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Orbis Linguarum Vol.
17/2001
Helmut Kreuzer
Siegen
Zur Dramaturgie im ?östlichen?
Deutschland (SBZ und DDR)
[1]
Das
Folgende stellt charakteristische
Tendenzen in der Dramaturgie des >östlichen<
Deutschland (SBZ/DDR) heraus und gliedert sie in Phasen.
Diese Phasen werden aus den Dokumenten selbst heraus
entwickelt, was nicht besagen soll, die Dramaturgie
stehe jeweils autonom in ihrem politisch-sozialen
Umfeld, wohl aber verhindern soll, daß die Texte
und Textgruppen in ein vorgefertigtes Korsett politischer
Daten gezwängt werden (Konstitution der DDR, 17. Juni
'53, Stalins Tod, Mauerbau 1961, Parteitagsbeschlüsse,
der Machtwechsel von Ulbricht zu Honecker, Einsetzung
Gorbatschows etc.).
Als
dramaturgische Texte betrachte ich theoretische Abhandlungen
und kulturpolitische Programme zum Drama und Theater
sowie diejenige Kritik von Dramen oder Aufführungen,
die nicht nur auf Impressionen reagiert, sondern erkennbar von
Konzepten des Dramas und Theaters durchprägt wird.
(Das Musiktheater ? mit Felsenstein als größtem Namen
und Sonderformen wie das Puppentheater bleiben außer
Betracht, um der Darstellung eine größere Homogenität
zu sichern und ihren Umfang eng zu begrenzen.)
An den
Beginn stelle ich
Paul Rillas Aufsatz ?Das Hohelied der Humanität?,
die Würdigung einer Aufführung von Lessings Nathan
der Weise, mit der am 7.9.1945 das ?Deutsche Theater?
in Berlin eröffnet wurde. Regie führte Fritz Wisten,
von 1935 an bis zu seiner Verhaftung Oberspielleiter
des Jüdischen Kulturbundes in Berlin; Rilla leitete
? nach einem Schreibverbot im >Dritten Reich<
? die Kulturredaktion der ?Berliner Zeitung? und
krönte sein Lebenswerk mit einer zehnbändigen Lessingausgabe,
für die er eine große Studie über Lessing und sein
Zeitalter (1958) schrieb. Der Gegensatz, der dieser
Aufführung und ihrer Besprechung zugrundeliegt, ist
der zwischen der Humanitätsidee des klassischen deutschen
Dramas ? vertreten durch die Figur eines weisen Juden
? und dem antihumanistischen Rassismus des massenmörderischen
NS-Regimes. Es ging Wisten wie Rilla um Selbstbesinnung
nach dem Ende des
Krieges, um die
Neubestimmung der deutschen Identität durch
die Berufung auf das ?Jahrhundert Lessings, Herders
und Kants, das Jahrhundert Schillers und Goethes?
sowie durch die ?radikale Absage? an den Nationalsozialismus
als eine ?undeutsche und antideutsche Haltung?.
[2] Der Gegensatz zwischen dem >Osten<
und dem >Westen< spielte noch keine Rolle gegenüber
dem Einklang von Inszenierung und Besprechung, ihrer
gemeinsamen Verankerung im antifaschistisch-humanistischen
Ethos.
Auch
die Aufführung von Shakespeares Hamlet im Dezember
1945, die der Regisseur Gustav von Wangenheim 1964 selber erläutert,
[3] setzte sich von der Vergangenheit
ab, aber nicht nur von der >jüngsten Vergangenheit< des Faschismus. Wangenheim
(1895-1975, ein Sohn des Schauspielers
Eduard von Winterstein) hatte vor 1933 für
Agitpropgruppen Stücke geschrieben und den ?Arbeiter-Theater-Bund
Deutschlands? (ATB) geleitet. Er emigrierte in die
Sowjetunion und kehrte 1945 als Mitglied des ?Nationalkomitees
Freies Deutschland? nach Berlin zurück, wo er zunächst
die Intendanz des ?Deutschen Theaters? übernahm und
später u.a. als Jugendbuchautor hervortrat. Seine
Inszenierung bekennt sich zwar zu Shakespeare, sie
historisiert ihn aber und sie distanziert sich von
der feudalistischen Epoche, in der er lebte und in
der die radikalen und progressiven Geister Vereinzelte
gewesen seien. ?Radikale Menschen waren damals ? anders
als in unserem glücklicheren Jahrhundert ? entsetzlich
einsam und allein.
Wir heute, wir finden
Freunde, wir wollen gemeinsam ein besseres,
ein wahrhaft demokratisches Leben bauen.? Shakespeare
habe noch Gespenster gebraucht, die Gegenwart aber
trete der Natur ?in der Front einer geschlossenen
Wissenschaft entgegen [...].? Daher gipfelt die Rede
in dem Appell: ?Mensch werde wissenschaftlich?; sie
wird zum Manifest von Aufklärung und Fortschrittsdenken
und mündet in eine selbstgewisse Behauptung jenseits
aller Zweifel: ?Wir wissen den Ausweg. Wir kennen
den Sinn unserer Kämpfe.? Damit steht er noch in
der Tradition der Aufklärung, aber doch jenseits der
Grenzen einer Aufklärung im Sinne Lessings, der dem
Suchen nach der Wahrheit einen weit größeren Wert
beimaß als dem Besitz der Wahrheit.
Die
Gründung der Zeitschrift Theater der Zeit durch
Fritz Erpenbeck markiert 1946 eine Zäsur, den Beginn der ersten Hauptphase der dramaturgischen Diskussionen,
die sich über ein historisch bedeutsames Jahrzehnt des Theaters im >östlichen< Deutschland
hinweg erstreckt.
Erpenbeck (1895-1975)
? Schauspieler, Schriftsteller und Journalist
in der Weimarer Republik ? war über die Zwischenstation
Prag in die Sowjetunion
emigriert. Als Mitglied des ?Nationalkomitees Freies
Deutschland? kehrte er 1945 mit der >Gruppe
Ulbricht< nach Berlin zurück und etablierte
sich als Chefredakteur von Theater
der Zeit, dem wichtigsten Medium der dramaturgischen Diskussion bis zum
Ende der DDR. Erpenbeck teilt mit von Wangenheim
die Gewißheit, im Besitz der Wahrheit zu sein, aber
er erhält einen Antipoden, der aufs Entschiedenste
von der damaligen
dramaturgischen Linie der SED ? wie Erpenbeck sie
autoritär vertritt
? abweicht und sich dennoch in der DDR wirkungsmächtig
behauptet: Bertolt Brecht. Dieser
kehrte 1947 aus dem amerikanischen Exil
nach Europa zurück, zunächst in die Schweiz,
dann nach Ost-Berlin, wo er (als österreichischer
Staatsbürger) mit seiner Frau Helene Weigel das ?Berliner
Ensemble? gründete, dem er durch Modellinszenierungen
seiner Stücke Weltruhm verschaffte (und sich selbst
damit einen Spielraum, den die SED bis zu einem gewissen
Grad tolerierte).
Erpenbecks
Kampagne zur Ausrichtung der Dramaturgie in der DDR
setzte sogleich im ersten Heft seiner Zeitschrift Theater der Zeit ein: Er stellte
das unbedingte Postulat des ?Realismus? auf; diesen
verstand er nicht als Epochen- oder Stilbegriff,
sondern als ?gesellschaftliche Wahrheit? in ihrer
ästhetischen Gestalt. ?Realismus? war für ihn das
entscheidende Merkmal gültiger Werke der Kunst überhaupt,
in allen Künsten, Gattungen, Epochen und Stilrichtungen.
Erpenbecks nächster Schritt war 1947 ein Angriff
von großer Schärfe gegen die zeitgenössischen Erfolgsdramatiker
des Theaters im westlichen Ausland (von Anouilh bis
Thornton Wilder).
[4] Er nutzt dabei die ?dramatische Dramatik?
zwischen Shakespeare und Hebbel als Respekt gebietende
Waffe gegenüber der ?dialogisierten Epik?, der ?Undramatik?
auf den Bühnen der Nachkriegszeit. Der Name Brechts
fällt noch nicht, aber Erpenbeck weist bereits
ausdrücklich darauf hin, daß sich auch deutsche
Dramatiker ? ?unsere jungen (und auch manche älteren)
Autoren? zur >Epik< im Drama hätten verlocken
lassen. Der Untertitel dieses Artikels ?Aus dem kleinen
Einmaleins der Dramaturgie? zeigt an, wie sehr sich
Erpenbeck dessen gewiß ist, daß er in ihm nicht nur
eine mögliche Position unter anderen vertritt, sondern
eine fundamentale Wahrheit ausspricht, von der allenfalls
ein kranker Geist abweiche, unter
den Gesunden
aber höchstens ein
noch unbelehrter Klippschüler der Dramaturgie.
Eine
berühmt gewordene Aufführung von Brechts Mutter
Courage, 1949, gibt den Anstoß für die direkte
Auseinandersetzung der DDR-internen Lager. Erpenbecks
Kritik in der Weltbühne
[5] konzediert, daß der Aufführung ein
?sensationeller Premierenerfolg? beschieden war.
[6] Aber sie führt diesen auf das ?formale
Können? des ?Dichters? zurück, nicht auf die theoretisch
begründeten Bauprinzipien des ?Dramatikers? Brecht.
?Wichtig? erscheint ihm an Brechts dramaturgischem
Verfahren, daß es sich um eine ?ganz bewußte, grundsätzlich
gegen das >dramatische< Theater gerichtete
künstlerische Schaffensmethode handelt?. Diese Methode
stehe auf einer Stufe mit dem ?Dramen-Ersatz hauptsächlich
amerikanischer Herkunft?, den Erpenbeck als kulturelles
Symptom gesellschaftlicher ?Dekadenz? diagnostiziert.
?Nur Bertolt Brechts hohe dichterische
Kunst ist es, die uns die Gleichsetzung verbietet.
Nicht aber ? und darauf kommt es an ? die dramaturgische
Methode selbst [...].? Die Frage, vor die er Brecht stellt,
ist für Erpenbeck eine ?Grundfrage, die stets
an Zeitenwenden neu gestellt werden muß?, und sie
impliziert unüberhörbar ein Verdikt: ?Wo
verliert sich, trotz fortschrittlichen Wollens
und höchsten formalen Könnens, der Weg in eine volksfremde
Dekadenz ? wo führt, bei fortschrittlichem Wollen
und höchstem formalen Können, der Weg zur Volkstümlichkeit,
zur dringend notwendigen Gesundung unserer Dramatik??
[7] ). Wolfgang Harich polemisierte gegen
Erpenbeck: ?Das
Schlimmste ist die an vergangene Zeitläufe
peinlich erinnernde Terminologie, die hier bedenkenlos
verwandt wird.? Auf Harich reagierte in autoritativem
Ton ein Artikel der Täglichen Rundschau vom
12.3.1949, des Organs der sowjetischen Besatzungsmacht.
(Nach Manfred Jäger: Sozialliteraten. Funktion
und Selbstverständnis der Schriftsteller in
der DDR. Düsseldorf 1973, S. 154, war der Autor
S. Altermann ein sowjetischer Kulturoffizier. Werner
Mittenzwei widerspricht in einem Brief an den Verfasser
und teilt mit, Harich selber hätte ihm gegenüber
den Aufsatz der (mittlerweile verstorbenen) Hochschullehrerin
Susanne Altermann zugeschrieben. Der Artikel fordert
von Brecht (wie von der ?wahrhaft demokratischen Kunst
unserer Zeit? überhaupt) einen ?revolutionären
Realismus ? mit der Darstellung ?revolutionärer Massenaktionen.?
Dieser
Forderung genüge Brechts Schauspiel noch nicht (vgl. Altermann, S.: Wo
beginnt die Dekadenz? Bemerkungen zur Polemik um Brechts
?Mutter Courage?. In: Klaus-Detlef Müller (Hg.):
Brechts Mutter Courage und ihre Kinder. Frankfurt
a.M. 1982, S. 84-88.
Erstveröffentlichung: Tägliche Rundschau vom 12.3.1949.).
Ist ?Realismus? der überzeitlich-positive Schlüsselbegriff
der Ästhetik Erpenbecks, so ist ?Dekadenz? einer
ihrer beiden negativen Schlüsselbegriffe. Der andere
ist ?Formalismus?. Erpenbeck definiert den ?Formalismus?
als eine Dekadenzerscheinung, ?eine von vielen?.
?Dekadenz? beziehe sich im gegenwärtigen Zeitalter
?auf die fäulnishafte Zersetzung der bürgerlichen
Klasse?, ?Formalismus? auf die fehlende Bereitschaft
oder das fehlende Vermögen, die ?gesellschaftliche
Wahrheit?, d.h. den Niedergang der ?bürgerlichen Klasse?
und den Aufstieg eines proletarischen Sozialismus
künstlerisch adäquat auszudrücken. ?Es ist daher [...]
kein pedantisch >fachliches< Etikettieren,
sondern hat einen tiefen, letztlich entscheidenden
Sinn, wenn wir heute nicht mehr von Realismus schlechthin
sprechen, sondern unterscheiden zwischen klassischem,
bürgerlichem und sozialistischem Realismus?.
Das
brechtianische Gegenlager trat gleichzeitig mit Erpenbeck
auf den Plan, schon vor Brechts Rückkehr. Bereits
im ersten Heft von Theater der Zeit, 1946,
in dem Erpenbeck seinen Realismusbegriff einführt,
fordert Herbert Ihering ?epische Grundlagen für unser
künstlerisches Verhältnis zur Wirklichkeit? und plädiert
für den dramaturgischen Anschluß an Brecht ? und nicht
etwa an Friedrich Wolf, die Alternative zu Brecht
im sozialistischen Drama, den zeitgenössischen Repräsentanten
einer appellativen Einfühlungsdramaturgie, die die
>richtigen< Entscheidungen demonstrativ vorführt,
um den Zuschauer für sie zu gewinnen.
Ihering
gehörte ? wie Rilla ? zu denjenigen mißliebigen Autoren
des >Dritten Reiches<, die dieses ohne Exil
überstanden hatten. Er wirkte von 1945 bis 1954 als
Chefdramaturg am ?Deutschen
Theater? in Ost-Berlin. Friedrich Wolf (1888-1953),
ursprünglich Mediziner,
engagierte sich in der Weimarer Republik als
>linker< Publizist und Redner (?Kunst ist Waffe!? 1928); er wandte sich früh den Medien
Radio und Film zu und exzellierte
als Autor von sozialkritischen bzw. politischen
Theaterstücken (wie Cyankali. § 218, 1929,
Die Matrosen von Cattaro, 1930). 1928 wurde
er KPD-Mitglied. Er verbrachte die Zeit des Exils
zumeist in der Sowjetunion und kehrte ? wie Erpenbeck
und von Wangenheim ? als Mitglied des ?Nationalkomitees
Freies Deutschland? zurück. 1950/51 vertrat er die
DDR als Botschafter in Polen.
Ihering
votiert ? angesichts der Alternative ?Brecht oder
Friedrich Wolf?
[8] ? für Galileo Galilei als Muster,
in dem Brecht das frühere Lehrstück ?zu einem kühnen
und herrlich beschwingten Drama über Kampf und Sieg
der Vernunft? weiterentwickelt habe. Er argumentiert
gegen Wolf und den Rückgriff auf das Zeitstück der
Weimarer Republik: ?Denn
diese Dramatik war immer gegen etwas gerichtet,
gegen Einrichtungen oder Zustände, die in ihren Zusammenbruch
selbst die Gegenwelt mit hineingerissen haben?.
In einem
berühmt gewordenen Gespräch von 1949
[9] grenzen Brecht und Wolf selber am
Beispiel der Mutter Courage ihre Positionen
gegeneinander ab. Wolf hätte sich gewünscht, daß die
Mutter sich am Schluß wandelt und dadurch den Zuschauer
mitreißt, ihn ?gegen einen neuen Krieg? aktiviert.
Brecht hält dagegen, das Publikum könne, auch wenn
die Courage selber nichts lernt, ?dennoch etwas lernen,
sie betrachtend?. Wolf verlegt ?die Entscheidung auf
die Bühne? und will auch die Zuschauer damit zwingen,
?sich für Gut oder Böse zu entscheiden?. Die ?Wandlung
des Menschen auf der Bühne und im Bewußtsein des Zuschauers?
ist für ihn ein einheitlicher Vorgang. (Dementsprechend
stellt er in seiner vielgespielten Dorfkomödie Bürgermeister
Anna, 1950, als Heldin eine Frau dar, die sich
beispielhaft emanzipiert, sich für das >Neue<
entscheidet und es im Kampf gegen den konservativen
Großbauern und
seinen Anhang durchsetzt.) Brecht kontert durch
eine Berufung auf die marxistische
Theorie: für eine ?materialistische Darstellung?
sei ?nötig, das Bewußtsein der Personen vom sozialen
Sein bestimmen zu lassen und es nicht dramaturgisch
zu manipulieren.?
Die
Fürsprecher Brechts (wie Ihering und Rilla) charakterisieren
ihn in ihren Plädoyers als Dialektiker; sie rücken
das Wechselspiel von epischen und dramatischen Elementen
im Bühnenwerk Brechts wie in der Theatergeschichte
überhaupt ins Licht. Das distanzschaffende Theater
wird gegen die emotionelle Identifikation ausgespielt.
Es fordere (entsprechend der Replik Brechts im Gespräch
mit Wolf) eine eigene Erkenntnisleistung des Zuschauers
heraus, im Unterschied ?zu einer dramatischen Leidenschaft,
die [...] in gegenstandsloser Theatererregung sich
verbraucht?; es treffe ?Vorkehrungen gegen die Illusionen
des schönen Scheins, der wallenden und wogenden Theater-Scheinbarkeit?.
Das Publikum solle auf keine andere Art unterhalten
werden als durch
Beteiligung an der Dialektik des Dramas.
[10] Da ?Volkstümlichkeit? ein offizielles
Parteipostulat war (auch von Ulbricht persönlich
verkündet), galt es, Brecht (und mit ihm das >Modell
Brecht<) gegen den Vorwurf zu verteidigen, sein
Werk sei nicht volkstümlich, sondern >abstrakt<
und >formalistisch<. ?Wenn es heute einen dramatischen
Dichter gibt, der in keiner Zeile dekadent ist, in
keiner Szene, in keinem Gedicht und in keiner Erzählung
formalistisch, dann ist es Brecht, der für einen
neuen Inhalt den korrespondierenden, allgemein verständlichen
Ausdruck, die allgemein ansprechende Form sucht.?
Parallelen bei Brecht zu Shakespeare, Raimund, Nestroy,
Ha±ek,
dem sowjetischen Theater werden herangezogen,
um die These zu stützen, daß Brecht
nicht volksfremd sei, sondern geradezu der
?Volksdramatiker? des zeitgenössischen Theaters.
[11]
Man
sieht: Ihering stellt keinen eigenen, autonomen Werte-Kanon
auf; er akzeptiert ?Volkstümlichkeit? und ?Realismus?
als zentrale positive Werte, ?Dekadenz? und ?Formalismus?
als zentrale >Unwerte<. Er beruft sich auf den
>neuen Inhalt< zur Rechtfertigung der >neuen
Form<. In alldem zeigt sich der gemeinsame Boden,
auf dem die Kontrahenten in der Debatte standen ?
und in dieser Phase stehen mußten; er durfte nicht
verlassen werden, damit der
Streit ? die offene Bipolarität dramaturgisch
normativer Positionen
? für die politische Macht noch tolerabel
blieb, für die Diktatur wenn nicht des Proletariats,
so doch der SED, die im Prinzip entschlossen war,
allen Lebensbereichen ihren eigenen Stempel aufzudrücken,
alle >linken< oder >rechten< Abweichungen
von ihrem Wege zu begradigen. Daraus ergaben sich
Eigentümlichkeiten, die die Dramaturgie der DDR im
ganzen ? mit ihrer Bipolarität ? in dieser Phase von
der Dramaturgie anderer Regionen abgrenzbar machen
und ihr innerhalb der europäischen Literatur- und
Theaterlandschaft spezifische Züge verleihen.
Brecht
war sich dessen bewußt, daß das ?Berliner Ensemble?
eine internationale ?Visitenkarte? für die DDR
war (wie in anderen Bereichen Sinn und Form
oder Felsensteins ?Komische Oper?), die sie nicht
preisgeben konnte, ohne sich selber zu schaden.
[12] Aber auch er mußte sich an die Grenzen
des >gemeinsamen Bodens< halten und Rückzüge
auf sich nehmen, als neue künstlerische Produktionen
des Brecht-Kreises: die Brecht/Dessau-Oper Das
Verhör des Lukullus (1951) und der Operntext Johann
Faustus von Hanns Eisler den Punkt überschritten,
bis zu dem >Experimente< von der politischen
Macht (aus politischen Gründen) hingenommen wurden.
Das Brechtsche ?Schattengericht? über Lukullus war
tolerabel als historisch gewordenes Hörspiel der
Kriegszeit, aber es wurde von den zuständigen Instanzen
der Partei als Affront empfunden, wenn es in einer
neuen Oper auf einer repräsentativen Bühne der DDR
veranstaltet wurde. ?Das Weltfriedenslager mit seinen
mehr als 800 Mio. unter der Führung der Sowjetunion
ist nicht nur kein >Schattengericht<, sondern
es hat die reale Macht, alle Kriegsverbrecher einer
sehr irdischen Gerichtsbarkeit zu unterwerfen.?
[13] Die Musik Dessaus schien schon dadurch
als >formalistisch< entlarvt, daß sie von der
westlichen Presse in die Tradition Strawinskys gerückt
werden konnte.
Wer dem ?Häuptling der formalistischen Schule?,
wer ?einem solchen >Vorbild< folgt, vernichtet
die eigene Begabung und beraubt sich auf diese Weise
selbst der Möglichkeit, die Massen durch seine Kompositionen
zum Kampf gegen einen neuen Eroberungskrieg zu begeistern.?
Diese Verlautbarung im Neuen Deutschland schließt
mit einer Drohung, die über den aktuellen Anlaß absichtsvoll
hinausgeht und wohl nicht nur die direkt angesprochene
Staatsoper zur Raison bringen sollte: ?Die Intendanz
der Staatsoper leistet sich einen Mißgriff nach dem
anderen. Es ist erforderlich, daß ihre Spielplangestaltung
überprüft und diskutiert wird.?
Gegen
Eislers Opernlibretto Johann Faustus (1952)
trat Alexander Abusch ? als Mitglied des ZK der SED
? persönlich an. (Abusch wurde 1954 Stellvertreter
des Ministers für Kultur, 1958 Kulturminister, 1961
Stellvertreter des Vorsitzenden des Ministerrates.)
Seine hochoffizielle Stellungnahme (?Faust ? Held
oder Renegat in der deutschen Nationalliteratur??
[14] ) erschien in Sinn und Form
1953, das heißt in demjenigen repräsentativen, auf
Absatz im Ausland zielenden Organ der DDR-Literatur,
das sich dem Brecht-Kreis geöffnet hatte und in dem
der >linke< österreichische Publizist Ernst
Fischer 1952 die ?ideologische Begründung? (Abusch)
für die Faust-Konzeption Eislers veröffentlicht hatte.
Abusch konnte sich gegen Eisler und Fischer noch auf
Lukács
berufen, der bereits Anfang der Dreißiger Jahre die
>Erbetheorie< so vertreten hatte, wie sie später
von der Partei offiziell übernommen wurde, und der
sich erst 1956 als >Revisionist< entpuppte und
damit seine Geltung als zitierbare theoretische Autorität
verlor. Abusch verurteilte an Fischer und Eisler
?die bewußte Negierung des Reichtums und der Vielseitigkeit
des nationalen Erbes unserer Literatur?. Eislers negatives
Faustbild (aus dem Volksbuch, nicht aus Goethes Tragödie
abgeleitet) ignoriere die bleibende Bedeutung, die
Goethes Faust als ?ein großer positiver Held des
klassischen deutschen Nationaldramas? in der ?Geschichte
des deutschen Geistes? und für das allgemeine Deutschlandbild
gewonnen habe. ?Es hieße eine wunderbare Gestalt
des deutschen literarischen geistigen Erbes, die
dem Genius unseres Volkes Ruhm bei allen Völkern eingebracht
hat, entseelen, verfälschen, vernichten, wollte man
Faust in eine Zentralgestalt der deutschen Misere
verwandeln. [...] Es geht also um Goethe und um unsere
echten patriotischen Traditionen überhaupt, von denen
wir nichts preiszugeben bereit sind, weder Münzer
noch Faust.? (Über Thomas Münzer hatte Friedrich Wolf
sein letztes vollendetes Drama geschrieben, das 1953
erschien).
Neben
dem ?sozialistischen Realismus? und der ?Volkstümlichkeit?
war die Wahrung des >nationalen< und des >klassischen<
?Erbes?, die ?Erbepflege?, das dritte der Gebote,
an denen die Arbeit der Theater und ihrer Autoren
von der Partei und ihren Sprechern gemessen wurde.
Brecht hatte bereits mit einer Urfaust-Inszenierung,
die der ?Einschüchterung durch Klassizität? opponierte, Anstoß erregt. An Eislers Faustus
wurde ein Exempel statuiert. Die Brechtianer aber
wurden nicht müde (wie wir bereits gesehen haben),
Brecht mit >klassischen< Autoren in Verbindung
zu bringen, Brechtsche Positionen bei Aristoteles
und Hegel, bei Goethe und Schiller aufzuweisen, um
zu belegen, daß die Dramaturgie Brechts ?historisch
gesehen, keineswegs in der leeren Luft hängt?. Gerade
Brecht ? und nicht das Gegenlager ? aktualisiere
die >klassische< deutsche Ästhetik für das 20.
Jahrhundert. ?Brecht materialisiert die Schillersche
Ästhetik.?
[15] Tatsächlich beteiligten sich an
der >Erbepflege< (bezogen nicht nur auf die
deutsche Literatur, sondern auch auf die Weltliteratur,
mit Shakespeare als einer Zentralfigur
? von der Hamlet-Inszenierung von
Wangenheims bis zu Heiner Müllers Macbeth-Inszenierung)
stets bedeutende Regisseure, die sich auf das Theater
Brechts wie auf das Theater Wolfgang Langhoffs
? d.h. auf die Stanislawski-Schule
? berufen konnten. Die Inszenierungen historischer
Stücke und die Diskussionen zu ihren Aufführungen
überschatteten zeitweilig die Diskussion zu neuen
Autoren und ihren Dramen.
Die
Übernahme der Methode Stanislawskis war das vierte
Gebot der offziellen, parteinahen DDR-Dramaturgie
in ihrem ersten Jahrzehnt. In den Diskussionen zu
Stanislawski erscheint die Bipolarität der normativen
dramaturgischen Positionen unter dem Aspekt des >Spiels<,
der Auffassung von der Rolle des Schauspielers als
?Erlebnis? oder als ?Gestus? (Brecht).
[16] 1948, im Jahr der Übersiedlung Brechts
nach Ost-Berlin, erschien Das deutsche Stanislawskibuch als ?Lehrbuch der Schauspielkunst nach dem
Stanislawski-System?.
[17] Stanislawski (1863-1938) hatte 1898
das Moskauer Künstlertheater begründet; es wurde
berühmt durch Aufführungen von Dramen zeitgenössischer
Autoren (wie Ibsen, Tschechow, Hauptmann) und setzte
sich durch die Betonung der Ensemble-Leistung und
eines gewissenhaften Detailrealismus vom Stil der
Hoftheater und ihrem Virtuosentum ab. Die Tradition
Stanislawskis galt in der Sowjetunion als Teil des
positiven >Erbes<; sie erlangte Allgemeingültigkeit
nach der stalinistischen Ausmerzung der avantgardistischen
und proletkultistischen Tendenzen, als deren namhaftester
Repräsentant Wsewolod E. Meyerhold gilt (dessen Theater
1938 geschlossen wurde; er selbst kam 1940 in der
Haft um). Deutsche Theaterleute im sowjetischen Exil
vollzogen die Entwicklungen des Sowjettheaters mit.
Einer von ihnen, Maxim Vallentin (1904-1980), gründete
1947 mit Ottofritz Gaillard und Otto Lang in Weimar
das ?Deutsche Theaterinstitut?, das sich der Durchsetzung
des sogenannten Stanislawski-Systems verschrieb. (Aus
diesem Engagement Vallentins ging 1952 das Ost-Berliner
?Maxim-Gorki-Theater? hervor.) Dem Stanislawski-Buch
Gaillards oblag es, das Stanislawski-System vom
Verdacht einer veräußerlichten und >naturalistischen<
Darstellungstechnik zu reinigen, Stanislawskis Methode
der Schauspielerausbildung und -führung einer negativen
(formalistisch-virtuosen oder abstrakt-ideellen)
Spielweise positiv entgegenzusetzen, sie als die
allein realistisch-volkstümliche und organisch-natürliche
Spielform zu erweisen. Stanislawski läßt den >Schüler<
? so referiert Gaillard ? ?mit kleinen physischen
Aufgaben beginnen [z.B. Aufgaben wie ?Stühle aufzustellen,
Türen zu schließen, Kamine zu heizen?], um ihn zur
Wahrhaftigkeit zu erziehen, zu einer Wahrhaftigkeit,
die ihm dann im Großen selbstverständlich und notwendig
geworden ist.?
1949
erschien Brechts Kleines Organon für das ?Theater
eines wissenschaftlichen Zeitalters? im Brecht-Sonderheft
von Sinn und Form, das Peter Huchel, Johannes
R. Becher und Paul Wiegler gemeinsam herausgaben.
Der Titel (wie die aphoristische Form) erinnert an
Bacons Novum Organon von 1621 und damit ? wie
Brechts Galileo Galilei ? an Wissenschaftstraditionen
der frühen Neuzeit und das Wissenschaftsprinzip, das
Sein ?bewußtes Sein? werden zu lassen, um es eingreifend
verändern zu können. Brecht widerrief darin ausdrücklich
die Position der Lehrstückphase um 1930, die darauf
aus gewesen war, ?aus dem Genußmittel den Lehrgegenstand
zu entwickeln und gewisse Institute aus Vergnügungsstätten
in Publikationsorgane umzubauen.? Statt dessen heißt
es nun: ?Behandeln wir das Theater als eine Stätte
der Unterhaltung, wie es sich in einer Ästhetik gehört,
und untersuchen wir, welche Unterhaltung uns zusagt.?
Das Organon faßt die Ergebnisse eingängig
zusammen, die der Fragment gebliebene Messingkauf
(der erst später bekannt wurde) komplexer und dialogischer
(also doch wohl noch brechtischer) entwickelt. In
?Nachträgen? zum Kleinen Organon ersetzte
Brecht den Anstoß erregenden Begriff des >Epischen
Theaters< durch den des ?dialektischen Theaters?,
den er bereits Jahrzehnte früher gebraucht hatte.
Aber auch Brechts Plädoyer für den >zeigenden<,
sich nicht mit Leib und Seele identifizierenden Schauspieler
stieß auf (zum Teil maßlosen) Widerspruch.
[18] Der prominenteste, auch für Brecht
respektabelste Kontrahent war Wolfgang Langhoff (1901-1966)
? Schauspieler, Regisseur, Autor des Exilbuchs Die
Moorsoldaten über seine KZ-Erlebnisse. Er war
aus dem schweizer Exil zurückgekehrt, war zunächst
Generalintendant in Düsseldorf und übernahm danach
die Intendanz des ?Deutschen Theaters? in Ost-Berlin,
die er bis 1963 erfolgreich innehatte. Als Redner
auf der Stanislawski-Konferenz von 1953 bekannte
er sich zu dem ?Ziel?, das sich mit Hilfe des Stanislawski-Systems
erreichen lasse: ?eine Verschmelzung der Persönlichkeit
des Schauspielers mit der dargestellten Gestalt?.
Damit distanzierte er sich von Brecht: ?das Publikum
wird sagen: >Er war der König Lear und nicht: Er
spielte oder er erzählte oder er zeigte den König
Lear< ?.
[19]
Erpenbeck sieht zu dieser
Zeit in der Treue gegenüber Stanislawski geradezu
das ?Kriterium des Realismus? auf der Bühne.
[20] Daß sich das sowjetische Theater
zu Stanislawski
bekannte, gab der Abweichung von diesem eine politische
Dimension, auf die Otto Lang in der apodiktischen
Tonart dieser Phase alle etwaigen Zweifler verwies:
?Der Kampf um die Durchsetzung des sozialistischen
Realismus an den Bühnen der Deutschen Demokratischen
Republik ist aber gleichzeitig der Kampf um
die Durchsetzung der Methode Stanislawskis, die die
objektiven Gesetze der schöpferischen Verwirklichung
fortschrittlicher Ideen in der Bühnenkunst erschließt.?
[21]
Unter
diesen Umständen konnte es
sich auch Brecht, der ?Bolschewik ohne Parteibuch?
[22] , nicht leisten, etwa gegen das Deutsche
Stanislawski-Buch offen zu polemisieren. Vielmehr
mußte es ihm darauf ankommen, die Differenzen zwischen
seinem und Stanislawskis ?System? zu relativieren
und Gemeinsamkeiten herauszustellen (oder durch andere,
wie Helene Weigel
[23] , herausstellen zu lassen). Bei beiden
gebe es ?das Suchen eines Titels für Szenen und Unterszenen,
der ihre Handlung und Idee zum Ausdruck bringt.
Da ist die materialistische Analyse der Epoche, in
der das Stück spielt. [...] Da gibt es die physische
Handlung [...]. Wir haben, was Stanislawski den Untertext
nennt, wir haben Etüden ? und zu dem gleichen Zweck.?
[24] Seinem Arbeitsjournal aber vertraute
Brecht am 4.1.1948 an: ?was mich besonders anekelt
am Deutschen Stanislawski-Buch ist der hausbacken-moralische
ton, der sich nicht einmal als handwerksmoral auslegen
läßt. [...] dabei ist der schauspieler nur an eine
moralische satzung gebunden: daß er, die menschliche
natur ausstellend, nicht lügt, etwa einer moral wegen.
für die lüge hat er, damit er etwas habe, das phantastische.
beim s.[tanislawski] ist er dem >wort< alles
mögliche schuldig, oder dem >werk<; in wirklichkeit
ist er ja alles dem publikum schuldig und ? indem
er die gleichen interessen zu haben hat, sich selber.
das ästhetische vergnügen [...] nimmt in einer materialistisch
gesinnten gesellschaft eine genügend hohe stellung
ein, und wenn der schauspieler zu brav wird, wie soll
er dann die dunklen vorräte an vitalität (noch nicht
sozialisierter lebenskraft) heben, die im asozialen
liegen??
[25]
Soweit
die Beschreibung dieser Phase und der grundlegenden
Haupttendenzen des ersten Jahrzehnts der Dramaturgie
in der SBZ und der DDR. Seine Konturen und Hauptakteure
haben wir kennengelernt. Der Bipolarität normativer
Positionen brach mit dem Tode Brechts einer ihrer
Pole weg. Die dogmatisch-offiziellen Tendenzen ebenso
wie die Gegentendenzen der Brechtianer wirkten in
mancherlei Formen und Mischungen fort bis ans Ende
der DDR. Aber das Gesamtbild ändert sich; neue Züge
treten in der zweiten Hälfte der 50er und in den 60er
Jahren hinzu, jüngere Autoren rücken ins Zentrum neuer
Debatten, mit Stücken, die nicht mitgebracht sind
(wie Brechts Mutter Courage), sondern die in
der DDR entstanden und deren Theatern und ihrem Publikum
zugedacht sind. Wir können diesen neuen Abschnitt
als die Phase des Streits um das sogenannte >Didaktisch-dialektische
Theater< bezeichnen. Die beiden
zentralen Autoren dieser Phase sind in den
späten 50er und in den 60er Jahren Peter Hacks (mit
einer stärkeren Tendenz zur Komödie) und Heiner Müller
(mit einer stärkeren Tendenz zur Tragödie). Die Standpunkte
in diesen Auseinandersetzungen verändern und verschieben
sich im Lauf der 60er Jahre. Gestritten wird nicht
mehr um die ästhetische Gestalt (episches oder dramatisches
Theater, Verfremdung oder Einfühlung o.ä.), gestritten
wird um das Bild der DDR und sein Abbild auf dem Theater.
Im einen Lager steht eine Literatur neuer Art (in
der formalen Nachfolge Brechts), im anderen die Zensur,
die parteilich-staatliche Literaturpolitik mit Sprachrohren
in der Publizistik.
Zunächst
aber Beispiele für die Art des Fortwirkens der bisher
beschriebenen Tendenzen in dieser zweiten Phase.
Die von Brecht selbst inszenierte Aufführung seines
Kaukasischen Kreidekreises ? 1954 ein anerkannt
großes Theaterereignis ? führte im Dezemberheft von
Theater der Zeit wieder einmal zu einem Artikel
Erpenbecks mit dem wenig überraschenden Titel ?Episches
Theater oder Dramatik??. Aus dem Umkreis Brechts
antworteten an seiner Stelle Angelika Hurwicz ? namhafte
Schauspielerin des ?Berliner Ensembles? ? und Hans
Bunge, seit 1953 Assistent am ?Berliner Ensemble?.
Aber diesmal legte Erpenbeck
Wert darauf, nicht nur den literarischen Rang
Brechts (den er nie bestritten hatte) erneut zu betonen
(?Unser größter heute lebender Dramatiker?), sondern
auch ? wenigstens verbal ? seine eigenen Ausführungen
?selbstverständlich als seine durchaus persönliche
Ansicht? zu relativieren (und nicht mehr wie das
?Einmaleins? absolut zu setzen). 1957, im Jahr nach
Brechts Tod, kritisierte Erpenbeck im Neuen Deutschland
erneut ein ?Blutarmes Theater?. Aber diesmal galt
die Kritik nicht dem ?Berliner Ensemble?, sondern
der König Lear-Inszenierung Wolfgang Langhoffs
am ?Deutschen Theater?. Langhoff
hatte Elemente des episch-dialektischen Theaters
in seine Regiearbeit integriert. Sein Dramaturg Heinar
Kipphardt schrieb die fällige Replik und warf Erpenbeck
(von >links< her) vor, daß ihm ?ein in allen
Zügen herkömmliches bürgerliches Theater? als
Maßstab diene.
[26] Ein dritter in der Debatte, Henryk
Keisch (1913-1986), Chefredakteur der Friedenswacht,
hält nun ? obwohl selbst noch ein Autor der Exilgeneration
wie Erpenbeck oder Brecht ? diese Art der Debatte
für überholt, und zwar gleichfalls im Neuen Deutschland:
[27] ?Die Zeit der Mißverständnisse um
die von Brecht geforderte und geübte Spielweise,
die Zeit der vulgarisierenden Verzerrungen durch eine
konservative, renitente Kritik, aber auch durch mehr
oder weniger berufene Exegeten, die Zeit, da man Brecht
dogmatisierte, um ihn gegen Stanislawski ausspielen
zu können (und diesen wiederum, um ihn gegen Brecht
auszuspielen),
ist ja doch wohl vorüber [...]. Das sozialistische
Theater kann neben den neuen
Kunstmitteln, die Brecht zu entwickeln
begonnen hat, keines der
früheren einfach entbehren [...] Brecht selbst
verzichtete nicht auf sie [...]. Es kann im Bereich
der künstlerischen Mittel keinen Monopolanspruch geben.?
An dem
Keisch-Zitat ist abzulesen, was auch andere Quellen
belegen: Das Lager Brechts hat (wenn nicht in der
Partei, so doch im Rahmen der zugelassenen öffentlichen
Meinungen) so viel an Boden gewonnen, daß es nötig
scheint, das Gegenlager zu verteidigen, auf sein
Existenzrecht zu pochen. Auch jüngere Vertreter einer
orthodoxen Position stellen die DDR-Autoren nun nicht
mehr vor die Alternative ?Brecht oder Wolf?. Daß
die wichtigsten unter den neueren Autoren sich an
Brecht halten, wird hingenommen. ?Es ist beider gutes
Recht [gemeint sind Heiner Müller mit dem Lohndrücker
und Helmut Baierl mit der Feststellung], sich
Bertolt Brecht als Vorbild zu wählen, so wie andere
Friedrich Wolf nacheifern mögen. Nicht um Brechts
Nachfolge schlechthin geht es, sondern um die Art
der Brecht-Nachfolge.?
[28] Die beiden feindlichen Traditionen
des Brecht-Jahrzehnts wirken aber nicht nur gegen-
und nebeneinander (?ohne Monopolanspruch?) weiter,
sie gleichen sich partiell einander an und vermischen
sich miteinander. Als Beispiele nenne ich Strittmatters
Katzgraben (U. 1953, von
Brecht bearbeitet und inszeniert), Heiner Müllers
Die Umsiedlerin auf dem Lande (U. 1961), Hartmut
Lange Marski (1962/63, U. 1966 in der BRD)
und Peter Hacks? Moritz Tassow (U. 1965). Diese
Stücke verarbeiten das Brecht-Modell und stehen zugleich
in der Tradition von Bügermeister Anna von
Friedrich Wolf, der den >Klassenkampf auf dem Dorfe<
erstmals auf die Bühne gebracht hatte. Brecht selber
rückt nun in den historischen Kanon ein und wird zum
Forschungsgegenstand der Germanistik in Ost und West.
Ernst Schumacher (aus dem Westen übergewechselt) und
Werner Mittenzwei nenne ich als zwei prominente
Brecht-Exegeten der DDR. Letzte germanistische Gegner
Brechts werden zunehmend überstimmt.
[29] Die >alten< Gegensätze des
Brecht-Jahrzehnts behaupteten sich in der nachfolgenden
Phase am stärksten und sichtbarsten im Konflikt
um das >klassische Erbe<
[30] . Die >Sünden< des Brecht-Kreises
im Umgang mit dem >Erbe< waren nicht als Abweichungen
von einer orthodoxen Dramaturgie geahndet worden,
sondern als Verstöße gegen ein parteilich-politisches
Gebot, das auch nach dem Tode Brechts und dem Ende
der >alten< Bipolarität in Kraft blieb. Ich
begnüge mich mit einem einzigen Beispiel, um dies
zu belegen: mit dem Verbot einer aufsehenerregenden
Faust-Inszenierung Adolf Dresens und
Wolfgang Heinz?
am ?Deutschen Theater? 1968.
[31] Vorangegangen waren 1966 Faust-Aufführungen
in Weimar und West-Berlin, die zum Anlaß wurden, die
politische Signifikanz von Faust-Inszenierungen
zu unterstreichen. Die westdeutsche und die ostdeutsche
Aufführung hätten ?eines deutlich unter Beweis gestellt.
Von der Einheitlichkeit geistig-kultureller Bemühungen
hier bei der Aneignung eines Werkes aus dem klassischen
Erbe ? kann im Theater der beiden deutschen Staaten
nicht mehr gesprochen werden;
so sehr Herr Wehner das in seinem sogenannten
gesamtdeutschen Konzept unterstellen möchte, um mit solcher Markierung die Trasse für eine ideologisch
Koexistenz auf der Basis eines angemaßten Alleinvertretungsanspruchs
auch auf kulturellem Gebiet abzustecken.?
[32]
Als
am 30. September 1968 Wolfgang Heinz mit Adolf Dresen
(einem der Regiestars in der Folgezeit) eine Aufführung
von Faust I am ?Deutschen Theater? herausbrachte,
war die Erwartung groß. Heinz ? Schauspieler und Regisseur
? gehörte zur Generation der Emigranten. Nach dem
Krieg war er aus dem schweizer Exil nach Wien gegangen
und von dort nach Ost-Berlin, wo er eine Zeitlang
Leiter der ?Volksbühne? war und
als Nachfolger Langhoffs die Intendanz des
?Deutschen Theaters? innehatte. Dresen übernahm den
Hauptteil der praktischen Regiearbeit, Heinz aber
trug die Verantwortung, als die Inszenierung Empörung
bis in höchste politsche Kreise erregte, sodaß es
gar nicht mehr zur Aufführung des Zweiten Teils kam,
statt dessen zu einer Selbstkritik des ?Deutschen
Theaters? und einem Kolloquium des Theaterverbands
(dessen Präsident Heinz damals war ...), das den Stab
über das Konzept der Aufführung brechen mußte. Dresen
hatte der Aufführung komödienhafte Züge verliehen;
sie sollte ?Faust auf die Erde stellen. Es gibt keinen
höheren Platz.?
[33] Wieder (wie bei Eislers Johann
Faustus) ergriff Alexander Abusch das Wort: Faust
sei in dieser Aufführung ?der indivdualistisch zerrissene
Stubengelehrte?, nicht aber ?der nach höchsten Erkenntnissen
seiner Zeit strebende Renaissancemensch? und nicht
?von Anfang an der Ringende, Kämpfende?.
[34] Zum Selbstverständnis der DDR-Führung
gehörte, daß die Vision Fausts am Ende des Zweiten
Teils sich in der DDR
erfülle. Daher sei, so Günther Dahlke in Theater
der Zeit 1969, die ?Interpretation dieser größten
Dichtung unserer Nationalliteratur? daran zu messen,
ob sie die Perspektive auf das ?ungeheure geistige
Ringen unserer Zeitgenossen um die Meisterung der
von Goethe visionär erträumten Zukunft? eröffne.
?Eine Inszenierung, die Fausts Streben nicht als ein
Ringen zu uns hin erfaßt, wird [...] zwangsläufig
den Widerspruch derjenigen herausfordern, für die
Faust ein Kraftquell zur Bewältigung unserer gegenwärtigen
Aufgaben ist und sein kann.
[35] ? (In der letzten Phase der DDR-Dramaturgie
aber wird es 1985 in einem Rückblick heißen: ?Jetzt
müßte ein Prozeß stattfinden und der hat 1968 stattgefunden.
Maßstabgebend über zehn Jahre wurde nämlich die Inszenierung
des Faust von Dresen und Wolfgang Heinz am
DT: in der Nachfolge dieses dort gesetzten Maßstabs
sind Die Räuber von Karge und Langhoff an der
Volksbühne entstanden und und und ...?.
[36] )
Doch
der sich zunächst noch fortzeugende Konflikt um die
?Erbepflege? ändert nichts daran, daß in der Mitte
der 50er Jahre eine neue Phase der DDR-Dramaturgie
begann. Es ging dabei um mehr als die skizzierte Auflösung
der nun kritisierten Bipolarität des Brecht-Jahrzehnts.
Bei Kritikern und Autoren brach sich nun das Bewußtsein
Bahn, daß eigentlich >erst jetzt< DDR-spezifische
?Anfänge sozialistischer Dramatik? zu verzeichnen
seien, nämlich erste Stücke von Rang über den ?Aufbau
des Sozialismus in den volkseigenen Betrieben unseres
Landes?.
[37] Faktisch gibt es zwar solche neuen
Stücke, die sich ? aus einer Anerkennung der DDR heraus
? an die Aufarbeitung spezifischer DDR-Probleme machen,
schon vor dem Tode Brechts. So gibt es z.B. 1953 Strittmatters
Katzgraben, Heinar Kipphardts Shakespeare
dringend gesucht, Paul Herbert Freyers Der
Dämpfer. Aber das eine Zäsur setzende Paradestück
des ?didaktisch-dialektischen Theaters? ist 1957 Heiner
und Inge Müllers
Der Lohndrücker mit seinem Vorspruch:
?Das Stück versucht nicht, den Kampf zwischen Altem
und Neuem, den ein Stückeschreiber nicht entscheiden
kann, als mit dem
Sieg des Neuen vor dem letzten Vorhang abgeschlossen
darzustellen; es versucht, ihn in das neue Publikum
zu tragen, das ihn entscheidet.? Die Diskussion über
das (1957 erschienene)
Stück in der Presse setzt bereits vor der Uraufführung
ein, die ?enorme Anforderungen? an die Technik stellt,
viele Mitwirkende mit kleinen und kleinsten Rollen
erfordert und bei komprimierter Form und Sprache in
?filmartig aufblendenden Szenen und Szenchen? abläuft.
[38] Müller behandelt hier einen realen
Fall aus der sozialistischen Aktivistentradition,
die sich mit den Namen Stachanow und Hennecke verbindet,
den >Fall Garbe<, mit dem sich Brecht vergeblich
abgemüht hatte: Ein Arbeiter repariert einen Brennofen,
ohne daß dieser stillgelegt war, in der Hälfte der
angesetzten Zeit. Der Titel Der Lohdrücker
deutet die Ambivalenz dieser Leistung an: Sie nützt
der bestehenden sozialistischen Wirtschaft, setzt
aber die Arbeiter unter verstärkten Leistungsdruck
und bricht damit die traditionelle Arbeitersolidarität
gegen Ausbeutung im Betrieb. Ein zweites Müller-Stück:
Die Korrektur (1954), über Konflikte in der
>Brigade< einer Großbaustelle, erreichte die
Öffentlichkeit in mehreren Fassungen; Diskussionen
von Arbeitern, Angestellten,
Betriebsfunktionären etc. fanden statt, die
nicht die ästhetische Gestalt, sondern den Wirklichkeitsbezug
betrafen. Heiner Müller reagierte mit einer Selbstkritik
auf die Erfahrung, daß die Aufführung ?Depression?
bewirkte ?statt, wie erwartet, Aktivität [...]. Folgen
für die Dramaturgie: Tendenz zu >offenen< und
Splitterformen, Schwierigkeit, zu geschlossenen Formen
zu gelangen. Zu untersuchen bleibt, wie der in Korrektur
unternommene Versuch, eine geschlossene Form herzustellen,
weil verfrüht, die Inhalte beschneidet, wie der ästhetische
Vorgriff einen Rückschlag auslöst.?
[39]
1959
wurde der Bitterfelder Weg proklamiert (?Greift zur
Feder, Kumpel!?), auf dem die Arbeiterklasse (so
Ulbricht) ?auch die Höhen der Kultur? erstürmen sollte.
[40] Die Bewegung kam einigen Autoren
zugute (Helmut Sakowski, Horst Kleineidam, Rainer
Kerndl, Horst Salomon, Claus Hammel), blieb aber
mit ihren literatur- und
theatergeschichtlichen Ergebnissen weit hinter
den Stücken der Autoren Müller und Hacks zurück,
die ihrerseits in die Betriebe gingen und ihre Texte
nicht nur der Literatur- und Theaterkritik, sondern
auch, wie wir schon sahen, der Begutachtung durch
>Werktätige< aussetzten, die keine ästhetisch-dramaturgischen
Maßstäbe anlegten, aber die Autoren zur >Korrektur<
nötigten. Der Streit um eines dieser Stücke, Hacks?
Die Sorgen und die Macht, geriet zu einem der
zentralen dramaturgischen Kapitel der 60er Jahre.
Die erste Fassung (1958) erlebte nur eine Probeaufführung
vor Arbeitern am
?Deutschen Theater? (1959). Die zweite vergab
man zur Einstudierung an das ?Theater der Bergarbeiter?
in Senftenberg (1960). Die dritte Fassung kam in der
Inszenierung Wolfgang Langhoffs im Oktober 1962 am
?Deutschen Theater? heraus. Das Stück behandelt Interessenkonflikte
zweier Betriebe im Jahr 1956, einer Brikettfabrik,
die weit mehr als ihr Plansoll produziert, aber dies
nur durch eine Minderung der Brennstoffqualität erreicht, was dazu führt,
daß die von ihr belieferte Glashütte nie an ihr Plansoll
herankommt. Eine Brikettarbeiterin kommt zu dem Schluß:
?Kollegen, Kommunisrnus, wenn ihr euch / Den vorstellen
wollt, dann richtet eure Augen / Auf, was jetzt ist,
und nehmt das Gegenteil [...].? Hier zeigt sich für
Walther Pollatschek ?der Grundfehler des Stücks:
Arbeiterklasse und Partei sind so verzeichnet, daß
man sich fragt, wie der Sozialismus eigentlich kommen
soll.? [41]
Die Partei verlautbarte ihr Urteil im
Neuen Deutschland: ?Da die Hauptaufgabe der
sozialistischen Kunst und Literatur darin besteht,
die werktätigen Massen für die Politik der Partei
zu gewinnen, muß die sozialistische Literatur und
Kunst durch die Partei geführt werden.? Sie habe Hacks
gegenüber ?Großzügigkeit
und Geduld? gezeigt, wie der Werdegang des Stücks
bis zur dritten Fassung beweise. Hacks zeige
zwar ?Gegensätze, miteinander kämpfende Widersprüche
[...]. Was aber Hacks nicht zeigt, ist der bewußte,
richtig geführte Kampf des Vortrupps der Arbeiterklasse
gegen alles Rückständige und Hemmende in unserem Leben
[...]. Die dramaturgische Technik von Peter Hacks
rückt das Falsche weit nach vorn und macht das Vorbildliche
zur Randerscheinung [...] gibt es doch in der Deutschen
Demokratischen Republik nicht einen einzigen nennenswerten
Erfolg, der nicht dadurch errungen wurde, daß sich
die Partei an die Spitze des Kampfes der Millionenmassen
für ein schöneres Leben in Glück und Freiheit
stellte. Hacks verlegt das Glück der Menschen in
eine ferne Zukunft. Unser Glück besteht doch aber
für uns heute in der Existenz des ersten Staates der
Arbeiter und Bauern
in Deutschland und in der Existenz der sozialistischen
Einheitspartei Deutschlands, die
den Kampf um den Sozialismus erfolgreich führt.?
[42] Wolfgang
Langhoffs fällige Selbstkritik auf der ?Beratung
des Politbüros des ZK der SED und des Präsidiums
des Ministerrates mit Schriftstellern und Künstlern?
erschien am 17.4.1963. Er schied als Indendant aus;
das Stück war schon Anfang 1963 abgesetzt worden.
Hacks wurde aber (wie in vergleichbaren Fällen Heiner
Müller) von der Partei weiterhin als Talent anerkannt,
von dem man sich ?viele weitere Stücke? wünsche, nämlich
solche, ?in denen die prinzipielle Kritik an seinem
Werk [vom Autor] berücksichtigt ist.?
[43]
Ähnliche
Konflikte entbrannten in den 60er Jahren um Heiner
Müllers Die Umsiedlerin oder das
Leben auf dem Lande (1961)
[44] , Volker Brauns Kipper Paul Bauch
(entstanden 1962) und Peter Hacks? Moritz Tassow
(U. 1965). In fünfzehn Bildern zeigt Müller in einer
Art von dramatischer Chronik Stationen der
Entwicklung >auf dem Lande<.
Das Stück hat keinen zentralen Helden, auch
wenn der Titel ?die Umsiedlerin? heraushebt ? eine
Vertriebene aus dem Osten, die in der neuen Heimat
ihren Liebhaber an den Westen verliert und mit einer
zweiten Frau zusammen einen Hof übernimmt. Der >objektive<
Prozeß hin zur Kollektivierung erscheint im Stück
als Fortschritt und stürzt dennoch die Einzelnen in
Konflikte und Nöte (ein Selbstmordversuch, bei dem
der Strick reißt und der so Gerettete sich bekehrt,
nimmt ein Motiv von Hartmut Langes Marski,
1962/63, vorweg). Eine spätere Fassung Die Bauern
wurde 1976 uraufgeführt. Maxim Vallentin (Intendant
des Maxim-Gorki-Theaters und Lehrer des Müller-Regisseurs
H.D. Mäde) belehrt Müller 1962 darüber, daß der ?Bitterfelder
Weg? eine ?Einbahnstraße? ohne ?Gegenverkehr? sei.
?So ein Verkehrsunfall
wie der mit Heiner
Müller ? der aus einer schöpferischen Freundschaft
mit unserem Theater ausgestiegen, >umgesiedelt<
ist, darf nicht vorkommen. Ich bin der Meinung, daß
man unbedingt mehr Zentralismus an der Kulturfront
üben sollte. Ich halte das für demokratischer.?
[45] Aber auch Vallentin (der dieses Postulat
auf dem 14. Plenum des ZK der SED vortrug) gibt sozialistischen
Autoren, die sich einmal in der >Fahrtrichtung<
irren, nicht ein für alle mal auf. ?Was kann einem
Dramatiker passieren, wenn bei ihm die Parteilichkeit
in Ordnung ist [...]? Dann kann ihm gar nichts passieren.
Wir haben das [...] auch bei Lohndrücker und
Korrektur mit Heiner Müller bewiesen.?
[46]
Heiner
Müllers nächstes Stück Der Bau (1965 in Sinn
und Form gedruckt) ließ es an ?Parteilichkeit?
nicht fehlen und geriet dennoch in einen theaterpolitischen
?Verkehrsunfall?. Der Mauerbau spielt in die Handlung
hinein und wird bejaht. Als Vorlage diente Erik Neutschs
erfolgreicher und anerkannter Roman Spur der Steine
von 1964.
[47] Der ?Bau?, die Arbeit und die Leistung
einer Großbaustelle, wird im Stück zur Metapher der
gesellschaftlichen Situation, eines Entwicklungsstadiums,
in dem sich der Einzelne als Opfer erfährt. (?Der
Mensch ruiniert sich für den Bau?, heißt es an einer
Stelle). Die SED tolerierte in den 60er Jahren ein
Stück noch nicht, in dem sie nicht als Glücksbringerin
erscheint, sondern in dem hier und heute Menschenopfer
für eine utopische Zukunft gebracht werden. Das Stück
selber fiel dem ZK-Plenum 1965 zum Opfer und wurde
erst Anfang der 80er Jahre uraufgeführt. Wilhelm Girnus,
einer der Nachfolger Peter Huchels als Chefredakteur
von Sinn und Form, gab Müller 1966 nichtsdestoweniger
Gelegenheit, im direkten Gespräch sich zu verteidigen
und zu rechtfertigen (und damit den Prozeß in Gang
zu halten, der schließlich zur Kanonisierung Müllers
in der letzten Phase der DDR-Dramaturgie geführt hat).
Volker
Brauns Schauspiel Kipper Paul Bauch (entstanden
1962-1965) zeigt Konflikte zwischen dem Einzelnen
(hier dem Titelhelden) als unternehmendem ?Selbsthelfer?
und dem Kollektiv (hier einer Arbeitsbrigade im Braunkohlebergbau).
In einer Diskussion zwischen Adling und Braun treffen
wir wieder auf typische Argumentationsmuster dieser
Phase. Der Kritiker wirft Braun vor, sich an Brechts
anarchischem Frühwerk Baal zu orientieren und
ähnlich wie Hacks mit der Figur seines Moritz Tassow
die ?Antinomie zwischen dem angeblich >absoluten<
Entfaltungsdrang des sozialistischen Subjekts und
den angeblich noch bedrückend engen objektiven Verhältnissen?
der DDR-Gegenwart
zu erneuern. Braun repliziert mit dem Brechtschen
Argument, daß es nicht auf die Beispielhaftigkeit
der Figur ankomme, sondern auf die Erkenntnis des
Zuschauers, und beruft sich auf objektive Widersprüche
der gegebenen sozialen Situation, in der die alten
Eigentumsverhältnisse abgeschafft seien, nicht aber
die Form der alten Arbeit, die den Arbeiter zum >entfremdeten<
Anhängsel der Maschine mache und nur mittels neuer
Technologien künftig zu überwinden sei.
[48] Adling setzt dagegen auf das Selbstverständnis
des neuen DDR-Bürgers, auf die vor sich gehende ?Veränderung
der einzelnen Persönlichkeiten, ihrer Einstellung
zur Arbeit, ihrer Beziehung zum Kollektiv,
ihrer Verantwortung für die Planung und Leitung des
Ganzen.?
[49] Die geplante Uraufführung am ?Berliner
Ensemble? kam nicht zustande. Erst eine veränderte
Fassung fand 1972 den Weg auf die Bühne, in einer
veränderten geschichtlich-politischen Situation und
in einer neuen Phase der DDR-Dramaturgie.
In
Hartmut Langes Marski ist der Titelheld ein
vitaler Großbauer, der ? als Einzelner ? (trotz seiner
>Riesen<-Statur) der kollektivistischen Veränderung
der Verhältnisse nicht gewachsen ist und sich erst
nach einem gescheiterten Selbstmordversuch mit
ihr versöhnt. Die
Uraufführung im ?Deutschen Theater?
kam 1964 nicht mehr zustande, da Lange noch
vor der Premiere in den Westen gegangen war.
Hacks?
Sauhirt Moritz Tassow ist in der nach ihm betitelten
Komödie lachender Held und verlachter Antiheld, vereinzelter
>Riese< und utopistischer Schwärmer zugleich.
Er mutiert im Stück zum Schriftsteller, worauf sein
Name vorausdeutet, der auf Wilhelm
Buschs Moritz und auf Goethes Tasso
anspielt. Der positive Gegenheld ist der kranke
Kommunist Mattukat. Tassow selber ist ein sinnlich-vitaler,
anarchistischer Utopiker unter >gewöhnlicheren
Leuten<, kein Großbauer wie Langes Marski, sondern
der revolutionäre Gründer einer Landkommune schon
im Jahre '45 ? und er gerät gerade dadurch in Vereinzelung
und in Konflikt mit dem (von Mattukat repräsentierten)
Pragmatismus der Partei, die die Kollektivierung erst
als späteren politischen Schritt nach Bodenreform
und Landverteilung ins Auge fassen will und die die
Vision der unbedingten Freiheit des sozialistischen
Menschen zwar als Verheißung, aber nicht als gegenwärtige
Lebensform tolerieren kann. Mattukat muß deshalb
den >Künstler< Tassow absetzen; er setzt an
seine Stelle notgedrungen den >Philister< Blasche,
einen Bürokraten, für den die Revolution bereits
in der Machtergreifung der Partei ihr Ziel gefunden
hat, an dem sich die Partei nun zu behaupten hat.
Die Komödie wurde
vom Starregisseur dieser Phase, dem Schweizer Benno
Besson aus dem Umfeld Brechts, 1965 an der Berliner
>Volksbühne< glanzvoll uraufgeführt, aber bald
wieder aus dem Spielplan genommen. Die dramaturgischen
Gründe dafür ergeben sich aus den Kritiken Rainer
Kerndls und Wilfried Adlings im Neuen Deutschland.
Sie bestimmten den wunden Punkt, an dem die Partei
Anstoß nahm. Der Komödienschluß stelle Mattukat vor
die Wahl zwischen zwei Übeln: ?zwischen überschwenglicher?
(Tassow) und ?platter Misere? (Blasche).
[50] Damit verfehle das Stück die historische
Wahrheit von 1945. Die Figur Mattukats zerfalle ?in
Elemente, die dem realistischen Bild eines Kommunisten
entsprechen, und in solche des pragmatischen Rechners,
der nicht führender Teil des Volkes ist, sondern das
Volk nur als Objekt der Partei betrachtet? (so Adling).
[51] Und auch Kerndl wendet ein, ?daß
mit Mittelmaß die Realität dieses Staates nicht zu
machen gewesen wäre. Auch Gargentin [so der beziehungsreiche
Name des fiktiven Dorfes] lag 1945 nicht aus der Welt,
genauer gesagt: nicht außerhalb des Teiles Deutschlands,
wo eine historische Umwälzung sich zu vollziehen begann,
die nicht nur zur besseren Befriedigung materieller
und biologischer Bedürfnisse unternommen wurde. (Und
die nicht von einem Dutzend Einsamer über die Köpfe
von 17 Millionen hinweg verfügt worden ist.)?
[52]
Das
Selbstbewußtsein Hacks? wurde durch die Konflikte
um seine Gegenwartsstücke nicht gebrochen. Er stellte
das DDR-Drama in eine Parallele zum ausgehenden 18.
Jahrhundert. Dem ?Sturm und Drang? des DDR-Dramas
ordnete er Stücke wie Dorfstraße (von Alfred
Matusche), Schlacht bei Lobositz (von Hacks
selber) und Lohndrücker (von Müller) zu. ?Analogien
beweisen nie alles; aber auf den Sturm und Drang folgte
die Klassik, wo man die großen Produktionen der Vergangenheit
nicht erledigte, indem man sie ignorierte, sondern
indem man sie verbesserte. Ich vermute, daß auch
wir dorthin kommen wollen. Es ist natürlich schwer,
über den letzten Stand unserer Dramatik zu reden,
solange die drei wichtigsten Stücke der DDR, Müllers
Umsiedlerin, Langes Marski und mein
Tassow der Öffentlichkeit nicht zugänglich
sind.? [53]
Die Stücke Hacks? in den 70er Jahren folgen
diesem Verständnis zum Beispiel durch ihren Bezug
auf Goethe (Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern,
1973, Ein Gespräch im Hause Stein über den abwesenden
Herrn von Goethe, 1975). In der zweiten Hälfte
der 70er Jahre ist die (von Hacks der Klassik zugesprochene)
?Hinwendung zu den großen Produktionen der
Vergangenheit? ein dominanter Zug der Theaterszene
? gerade bei den führenden Autoren des ?Didaktisch-dialektischen
Theaters?. Es
mag genügen, Exempel zu nennen: die Bearbeitung griechisch-antiker
Stücke und Stoffe bei Hacks (Der Frieden nach
Aristophanes, 1967, Amphitryon, 1968, Omphale,
1970) und bei Müller (Philoktet, 1964, Oedipus
Tyrann, 1966, Herakles, 1967, Prometheus,
1969). [54]
Die Autoren, deren Gegenwartsstücke von
der Bühne vorerst verbannt blieben (aber öffentlich
diskutiert wurden und ihnen weiterhin einen Namen
verschafften), blieben durch die Be- und Verarbeitungen
>klassischer< Stücke und Mythen auf der Bühne
präsent, bis die 70er Jahre vollends eine neue Phase
mit sich brachten.
Blicken
wir noch einmal auf die Phase des ?Didaktisch-dialektischen
Theaters? zurück, so sehen wir im ersten Jahrzehnt
nach Brechts Tod als spezifisches Charakteristikum
eine neue Bipolarität:
auf der einen Seite Autoren wie Müller, Hacks,
Lange und Braun, auf der anderen Seite die Lizenzen
und Sanktionen der Partei ? legitimierend verbunden
mit kritischen Voten einzelner Publizisten. Die Autoren
der anstößigen Stücke bekannten sich zum Sozialismus
und verstanden sich als Vertreter einer progressiven
Position, entschlossen, die Entwicklung hin zum Ziel
des vollendeten Kommunismus dadurch zu fördern, daß
sie die gegebene soziale Wirklichkeit der DDR (oder
rückblickend die der SBZ) ? Phänomene wie parteilichen
Zwang, Pragmatismus und Bürokratismus, Mangel, entfremdete
Arbeit, beengte Individualitäten eingeschlossen ?
aus ihrer Perspektive realistisch-kritisch darstellten
und mit dem Anspruch der marxistischen Philosophie
auf eine soziale Welt der Freiheit und des Genusses,
jenseits der Entfremdung, konfrontierten. Sie standen
ästhetisch in der Nachfolge Brechts, suchten ihre
Stoffe und Themen aber in der wirtschaftlichen Produktion
ihrer Zeit und ihres Landes und den damit verbundenen
Konflikten zwischen individuellen >Riesen< und
ihrer sozialen Umwelt, zwischen
anarchischen >Selbsthelfern<
bzw. vorauseilenden
Revolutionären und dem gegebenen
Kurs der Partei. Die Bipolarität der Auseinandersetzungen ergab sich nicht
aus formalen Gegensätzen
oder einer
Verkennung von künstlerischem Talent, sondern
aus kontrastiven Wirklichkeitsbildern, aus Abweichungen
vom Selbstverständnis der Partei, die diese aus politischen
Gründen nicht tolerierte, als Verzerrung der historischen
Wahrheit einstufte und damit als unrealistisch verurteilte. In der zweiten
Hälfte der 60er Jahre erscheint als dominantes Charakteristikum
die Hinwendung der
gleichen Autoren zu >klassischen< Stoffen und
Stücken, wodurch die beschriebene Bipolarität
unterlaufen und der Übergang in eine neue Phase vorbereitet
wird ? wiewohl den >klassischen< Stoffen
und Themen aktualisierende Zeitbezüge eingelegt werden.
(So spiegelt sich z.B. in Müllers Die Horatier
1969 der Übergang von Lenin zu Stalin und die Ambivalenz
der Abrechnung mit dem Stalinismus: ?Er soll genannt
werden der Sieger über Alba / Er soll genannt werden
der Mörder seiner Schwester / Mit einem Atem sein
Verdienst und seine Schuld.?)
[55]
Der
Übergang zur dritten Phase fällt nicht zufällig mit
dem politischen Übergang von Ulbricht zu Honecker
zusammen. Die Kontrolle des politisch-kulturellen
Lebens in der DDR lockerte sich, der Spielraum für
Autoren und Theatermacher vergrößerte sich ? bis der
>Fall Biermann< und die ihm folgenden Proteste
(der Regisseur Adolf Dresen gehörte zu denen, die
nun die DDR verließen)
[56] eine neue Verhärtung der Situation
und eine Verschärfung der Konflikte im literarisch-kulturellen
Leben mit sich brachten.
Die
erfolgreichsten Bühnenautoren
mit den meisten Inszenierungen
waren in den 70er Jahren Peter Hacks und
vor allem Rudi Strahl ? der letztere mit populären
Komödien. Aber auch ungespielte Stücke der 50er
Jahre ? von Alfred Matusche,
einem ?Autor ohne
Bühne?
[57] ?, kamen
nun in der dritten Phase zu vereinzelten Aufführungen.
Ein besonders typisches dramatisches Produkt der neuen
Phase war Plenzdorfs Die neuen Leiden des jungen
W.; ein typisches dramaturgisches Produkt am
Ende der 70er Jahre war ein Gespräch, das Peter Reichel
mit einer Gruppe jüngerer Dramatiker führte und
an dem sich unschwer ablesen läßt, daß eine Tendenz
zur >Neuen Subjektivität< (die sich in Verbindung
mit dem Feminismus zur gleichen Zeit auch im deutschen
Westen durchgesetzt hatte) zu einem Charakteristikum der neuen Phase
geworden war.
[58] Dramatik erscheint
den Befragten als ?ein Abarbeiten von Schmerzen?,
?eine individuelle Reaktion auf das, was du nicht
[!] erleben konntest?, als Suche
nach der ?Identität? und als
?Annahme seiner Selbst?, als ?Lebenshilfe,
die man sich vielleicht selbst zu geben versucht?,
als Erfahrung der ?Grenze?, die der ?Selbstverwirklichung?
durch ?das ganze komplizierte Geflecht an Beziehungen?
gezogen sind. Uwe Saeger konstatiert: ?Ich möchte
keine Revolution machen auf dem Theater?, Gunther
Preuß interessiert, daß ?jeder seine eigene ganz individuelle
Geschichte eingebracht hat, und daß wir in der Gemeinschaft
eigentlich wenig wissen über dieses Stück mitgenommene Geschichte des anderen?. Albert Wendt sieht den Schriftsteller
?Erwartungen? ausgesetzt, ausgerechnet in einem
Beruf, der genau das Gegenteil fordert, ?nämlich
Unerwartetes zu machen... Wie allein muß er sein,
wie einsam am Schreibtisch, um ein guter Schreiber
zu sein?? Frieder Venus kann ?am besten sagen, was
mich nicht zum Schreiben bringt. Ich empfinde im
Moment keine große
literarisch-politische Strömung oder begeisternde
Situation des Aufbruchs, die mich zum Schreiben
bewegt.? Und Jürgen Groß beruft sich nüchtern auf
die Berufsroutine: ?Es wird weitergearbeitet, weil
die Schriftstellerei eines Tages zum Beruf wird.
Das ist, glaube ich, ein sehr einfacher Umstand.?
In den
80er Jahren treten Christoph Hein und (der bisher
erst wenig beachtete) Georg
Seidel (1945-1990)
mit ins Blickfeld. Das Regietheater floriert, auch
mit Stücken
der Weltliteratur. In diesem letzten Jahrzehnt des DDR-Dramas avanciert Heiner Müller
zum >Übervater<.
[59] Er erscheint nun
geradezu als ?ein Klassiker?,
zu dem man
sich verhalten kann, ?wie man
sich Schiller gegenüber verhält?.
(So Peter
Ullrich mit Bezug auf die Inszenierung Frank Castorfs von Müllers Der Bau).
Aus der neuen Perspektive der letzten Phase erscheinen
die ersten beiden Phasen nun als das >ganz Andere<:
?Wenn man von den 70er Jahren auf die 60er und dann
auf die 50er zurückblickt, ist da ein kolossaler,
grundlegender Wandel eingetreten [...]. Eine solche
Situation wie die der 50er und 60er Jahre ist im Augenblick
für mich gar nicht vorstellbar ? daß man dort ein
ganz großes System hatte, das ja ganz großartige künstlerische
Beispiele präsentierte. Sagen wir jetzt mal:
das Brecht-System, das Felsenstein-System.?
[60]
Die DDR-Dramaturgie verliert
in wachsendem Maße ihre spezifischen Konturen, so
daß ihre Integration in die gesamtdeutsche Szene ohne
signifikanten Bruch vonstatten
geht (wie sehr auch
die einzelnen Autoren als Individuen davon betroffen wurden). Der Titel
eines neuen Stückes von Volker Braun
Die Übergangsgesellschaft erscheint nachträglich
als symptomatisches Stichwort für die 80er Jahre
vor der Wende von 1989. Auch danach, in der gesamtdeutschen
Theaterszene, bleibt Heiner Müller bis zu seinem
Tod die herausstechende Persönlichkeit, in einem pluralistischen
Umfeld ohne scharfe Gegensätze zwischen eindeutig
>linken<
oder >rechten<
Positionen, zwischen eindeutig konservativ bewahrenden
oder innovativ experimentierenden Kräften.