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Orbis Linguarum Vol. 17/2001

Alina Jurasz

Wrocław

Zur Übersetzbarkeit von Witzen. Eine Skizze

Kaum ein anderes Textstück als der Witz wurde so häufig zum Untersuchungs­ge­gen­­stand zahlreicher Disziplinen, die in dieser kompakten, anonymen Textsorte Ant­worten auf ihre Fragestellungen gefunden haben. Um die vollständige Be­schrei­bung dieses sprachlichen und gesellschaftlichen Phänomens mit all seinen Aspekten be­mühten sich Psychologie und Philosophie, Volkskunde und Anthropologie, Semio­tik und Kommunikationstheorie, Textlinguistik, Semantik und Stilistik. Leider ist die Translatorik in diese Reihe nicht einzuordnen. Nur am Rande der interdiszipli­nären Analysen geäußerte Bemerkungen über die Unübersetzbarkeit von Witzen fordern jeden heraus, der mindestens einmal in einer bi- oder multilingualen Ge­sell­schaft Witze zu erzählen und zu übersetzen versuchte.

In der Witzforschung taucht der Begriff Übersetzungswitz [1] auf, der aber mit dem Übersetzen, mit dem Übertragen eines Witzes in eine andere Sprache oder mit dem Erklären des Witztextes nicht gleichgesetzt werden sollte.

Das Wesen des Übersetzungswitzes [2] und der Mechanismus der Komik bestehen u.a. darin, daß sich zwei Witzfiguren nicht verständigen können, weil eine von ihnen, meist ein Ausländer, die Landessprache (hier das Deutsche) nicht ausreichend be­herrscht hat, so daß es zu komischen, unvorgetäuschten und potentiell realen Sprach­konflikten kommt.

Ein Amerikaner kommt aufs Postamt und sagt:

?Fräulein, haben Sie eine Wiege, ich will etwas wagen??

Der komische Effekt stützt sich auf das Mißverständnis, das zum einen aus Klang­ähnlichkeit von zweier Wörtern, zum anderen aus dem (bewußten, mindestens vom Witzautor) Vertauschen der gleichlautenden, paarweise geordneten Wörter resultiert:

 die Wiege ç?  wiegen

Bettchen für Säuglinge mithilfe einer Waage das Gewicht von etwas/einer Sache/Person feststellen

  die Waage ç?  wagen

Gerät, mit dem das Gewicht ohne die Gefahr, das Risiko zu scheuen von etwas bestimmt wird etwas tun, dessen Ausgang ungewiss ist [3]

Diese nur scheinbar verwandten Wörter weisen aber keine semantische Nähe auf. Das parallele Spiel mit Struktur und Semantik würde den Versuch, diese Art von Übersetzungswitz in eine andere Sprache zu übertragen, erheblich erschweren, oder sogar unmöglich machen.

Eine andere Art des Übersetzungswitzes erzielt seine komische Wirkung durch die Mischung verschiedener Sprachen, d.h. durch die Verbindung zweier Wort­tei­le, die aus verschiedenen Sprachen kommen. Es wird dadurch einen sprachlichen Effekt der fremden Herkunft von jeweiligen Wörtern erreicht. Oft werden zu die­sem Zweck lateinische Suffixe verwendet:

im Deutschen: Dichter-itis [4]

im Polnischen: kropidup-um punktat-um [5]

Obwohl die Übersetzbarkeit dieser Art von komischen Phrasen in Frage gestellt wer­den muß, ist ihr Bildungsmechanismus so weit verbreitet, daß es keine Ver­stän­digungsprobleme mit sich bringt.

Es drängt sich die Frage auf, ob alle Witze übersetzbar sind. Welche Arten von Witzmechanismen können ihrem potentiellen Übersetzter Probleme bereiten oder nicht bereiten?

Die Antwort auf diese Frage ist nicht ganz unproblematisch. Es sollte zuerst er­mittelt werden, ob Mechanismen der Komik in den beiden Sprachen - in unserem Fall im Deutschen und im Polnischen - auf diesselbe Art und Weise funktionieren, so daß ihre Übersetzung nicht gestört werden könnte.

Dies verlangt aber die Aufgliederung des Witzes nach seinen Grundformen. [6] Eine erste Unterscheidung gibt Cicero in seinem Werk ?De oratore?:

Witze/Scherze scheinen entweder in der Sache/Handlung/Ereignis fundiert zu sein oder im Wortlaut. Denn was, egal mit welchen Wörtern man es auch sagt, trotzdem witzig ist, das wird durch die Sache zusammengehalten; was seine Pointe (i.e. sein Salz) verliert, wenn der Wortlaut verändert ist, das bezieht seinen ganzen Witz aus dem Wortlaut. [7]

Nach dieser (für die heutige Witzforschung) allgemein gehaltenen Defintion lassen sich zwei große Gruppen von Witzen differenzieren, damit auch zwei verschiedene Mechanismen der Pointenerzeugung - Sachwitz und Sprachwitz.

Der Sachwitz arbeitet mit komischen Situationen, unvorsehbaren Reaktionen der Witzfiguren, mit allerlei Tabus, mit Verstößen gegen Logik und gegen Ernst, mit lachenerregenden Konflikten von Handlung und Moral, Sitte und Anstand, mit den den Rahmen der Norm sprengenden Verhaltensweisen und anderem mehr. Die Pointenrealisierung setzt also im Sachwitz eine gewisse Freiheit in der Wahl sprach­licher Mittel voraus und gipfelt nicht in einem einzigen Wortlaut, sondern kann aus der breiten Pallette sprachlicher Ausdrücke geeignete Formen wählen. Daher ist diese Art von Witzen in der Regel allgemein und international verständ­lich, obwohl manche von ihnen ein gewisses soziales, politisches, kulturelles oder konfessionelles Vorwissen von Witzhörern verlangen.

Ein Dresdner kommt zum Sicherheitsdienst. ?Ich möchte melden, daß mein Papagei entflogen ist.? Mißbilligend sieht ihn der Beamte an. ?Was geht uns das an? Hier ist nicht das Fundbüro, sondern der Staatssicherheitsdienst.? ?Eben, eben,? sagt der Mann seufzend. ?Ich möchte Ihnen nur sagen, daß ich die politischen Ansichten meines Papageis nicht teile.?

?Weißt du auch, Tommy, daß George Washington in deinem Alter bereits der beste Schüler der Schule war?? fragte der Lehrer. ?Jawohl? war die Antwort, ?und in Ihrem Alter war er bereits Präsident der Vereinigten Staaten?.

Die komische Wirkung des Sprachwitzes dagegen (auch Wortwitzes genannt) ist durch die besondere Verwendung vom Sprachmaterial einer bestimmten Sprache determiniert, die aus ihrem semantischen Potenzial schöpft.

Einen gewissen Vorgeschmack von semantischen Unverständlichkeiten bekom­men wir bei der folgenden Bismarck-Anekdote [8] :

Bei einem Festessen hatte Bismarck die Gattin eines ausländischen Diplomaten als Tischdame. Die etwas arrogante Frau suchte die deutsche Sprache als minderwertig hinzustellen, indem sie ihr den Vorwurf machte, im Deutschen gebe es für dieselbe Sache immer wieder verwirrend viele Ausdrücke, z.B. speisen und essen. Bismarck verteidigte sich:

?Verzeihen Sie, Gnädigste. Diese beiden Wörter sind nicht gleichbedeutend. Denn Christus speiste die fünftausend Mann, aber er aß sie nicht?.

?Aber schlagen und hauen sind gleich!?

?Verzeihung, daß ich auch hierin anderer Meinung bin. Sehen Sie , diese prachtvolle Standuhr schlägt die Stunden, aber sie haut sie nicht!? -

?Das gebe ich zu, aber von den Wörtern senden und schicken ist doch sicher eines ganz überflüssig!?

?Keineswegs. Denn Ihr Gemahl ist zwar ein Gesandter, aber kein Geschickter!?

?Aber in einem müssen Sie mir recht geben, Durchlaucht: Sicher und gewiß ist doch genau dasselbe!?

?Ich bitte um Verzeihung, Gnädigste, daß ich auch hierin gänzlich anderer Ansicht bin. Nehmen wir einmal an, daß hier plötzlich ein Brand ausbricht, so würde es mir eine Ehrenpflicht sein, Sie, gnädige Frau, sogleich an einen sicheren Ort zu führen, aber um Himmelswillen nicht an einen gewissen Ort!?.

Diese Anekdote markiert Stellen im Sprachsystem, wo die Mechanismen der Ko­mik und der Pointenrealisierung im Sprachwitz verankert sind. In jedem Witz, auch im Sprachwitz, ist die Pointe ?die Überlagerungsstelle zweier Bedeutungen, zweier Sachverhalte, zweier Vorstellungsbereiche, zweier Denk- oder Äußerungsebenen?. [9]

Bereits bei der Exposition des Witztextes werden vor dem Witzrezipienten zwei Bedeutungsebenen eröffnet. Seine Aufmerksamkeit wird absichtlich auf die erste, meist konventionalisierte und gebrauchte gelenkt und gelockt. Die zweite seman­ti­sche, in einem bestimmten Witz durchaus mögliche Ebene erscheint in allerletz­tem, entscheidendem Moment, d.h. in der Pointe. Es kommt dann zur unerwarteten Eröffnung und Sinnverschiebung der zweiten Bedeutungsebene. Wird es dem Witz­rezipienten bewußt, kommt es zur direkten Auslösung des komischen Mecha­nismus.

Versuchen wir, es an einigen Beispielen zu erklären und festzustellen, ob diese Mechanismen der Komik auch in einem anderen Sprachsystem, hier im Polnischen, parallel funktionieren und die Übertragung des jeweiligen Witztextes möglich ist.

Sprachwitze nutzen meist die Mehrdeutigkeit (Polysemie) kleinerer und größerer grammatischer Einheiten aus. Komische Effekte können auf allen grammatischen Ebenen zustande kommen.

Lexeme

 ?Mutti, Engel können fliegen, warum unsere Gerda nicht??

 ?Aber Gerda ist doch kein Engel!?

 ?Aber Papi hat doch vorhin in der Küche zu ihr mein Engel gesagt?

 ?Dann allerdings fliegt sie?.

Für die komische Wirkung dieses Sprachwitzes ist die Mehrdeutigkeit zweier sprach­licher Elemente, Lexeme Engel und fliegen sowie ihr Bedeutungs- und Ver­wechs­lungspotential [10] verantwortlich. Das Kind eröffnet zuerst die erste semantische Ebene der Lexeme

Engel ? beflügeltes, überirdisches Wesen, das fliegen kann, d.h. sich mit Flü­geln aus eigener Kraft durch die Luft bewegt.

Es wird auch die zweite semantische Ebene der beiden Lexeme aufgemacht, die zur Auflösung der aufgebauten Spannung führt:

Engel ? eine zärtliche, liebevolle Anredeform zu einer geliebten Person und fliegen ? plötzlich, aufgrund von Verfehlungen entlassen werden.

Der Mechanismus der Komik ergibt sich in diesem Witz einerseits aus dem se­mantischen Verwechslungspotential beider Lexeme und aus dem Orientierungs­rahmen, in dem sich die ganze Situation abspielt: die Köchin, der untreue Mann, die Küche, das naive Kind als Zeuge der Untreue, die Art und Weise, wie die Frau von dem Ehebruch erfährt.

Die Übersetzung dieses Sprachwitzes ins Polnische sollte keine Probleme mit sich bringen, da es auch im polnischen Sprachsystem die Polysemie beider Wörter vorkommt:

anioł - istota niematerialna umiejąca latać, fruwać

anioł - pieszczotliwe wyrażenie w zwracaniu się do kogoś

latać / fruwać - unosić się w powietrzu za pomocą skrzydeł

latać ? lecieć ? wylecieć ? odejść, stracić pracę.

?Mamusiu, aniołowie potrafią latać, a dlaczego nasza Gerda nie potrafi??

?Przecież Gerda nie jest aniołem!?

?Ale tatuś powiedział przecież do niej w kuchni mój aniele?

?No to z pewnością wyleci?.

Ein anderes Beispiel:

Der Patient klagt über Potenzschwierigkeiten. Der Arzt rät zu einem Phosphor-Prä­pa­rat. ?Damit wir uns richtig verstehen, Herr Doktor, meint der aufgeregte Pa­tient, ?leuchten soll er nicht?.

Das Lexem Phosphor wirkt eigentlich nicht doppeldeutig. In der Pointenreali­sie­rung werden zwei verschiedene Eigenschaften dieses Elements konfrontiert: seine chemische Wirkung und seine Leuchtfähigkeit.

Dieser Witz bewegt sich an der Grenze der Sach- und Sprachwitze, da der Me­chanismus der Komik teilweise sprachliche Elemente und physikalische Eigen­schaften des Präparats miteinander spielen läßt.

Übersetzung:

Pacjent skarży się na problemy z potencją. Lekarz doradza mu preparat zawierający fosfor. ?Żebyśmy się dobrze zrozumieli, panie doktorze, on nie musiświecić?.

Die Wirkung des Sprachwitzes hängt manchmal von externen Umständen ab, z.B. von der Unkenntnis der Bedeutungen von weniger gebrauchten oder veralteten und in Vergessenheit geratenen Wörtern:

Auf einer hocheleganten, glänzenden Abendgesellschaft der vornehmen Welt mit sorgfältig ausgewählten Eingeladenen. Zwei Gäste schöpfen ein wenig Luft auf der Terrasse:

?Ah, sagte der eine, eine vornehme Abendgesellschaft, vorzügliches Essen, und dann entzückende Toiletten?.

?Darüber, sagt der andere, kann ich nichts sagen.?

?Wie das??

?Nun ich bin nicht dort gewesen?.

Auch in diesem Witz haben wir mit dem Abbruch eines angefangenen Ge­dan­ken­ganges zur ersten semantischen Ebene des Wortes Toilette ? ein kleiner Wasch­raum mit einem Klosettbecken - dem die zweite Bedeutungsebene Toilette ? Da­menkleidung, besonders für festliche Anlässe - gegenübergestellt wird.

Übersetzung:

W bardzo eleganckim towarzystwie, ze starannie dobranymi gośćmi.

Dwóch gości zażywaświeżego powietrza na tarasie:

?Ach, jakież wytworne towarzystwo dzisiejszego wieczoru, wspaniałe jedzenie no i zachwycające toalety?.

?Nie mogę nic na ten temat powiedzieć?, mówi drugi.

?Jak to??

?Cóż, jeszcze tam nie byłem?.

Die Mehrdeutigkeit zweier Lexemformen kann durch ihre Klanggleichheit (Homo­phonie) bedingt sein, obwohl sie miteinander semantisch nicht verwandt sind. Da es im Polnischen die Polysemie des im Witz gebrauchten Lexems nicht besteht, kann dieser Witztext nicht ins Polnische übersetzt werden.

Zwei Nachbarinnen unterhalten sich. Mein Mann ist heute zum Zeugen geladen wor­den. Ach, das ist überhaupt eine Idee! Meinen sollte ich auch mal laden lassen.

Die Form zum Zeugen ist der Ausgangspunkt des komischen Sprachkonflikts.

Die erste Witzfigur meint damit ihren Mann, der vor das Gericht geladen wird, um Aussagen über ein bestimmtes Ereignis zu machen. Die zweite dagegen ver­steht sie als Einladung des Mannes zur Erfüllung der ehelichen Pflicht.

Komplexe Wörter

Im Sprachwitz wird die Wirkung komplexer Wörter mit zwei Bedeutungen so­wie ihre Fehlleistung ausgenutzt. Diese komplexen Wörter werden in der kon­ven­tionalisierten Bedeutung verwendet, die mit ihrem lexikalischen Äquivalent kon­frontiert wird.

Klein-Erna ist ein aufgewecktes und wildes Kind. Sie macht ihrer Mutter deshalb oft Sorgen und Ärger. Doch eines Tages überrascht sie die Mutter mit der Feststellung:

?Ich will nicht länger dein Sorgenkind sein. Ich will mich jetzt bemühen, ein Freu­den­mädchen zu werden?.

Das zweite Kompositum Freudenmädchen wird im Witz von Erna nach dem­sel­ben Prinzip wie Sorgenkind gebildet und interpretiert.

Sorgenkind ? Kind, das durch sein unartiges Benehmen seiner Mutter Sorgen macht.

Freudenmädchen ? Mädchen, das durch sein artiges Benehmen seiner Mutter Freude bereitet.

Die Komik des Witzes entsteht bei der Konfrontation des ad hoc vom Kind ge­bildeten Kompositums und nach der Annahme des Kindes seiner korrekten Bedeu­tung mit der konventionalisierten Zusammensetzung.

Freudenmädchen ? Prostituierte

Die Übersetzung dieses Textes ins Polnische stößt auf gewisse Schwierigkeiten.

Im Polnischen wird es nicht möglich sein, die für den Witz notwendige Span­nung durch das entsprechende Sprachmaterial aufzubauen. Im polnischen Sprach­system kommen keine Äquivalente der deutschen oben genannten Komposita we­der als Komposita noch als Wortgruppen vor. Wollen wir den Witz erklären, dann haben wir mit der mißlungenen Kommunikationshandlung zu tun, denn der Witz kann nur dann als erfolgreich bezeichnet werden, wenn er verstanden und ange­nom­men wird.

Ellipsen

Zum Pointenträger im Sprachwitz kann die auf Ellipsen beruhende Polysemie wer­den. Die Alltagssprache, für die eine verkürzte Redeweise typisch, die viele Mehr­deutigkeiten mit ich bringt, wird oft und gern in Witzen ausgenutzt.

Ein Mann geht in ein Textilgeschäft.

 ?Ich möchte ein Paar Hosen?

Der Verkäufer verbeugt sich und fragt: ?Lange, mein Herr??

Da empört sich der Mann.

?Was für eine dumme Frage. Ich möchte Hosen kaufen und nicht mieten?.

In diesem Witz haben wir mit zwei Ellipsen zu tun.

?Ich möchte ein Paar Hosen?.

Die beiden Witzfiguren ergänzen den elliptischen Satz richtig:

Ich möchte ein Paar Hosen kaufen.

Erst die zweite Ellipse Lange? statt Möchten Sie lange Hosen? oder Lange Hosen? vom Kunden verstanden als Wie lange? berechtigt ihn zur Vermutung, daß der Ver­käufer Hosen nicht verkaufen, sondern mieten will.

Die Übersetzung des Witzes ins Polnische scheitert wiederum.

Das Elliptische Lange? hat in dem Situationskontext folgende polnische Äqui­va­lente: D?ugie? oder Na d?ugo? D?ugo?

Da im Polnischen die Formen der potentiellen Entsprechungen von Lange? mor­phologisch nicht zusammenfallen, können die beiden Aussagen miteinander nicht konkurrieren und eine doppelte semantische Erwartungsebene nicht eröffnen.

Das Prinzip der Ellipse gilt auch für den folgenden Witz.

In einer Kannibalenfamilie.

 ?Mutti, ich mag meinen kleinen Bruder nicht?.

?Sei still, du ißt, was auf den Tisch kommt.?

Die elliptische Aussage Ich mag meinen kleinen Bruder nicht mit dem Modal­verb mögen eröffnet vor dem Witzrezipienten zwei Bedeutungsebenen, von denen die erste, die konventionalisierte, in den Vordergrund rückt:

Ich mag meinen kleinen Bruder nicht.

Ich habe meinen kleinen Bruder nicht gern. Ich liebe ihn nicht.

Die zweite Bedeutung dieser Ellipse erscheint über der ersten, wenn das Verb essen in den nächsten Aussage erscheint und die Ellipse Ich mag meinen kleinen Bruder nicht von dem Witzrezipienten dem Orientierungsrahmen gemäß ergänzt wird.

Die Übersetzung des Witzes ins Polnische scheint keine Probleme zu bereiten. Auch im Polnischen funktioniert das Verb lubi? auf denselben Bedeutungsebenen wie im Deutschen, d.h. lubi? kogo? und lubi? co? robi?, co? je??.

Übersetzung:

W rodzinie Kanibali.

Mamusiu, nie lubię mojego młodszego braciszka.

Nie marudź, jedz, co jest na stole.

Der komische Mechanismus in solchen Sprachwitzen beruht auf der Mehrdeutig­keit der elliptischen Aussagen. Ihre Ergänzung in Form syntaktisch vollständiger Sätze würde ihre Polysemie aufheben und damit auch den Witzmechanismus stilllegen.

Sätze

Oft wird in Sprachwitzen die Polysemie phraseologischer Wendungen, ganzer Sät­ze verwendet. Die Semantik einer phraseologischen Wendung ist nicht gleich der semantischen Summe der einzelnen Lexeme, die als ein Phraseologismus über ein anderes semantisches Potential als in Isolation verfügen. Für den komischen Me­cha­nismus des Sprachwitzes werden vor allem solche phraseologischen Einheiten aus­genutzt, die eine idiomatische, übertragene Bedeutung haben, gleichzeitig aber als ihr paralleles, homonymes, entphraseologisiertes Äquivalent realisiert werden können.

?Wir können nur hoffen, in diesem Prozeß mit einem blauen Auge davonzu­kom­men.?

?Glauben Sie, daß es eine Schlägerei gibt??

In unserem Witz bedeutet mit einem blauen Auge davonkommen:

1. Ohne großen Schaden, glimpflich davonkommen.

2. Ohne größere körperliche Verletzungen aus der potentiellen Schlägerei ent­kommen.

Die Übersetzung wäre auch in diesem Fall unmöglich, wenn das Polnische dem selben Witzmechanismus folgen sollte. Unter den polnischen phraseologischen Ein­heiten ist das entsprechene semantische Äquivalent nicht mehr zu finden.

Ähnliches gilt für das nächste Beispiel:

Zwei Diebe treffen sich in der Nähe des Badehauses zusammen.

?Hast du ein Bad genommen ?? fragt der eine.

?Wieso?? fragt der andere. ?Fehlt eins??

Einer Witzübersetzung scheint nichts im Wege zu stehen, wenn in den beiden Sprachen ein großer Grad von semantischer Äquivalenz der jeweiligen phraseolo­gi­schen Einheit vorhanden ist.

?Mutti, ist Tante Emma so arm, dass sie mit den Hühnern ins Bett geht??

Übersetzung:

?Mamo, czy ciocia Emma jest taka biedna,że kładzie się spać z kurami??

Sowohl im Deutschen als auch im Polnischen bedeutet der Phraseologismus ?mit den Hühnern ins Bett gehen? = ?k?a?? si? spa? z kurami? sehr früh schlafen gehen. Vom Kind wird aber die zweite, wörtliche Bedeutungsebene geschaffen, d.h. im Hühnerstall schlafengehen.

Die hier kurz skizzierten Mechanismen der Sprachwitze sind nur eine Kostpro­be des komischen Potentials der deutschen Sprache und anderer Sprachen wohl auch.

Sowohl für einen Witzproduzenten als auch -rezipienten sind Sprachwitze eine gewisse Art der sprachlichen Herausforderung, da sie von den beiden ein besonde­res Sprachgefühl und Schlagfertigkeit verlangen. Vor dem Rezipienten als Kom­mu­nikationspartner, der die Pointe entschlüsseln und ihre Akzeptanz in einer nicht­verbalen oder verbalen Form manifestieren muß, steht noch eine Aufgabe: er muß nicht nur das Vorhandensein zweier Bedeutungsebenen erkennen und ihre seman­tische Überlagerung feststellen, sondern vor allem die einzigartige Beziehung zwi­schen den beiden potentiellen Lesearten ermitteln können.

Wer aber als Witzerzähler/-übersetzer in einer bi- oder multilingualen (Abend)Ge­sellschaft viel Vergnügen mit seinen Witztexten bereiten will, muß sich der Me­cha­nismen der Komik und der Feinheiten der beiden Sprachsysteme geschickt bedienen.


[1] Vgl. Röhrich, Lutz (1977): Der Witz: Figuren, Formen, Funktionen. Stuttgart. S.55.

[2] Der Begriff Übersetzungswitz bildet wohl auch eine weitere Witzbezeichnung in der Witz­klassifikation. Der zitierte Witz kann auch als Amerikaner- oder Mißverständniswitz fungieren.

[3] DUDEN. Deutsches Universalwörterbuch. Mannheim 1996.

[4] In umgangssprachlichen Bildungen mit Nomina hat ?itis eine abwertende Färbung. Mehr dazu DUDEN. Universalwörterbuch. Mannheim. S.783.

[5] Die Autorin dieser Bildung ist höchstwahrscheinlich Magdalena Samozwaniec, die in ihren autobiografischen Erinnerungen ?Maria i Magdalena? so Klapse des Vaters bezeich­net.

[6] Vgl. Formwitz und Inhaltswitz bei Wellek, Albert (1949): Zur Theorie und Phänome­no­lo­gie des Witzes. In: Studium Generale 2 (1949), S.179.

[7] Zit. nach Macha, Jürgen (1992): Sprache und Witz. Die komische Kraft der Wörter. Bonn. S.14.

[8] Vgl. Röhrich, Lutz, S.52.

[9] Vgl. Ulrich, Winfried (1991). Linguistik und Didaktik der Textsorte Witz. in: Sprach­wis­sen­schaft und Sprachkultur. S.199.

[10] Vgl. Sanders, Willy (1975): Wortspiel und Witz, linguistisch betrachtet. In: Gedenk­schrift für Jost Trier. Hrsg. von Hartmut Beckers und Hans Schwarz. Köln. S. 211-228.

 
 
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