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Orbis Linguarum Vol.
17/2001
Alina Jurasz
Wrocław
Zur Übersetzbarkeit von Witzen. Eine Skizze
Kaum
ein anderes Textstück als der
Witz wurde so häufig zum Untersuchungsgegenstand
zahlreicher Disziplinen, die in dieser kompakten,
anonymen Textsorte Antworten auf ihre Fragestellungen gefunden haben. Um die vollständige Beschreibung
dieses sprachlichen und gesellschaftlichen Phänomens
mit all seinen Aspekten bemühten sich Psychologie
und Philosophie, Volkskunde und Anthropologie, Semiotik
und Kommunikationstheorie, Textlinguistik, Semantik
und Stilistik. Leider ist die Translatorik in diese
Reihe nicht einzuordnen. Nur am Rande der interdisziplinären
Analysen geäußerte Bemerkungen über die Unübersetzbarkeit
von Witzen fordern jeden heraus, der mindestens einmal
in einer bi- oder multilingualen Gesellschaft Witze
zu erzählen und zu übersetzen versuchte.
In der
Witzforschung taucht der
Begriff Übersetzungswitz
[1] auf, der
aber mit dem Übersetzen, mit dem Übertragen
eines Witzes in eine andere Sprache oder mit dem Erklären
des Witztextes nicht gleichgesetzt werden sollte.
Das
Wesen des Übersetzungswitzes
[2] und der Mechanismus der Komik bestehen
u.a. darin, daß sich zwei Witzfiguren nicht verständigen können, weil eine von
ihnen, meist ein Ausländer, die Landessprache (hier
das Deutsche) nicht ausreichend beherrscht hat, so
daß es zu komischen,
unvorgetäuschten und potentiell realen Sprachkonflikten
kommt.
Ein Amerikaner kommt
aufs Postamt und sagt:
?Fräulein, haben Sie
eine Wiege, ich will etwas wagen??
Der
komische Effekt stützt sich auf das Mißverständnis,
das zum einen aus Klangähnlichkeit von zweier Wörtern,
zum anderen aus dem (bewußten, mindestens vom Witzautor)
Vertauschen der
gleichlautenden, paarweise geordneten Wörter resultiert:
die Wiege ç?
wiegen
Bettchen für Säuglinge mithilfe
einer Waage das Gewicht von etwas/einer Sache/Person
feststellen
die Waage ç?
wagen
Gerät, mit dem das Gewicht ohne
die Gefahr, das Risiko zu scheuen von etwas bestimmt
wird etwas tun, dessen Ausgang ungewiss ist
[3]
Diese
nur scheinbar verwandten Wörter weisen aber keine
semantische Nähe auf. Das parallele Spiel mit Struktur
und Semantik würde den Versuch, diese Art von Übersetzungswitz
in eine andere Sprache zu übertragen, erheblich erschweren,
oder sogar unmöglich machen.
Eine
andere Art des Übersetzungswitzes erzielt seine komische
Wirkung durch die Mischung verschiedener Sprachen,
d.h. durch die Verbindung zweier Wortteile, die
aus verschiedenen Sprachen kommen. Es wird dadurch
einen sprachlichen Effekt der fremden Herkunft von
jeweiligen Wörtern erreicht. Oft werden zu diesem
Zweck lateinische Suffixe verwendet:
im Deutschen: Dichter-itis
[4]
im Polnischen: kropidup-um punktat-um
[5]
Obwohl
die Übersetzbarkeit dieser Art von komischen Phrasen
in Frage gestellt werden muß, ist ihr Bildungsmechanismus
so weit verbreitet, daß es keine Verständigungsprobleme
mit sich bringt.
Es
drängt sich die Frage auf, ob alle Witze übersetzbar
sind. Welche Arten von Witzmechanismen können ihrem
potentiellen Übersetzter Probleme bereiten oder nicht
bereiten?
Die
Antwort auf diese Frage ist nicht ganz unproblematisch.
Es sollte zuerst ermittelt werden, ob Mechanismen
der Komik in den beiden Sprachen - in unserem Fall
im Deutschen und im Polnischen - auf diesselbe Art
und Weise funktionieren, so daß ihre Übersetzung nicht
gestört werden könnte.
Dies
verlangt aber die Aufgliederung des Witzes nach seinen
Grundformen.
[6] Eine erste Unterscheidung gibt Cicero
in seinem Werk ?De oratore?:
Witze/Scherze
scheinen entweder in der Sache/Handlung/Ereignis fundiert
zu sein oder im Wortlaut. Denn was, egal mit welchen
Wörtern man es auch sagt, trotzdem witzig ist, das
wird durch die Sache zusammengehalten; was seine Pointe
(i.e. sein Salz) verliert, wenn der Wortlaut verändert
ist, das bezieht seinen ganzen Witz aus dem Wortlaut.
[7]
Nach
dieser (für die heutige Witzforschung) allgemein gehaltenen
Defintion lassen sich zwei große Gruppen von Witzen
differenzieren, damit auch zwei verschiedene Mechanismen
der Pointenerzeugung - Sachwitz und Sprachwitz.
Der
Sachwitz arbeitet mit komischen Situationen, unvorsehbaren
Reaktionen der Witzfiguren, mit allerlei Tabus, mit
Verstößen gegen Logik und gegen Ernst, mit lachenerregenden
Konflikten von Handlung und Moral, Sitte und Anstand,
mit den den Rahmen der Norm sprengenden Verhaltensweisen
und anderem mehr. Die Pointenrealisierung
setzt also im Sachwitz eine gewisse Freiheit
in der Wahl sprachlicher Mittel voraus und gipfelt
nicht in einem
einzigen Wortlaut, sondern kann aus der breiten Pallette
sprachlicher Ausdrücke geeignete Formen wählen. Daher
ist diese Art von Witzen in
der Regel allgemein und international verständlich,
obwohl manche von
ihnen ein gewisses soziales, politisches, kulturelles
oder konfessionelles Vorwissen von Witzhörern verlangen.
Ein
Dresdner kommt zum Sicherheitsdienst. ?Ich möchte
melden, daß mein Papagei entflogen ist.? Mißbilligend
sieht ihn der Beamte an. ?Was geht uns das an? Hier
ist nicht das Fundbüro, sondern der Staatssicherheitsdienst.?
?Eben, eben,? sagt der Mann seufzend. ?Ich möchte
Ihnen nur sagen, daß ich die politischen Ansichten
meines Papageis nicht teile.?
?Weißt
du auch, Tommy, daß George Washington in deinem Alter
bereits der beste Schüler der Schule war?? fragte
der Lehrer. ?Jawohl?
war die Antwort, ?und in Ihrem Alter war er
bereits Präsident der Vereinigten Staaten?.
Die
komische Wirkung des Sprachwitzes dagegen (auch Wortwitzes
genannt) ist durch die besondere Verwendung vom Sprachmaterial
einer bestimmten Sprache determiniert, die aus ihrem
semantischen Potenzial schöpft.
Einen
gewissen Vorgeschmack von semantischen Unverständlichkeiten
bekommen wir bei der folgenden Bismarck-Anekdote
[8] :
Bei
einem Festessen hatte Bismarck die Gattin eines ausländischen
Diplomaten als Tischdame. Die etwas arrogante Frau
suchte die deutsche Sprache als minderwertig hinzustellen,
indem sie ihr den Vorwurf machte, im Deutschen gebe
es für dieselbe Sache immer wieder verwirrend viele
Ausdrücke, z.B. speisen und essen. Bismarck
verteidigte sich:
?Verzeihen
Sie, Gnädigste. Diese beiden Wörter sind nicht gleichbedeutend.
Denn Christus speiste die fünftausend Mann, aber er
aß sie nicht?.
?Aber schlagen und
hauen sind gleich!?
?Verzeihung,
daß ich auch hierin anderer Meinung bin. Sehen Sie
, diese prachtvolle Standuhr schlägt die Stunden,
aber sie haut sie nicht!? -
?Das
gebe ich zu, aber von den Wörtern senden und
schicken ist doch sicher eines ganz überflüssig!?
?Keineswegs. Denn Ihr
Gemahl ist zwar ein Gesandter, aber kein Geschickter!?
?Aber
in einem müssen Sie mir recht geben, Durchlaucht:
Sicher und gewiß ist doch genau dasselbe!?
?Ich
bitte um Verzeihung, Gnädigste, daß ich auch hierin
gänzlich anderer Ansicht bin. Nehmen wir einmal an,
daß hier plötzlich ein Brand ausbricht, so würde es
mir eine Ehrenpflicht sein, Sie, gnädige Frau, sogleich
an einen sicheren Ort zu führen, aber um Himmelswillen
nicht an einen gewissen Ort!?.
Diese
Anekdote markiert
Stellen im Sprachsystem, wo die Mechanismen
der Komik und der Pointenrealisierung im Sprachwitz
verankert sind. In jedem Witz, auch im Sprachwitz,
ist die Pointe ?die Überlagerungsstelle zweier Bedeutungen,
zweier Sachverhalte,
zweier Vorstellungsbereiche, zweier Denk- oder Äußerungsebenen?.
[9]
Bereits
bei der Exposition des Witztextes werden vor dem Witzrezipienten
zwei Bedeutungsebenen eröffnet. Seine Aufmerksamkeit
wird absichtlich auf die erste, meist konventionalisierte
und gebrauchte gelenkt und gelockt. Die zweite semantische,
in einem bestimmten Witz durchaus mögliche Ebene erscheint
in allerletztem, entscheidendem Moment, d.h. in der
Pointe. Es kommt dann zur unerwarteten Eröffnung und
Sinnverschiebung der zweiten Bedeutungsebene.
Wird es dem Witzrezipienten bewußt, kommt es zur
direkten Auslösung
des komischen Mechanismus.
Versuchen
wir, es an einigen Beispielen zu erklären und festzustellen,
ob diese Mechanismen der Komik
auch in einem anderen Sprachsystem, hier im
Polnischen, parallel funktionieren und die Übertragung
des jeweiligen Witztextes möglich ist.
Sprachwitze nutzen meist die Mehrdeutigkeit (Polysemie) kleinerer und
größerer grammatischer Einheiten
aus. Komische Effekte können auf allen grammatischen
Ebenen zustande kommen.
Lexeme
?Mutti, Engel können
fliegen, warum unsere Gerda nicht??
?Aber Gerda ist doch
kein Engel!?
?Aber Papi hat doch vorhin
in der Küche zu ihr mein Engel gesagt?
?Dann allerdings fliegt
sie?.
Für
die komische Wirkung
dieses Sprachwitzes ist die Mehrdeutigkeit
zweier sprachlicher Elemente, Lexeme Engel
und fliegen sowie ihr
Bedeutungs- und Verwechslungspotential
[10] verantwortlich. Das Kind eröffnet
zuerst die erste semantische Ebene der Lexeme
Engel
? beflügeltes, überirdisches Wesen, das fliegen
kann, d.h. sich mit Flügeln aus eigener Kraft durch
die Luft bewegt.
Es wird auch die
zweite semantische Ebene der beiden Lexeme aufgemacht,
die zur Auflösung der aufgebauten Spannung führt:
Engel
? eine zärtliche, liebevolle
Anredeform zu einer geliebten Person und fliegen
? plötzlich, aufgrund von Verfehlungen entlassen werden.
Der
Mechanismus der Komik ergibt sich in diesem Witz einerseits
aus dem semantischen Verwechslungspotential beider
Lexeme und aus dem Orientierungsrahmen, in dem sich
die ganze Situation abspielt: die Köchin, der untreue
Mann, die Küche, das naive Kind als Zeuge der Untreue,
die Art und Weise, wie die Frau von dem Ehebruch erfährt.
Die
Übersetzung dieses Sprachwitzes ins Polnische sollte
keine Probleme mit sich bringen, da es auch im polnischen
Sprachsystem die Polysemie beider Wörter vorkommt:
anioł
- istota niematerialna
umiejąca latać, fruwać
anioł
- pieszczotliwe wyrażenie w zwracaniu się
do kogoś
latać
/ fruwać - unosić się w powietrzu
za pomocą skrzydeł
latać ?
lecieć ?
wylecieć ? odejść,
stracić pracę.
?Mamusiu, aniołowie
potrafią latać, a dlaczego nasza Gerda nie
potrafi??
?Przecież Gerda
nie jest aniołem!?
?Ale tatuś powiedział
przecież do niej w kuchni mój aniele?
?No to z pewnością
wyleci?.
Ein anderes Beispiel:
Der
Patient klagt über Potenzschwierigkeiten. Der Arzt
rät zu einem Phosphor-Präparat. ?Damit wir
uns richtig verstehen, Herr Doktor, meint der aufgeregte
Patient, ?leuchten soll er nicht?.
Das
Lexem Phosphor wirkt eigentlich nicht doppeldeutig.
In der Pointenrealisierung werden zwei verschiedene
Eigenschaften dieses Elements konfrontiert: seine
chemische Wirkung und seine Leuchtfähigkeit.
Dieser
Witz bewegt sich an der Grenze der Sach- und Sprachwitze,
da der Mechanismus der Komik teilweise sprachliche
Elemente und physikalische Eigenschaften des Präparats
miteinander spielen läßt.
Übersetzung:
Pacjent
skarży się na problemy z potencją.
Lekarz doradza mu preparat zawierający fosfor.
?Żebyśmy się dobrze zrozumieli, panie
doktorze, on nie musiświecić?.
Die
Wirkung des Sprachwitzes hängt manchmal von externen
Umständen ab, z.B. von der Unkenntnis der Bedeutungen
von weniger gebrauchten oder veralteten und in Vergessenheit
geratenen Wörtern:
Auf
einer hocheleganten, glänzenden Abendgesellschaft
der vornehmen Welt mit sorgfältig ausgewählten Eingeladenen.
Zwei Gäste schöpfen ein wenig Luft auf der Terrasse:
?Ah,
sagte der eine, eine vornehme Abendgesellschaft, vorzügliches
Essen, und dann entzückende Toiletten?.
?Darüber, sagt der
andere, kann ich nichts sagen.?
?Wie das??
?Nun ich bin nicht
dort gewesen?.
Auch
in diesem Witz haben wir mit dem Abbruch eines angefangenen
Gedankenganges zur ersten semantischen Ebene des
Wortes Toilette ? ein kleiner
Waschraum mit einem Klosettbecken - dem die zweite
Bedeutungsebene Toilette ? Damenkleidung,
besonders für festliche Anlässe - gegenübergestellt
wird.
Übersetzung:
W bardzo eleganckim
towarzystwie, ze starannie dobranymi gośćmi.
Dwóch gości zażywaświeżego
powietrza na tarasie:
?Ach, jakież wytworne
towarzystwo dzisiejszego wieczoru, wspaniałe
jedzenie no i zachwycające toalety?.
?Nie mogę nic
na ten temat powiedzieć?, mówi drugi.
?Jak to??
?Cóż, jeszcze
tam nie byłem?.
Die
Mehrdeutigkeit zweier Lexemformen kann durch ihre
Klanggleichheit (Homophonie) bedingt sein, obwohl
sie miteinander semantisch nicht verwandt sind. Da
es im Polnischen die Polysemie des im Witz gebrauchten
Lexems nicht besteht, kann dieser Witztext nicht ins
Polnische übersetzt werden.
Zwei
Nachbarinnen unterhalten sich. Mein Mann ist heute
zum Zeugen geladen worden. Ach, das ist überhaupt
eine Idee! Meinen sollte ich auch mal laden lassen.
Die Form zum
Zeugen ist der Ausgangspunkt des komischen
Sprachkonflikts.
Die
erste Witzfigur meint damit ihren Mann, der vor das
Gericht geladen wird, um Aussagen über ein bestimmtes
Ereignis zu machen. Die zweite dagegen versteht sie
als Einladung des Mannes zur Erfüllung der ehelichen
Pflicht.
Komplexe Wörter
Im
Sprachwitz wird die Wirkung komplexer Wörter mit zwei
Bedeutungen sowie ihre Fehlleistung ausgenutzt. Diese
komplexen Wörter werden in der konventionalisierten
Bedeutung verwendet, die mit ihrem lexikalischen Äquivalent
konfrontiert wird.
Klein-Erna
ist ein aufgewecktes und wildes Kind. Sie macht ihrer
Mutter deshalb oft Sorgen und Ärger. Doch eines Tages
überrascht sie die Mutter mit der Feststellung:
?Ich
will nicht länger dein Sorgenkind sein. Ich will mich
jetzt bemühen, ein Freudenmädchen zu werden?.
Das
zweite Kompositum Freudenmädchen wird im Witz
von Erna nach demselben Prinzip wie Sorgenkind
gebildet und interpretiert.
Sorgenkind
? Kind, das durch sein unartiges Benehmen seiner Mutter
Sorgen macht.
Freudenmädchen
? Mädchen, das durch
sein artiges Benehmen seiner Mutter Freude bereitet.
Die
Komik des Witzes entsteht bei der Konfrontation des
ad hoc vom Kind gebildeten Kompositums und nach der
Annahme des Kindes seiner korrekten Bedeutung mit
der konventionalisierten Zusammensetzung.
Freudenmädchen
? Prostituierte
Die
Übersetzung dieses
Textes ins Polnische stößt auf gewisse Schwierigkeiten.
Im
Polnischen wird es nicht möglich sein, die für den
Witz notwendige Spannung durch das entsprechende
Sprachmaterial aufzubauen. Im polnischen Sprachsystem
kommen keine Äquivalente der deutschen oben genannten
Komposita weder als Komposita noch als Wortgruppen
vor. Wollen wir den Witz erklären, dann haben wir
mit der mißlungenen Kommunikationshandlung zu tun,
denn der Witz kann nur dann als erfolgreich bezeichnet
werden, wenn er verstanden und angenommen wird.
Ellipsen
Zum
Pointenträger im Sprachwitz kann die auf Ellipsen
beruhende Polysemie werden. Die Alltagssprache, für
die eine verkürzte Redeweise typisch, die viele Mehrdeutigkeiten
mit ich bringt, wird oft und gern in Witzen ausgenutzt.
Ein Mann geht in ein
Textilgeschäft.
?Ich möchte ein Paar
Hosen?
Der Verkäufer verbeugt
sich und fragt: ?Lange, mein Herr??
Da empört sich der
Mann.
?Was für eine dumme
Frage. Ich möchte Hosen kaufen und nicht mieten?.
In diesem Witz
haben wir mit zwei Ellipsen zu tun.
?Ich möchte
ein Paar Hosen?.
Die beiden Witzfiguren
ergänzen den elliptischen Satz richtig:
Ich möchte ein
Paar Hosen kaufen.
Erst
die zweite Ellipse Lange? statt Möchten
Sie lange Hosen? oder Lange Hosen? vom
Kunden verstanden als Wie lange? berechtigt
ihn zur Vermutung, daß der Verkäufer Hosen nicht
verkaufen, sondern mieten will.
Die Übersetzung
des Witzes ins Polnische scheitert wiederum.
Das
Elliptische Lange? hat in dem Situationskontext
folgende polnische Äquivalente: D?ugie? oder
Na d?ugo? D?ugo?
Da
im Polnischen die Formen der potentiellen Entsprechungen
von Lange? morphologisch nicht zusammenfallen,
können die beiden Aussagen miteinander nicht konkurrieren
und eine doppelte semantische Erwartungsebene nicht
eröffnen.
Das Prinzip der
Ellipse gilt auch für den folgenden Witz.
In einer Kannibalenfamilie.
?Mutti, ich mag meinen
kleinen Bruder nicht?.
?Sei still, du ißt,
was auf den Tisch kommt.?
Die
elliptische Aussage Ich mag meinen kleinen Bruder
nicht mit dem Modalverb mögen eröffnet
vor dem Witzrezipienten zwei Bedeutungsebenen, von
denen die erste, die konventionalisierte, in den Vordergrund
rückt:
Ich mag meinen
kleinen Bruder nicht.
Ich habe meinen
kleinen Bruder nicht gern. Ich liebe ihn nicht.
Die
zweite Bedeutung
dieser Ellipse erscheint über der ersten, wenn
das Verb essen in den nächsten Aussage erscheint
und die Ellipse Ich mag meinen kleinen Bruder nicht
von dem Witzrezipienten dem Orientierungsrahmen
gemäß ergänzt wird.
Die
Übersetzung des Witzes ins Polnische scheint keine
Probleme zu bereiten. Auch im Polnischen funktioniert
das Verb lubi? auf denselben Bedeutungsebenen
wie im Deutschen, d.h. lubi? kogo? und lubi?
co? robi?, co? je??.
Übersetzung:
W rodzinie Kanibali.
Mamusiu, nie lubię
mojego młodszego braciszka.
Nie marudź, jedz,
co jest na stole.
Der
komische Mechanismus in solchen Sprachwitzen beruht auf der Mehrdeutigkeit
der elliptischen Aussagen. Ihre Ergänzung in Form
syntaktisch vollständiger Sätze würde ihre Polysemie
aufheben und damit auch den Witzmechanismus stilllegen.
Sätze
Oft
wird in Sprachwitzen die Polysemie phraseologischer
Wendungen, ganzer Sätze verwendet. Die Semantik einer
phraseologischen Wendung ist nicht gleich der semantischen
Summe der einzelnen Lexeme, die als ein Phraseologismus
über ein anderes semantisches Potential als in Isolation verfügen. Für den komischen
Mechanismus des Sprachwitzes werden vor allem solche
phraseologischen Einheiten ausgenutzt, die eine idiomatische,
übertragene Bedeutung haben, gleichzeitig aber als
ihr paralleles,
homonymes, entphraseologisiertes Äquivalent realisiert
werden können.
?Wir können
nur hoffen, in diesem Prozeß mit einem blauen
Auge davonzukommen.?
?Glauben Sie, daß es
eine Schlägerei gibt??
In unserem Witz
bedeutet mit einem blauen Auge davonkommen:
1. Ohne großen
Schaden, glimpflich davonkommen.
2. Ohne größere körperliche Verletzungen aus der potentiellen Schlägerei
entkommen.
Die
Übersetzung wäre auch in diesem Fall unmöglich, wenn
das Polnische dem selben Witzmechanismus folgen sollte.
Unter den polnischen phraseologischen Einheiten ist
das entsprechene semantische Äquivalent nicht mehr
zu finden.
Ähnliches gilt
für das nächste Beispiel:
Zwei Diebe treffen
sich in der Nähe des Badehauses zusammen.
?Hast du ein Bad genommen
?? fragt der eine.
?Wieso?? fragt der
andere. ?Fehlt eins??
Einer
Witzübersetzung scheint nichts im Wege zu stehen,
wenn in den beiden Sprachen ein großer Grad von semantischer
Äquivalenz der jeweiligen phraseologischen Einheit
vorhanden ist.
?Mutti, ist Tante Emma
so arm, dass sie mit den Hühnern ins Bett geht??
Übersetzung:
?Mamo, czy ciocia Emma
jest taka biedna,że kładzie się spać
z kurami??
Sowohl
im Deutschen als auch im Polnischen bedeutet der Phraseologismus
?mit den Hühnern ins Bett gehen? = ?k?a?? si? spa?
z kurami? sehr früh schlafen gehen. Vom Kind wird
aber die zweite, wörtliche Bedeutungsebene geschaffen,
d.h. im Hühnerstall schlafengehen.
Die
hier kurz skizzierten
Mechanismen der Sprachwitze sind nur eine Kostprobe
des komischen Potentials der deutschen Sprache und
anderer Sprachen wohl auch.
Sowohl
für einen Witzproduzenten als auch -rezipienten sind
Sprachwitze eine gewisse Art der sprachlichen Herausforderung,
da sie von den beiden ein besonderes Sprachgefühl
und Schlagfertigkeit
verlangen. Vor dem Rezipienten als Kommunikationspartner,
der die Pointe entschlüsseln und ihre Akzeptanz in
einer nichtverbalen oder verbalen Form manifestieren
muß, steht noch eine Aufgabe: er muß nicht nur das
Vorhandensein zweier Bedeutungsebenen erkennen und
ihre semantische Überlagerung feststellen, sondern
vor allem die einzigartige Beziehung zwischen den
beiden potentiellen Lesearten ermitteln können.
Wer aber als Witzerzähler/-übersetzer in einer bi- oder multilingualen
(Abend)Gesellschaft viel Vergnügen
mit seinen Witztexten bereiten will, muß sich
der Mechanismen der Komik und der Feinheiten der beiden Sprachsysteme
geschickt bedienen.