte Sympoesie und Symphilosophie, als
eine neue, höhere Qualität, hervor. Dem Gedanken über
den engsten Zusammenhang und echten Austausch zwischen
Autor und Leser begegnen wir schon im 98. Lyceums-Fragment,
wo Schlegel unter ?allgemeingültige[n] Grundgesetze[n]
der schriftstellerischen Mitteilung? folgende Erfordernisse
nennt: ?1) Man muß etwas haben, was mitgeteilt werden
soll; 2) man muß jemand haben, dem man's mitteilen
wollen darf; 3) man muß es wirklich mitteilen, mit
ihm teilen können, nicht bloß sich äußern, allein;
sonst wäre es treffender, zu schweigen.? (II:158)
Auf dieses Mit-Teilen, in dem die Schriftsteller-Rezipient-Grenze
aufgehoben wird, läuft das neue Konzept hinaus. Das
Verschwinden der
Grenze ist hier aber nicht als Verwischen
der personalen Unterschiede zu verstehen, sondern
als Abbau des auf der Unterordnung beruhenden Verhältnisses
zwischen dem bisher automatisch kanonisierten Schriftsteller
und ihm per definitionem unterstellten Leser.
Per
analogiam lässt sich aus
diesem Modell eine Aufteilung in zwei ähnlich geartete
Lesertypen ableiten. Dem analytischen, reduktionistisch
eingestellten Leser würde dann der synthetische, holistische
Typus gegenüberstehen. Der erste verwickelt sich
ohne Wenn und Aber in das für ihn kreierte Spiel und
lässt mit sich alles geschehen, was ihm durch
den Autor zugedacht wurde. Der andere
beansprucht für sich das
Mitbestimmungs- und Mitgestaltungsrecht; seine
Rolle ist nicht nur die eines Rezipienten,
sondern auch die eines Erfinders. Der erste
lässt seine Bedeutung auf bloßen Empfang reduzieren; der andere
rückt selbst in Position des Künstlers auf.
Ungeachtet dieser Differenzierung unterliegt die Signifikanz
des Lesens jedoch keinem Zweifel. Sie macht dem Menschen
eine Auseinandersetzung mit seinem immanenten Bestandteil
? der Poesie, möglich: ?Die Poesie ist so tief in
dem Menschen gewurzelt, daß sie auch unter den ungünstigsten
Umständen immer noch zu Zeiten wild wächst? (II:
331).
Unabhängig
von der Typologie ist die Autor-Leser-Relation durch
die prinzipielle Unverständlichkeit geprägt. Schlegel
betont, er wollte zeigen, ?daß die Worte sich selbst
oft besser verstehen, als diejenigen von denen sie
gebraucht werden? (II:364). Damit thematisiert er
die Kluft zwischen den Intentionen des Verfassers
und dem im rauhen Material der Sprache gemeißelten
Text, der jene Absichten allzuoft Lügen straft. Die
Frage, ?ob sie [die Mitteilung der Ideen] überhaupt
möglich sei? (II:363), veranlasst ihn zur Schlussfolgerung,
?daß alle Unverständlichkeit relativ? ist (II:364).
Nichtsdestoweniger streift er, auf der Suche nach
den Ursachen des Sachverhalts, die Unvollkommenheit
der Sprache, mit der er immer nur das eine zu der
wundervollen Vielfalt der Welt sagen kann: ?Die Worte
sind matt und trübe; auch würde ich in diesem Gedränge
von Erscheinungen nur immer das eine unerschöpfliche
Gefühl unsrer ursprünglichen Harmonie von neuem wiederholen
müssen.? (V:10) Unerwartet schlägt er gleich aber
einen anderen Weg ein und ist offensichtlich bestrebt,
die erkannte Unverständlichkeit aufzuwerten:
Aber
ist denn die Unverständlichkeit etwas so durchaus
Verwerfliches und Schlechtes? (...) Wahrlich, es
würde euch bange werden, wenn die ganze Welt, wie
ihr es fordert, einmal im Ernst durchaus verständlich
würde. Und ist sie selbst diese unendliche Welt
nicht durch den Verstand aus der Unverständlichkeit
oder dem Chaos gebildet? (II:370)
Die
bekannte Szene der Heraufbeschwörung des Erdgeistes
aus dem ersten Teil Fausts gewinnt auf diese
Weise Kontur: nicht nur die Ausführung des Vorhabens,
durch Vermittlung höherer Gewalten an ein wesentliches
Wissen zu kommen, ist fehlgeschlagen, selbst die Absicht
weist sich als unsinnig an sich aus. Ähnliches gilt
für die Unverständlichkeit ? das reine Chaos, den
fruchtbaren Nährboden, das unerschöpfliche Reservoir,
pure Potenz, die in emsiger, aber stümperhafter Tätigkeit
des Verstandes ihre zwar vergegenständlichte, aber
dennoch nur schattenhafte Gestalt als die greifbare
Welt annimmt. Was sind in diesem Zusammenhang die
Dinge mehr, wenn nicht die Hypostasen dieser Potenz?
Was sind denn die Sinne anders, wenn nicht die Vergegenständlichungen
der ursprünglichen, primären Unverständlichkeit,
die als ein notwendiger Bestandteil des Schöpfungsvorgangs
gesetzt wird? Diese Gedankengänge besiegeln den kreativen
Charakter der Lektüre, welche angesichts der prinzipiellen
Unmöglichkeit, den Ideen einen exakten Ausdruck zu
verleihen, immer über den Text hinausgehen, immer
dem die nötige Ergänzung vornehmenden Leser das
entscheidende Wort überlassen muss.
Auf
der anderen Seite darf das künstlerische Schaffen
niemals zum Erliegen kommen. Im Gegenteil, stets von
neuem sollen beim völligen Bewusstsein dieser Aporie
Versuche unternommen werden, das Unaussprechliche
auszusprechen, das Abstrakte zu konkretisieren.
Alle
höchsten Wahrheiten jeder Art sind durchaus trivial
und eben darum ist nichts notwendiger als sie immer
neu, und wo möglich immer paradoxer auszudrücken,
damit es nicht vergessen wird, daß sie noch da sind,
und daß sie nie eigentlich ganz ausgesprochen werden
können. (II:366)
Es
unterliegt aber keinem Zweifel,
dass die Unverständlichkeit zur Grundlage einer
negativen Wertung des Textes werden kann, da ?man
ein nicht verstandnes Buch lieber verleugnet? (F.
Schleiermacher [II:224]), als dass man eigenes Nichtkönnen
eingestehen müsste. Die Unausführbarkeit des Vorhabens,
den einen Sinn
zu begründen, darf jedoch keineswegs zermürben, denn
sie öffnet einen unendlich (?) weiten Raum für mögliche
Interpretationen. Die sich auf die klaffende, unüberbrückbare
Differenz zwischen dem Ausdrücken-Wollen und Ausdrücken-Können
gründende Unverständlichkeit bedingt logischerweise
die grundsätzliche Unlesbarkeit der literarischen
Texte, die, angesichts der obigen Erwägungen, als Unmöglichkeit der
Zuordnung einer
konkreten Bedeutung verstanden werden soll. Bei dieser
Optik wird die Lektüre nicht nur jedes Mal zur Aufspürung,
sondern der Sinn ergibt sich vielmehr jeweils erst
im Laufe des Leseprozesses; und dieses zieht die früher
angedeutete Ablösung der Rolle des Lesers als Detektiv
durch den Leser-Initiator nach sich. Diese Anschauung
ist im Schlegelschen System gut verankert: der Sinn
kann niemals festgehalten werden, denn ?im Universum
der Poesie selbst aber ruht
nichts, alles wird und verwandelt sich und bewegt
sich harmonisch? (II:252). Jede Festlegung
der Text-Bedeutung müsste im Lichte dieser Lehre als
Usurpation und Machtmissbrauch verstanden werden.
Mehr Aufschluss über die Lage des Textes gibt die
mit ihm in dieser Hinsicht homologe Philosophenauffassung
Schlegels: ?Man kann nur Philosoph
werden, nicht es sein. Sobald man es zu sein
glaubt, hört man auf es zu werden.? (II:173) Aus der
permanenten Befindlichkeit in statu nascendi
resultiert die Begriffsbestimmung des künstlerischen
Textes als etwas nie Vollendetes und im ständigen
Entstehen Begriffenes, als reine Potenz, die nach
Existenz erst verlangt: ?Wie ein Kind eigentlich eine
Sache ist, die ein Mensch werden will: so ist auch
das Gedicht nur ein Naturding, welches ein Kunstwerk
werden will.? (II:149) Die Kunstwerdung vollzieht
sich immer über die Ergänzung durch den Leser, weil
sich der Text den Absichten des Schriftstellers, der
per definitionem ?veredeln und belehren?
will, nicht unterwirft, sondern im selbstreferentiellen
Bezug hängen bleibt. Doch auch diese Immanez des Textes,
welche sich als bloß eine Zwischenstufe des ganzen
Prozesses entpuppt, soll unter Mitwirkung des Rezipienten
überwunden werden.
Das
Lesen entwickelt sich bei Friedrich Schlegel zu einem
beinahe mystischen Vorgang, bei dessen Vervollständigung
es auf die unio zwischen dem Text und seinem
Leser ankommt (?Noten sind philologische Epigramme;
Übersetzungen philologische Mimen; manche Kommentare,
wo der Text nur Anstoß oder Nicht-Ich ist, philologische
Idyllen? [II:156]). Das überrascht gar nicht so, besonders
durch das Prisma seiner Ausführungen in der Rede
über die Mythologie gesehen, wo er seine ?Gedanken
vom Wert und der Würde der Mystik und ihrem Verhältnis
zur Poesie? zum Ausdruck bringt und Spinoza zum ?allgemeine[n]
Grund und Halt für jede individuelle Art von Mystizismus?
(II:318) erklärt. Den Sachverhalt illustriert die
Allegorie von der Frechheit aus der Lucinde
(1799), in der ein Gespräch zwischen personifiziertem
Witz und vier Erscheinungen verschiedener Romantypen
stattfindet:
Alles
verschwand nun, und auch der Witz wuchs und dehnte
sich, bis er nicht mehr war. Nicht mehr vor und außer
mir, wohl aber in mir glaubte ich ihn wieder zu finden;
ein Stück meines Selbst und doch verschieden von mir,
in sich lebendig und selbstständig. Ein neuer Sinn
schien mir aufgetan; ich entdeckte in mir eine reine
Masse von mildem Licht. Ich kehrte in mich selbst
zurück und in den neuen Sinn, dessen Wunder ich schaute.
(V:19)
Die
Rückkehr ?in den [immer] neuen Sinn? liefert Beweis
für die Einmaligkeit und Unwiederholbarkeit der Ergebnisse
des einzelnen Lesens. Erst die Lektüre vollendet
den Text, dem, im ungelesenen Zustand, alle möglichen
d.h. kein konkreter Sinn innewohnt. Erst der Rezeptionsvorgang
in der Art der Offenbarung versieht ihn kurzzeitig
mit einer Bedeutung, die immer das eine ? den unerschöpflichen
Reichtum der Natur, jenseits der sinnlichen und der
Vernunft eigener Erkenntnis, zum Ausdruck bringt:
?Eigentlich soll jedes Werk eine neue Offenbarung
der Natur sein. Nur dadurch, daß es Eins und Alles
ist, wird ein Werk zum Werk. Nur dadurch unterscheidet
sichs von Studium.? (II: 327) Die Vernunft muss auch
deswegen aus dem Rezeptionsprozess ausgeschlossen
werden, weil das Lesen eine prophetische Tätigkeit
voraussetzt (?Alles Denken ist ein Divinieren? [II:322]).
Das lässt die Rolle des Lesers im ganz anderen Licht
erscheinen: er wird zum Seher, der Text zur Materie
der Vision und die Lektüre zur Offenbarung. Dem hier
umrissenen Erlebnis einer tiefen Einsicht in die Wesenheit
der Welt (durch Verschmelzung unter Beibehaltung
des Sondercharakters einzelner Bestandteile der Kombination)
gab Schlegel den Namen der ?Innren Saturnalien?. Zu
Recht, denn es ist ein Fest des Paradoxen: das Über-sich-hinaus-
wird durch ein extremes In-sich-hinein-Gehen erreicht,
und umgekehrt: ?Wie es das Wesen des Geistes ist,
sich selbst zu bestimmen und im ewigen Wechsel aus
sich herauszugehen und in sich zurückzukehren; wie
jeder Gedanke nichts anders ist, als das Resultat
einer solchen Tätigkeit? (II:314), so wird das Äußere
zu dem in der Verschmelzung eigene Besonderheit erkennenden
Immanenten. Der Augenblick, in dem der Text und Leser
eins werden, leitet den Prozess der ?Ironisierung?
des Textes ein. Sie, deren Wirkung das Werk in endlose
Spirale des Sinnesauf- und -abbaus schleudert, gilt
als notwendige Komponente des Leseprozesses.
Die Sokratische
Ironie ist die einzige durchaus unwillkürliche, und
doch durchaus besonnene Verstellung. Es ist gleich
unmöglich sie zu erkünsteln, und sie zu verraten.
Wer sie nicht hat, dem bleibt sie auch nach dem offensten
Geständnis ein Rätsel. Sie soll niemanden täuschen,
als die, welche sie für Täuschung halten, und entweder
ihre Freude haben an der herrlichen Schalkheit, alle
Welt zum besten zu haben, oder böse werden, wenn sie
ahnden, sie wären wohl auch mit gemeint.
In ihr soll alles Scherz und alles Ernst sein,
alles treuherzig offen, und alles tief verstellt.
Sie entspringt aus der Vereinigung von Lebenskunstsinn
und wissenschaftlichem Geist, aus dem Zusammentreffen
vollendeter Naturphilosophie und vollendeter Kunstphilosophie.
Sie enthält und erregt ein Gefühl von dem unauflöslichen
Widerstreit des Unbedingten und des Bedingten, der
Unmöglichkeit und Notwendigkeit einer vollständigen
Mitteilung. Sie ist die freieste aller Lizenzen, denn
durch sie setzt man sich über sich selbst weg; und
doch auch die gesetzlichste, denn sie ist unbedingt
notwendig. Es ist ein sehr gutes Zeichen, wenn die
harmonisch Platten gar nicht wissen, wie sie diese
stete Selbstparodie zu nehmen haben, immer wieder
von neuem glauben und mißglauben, bis sie schwindlicht
werden, den Scherz grade für Ernst, und den Ernst
für Scherz halten. (II:160)
[4]
Die
Ironie, in der ?alles Scherz und alles Ernst? ist,
die sich aus ?der Vereinigung von Lebenskunstsinn
und wissenschaftlichem Geist, aus dem Zusammentreffen
vollendeter Naturphilosophie und vollendeter Kunstphilosophie?
ergibt, welche also putative Gegensätze unter einen
Hut bringt, um sie dann alle zur selbstparodierenden
Wirkung einzusetzen, verkörpert den (ebenfalls mystischen)
Grundsatz concidentia oppositorum ? der Vereinigung
der Gegensätze. Wenn wir früher drei erste Stufen
des Lektürevorgangs festgehalten haben, so bildet
sie die vierte, das eigentliche Ziel der vorigen,
auf das sie im Rezeptionsprozess hinauslaufen. In
ihr ist alles, was das Lesen bei Schlegel ausmacht,
gleichzeitig vorgeprägt und zur endgültigen Synthese
vereinigt: Scherz und Ernst, Wiedergabetreue und Verstellung,
Sinn fürs Leben und Wissenschaft, Bedingtes und Unbedingtes,
Begierde nach der Mitteilung und ihre Unausführbarkeit,
absolutes Chaos und ideale Ordnung ? alles zur göttlichen
Selbstparodie zusammengefügt und doch auf ewig getrennt.
Sie schließt vorab jede Möglichkeit einer ?erkünstelten?
Lektüre aus und rückt das Lesen in den Wirkungsbereich
der Kunst vor. Wie ein Maler oder Musiker ihre Talente
benötigen, um aus dem platten Handwerk zur Kunst überzuleiten,
steigt das gewisse Veranlagung erfordernde ?gute?
Lesen (das bei Schlegel als schöpferische Tätigkeit
derjenigen, die ?lesen können? [II:371] hingestellt
wird) in den Raum besonderer Fähigkeiten auf, denn
das ?Nichtverstehen kommt meistens gar nicht vom Mangel
an Verstande, sondern vom Mangel an Sinn? (II:176)
und ?Sinn für Poesie oder Philosophie hat der, für
den sie ein Individuum ist? (II:244). Dies wirft ein
neues Licht auf den höheren Sinn des Lesens als Sinnbild
des relevantesten aller Weltgesetze: ?Vernichten
und Schaffen, Eins und Alles? (V:19), das die
Existenz des Textes in einem Zwischenraum von Sinnbildung
und -tilgung besiegelt.
Die
Ironie lässt ferner eine Kette entstehen, wo auf jeden
Versuch, den Sinn festzuhalten, seine prinzipielle
Zerstörung folgt, die dann wieder einen Nährboden
für einen nächsten darstellt, den sie ebenfalls vernichtet,
bevor er noch eindeutig konstituiert werden kann usw.
ad infinitum. Als der wesentlichste Grundsatz
des Leseprozesses lehrt sie, dass man die Bedeutung
des Textes niemals als gegeben betrachten kann, da
sie in permanentem Entstehen und ununterbrochener
fortschreitender Destruktion gleichzeitig begriffen
ist und nur für einen Moment aufleuchtet, um dann
wieder in die Stufe der Potenz zurückzufallen. Die
Ironie fungiert als höchster Sinn
[5] und Selbst-Verneinung des Textes.
Der oben angeführte Leitsatz der Gleichsetzung von
Schöpfung und Vernichtung hebt die Gegensätze auf
und demaskiert sie als verkappte Zwillingsformeln.
So lässt sich die Ironie als eine Art notwendige
und willkommene Krebskrankheit der Texte begreifen:
sie wurzelt zwar noch im textuellen Geflecht, macht
aber im Grunde schon einen Fremdkörper im Text-Gewebe
aus; sie verkörpert seine höchste Ausprägung und setzt
sich schon über ihn hinweg; sie feiert seinen Sieg
im Lektürevorgang und negiert seine Seinsmöglichkeiten;
sie verführt zur Festlegung des Sinnes und verneint
die Stichhaltigkeit dieses Vorhabens. Wenn die Jagd
nach dem Sinn, allein auf Grund seines kreativen Charakters,
die Suche nach dem Göttlichen versinnbildlicht, stellt
die Ironie seinen Widerpart, den Teufel, dar.
Schlegels
Kreuzzug gegen die Festlegung des Sinnes wäre nur
eine Künstelei, wenn die Ironie selbst festgehalten
werden könnte. Von daher stellt sich die ?Ironie
der Ironie? als einzig denkbare logische Konsequenz
des Prozesses der Ironisierung der Welt ein.
Endlich
die Ironie der Ironie. Im allgemeinen ist das wohl
die gründlichste Ironie der Ironie, daß man sie doch
eben auch überdrüssig wird. Was wir aber hier zunächst
unter Ironie der Ironie verstanden wissen wollen,
das entsteht auf
mehr als einem Wege. Wenn man ohne Ironie von der
Ironie redet, wie es soeben der Fall war; wenn man
mit Ironie von einer Ironie redet, ohne zu merken,
daß man sich zu eben der Zeit in einer andren viel
auffallenderen Ironie befindet; wenn man nicht wieder
aus der Ironie herauskommen kann, wie es in diesem
Versuch über die Unverständlichkeit zu sein scheint;
wenn die Ironie Manier wird, und so den Dichter gleichsam
wieder ironiert; wenn man Ironie zu einem überflüssigen
Taschenbuche versprochen hat, ohne seinen Vorrat
vorher zu überschlagen und nun wider Willen Ironie
machen muß, wie ein Schauspielkünstler der Leibschmerzen
hat; wenn die Ironie wild wird, und sich gar nicht
mehr regieren läßt./ Welche Götter werden uns von
allen diesen Ironien erretten können? das einzige
wäre, wenn sich eine Ironie fände, welche die Eigenschaft
hätte, alle jene großen und kleinen Ironien zu verschlucken
und zu verschlingen, daß nichts mehr davon zu sehen
wäre, und ich muß gestehen, daß ich eben dazu in der
meinigen eine merkliche Disposition fühle. (II:369)
Zwar
wird im ironischen Über-den-Text-Hinausgehen jede
Spur eines auftauchenden Sinns außer Kraft gesetzt,
doch bleibt die Präsupposition einer möglichen Bedeutung
bestehen und auch wenn sie nichts weiter als ein konkreter
Gestalt entbehrender Schatten ist, muss selbst sie
im Lektürevorgang zunichte gemacht werden. So gelangt
man zum Kern, zu der Ironieart, die alle anderen ?zu
verschlucken und
zu verschlingen? vermag und
die im eigentümlichen Akt des Selbstmords:
durch Aufhebung ihrer selbst, den ganzen Leseprozess
vollendet. Ausschlaggebende Rolle kommt in diesem
Kontext der Richtungsangabe ?über sich hinaus? zu,
die den Charakter der präferierten, idealistischen
Weltsicht umschreibt: ?Der Idealismus in jeder Form
muß auf ein oder die andre Art aus sich herausgehn,
um in sich zurückkehren zu können?, wozu? damit ?sich
aus seinem Schoß ein neuer ebenso grenzenloser Realismus
erheben? kann (II:315), der allgemein im Schilde geführt
wird. Damit streifen wir das eigentliche Vorhaben
der Romantik, sich keinen Träumereien hinzugeben,
wie man ihr so oft nachsagt, sondern einen höheren,
sprich: wahren, Realismus zu begründen bzw. zu entdecken.
Die beiden Schritte des Rezeptionsprozesses: ?über
sich hinaus? und ?in sich zurück? markieren den kontinuierlichen
Übergang vom idealistischen zum realistischen Standpunkt,
der auf immer höheren Niveaus stattfindet, und in
dem die beiden Elemente fugenlos ineinander übergehen.
Und
selbst nach einer allgemeinen Tradition ist es zu
erwarten, daß dieser neue Realismus, weil er doch
idealischen Ursprungs sein, (...) als Poesie erscheinen
wird die ja auf der Harmonie des Ideellen und Reellen
beruhen soll. (II:315)
Eine
der möglichen Überleitungen zu weiteren Einzelheiten
über den Leseprozess bieten in Lyceums- und Athenäums-Fragmenten
(1798) Erwägungen zur Rolle und Geltung des Autors.
Richtungsweisend ist in diesem Zusammenhang das 68.
Lyceum-Fragment, das eine grundsätzliche Frage aufwirft:
?Wieviel Autoren gibts wohl unter den Schriftstellern?
Autor heißt Urheber.? (II:155) Dies weist auf den
häufigen Missbrauch der Texte durch die Verfasser,
die sie zu Spiegeln ihrer selbst zu gestalten suchen
[6] . Die sich daraus ergebende Opposition
von ?Schriftsteller vs. Autor? etabliert notwendigerweise
einen Zwilligs-Gegensatz von ?schreiben vs. schaffen?,
was dann in die uns schon vertraute Dichotomie des
synthetischen und analytischen Lesers mündet, da die
Rolle des Text-Vollenders nicht für den Schriftsteller,
sondern immer für den Leser vorbehalten bleibt.
Wir
haben schon gesehen, dass ein unentbehrlicher Bestandteil
der Lektüre das Verlassen des gegebenen ?Teil?-Textes,
um der Beteiligung an der Schöpfung des Text-Ganzen
willen, ist. Das muss aber implizieren, dass der literarische
Text immer nur der Ausgangspunkt, niemals aber das
Ziel der Lektüre werden kann, weil seine Grenzen im
Lesevorgang um einen nicht voraussehbaren Faktor verschoben
werden. Die Vollbringung des Lesens vollzieht sich
folglich stets außerhalb des Werks. Dies erfordert
eine besondere Behandlung der Beziehung zwischen Verfassers
und Publikum, das zu einem der entscheidenden Momente
wird: ?Jeder rechtliche Autor schreibt für niemand,
oder für alle. Wer schreibt, damit ihn diese und jene
lesen mögen, verdient, daß er nicht gelesen werde?
(II:157), denn ?Publikum ist gar keine Sache, sondern
ein Gedanke, ein Postulat, wie Kirche.? (II:150) Konsequenzen
dieser Denkweise liegen auf der Hand: der Schriftsteller
braucht dem Modegeschmack der Leserschaft nicht nachzukommen
(vgl. Klin
1964:42), was bedeutet, dass auch den Büchern
viel mehr zugemutet wird, als der als bloße Unterhaltung
verstandenen Leselust Genüge zu leisten. Der Verfasser
schreibt also für einen Leser, dem zwar keine reale
Daseinsart zuerkannt wird, den er jedoch stillschweigend
präsumiert und impliziert. Es darf aber keine Schmälerung
der Rolle des Lesers nach sich ziehen. Im Gegenteil,
da man ihn unbedingt zur Vollendung des Lektüreprozesses
benötigt, gilt er neben dem Schriftsteller und Text
als eine unumstößliche Komponente des Leseprozess-Triade;
seine Existenz wird nur aus dem gegebenen in den intendierten
Bereich verlegt, genauso, wie der Sinn seinen scheinbaren,
fertigen, abgeschlossenen Charakter gegen einen unvorhersehbaren
und einmaligen eintauscht.
Im
Zusammenhang mit obigen Erkenntnissen sticht die unverhoffte
Aufwertung eines typisch bürgerlichen Standpunktes
im Zusammenhang mit der künstlerischen Schöpfung hervor:
Man
glaubt Autoren oft durch Vergleichungen mit dem Fabrikwesen
zu schmähen. Aber soll der wahre Autor nicht auch
Fabrikant sein. Soll er nicht sein ganzes Leben dem
Geschäft widmen, literarische Materie in Formen zu
bilden, die auf eine große Art zweckmäßig und nützlich
sind? Wie sehr wäre manchem Pfuscher nur ein geringer
Teil von dem Fleiß und der Sorgfalt zu wünschen, die
wir an den gemeinsten Werkzeugen kaum noch achten!
(II:232)
Trotz
der Erhebung der Originalität (in der Rede über
die Mythologie) in den Rang der Tugend: ?der eigentliche
Wert ja die Tugend des Menschen sei seine Originalität?
(II: 320), muss der besagte Standpunkt, in Anbetracht
der Kanonisierung des Müßiggangs in Lucinde,
zumindest verblüffen. Andererseits liegt in der Betonung
des Fleißes und in Schlegels Auslassungen über Zweckmäßigkeit
und Nützlichkeit der Literatur ein nächster Ansatzpunkt
seiner Lesetheorie vor. Auch ihm übrigens ist ein
höchst widerspruchsvolles Gepräge eigen: einerseits
sollen die Bücher belehren
[7] , andererseits sind Begierde und Einbildung
als entscheidende Faktoren der Phantasie beim Lesen
mit dabei, denn ?das Sprechen und Bilden [sind] nur
Nebensache in allen Künsten und Wissenschaften, das
Wesentliche ist das Denken und Dichten? (V:27). Darüber
hinaus läuft derjenige, der den Erwartungen der Leserschaft,
nicht aber der Wesensart des Werks zusagen will, Gefahr,
sich im Endeffekt von ihm abzuwenden.
Leute
die Bücher schreiben,
und sich dann einbilden, ihre Leser wären das
Publikum, und sie müßten das Publikum bilden: diese
kommen sehr bald dahin, ihr sogenanntes Publikum
nicht bloß zu verachten, sondern zu hassen; welches
zu gar nichts führen kann. (II:156)
Was
geschieht also bei Schlegel mit dem Bildungsanspruch
der Literatur? ? er behält zwar seine Gültigkeit
bei, wird nur in den Bereich der Eigentätigkeit übertragen:
?Der Zweck der Kritik, sagt man, sei, Leser zu bilden!
? Wer gebildet sein will, mag sich doch selbst bilden.
Dies ist unhöflich: es steht aber nicht zu
ändern.? (II:157) Schlegels Äußerungen in puncto
literarischer Kritik lassen zwei Kasus deutlich
hervortreten: zum einen unterstreichen sie die Signifikanz
des Individualcharakters der Lektüre, die grundsätzlich
nicht vermittelt werden kann, zum anderen weisen
das Lesen als einen Prozess aus, der Wiederholung
erfordert: ?Ein Kritiker ist ein Leser, der wiederkäut.?
(II:149; vgl. BARTHES 1999:50; vgl. JOHNSON 1986:297)
Der Akt des Lesens büßt deutlich zu Gunsten multiplizierter
Lektüre an Wert ein. Bloße Wiederholung des Lesens
als sein eigentlicher Sinn läuft der Konstitution
des Sinnes zuwider.
Die
Anzweiflung gängiger, pädagogischer Aufgabestellung
der Literatur, verstanden als ein durch die Vermittlung
eines Anderen erworbenes Wissen, ist in Schlegels
Erkenntnisse über die Verwicklung der Werke in Sinnauf-und-abbau-Prozesse
eingebettet. Jegliche Bildung setzt eine feste Grundlage
voraus, und sie ist gerade, was die Literatur nach
dieser Theorie entbehrt. Auch die Autoritäten, eine
unerlässliche Ingredienz der Bildung, werden durch
die Lektüre in Frage gestellt. Weder der Autor noch
der Text selbst kann in dieser Position erscheinen.
Jede Bildung impliziert ein Oben-Unten-Verhältnis,
d.h. eine durch fundamentale Differenz gekennzeichnete
Relation zwischen dem Meister und dem Zubildenden.
Wenn auch dem Leser zu Beginn des Leseprozesses diese
zweite Rolle zugedacht werden könnte, wird das im
Fortschritt der Lektüre gerade umgekehrt. Nichts wird
weiter vermittelt, sondern alles neu erschaffen; die
bisherigen Autoritäten werden außer Kraft gesetzt
und an ihre Stelle etablieren sich neue. Die Ergebnisse
der Lektüre sind, als im einmaligen Lesevorgang hervorgebracht,
punktuell und lassen sich nicht wiederholen. Die Bildung
als ein festgeschriebener, mehreren Lesern zu vermittelnder
Textgehalt entfällt gänzlich. Wenn der Sinn nur kurzzeitig
aufleuchtet, um dann wieder zu verschwinden, muss
jeder, der in der Literatur nach fertigen Lösungen
sucht, enttäuscht sein: ?Eine klassische Schrift muß
nie ganz verstanden werden können. Aber die, welche
gebildet sind und sich bilden, müssen immer mehr draus
lernen wollen.? (II:149) Wie also an Stelle des verwurzelten
Sinnes die Unverständlichkeit tritt, so nimmt der
Wille zur Bildung den Platz der Bildung selbst ein.
Zu den
hervorstechendesten Eigenschaften Schlegels Lesetheorie
gehört das Einheitsstreben. Aufhebung der Gegensätze,
Synthese des Lesers mit dem Text auf der einen und
des Lesers mit dem Autor auf der anderen Lektüre-Stufe,
Allianz der Gattungen und Wissenschaften zum Begriff
der romantischen, progressiven Universalpoesie
[8] kündigen eine neue Optik in der Kunst
an. In der Zusammenstellung des Denkens mit dem Dichten
artikuliert sich eine Notwendigkeit der Verschmelzung
von Poesie und Philosophie, zumal die erste als die
Quelle der anderen anzusehen ist, zu der sie wieder
werden soll (vgl. II:216):
Die
ganze Geschichte der modernen Poesie ist ein fortlaufender
Kommentar zu dem kurzen Text der Philosophie: Alle
Kunst soll Wissenschaft, und alle Wissenschaft soll
Kunst werden; Poesie und Philosophie sollen vereinigt
sein. (II:161; vgl. II:149)
Erst
dann kann ?der Reiz des äußern Lebens, durch ein innres
Echo vervielfältigt und verstärkt? werden. Erst dann
wird der Mensch fähig, in seinem Inneren die ?wundersame
Stimme? so deutlich zu hören, dass, ?wenn er dem Geheimnis
seines Daseins mit kindlicher Schüchternheit zu entfliehen
strebt, das Unbekannte mit schöner Neugier suchend,
vernimmt er überall nur den Nachhall seiner eignen
Sehnsucht.? (V:59) Man kann sich des Eindrucks nicht
erwehren, dass wir hier den Bereich eines der Offenbarung
ähnlichen Erlebnisses betreten. Jenes ?Lesen-Können?
Schlegels wird als ein externes, aber in den Text
hinübergetragenes Wissen in die Wege geleitet. Dem
Menschen muss zuerst das ?Geheimnis seines Daseins?,
das ?Rätsel seiner Bestimmung?, also der Sinn seines
Lebens aufgehen, bevor er in der Lage sein wird,
den ganzen Leseprozess
zu durchlaufen
und den Sprung vom Rezipienten über den Denker
zum Künstler zu meistern (vgl. V:72). Denn die Intention
ist nicht, dem Schriftsteller mit sich alles geschehen
zu lassen, sondern sich schließlich dem Text kritisch
gegenüberstellen:
Poesie
kann nur durch Poesie kritisiert werden. Ein Kunsturteil,
welches nicht selbst ein Kunstwerk ist, entweder im
Stoff, als Darstellung des notwendigen Eindrucks in
seinem Werden, oder durch eine schöne Form, und einen
im Geist der alten römischen Satire liberalen Ton,
hat gar kein Bürgerrecht im Reiche der Kunst. (II:162)
Es
lässt sich nicht nur als eine nächste Aufwertung der
Leserrolle ansehen. Die Feststellung stellt eine Illustration
des prinzipiellen Übergangs vom gegebenen zum impliziten
Text dar, also der Ablösung der Rezeption durch die
Hervorbringung. Der Ausgangstext fungiert in diesem
Zusammenhang als der Nährboden für eine völlige Neuschöpfung.
Wenn die Lektüre nicht seicht war, d.h., wenn sich
das Lesen nicht auf bloße Aufnahme beschränkte, sondern
über den Text hinausgegangen wurde, muss der Sinn
im Anderen aufflimmern. Gutes Lesen setzt somit voraus,
dass die Lektüre eines Textes unabdingbar zur Lektüre
mehrerer wird, die sich dem ersten parasitär
[9] aufladen. Der metatextuelle Bezug
(die Kritik eines Werks ist schon ein neuer Text [vgl.
MENKE 1990:252]) bildet einen nächsten Schritt in
Richtung totaler Kunst, wo das Leben des Menschen
dank der Energie des Textes selbst zum Kunstwerk wird:
Wie
seine Kunst sich vollendete (...) so ward ihm auch
sein Leben zum Kunstwerk, ohne daß er eigentlich wahrnahm,
wie es geschah. Es ward Licht in seinem Innern, er
sah und übersah alle Massen seines Lebens und den
Gliederbau des Ganzen klar und richtig weil er in
der Mitte stand. Er fühlte, daß er diese Einheit nie
verlieren könne, das Rätsel seines Daseins war gelöst,
er hatte das Wort gefunden, und alles schien ihm dazu
vorherbestimmt und von den frühsten Zeiten darauf
angelegt, daß er es in der Liebe finden sollte, zu
der er sich aus jugendlichem Unverstand ganz ungeschickt
geglaubt hatte. (V:57)
Die
Lucinde versinnbildlicht diese mystische Einheit,
die sich ohne weiteres als eine Allegorie des Lesens
und gleichzeitig programmatische Umsetzung Schlegels
Lesetheorie betrachten lässt. Es geht einerseits um
die Unterstellung den Texten der weiblichen Natur
[10] , andererseits um das innige Verhältnis,
das hier Schlegel dem Leser vor Augen führt und als
dessen Konsequenz sogleich die Bewusstseinserweiterung
des Betroffenen eintrifft:
Der
Sinn für die Welt ist uns erst recht aufgegangen Du
hast durch mich die, Unendlichkeit des menschlichen
Geistes kennen gelernt, und ich habe durch dich die
Ehe und das Leben begriffen, und die Herrlichkeit
aller Dinge. (V:67)
Der
Verschmelzung des Mannes mit der Frau in der Liebe
und Ehe als Sinnbild der Einswerdung des Lesers mit
dem Text wird auf zweierlei Weise Ausdruck verliehen:
in der Zeit vor der Einsicht ins Geheimnis der Bestimmung:
Aber
alles was er liebte und mit Liebe dachte, war abgerissen
und einzeln. Sein ganzes Dasein war in seiner Fantasie
eine Masse von Bruchstücken ohne Zusammenhang; jedes
für sich Eins und Alles, und das andre was in der
Wirklichkeit daneben stand und damit verbunden war,
für ihn gleichgültig und so gut wie gar nicht vorhanden.
(V:37)
und danach
Sie
waren ganz hingegeben und eins und doch war jeder
ganz er selbst, mehr als sie es noch je gewesen waren,
und jede Äußerung war voll vom tiefsten Gefühl und
eigensten Wesen. Bald ergriff sie eine unendliche
Begeisterung, bald tändelten und scherzten sie mutwillig
und Amor war hier wirklich, was er so selten ist,
ein fröhliches Kind. (V:54)
Die
Synthese von Weiblichkeit und Männlichkeit (vgl. Klin 1964:32) als Ablösung des alten Gegensatzes allegorisiert
nicht nur eine mächtigere Potenz und die über das
seichte Alltagsszenario hinausgehende, höhere Wirklichkeit
(?Fast alle Ehen sind nur Konkubinate?
[11] [II:170]), sondern bedeutet auch
eine Rückkehr zum Ursprung
[12] , zur primären Androgynie, bald in
sozialer Ausführung als Ehe, bald auf der geistigen
Ebene als beinahe schicksalhafte
Zusammengehörigkeit
von Mann und Frau bewerkstelligt.
Schlegels
Konzeption des
literarischen Textes, wie wir ihr in Lucinde
begegnen, sieht etwa folgende Faktoren vor:
1.
Nebeneinander gleichberechtigter,
vielfältiger Fäden (u.a. philosophische und literarische
Sujets verlaufen parallel)
2.
Vielfalt schriftlicher
Formen (Briefe, Allegorien, Parabel u.a.m.), die den
hauptsächlichen Handlungsstrang häufig unterbrechen
3.
Vorherrschen des Fragmentarischen (alle
Bestandteile des Romans sind als Fragmente gedacht,
offensichtlich als die künstlerische Ausdrucksverleihung
der Auffassung von der Bruchstückhaftigkeit des Daseins)
[13]
4.
offenes Ende, das zur
Vervollständigung und Ergänzung durch den Leser verführt
5.
Heterogenität des Sinnes,
die verschiedene Lesearten gleichzeitig zulässt (vgl.
DE MAN 1999:15).
Aus
dieser Zusammenstellung
erfolgt eindeutig hervorragende Rolle der Vermischung
als des hauptsächlichen Textbildungsverfahrens. Wir
dürfen die sich daraus ergebenden Konsequenzen
nicht übersehen. Schon in
Über das Studium der griechischen
Poesie konstatiert Schlegel Chaos und Anarchie
im Bereich der modernen Kunst:
So
verwirrt sind die Gränzen der Wissenschaft und der
Kunst, des Wahren und des Schönen, daß sogar die Überzeugung
von der Unwandelbarkeit jener ewigen Grenzen fast
allgemein wankend geworden ist. Die Philosophie poetisiert
und die Poesie philosophiert: die Geschichte wird
als Dichtung, diese aber als Geschichte behandelt.
Selbst die Dichtarten verwechseln gegenseitig ihre
Bestimmung; eine lyrische Stimmung wird der Gegenstand
eines Drama, und ein dramatischer Stoff wird in lyrische
Form gezwängt. Diese Anarchie bleibt nicht an den
äußern Gränzen stehn, sondern erstreckt sich über
das ganze Gebiet des Geschmacks und der Kunst. (I:219)
Von
möglichen Kunstkonnotationen abgesehen, gibt dieser
Sachverhalt den Zustand der Welt wieder. Die Vermischung
der Formen und Gattungen lässt sich vom Zusammenhang
mit dem Einheitsstreben nicht trennen. Angesichts
der Naturauffassung als Mutterboden der Kunst, muss
die Wesenheit der einen auf die anderen übergreifen,
was jedoch nur für den allgemeinen Charakter, keinesfalls
für die Einzelheiten, gilt.
Das
Problem der Nachahmung löst Schlegel in Anlehnung
an die platonische Anamnesis
[14] . Das Bewusstsein der Tatsache, dass
alles, ?was wir jetzt nur Hoffnung nennen, eigentlich
Erinnerung war? (V:12), denn ?da unter den Träumereien,
die hier schon, den ewigen Lettern und dir anvertraute
sind, die Erinnerung an die schönste Welt noch das
gehaltvollste ist, und noch am ersten eine gewisse
Art von Ähnlichkeit mit den sogenannten Gedanken hat?
(V:9), wird jetzt im Text-Bereich ausgespielt: der
Text erscheint als Versinnbildlichung, Fleischwerdung
und Spiegel des Inneren des Lesers. Diese häufig
auftauchende ?schönste aller Welten?, die an sich
bei Schlegel als mixtum compositum zweier Prinzipien:
der verinnerlichten und inneren Welt, auftritt,
leistet einen wichtigen Beitrag zur romantischen
Erkenntnistheorie. Julius aus Lucinde vergegenwärtigt
sich an einer Stelle, wie die im Moment 2-jährige
Wilhelmine zum ersten Mal eine Holzpuppe bekam und
diese auf der Stelle zu essen versuchte.
Der Vorfall gab ihm Anlass, den Inkorporationsdrang
zu einem relevanten Grundsatz des menschlichen In-der-Welt-Seins
zu erheben:
Gewiß!
es liegt tief in der Natur des Menschen, daß er alles
essen will, was er liebt, und jede, neue Erscheinung
unmittelbar zum Munde führt, um sie da wo möglich
in ihre ersten Bestandteile zu zergliedern. (...)
Das Betasten dagegen bleibt bei der äußerlichen Oberfläche
allein stehn, und alles begreifen gewährt eine unvollkommene
nur mittelbare Erkenntnis. (V:14)
Weder
Sinnesarbeit noch spekulative Erfassung durch die
Vernunft setzen den Menschen hinreichend über das
Wesen des Gegenstands in Kenntnis. Erst seine Zerstörung
lässt diese epistemologische Schwäche bewältigen.
Solch eine extreme Art der Verinnerlichung setzt voraus,
dass man, um etwas zu erkennen, entweder zum Teil
des Erkannten wird
oder das Zu-Erkennende zum Bestandteil seiner
selbst macht. In allen Fällen entscheidet eine auf
Einswerdung aufbauende Innenschau, die eine Überleitung
zum Lesen ermöglicht, in dessen Bereich sie den Imperativ
bedeutet, im Lesevorgang nicht nur zu einer der Rezeptionskomponenten,
sondern zum Bestandteil des Textes selbst zu werden,
mit ihm zu verschmelzen. Es kommt dabei auf jenes
Schlegelsche ?Lesen-Können? an. Das Lesen wird hier
als eine anspruchsvolle Tätigkeit aufgefasst, die
unterschiedliche Einweihungsstufen vorsieht und dem
Menschen nicht nur Bereitschaft, sondern auch bestimmtes
Können abverlangt. Die Lektüre an sich stellt bei
Schlegel eine Art Wunder dar, wo man von der heiligen
Passivität eines am Text haftenden Rezipienten über
das Niveau eines den Inhalt überschauenden, kritikfähigen
Denkers bis zum eigentlichen, sich bereits über den
Text hinwegsetzenden Künstler aufrückt. Die Frage,
was denn dem Leser die nötige Energie spenden und
ihn zum so gewaltigen Rollenwechsel in Stand setzen
kann, beantwortet
Schlegel ganz im Sinne der Romantik ? die intendierte
Einswerdung setzt die Liebe als unumgängliche Bedingung
voraus: ?Alles ist beseelt für mich, spricht zu mir
und alles ist heilig. Wenn man sich so liebt wie wir,
kehrt auch die Natur im Menschen zu ihrer ursprünglichen
Göttlichkeit zurück.? (V:67) Man kann sie von der
Dichtung überhaupt nicht trennen, denn sie ist ihre
eigentliche Quelle, und ?der Geist der Liebe muß in
der romantischen Poesie überall unsichtbar sichtbar
schweben? (II:333). Die Signifikanz der Liebe beruht
für den Romantiker auf ihrer Welten erschaffenden
Kraft, durch die man das Neue schaut und die im Irdischen
beinahe allmächtig vorkommen muss.
Liebe
trennt die Wesen und bildet die Welt, und nur in ihrem
Licht kann man, diese finden und schauen. Nur in der
Antwort seines Du kann jedes Ich seine unendliche
Einheit ganz fühlen. Dann will der Verstand den innern
Keim der Gottähnlichkeit entfalten, strebt immer näher
nach dem Ziele und ist voll Ernst, die Seele zu bilden,
wie ein Künstler das einzig geliebte Werk. In den
Mysterien der Bildung schaut der Geist das Spiel und
die Gesetze der Willkür und des Lebens. Das Werk des
Pygmalion bewegt sich, und den überraschten Künstler
ergreift ein freudiger Schauer im Bewußtsein eigner
Unsterblichkeit, und wie der Adler den Ganymedes reißt
ihn die göttliche Hoffnung mit mächtigem Fittich zum
Olymp. (V:61)
Wie
jedes Ich nach einem ?Du? lechzt, um ?seine unendliche
Einheit? zu erleben, wie ferner der Mann einen weiblichen
Beziehungspunkt benötigt, um sich in seinem Inneren
eins zu fühlen,
so hat der Leser den Text als Möglichkeit einer
Bezugnahme nötig. Wie unter Pygmalions Fingern die
einzigartige, wunderschöne Galatea lebendig wird,
kann erst in gegenseitiger Beziehung des Lesers und
des Diskurses (allegorisiert durch die Liebe) die
Totenstille des Textes überwunden werden. ?Die der
Kunst notwendige eigene Harmonie ist ein Geschenk
der Liebe? (Klin
1964:29). Die Liebe bietet jedoch nicht die Zuflucht
vor den Mängeln der äußeren Welt oder den Nöten des
grauen Alltags, vielmehr muss sie als ein übergeordnetes,
weltschaffendes und organisierendes Prinzip erkannt
werden. Sie stellt keinen Gegensatz zu etwas dar,
sie verwickelt sich in keine neuen Dichotomien, sondern
überbrückt sie; sie schafft Oppositionen ab und saugt
sie auf, bis sie ineinander aufgehen und ihre am Irdischen
festhaltende, differenzierende Gewalt gegen das unifizierende
Einheitsstreben eintauschen. Sie ist die Gebärende
und gleichzeitig die aus dem Streben des Menschen
Geborene. Sie ist die Mutter und zugleich der Nährboden
jeder Schau; ihr wohnt die Unsterblichkeit und gleichzeitig
der süße Schmerz des Sterbens inne.
Die
Liebe ist nicht bloß, das stille Verlangen nach dem
Unendlichen; sie ist auch der heilige Genuß einer
schönen Gegenwart. Sie ist nicht bloß eine Mischung,
ein Übergang vom Sterblichen zum Unsterblichen, sondern
sie ist eine völlige Einheit beider. Es gibt eine
reine Liebe, ein unteilbares und einfaches Gefühl
ohne die leiseste Störung von unruhigem Streben.
Jeder gibt dasselbe was er nimmt, einer wie der andre,
alles ist gleich und ganz und in sich vollendet wie
der ewige Kuß der göttlichen Kinder. (V:60)
?Neben
der Zusammenziehung von Liebe als Genuss beim freien
Menschen ist der pantheistische Zug auffällig, der
die Natur mit Alliebe durchdringt. Der Genuss der
Natur wird erst beglückend durch die Liebe. Ohne sie
bleibt die Unendlichkeit des Weltalls für den Menschen
fremd und starr? (Klin 1964:28). Sie wird zur höchsten Instanz, zum Bezugspunkt,
vom dem aus die Welteinsicht möglich wird: ?Göttlich
ist was aus der Liebe zum reinen ewigen Sein und Werden
quillt, die höher ist als alle Poesie und Philosophie.?
(II:245) Das erlaubt uns das Ziel des Lesens in jenen
einheitlichen Bestrebungen
zu sehen, die dank der Liebe und durch sie erfolgen
und auf der höchsten Stufe weiter nach ihr streben.
Bei aller Verschiedenheit möglicher Triebfeder strebt
die künstlerische Tätigkeit (inklusive des Lesens)
nur dieses eine Ziel ? die Liebe, an.
Üblicherweise
wird die Mimesis-Frage negativ beantwortet: die Kunst
bietet grundsätzlich keinen Blick nach außen und stellt
an sich keine Projektion der äußeren Verhältnisse
auf das Text-Gewebe dar. Der Textbegriff umfasst bei
Schlegel sowohl archč als auch telos
mit allen denkbaren Zwischenstufen. Er braucht keine
Verankerung im Außertextuellen, denn er begründet
und rechtfertigt sich selbst, wie das Novalis im 284.
Athenäums-Fragment darlegt: ?Der Geist führt einen
ewigen Selbstbeweis.? (II:213) Diese Selbstreferenz,
die Schlegel in der Rede über die Mythologie als
das ?Selbstgesetz? (II:314) bezeichnet, entlastet
den Rezipienten insofern, als er keine Bezüge mehr
außerhalb der Leser-Text-Relation zu suchen braucht
und vermag. Nur bis zu einem gewissen Punkt kann der
Text als ein Erzeugnis des Schriftstellers betrachtet
werden. Da er sich in ewiger Bewegung des Bedeutens,
im ununterbrochenen Pendeln zwischen Draußen und Drinnen
befindet, sprengt er die ihm durch den Autor auferlegten
Schranken, indem er sich nicht nur über dessen Intentionen,
sondern ebenso über sich selbst hinwegsetzt und auf
einer höheren Stufe seine flimmernde ?Existenz? immer
begründet und abbaut. Diese Unbestimmtheit und ewige
Position zwischen
den Gegensätzen macht die progressive Universalpoesie
zur idealen, romantischen Allegorie der immer werdenden
Welt:
Und
doch kann auch sie [die progressive Universalpoesie]
am meisten zwischen dem Dargestellten und dem Darstellenden,
frei von allem realen und idealen Interesse auf den
Flügeln der poetischen Reflexion in der Mitte schweben,
diese Reflexion immer wieder potenzieren und wie in
einer endlosen Reihe von Spiegeln vervielfachen. (...)
Die romantische Dichtart ist noch im Werden; ja das
ist ihr eigentliches Wesen, daß sie ewig nur werden,
nie vollendet sein kann. (II:182f.)
Selbstverneinung
und Wieder-Setzen bilden den heiligen Kreis der Lektüre.
[15] ?Nur der, welcher sich selbst setzt,
kann andre setzen. Ebenso hat nur der, welcher sich
selbst annihiliert, ein Recht jeden andern zu annihilieren?
(Friedrich Schleiermacher [II:222]), wie ?die Philosophie,
welche sich immer von neuem organisieren und desorganisieren
muß?, weil sie ?das Resultat zwei streitender Kräfte,
der Poesie und Praxis? ist. (II:216) Nicht zum ersten
Mal begegnen wir der offenbar für die Frühromantiker
signifikanten Erkenntnis des untrennbaren Zusammenhangs
von Aufbau und Subversion, die sich nicht nur ergänzen,
sondern auch einander bedingen, weil wie alle anderen,
muss auch dieser Gegensatz subvertiert werden. Eben
diese Eigenschaft ermöglicht die angesprochene unendliche
Lektüre dadurch, dass die essentielle Zerstörung
einer Leseart das Wieder-Lesen
des Textes erzwingt. Die aus der Irreduktibilität
herrührende Einmaligkeit der Lektüre setzt grundsätzliche
Ablehnung der Phantomjagd auf den einen Sinn voraus.
An dessen Stelle tritt die immer verändernde und umwandelnde
Aktivität des synthetischen Lesers: ?Nur dann zeige
ich, daß ich einen Schriftsteller verstanden habe,
wenn ich in seinem Geiste handeln kann; wenn ich ihn,
ohne seine Individualität zu schmälern, übersetzen
und mannichfach verändern kann? (Novalis, II:214).
Was man auch immer mit dem Text anstellt, wohnt ihm
von Anfang an die prinzipielle Notwendigkeit seiner
Überwindung inne. Mit einer Paraphrase Nietzsches
Worte könnte man sagen, dass der Text ist, was im
Leservorgang überwunden werden muss. Eben deshalb
bedeutet z.B. die Übersetzertätigkeit im Grunde eine
Neuschöpfung auf der Basis des bestehenden Materials:
?Um aus den Alten ins Moderne vollkommen übersetzen
zu können, müßte der Übersetzer desselben so mächtig
sein, daß er allenfalls alles Moderne machen könnte;
zugleich aber das Antike so verstehn, daß ers nicht
bloß nachmachen, sondern allenfalls wiederschaffen
könnte.? (II:239)
Was
der unaufmerksame Leser für das Abbild der Welt nimmt,
ist für Schlegel bloße Welt-Täuschung, wobei die Schrift
ständig bestrebt ist, den Rezipienten zum Glauben
an die Tatsächlichkeit der Bilder, die er während
der Lektüre ?wieder?-findet, zu verführen. ?Poetischer
Schein ist Spiel der Vorstellungen, und Spiel ist
Schein von Handlungen.? (II:180) Dies darf keinen
Zweifel an die Wahrhaftigkeit literarischer Visionen
als solcher bedeuten, schließlich ist ?ein Ideal (...)
zugleich Idee und Faktum? (II:184); es bestätigt vielmehr
eine andere Wirklichkeit,
welcher die Re-Interpretation des Begriffs der Wahrscheinlichkeit
[16] zu Grunde liegt. Das Bewusstsein
einer andersgearteten, ?poetischen? Realität scheint
im Kreis der Jenaer Frühromantiker
allgemein gewesen zu sein, was die Worte Friedrich
Schleiermachers bestätigen:
Keine
Poesie, keine Wirklichkeit. So wie es trotz aller
Sinne ohne Fantasie keine Außenwelt gibt, so auch
mit allem Sinn ohne Gemüt Geisterwelt. Wer nur Sinn
hat, sieht keinen Menschen, sondern bloß Menschliches:
dem Zauberstabe des Gemüts allein tut sich alles auf.
Es setzt Menschen und ergreift sie; es schaut an wie
das Auge ohne sich seiner mathematischen Operation
bewußt zu sein. (II:227)
Im
Lichte dieser Ausführungen soll die Poesie das Tor
zu einer vollkommen anderen Art der Erkenntnis ?
der Erkenntnis seiner selbst, eröffnen.
So
schaut das Auge in dem Spiegel des Flusses nur den
Widerschein des blauen Himmels, die grünen Ufer, die
schwankenden Bäume und die eigne Gestalt des in sich
selbst versunkenen Betrachters. Wenn ein Gemüt voll
unbewußter Liebe da, wo es Gegenliebe hoffte, sich
selbst findet, wird es von Erstaunen getroffen. Doch
bald läßt sich der Mensch wieder durch den Zauber
der Anschauung locken und täuschen, seinen Schatten
zu lieben. Dann ist der Augenblick der Anmut gekommen,
die Seele bildet ihre Hülle noch einmal, und atmet
den letzten Hauch der Vollendung durch die Gestalt.
Der Geist verliert sich in seiner klaren Tiefe und
findet sich wie Narcissus als Blume wieder. (V:60)
Der
Leseprozess wird somit zur Selbstschau, als deren
Folgen sich das Wiederfinden der verlorenen Aspekte
des Ichs und ihre Integrierung in das Ganze der Persönlichkeit
einstellen. Es funktioniert, weil der Leser, in seiner
Nachbildung der Natur, durch vorübergehendes Ins-Leben-Rufen
des Text-Sinnes nicht nur ihre Potenz erschließt,
auch seine eigene schimmert ihm durch einen unendlich
kurzen Moment hindurch. Die Schöpfung eines Anderen
(des Text-Sinnes) wird infolgedessen zur Ich-Findung,
das Schaffen überhaupt zum Aufbruch zur Suche.
Und
dann gibt es doch wieder Augenblicke plötzlicher,
allgemeiner Klarheit, wo mehrere solche Geister der
innern Welt durch wunderbare Vermählung völlig in
Eins verschmelzen, und manches schon vergessene Stück
unsers Ich in neuem Lichte strahlt und auch die Nacht
der Zukunft mit seinem hellen Scheine öffnet. (V:12)
Das
Wesen dieser inneren Einsicht entspricht, wie daraus
ersichtlich, dem Charakter allegorischer Antonomasie:
?Narcissus als Blume?. Nichtsdestoweniger büßt die
in diesem Kontext fundamentale Frage: ?Soll die Kunst
täuschen oder bloß scheinen?? (II:162) nichts von
ihrer Signifikanz ein. Als erster Hinweis kann der
deutlich durchgesetzte Vorrang der Form vor dem Inhalt
(vgl. Klin
1964:42) fungieren. Eine solche Optik erzwingt
die Betrachtung der Kunst durch das Prisma ihrer selbstreferenziellen
Bezüge, deren antonomastische Ikone der selbstverliebte
Narziss ist. Statt sich in hoffnungslose Versuche
zu verwickeln, die äußere Wirklichkeit wiederzugeben,
feiert der Text im eigentümlichen Selbstbejahungsakt
eigene Schönheit.
Um dieser Denkweise willen entwickelt Schlegel die
Opposition ?Schön vs. Interessant? (Klin
1964:43), mit der er u.a. darauf hinweist,
was dem Leser zuteil werden soll: das Dionysische
soll den Lektürevorgang überfluten; der Leser, nachdem
er mit dem Text eins geworden ist, soll auf den höchsten
Lesestufen die narzisstische Eigenwelt affirmieren.
Die Lektüre wird letztendlich zu einer einzigen Siegesfeier
der eins gewordenen Subjekte (Leser und Text, Mann
und Frau, Kunst
und Natur), die in liebestrunkener Umarmung
ihre Vereinigung bejahen. Jede Festmachung des Textes
könnte ihm zwar einen zeitweiligen Publikumserfolg
zuteil werden lassen, aber sie würde auf der anderen
Seite seine Degradierung zum anspruchslosen Spiel
der Motive und gängiger Klischees nach sich ziehen
müssen. Eine solche Garnitur stellt übrigens Schlegel,
nicht ohne bissige Ironie, in Athenäums-Fragmenten
vor:
Ein
Gedicht oder ein Drama, welches der Menge gefallen
soll, muß ein wenig von allem haben, eine Art Mikrokosmus
sein. Ein wenig Unglück und ein wenig Glück, etwas
Kunst, und etwas Natur, die gehörige Quantität Tugend
und eine gewisse Dosis Laster. Auch Geist muß drin
sein nebst Witz, ja sogar Philosophie, und vorzüglich
Moral, auch Politik mitunter. Hilft ein Ingrediens
nicht, so kann vielleicht das andre helfen. Und gesetzt
auch, das Ganze könnte nicht helfen, so könnte es
doch auch, wie manche darum immer zu lobende Medizin,
wenigstens nicht schaden. (II:206)
Das alles, das
bloße
Darstellen von Menschen, von Leidenschaften und Handlungen
macht es [das Göttliche] wahrlich nicht aus, so wenig
wie die künstlichen Formen; und wenn Ihr den alten
Kram auch millionenmal durcheinander würfelt und übereinander
wälzt. Das ist nur der sichtbare äußere Leib, und
wenn die Seele erloschen ist, gar nur der tote Leichnam
der Poesie. (II:318)
Nicht
auf ihn kommt es beider Lektüre an, sondern vielmehr
auf das Vordringen bis zur eigentlichen ?Seele der
Poesie? ? dem ?Widerschein der Gottheit im Menschen?.
Dem negativen Bild des herabgewürdigten Werkes gegenüber
steht seine Vision des künstlerischen Textes, wo man
auf bloße Effekthascherei Verzicht leistet: ?Vollendet
ist was zugleich natürlich und künstlich ist. (...)
Es gibt eine ruhige Göttlichkeit ohne die zermalmende
Kraft des Helden und die bildende Tätigkeit des Künstlers.?
(II:245) In Athenäums-Fragmenten tritt also Göttlichkeit
als ein synonymer und gleichzeitig hyperonymer Ausdruck
neben die Liebe.
Nach
der früheren Feststellung des mystischen Gepräges
der Leser-Text-Vereinigung können wir nicht umhin,
das Auffinden der offenbar ursprünglichen Göttlichkeit
im Menschen als den Gegenstand der Lektüre zu konstatieren.
Daraus ergibt sich das Bild des Lesens als eines
quasi religiösen Aktes. Wie ist das aber mit der vorhin
angemerkten Notwendigkeit der Selbstentäußerung zu
vereinen? Die Regel bleibt immer dieselbe: den künstlerischen
Text als Katapult zu benutzen und sich über ihn
hinwegzusetzend eine höhere Seinsstufe zu erklettern.
Die Antwort steckt, wie
immer bei Schlegel, im Paradoxen
[17] , das für ihn eine Loslösung von
den (zu) eng gezogenen Grenzen der Logik bedeutet:
die Selbstentäußerung wird eigentlich zur Selbstentfaltung
und der Verlust wird zur Auffindung auf einer höheren
Stufe; die Suche nach dem Ich verwandelt sich in den
Aufbruch zu Gott und das Wiederfinden der verlorenen
Göttlichkeit wird zur Entdeckung seines Selbst. Das
vorab festzuhaltende Ergebnis dieses Denkens lässt
nur ein unumstößliches Prinzip erkennen: alles Separate
im Niedrigen erfährt eine Umwandlung zum Einigen im
höheren Bereich, das Schlegelsche ?Eins und Alles?
setzt voraus, dass alles zusammenfließt.
Ein
Plädoyer für die Unendlichkeit des Lektüre- und Sinn-Bildungs-Prozesses
als Allegorie des Unendlichen
der Natur bilden ferner die Kategorien des
Bestimmten und Unbestimmten, dank denen den alten
Texten immer neue Gesichter verliehen werden: ?Die
Poesie hat sie so fein und reich gebildet und umgebildet,
daß ihre schöne Bedeutsamkeit unbestimmt geblieben
ist, und immer neue Deutungen und Bildungen erlaubt.?
(V:59) Dieser Gedankengang nimmt um über 150 Jahre
den fundamentalen Begriff ?misreading?
[18] Paul de Mans vorweg, der besagt,
dass jede Lektüre eine Fehllektüre sei, d.h., dass
man aus Elementen des gegebenen Textes immer eine
neue Leseart ableiten kann, die allen früheren zuwiderläuft
und sie verneint. Die Ursache dieses Sachverhalts
liegt in der Auffassung der Text-Bedeutung als eines
Spiels der bestimmten und unbestimmten Komponenten:
Das
Bestimmte und das Unbestimmte und die ganze Fülle
ihrer bestimmten und unbestimmten Beziehungen; das
ist das Eine und Ganze, das ist das Wunderlichste
und doch das Einfachste, das Einfachste und doch das
Höchste. Das Universum selbst ist nur ein Spielwerk
des Bestimmten und des Unbestimmten und das wirkliche
Bestimmen des Bestimmbaren ist eine allegorische Miniatur
auf das Leben und Weben der ewig strömenden Schöpfung.
(V:73)
Wir
gelangen hier zum springenden Punkt Schlegels Lesetheorie,
die nicht die Aufwertung des Ergebnisses, sondern
des Spiels selbst anpeilt. Nicht auf Resultate kommt
es an, was zählt, ist, die Dinge einfach spielen zu
lassen und sich an ihrer Vielfalt und ständig neuen
Kombinationen zu ergötzen; was zählt, ist die Affirmation
der Welt in ihrem unerschöpflichen Reichtum an Formen
(denn durch sie führt der Weg zur Selbstbejahung als
eines Teils des Ganzen), Ergebnis ist bei Schlegel
immer nur ein Zwischenergebnis und als solcher muss
per definitionem negiert werden.
Für
die Einschätzung der Wesensart literarischer Texte
ist die Rolle der Allegorie von erstrangiger Bedeutung.
Wie das Leben üblicherweise Entfaltung bloß eines
Gedankens darstellt (?Was wir ein Leben nennen, ist
für den ganzen ewigen innern Menschen nur ein einziger
Gedanke, ein unteilbares Gefühl.? [V:12]), ist der
Text nichts als seine eigene Allegorie. Schlegel stellt
zunächst mit einigem Unbehagen die fortlaufende Allegorisierung
der Kunst (?In Rücksicht auf die Einheit sind die
meisten modernen Gedichte Allegorien [...] oder Novellen
[...]; ein Gemisch, oder eine Verdünnung
von diesen.? [V:153]) und der Welt (?Auch in
dem was reine Darstellung und Tatsache scheint, hat
sich Allegorie eingeschlichen, und unter die schöne
Wahrheit bedeutende Lügen gemischt? [V:59]) fest.
All
representational poetry is always also allegorical,
whether it be aware of it or not, and the allegorical
power of the language undermines and obscures the
specific literal meaning of a representation open
to understanding. But all allegorical poetry must
contain a representational element that invites and
allows for understanding, only to discover that the
understanding it reaches is necessarily in error.
(DE MAN 1971:181)
Der
Zusammenhang von Irrtum und Unverständlichkeit (?Allegory
can only blindly repeat its earlier model, without
final understanding? [DE MAN 1971:186]) in der Allegorie
macht sie zu einem der wichtigsten Elementen romantischer
Diktion: ?Romantiker erhoben sie zum Kriterium ihrer
Kunst u. schätzten sie als Medium irrationalen Ahnens
von kosmisch universalem
Zusammenhang.? (?Allegorie,
Allegorese, Typologie.? In:
Literaturlexikon
1988-1993/XIII:23) Sie wurde ihnen zur einzigen Erkenntnismethode der Welt: ?Das Geheimnis einer augenblicklichen
Entstehung oder Verwandlung kann man nur erraten und
durch Allegorie erraten lassen.? (V:59) Sie veranschaulichte,
was ihnen heilig war: die Überzeugung von der punktuellen
und übersinnlichen Beschaffenheit der mystischen Einsicht
in den Lauf des Universums. (Damit sprachen sie sich
gegen eine schrittweise erfolgende Erkenntnis der
Welt, ob auf dem apriorischen oder aposteriorischen
Weg, als eine typisch aufklärerische Methode und stellten
diesem bivalenten Modell die Offenbarung als ein
Drittes entgegen.) Eben deshalb
sind romantische Texte Allegorien, und deshalb
auch sollen die Texte überhaupt als Allegorien gelesen
werden. Nicht ohne Ursache, das Wesen
und der Sinn der Kunst beruht für Schlegel
darauf, die fortwährende Schöpfung
in der Natur nachzubilden. Dies kann nur unter
Zuhilfenahme der Allegorie zu Stande kommen. Ihre
Bedeutung reicht jedoch weit über die Nutzbarkeit
eines poetischen Kunstgriffs hinaus. Sie hypostasiert
das allgegenwärtige, alles vereinigende, poetische
Prinzip des Universums, in dem Dichtung und Philosophie,
Kunst und Wissenschaft, Männliches und Weibliches
zusammenfallen. Wenn Antworten möglich sind, geschieht
das nur in ihrem Schoß. Es würde freilich irren, wer
sie bloß für einen Bildschirm halten würde, dank dem
das Verborgene der Natur wahrgenommen werden kann.
Die Allegorie (mit ihrer unentbehrlichen Komponente,
dem Rätsel) erzwingt die Notwendigkeit der Re-Definierung
des Mimesis-Begriffs, der hier nicht mehr als die
zwar hauptsächliche, aber abstrakte Eigenschaft der
Kunst, die äußere Wirklichkeit nachzuahmen, aufgefasst
wird, sondern als tatsächliche Realisierung des universellen
Schöpfungs-Grundsatzes; sie macht nicht nach, sie
re-produziert. Auf all die Zusammenhänge macht Schlegels
Rede über die Mythologie aus dem Gespräch
über die Poesie (1800) aufmerksam:
Lothario.
Alle heiligen Spiele der Kunst sind nur ferne Nachbildungen
von dem unendlichen Spiele der
Welt, dem ewig sich selbst bildenden Kunstwerk./
Ludoviko. Mit andern Worten: alle Schönheit
ist Allegorie. Das Höchste kann man eben weil es unaussprechlich
ist, nur allegorisch sagen./ Lothario. Darum
sind die innersten Mysterien alle Künste und Wissenschaften
ein Eigentum der Poesie. Von da ist alles ausgegangen,
und dahin muß alles zurückfließen. In einem idealischen
Zustande der Menschheit würde es nur Poesie geben;
nämlich die Künste und Wissenschaften sind alsdann
noch eins. In unserm Zustande würde nur der wahre
Dichter ein idealischer Mensch sein und ein universeller
Künstler./ Antonio. Oder die Mitteilung und
Darstellung aller Künste und aller Wissenschaften
kann nicht ohne einen poetischen Bestandteil sein.
(II:324)
Im
Unterschied zum Symbol, welches bedeutet,
sind Allegorien, was sie konkretisieren:
ihre eigenen Hypostasen. Da sich ihr Sinngehalt in
dem durch sie Vergegenständlichten erschöpft, erfordern
sie Interpretationen, was zwar einerseits die Willkürgefahr
in sich birgt, andererseits aber das Subjektive und
Kreative der Interpretation hervortreten lässt:
in der Allegorie setzt jede Explikation eine Wieder-Schöpfung
voraus. Der Begriff des Allegorischen krönt Schlegels
Lesetheorie, indem er ihr Wesentlichstes hervorhebt:
Lesen heißt hier Schaffen.
Unsere
bisherigen Ausführungen erlaubten uns, die meisten
Bestandteile des Schlegelschen Lese-Puzzles zusammenzufügen:
einerseits die rezeptive Tätigkeit des Lesers, andererseits
ihr Übergang ins kreative Handeln des Urhebers; einerseits
allegorische Nachbildung der Natur im Geiste der die
ursprüngliche Göttlichkeit des Menschen anstrebenden
Liebe, andererseits die Ironie ?als
ein sich Hinwegsetzen über alles Wesentliche
und Ernste, als ein über alles Hinaussein? (Kirchner's
Wörterbuch 1907:295). Dieses Zusammensetzspiel
vermisst jedoch bislang ein Bindeglied zwischen Liebe,
Göttlichkeit und Natur als drei Stützen des Lesens:
?Die Mythologie ist ein solches Kunstwerk der Natur?
(II:318) und sie, die Schwester der Poesie, stellt
diesen fehlenden Teil dar.
Aber
die höchste Schönheit, ja die höchste Ordnung ist
denn doch nur die des Chaos, nämlich eines solchen,
welches nur auf die Berührung der Liebe wartet, um
sich zu einer harmonischen Welt zu entfalten, eines
solchen wie es auch die alte Mythologie und Poesie
war. Denn Mythologie und Poesie, beide sind eins und
unzertrennlich. (II:313)
Die
Mythologie, deren neue Ausarbeitung von Romantikern
in Aussicht genommen wird
[19] lässt sich in diesem Kontext als
der Born aller Allegorien begreifen, denn sie umfasst
?ein neues Bette und Gefäß für den alten ewigen Urquell
der Poesie? und kann an sich als ?ein hieroglyphischer
Ausdruck der umgebenden Natur? (II:318) sowie ?das
unendliche Gedicht, welches die Keime aller andern
Gedichte verhüllt? (II:312) verstanden werden. Ihre
besondere Eigenschaft beruht auf der Macht, dem Bewusstsein
entfliehende Inhalte, ?sinnlich geistig zu schauen,
und fest[zu]halten. (...) Das ist der eigentliche
Punkt, daß wir uns wegen des Höchsten nicht so ganz
allein auf unser
Gemüt verlassen.? (II:318) Die Mythologie weist
folglich den Weg über die engen Grenzen der Vernunft
hinaus direkt ins Reich der Phantasie, deren Wert
unzählige Male von Schlegel unterstrichen wird. Ihre
einzigartige Bedeutung im Verlauf des Rezeptionsprozesses
umschreibt die Rede über die Mythologie:
In
ihrem Gewebe ist das Höchste wirklich gebildet; alles
ist Beziehung und Verwandlung, angebildet und umgebildet,
und dieses Anbilden und Umbilden eben ihr eigentümliches
Verfahren, ihr innres Leben, ihre Methode, wenn ich
so sagen darf. (II:318)
Diese
Aussage weist den jüngeren Schlegel als einen Vorboten Friedrich Nietzsches aus, denn sie kündet
die ersten Anzeichen der Tendenz an, vom Denken in
Kategorien der metaphysischen Präsenz abgehen zu
wollen. Die Feststellung, dass in der Mythologie alles
?Beziehung und Verwandlung? sei, zeigt sie uns im
eigentümlichen Spiel der Nach- und Umbildung gefangen,
in dem sie, sich alles anverwandelnd, ewig aufbaut
und zerstört, wo an Stelle des positiven Anspruchs
des Seienden Relationen und Verhältnisse treten,
wo die Tendenz zum Über-etwas-Hinausgehen wichtiger
wird, als worüber man sich hinwegsetzt. Eben die prinzipielle
Anzweiflung des Wahrheitsstatus des Konkreten wertet
das Lesen als eine bis zur chaotischen Wesenheit vordringende
Tätigkeit auf, wo in heiliger Nachbildung der Natur
Wahres geschaffen und den Phantomen der äußeren, schattenhaften
Welt nicht nachgejagt wird.
Denn
das ist der Anfang aller Poesie, den Gang und die
Gesetze der vernünftig denkenden Vernunft aufzuheben
und uns wieder in die schöne Verwirrung der Fantasie,
in das ursprüngliche Chaos der menschlichen Natur
zu versetzen, für das ich kein schöneres Symbol bis
jetzt kenne, als das bunte Gewimmel der alten Götter.
(II:319)
Nicht
von ungefähr kommt auch die Hervorhebung des ikonischen
Charakters der signifikanten Komponenten (u.a. der
Allegorie und Mythologie). Alles Ganzheitsstreben
und Einheitsdenken läuft nämlich auf die ideale Form
romantischer Poesie und Kunst überhaupt ? die Arabeske,
hinaus:
Da
finde ich nun eine große Ähnlichkeit mit jenem großen
Witz der romantischen Poesie, der nicht in einzelnen
Einfällen, sondern in der Konstruktion des Ganzen
sich zeigt (...). Ja diese künstlich geordnete Verwirrung,
diese reizende Symmetrie von Widersprüchen, dieser
wunderbare ewige Wechsel von Enthusiasmus und Ironie,
der selbst in den kleinsten Gliedern des Ganzen lebt,
scheinen mir schon selbst eine indirekte Mythologie
zu sein. Die Organisation ist dieselbe und gewiß ist
die Arabeske die älteste und ursprüngliche Form der
menschlichen Fantasie. (II:318f.)
(...)
denn ich halte die Arabeske für eine ganz bestimmte
und wesentliche Form oder Äußerungsart der Poesie.
(II:331)
Arabeske
scheint ein perfektes
Sinnbild des romantischen Kunstwerks darzustellen,
weil sie als Blatt- u. Rankenornament
bald den Wirrwarr der sich schlängelnden und
windenden Linien, die in schwer nachvollziehbaren
Figuren das Bild beherrschen, bald durch ihre symmetrische
Form das Verlangen nach Harmonie und Ordnung verkörpert.
So bleibt sie mit ihrem scheinbar chaotischen Schlingwerk,
das am Ende doch immer eine höhere Ordnung durchschimmern
lässt, eine
Hindeutung
auf das Höhere, Unendliche, Hieroglyphe der Einen
ewigen Liebe und der heiligen Lebensfülle der bildenden
Natur./ Nur die Fantasie kann das Rätsel dieser Liebe
fassen und als Rätsel darstellen; und dieses Rätselhafte
ist die Quelle von dem Fantastischen in der Form aller
poetischen Darstellung. Die Fantasie strebt aus allen
Kräften sich zu äußern, aber das Göttliche kann sich
in der Sphäre der Natur nur indirekt mitteilen und
äußern (II: 334),
und
zwar durch den Witz. Die Arabeske stellt eine nächste
(neben der Verschmelzung von Mann und Frau in Liebe)
Allegorie des Lesens dar: ihre Symmetrie deutet auf
die Notwendigkeit hin, zwischen der aktuellen und
den früheren Lektüren, als möglichen Bezugspunkten,
eine Relation herzustellen, andererseits zeugt ihr
innewohnendes Chaotisches von der Unerlässlichkeit
eines individuellen Aufbruchs in das Ungewisse, Unbestimmte
und Unvoraussehbare.
Zum
Schluss noch eine Übersicht der wichtigsten Momente
Schlegelschen Ansatzes:
1.
Auffassung der Lektüre
als eines dynamischen und wendungsreichen Prozesses,
in dem der Leser von der Passivität des Rezipienten
über die philosophisch geprägte
Mittelstufe des Denkers zur Kreativität des Künstlers
aufsteigt
2.
Übergang vom autor- zum leserorientierten
Lesen
3.
In-den-Hintergrund-treten
der Wertungsfragen
4.
Betrachtung
der Literatur/Kunst als Ausgangsstufe zur Poetisierung
des Lebens
5.
Prinzip
der multiplen Lektüre (Lesen eines Textes wird zum
Lesen mehrerer)
6.
Notwendigkeit der Überwindung
des Textes in der Nachbildung der Natur
7.
Suche nach dem verlorenen
Göttlichen und Ich-Findung als die eigentlichen Anliegen
des Lesens
8.
Akzentuierung der hermeneutischen-kreativen
Dimension des Lesens als einer Folge der Allegorisierung
und Mythologisierung der Texte.
Literatur
?
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Roland (1999): S/Z. Übers. Michał Paweł
Markowski, Maria Gołębiewska Warszawa.
?
De
Man, Paul (1971): Blindness & Insight. Essays
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?
...dla
mnie tak, skoro nazywam się de Man. Z Paulem
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(1999). Übers. Artur Przybysławski. In:
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