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Orbis Linguarum Vol.
17/2001
Joanna Jabłkowska
Łódź
Ein Paradigmenwechsel in der deutschen Bewältigungsliteratur.
Zu Siegfried Lenz: Deutschstunde und Martin
Walser: Ein Springender Brunnen
[1]
Seit
mehr als fünfzehn Jahren ist in der deutschen Medienlandschaft
das Problem der Faschismusbewältigung ein Gegenstand
heftiger Debatten. Ausgelöst wurden sie Mitte der
80er Jahre, für
die die Rede Richard von Weizsäckers am 8.
Mai 1985, der Besuch von Ronald Reagan am Bitburger
Friedhof und 1986 der Historikerstreit ausschlaggebend
gewesen sind. Der Historikerstreit war noch nicht
beendet, als 1988 Philipp Jenninger mit seiner Rede
zur Reichskristallnacht und Martin Walser mit seiner
Deutschlandrede für Wiederbelebung der Bewältigungs-Debatten
gesorgt haben. Der Streit um das Holocaust-Denkmal,
die Wehrmacht-Ausstellung, das Buch Hitlers willige
Vollstrecker von Goldhagen bilden eine intellektuelle
Landschaft, die eine nicht enden wollende Welle von
Diskussionen über den Stellenwert der Erinnerung an
den Nationalsozialismus und ihre Bedeutung für die
politische und vor allem für die moralische Zukunft
Deutschlands dokumentiert. Den Höhepunkt der Auseinandersetzung
in den 90er Jahren stellt Martin Walsers Friedenspreisrede
vom 11. Oktober 1998 dar. Walsers Roman Ein springender
Brunnen erschien im Sommer
1998, kurz vor der Preisverleihung, nahm den
Grundtenor der Paulskrichenrede vorweg und befand
sich mehrere Monate auf den Bestsellerlisten. Ein
Vergleich von Ein springender Brunnen und der
Deutschstunde von Siegfried Lenz ? einst ebenfalls
ein großer Publikumserfolg und 1969, gerade an der
Schwelle zur neuen Entwicklungsstufe der deutschen
Nachkriegszeit erschienen ? soll die neue Perspektive,
die Walser einführt, anschaulich machen. Es ist interessant
zu zeigen, wie sich der Blick auf die deutsche Geschichte
innerhalb derselben Autorengeneration in den letzten
dreißig Jahren gewandelt hat. Die These ist, daß Walsers
Roman ein ?Schwellenwerk? ist, das eine neue Epoche
in der deutschen Literatur über den Faschismus ? und
unbestritten in dem Schaffen von Martin Walser ? einleitet.
Auch
die Generation der Nachgeborenen, die mit dem Krieg
keine persönlichen Erinnerungen mehr verbindet, liefert
gerade in der letzten Zeit Werke, die sich sehr stark
mit der Aufarbeitung der Nazizeit befassen: Christoph
Ransmayrs Morbus Kitahara, Norbert Gstreins
Die englischen Jahre, W.G. Sebalds
Die Ausgewanderten, Anna Mitgutschs Haus
der Kindheit oder Bernhard Schlinks Der Vorleser
können hier als exemplarische Beispiele genannt
werden. Unabhängig von den verschiedenen Erzählstrategien
und Strukturen dieser Werke wird deutlich, daß die
Perspektive, aus denen sie geschrieben werden, nicht
die der persönlichen Verstrickung ist, sondern die
einer gewissen negativen Faszination, einer oft spielerischen
Neugier, welche die bürgerliche Verantwortung nicht
ausschließen will, die jedoch mit der ?Scham- oder/und
Schuldkultur? der unmittelbaren Nachkriegszeit und
der sechziger und siebziger Jahre nicht mehr direkt
verbunden werden kann.
Auf
die Werke der jüngeren
Generation kann hier lediglich hingewiesen
werden, da ihre Besprechung den Rahmen dieses Artikels gesprengt hätte. Der Hinweis
scheint allerdings notwendig zu sein, da der
Paradigmenwechsel in der jüngsten ?Bewältigungsliteratur?,
der heute zu konstatieren ist, selbstverständlich
viel vielschichtiger und komplizierter verläuft,
als der, der sich aus der Analyse der beiden Romane
von Lenz und Walser erfassen läßt.
Aleida
Assmann hat in ihrer jüngsten Studie, die sie zusammen
mit einer Abhandlung von Ute Frevert herausgegeben
hat ? der gemeinsame Titel lautet: Geschichtsvergessenheit
? Geschichtsversessenheit. Vom Umgang mit deutschen
Vergangenheiten nach 1945 ? Walsers Paulskrichenrede
zum Ausgangspunkt ihrer Überlegungen gemacht. Sie
erwähnt auch die Rede von Siegfried Lenz, die zehn
Jahre zuvor, 1988 aus demselben Anlaß gehalten wurde.
Sie zitiert Lenz? Sätze: ?Spricht Geschichte noch
zu uns, betrifft sie uns noch, wenn wir uns leidenschaftslos
über sie beugen wie über ein Terrarium
und kühl und erschütterungslos registrieren,
was sich auf dem Grund tut??
[2] Der Umgang mit der Geschichte wird
sowohl in Lenz? Deutschstunde
[3] als auch in Walsers dreißig Jahre
später geschriebenem Roman Ein springender Brunnen problematisiert,
wobei in beiden Fällen das individuelle, private
Gedächtnis, das Assmann als kommunikatives Gedächtnis
bezeichnet, und das kollektive Gedächtnis befragt
werden. [4]
Martin Walsers persönliches Dilemma,
das sich in seinen Aufsätzen und Reden artikuliert,
definiert Assmann als ?inkommunikables Gedächtnis?.
Sie zitiert seine Deutschlandrede aus dem Jahre 1988,
in der er sich vehement gegen die Überlagerung seiner
Kindheitserinnerungen vom späteren historischen Wissen
wehrte: [5]
Für die
radikale Alterität [von Walsers] Erinnerungen gibt
es keine Übersetzungsmöglichkeit, die nicht zugleich
eine Verfälschung wäre. [...] Die ?Unschuld der Erinnerung?
kann nicht vermittelt werden, weil der dramatische
Werte- und Erfahrungswandel, der zwischen NS-Staat
und der Bundesrepublik eingetreten ist, seinen Erinnerungen
ihre Unschuld genommen hat. Sofern er nicht bereit
ist, seine Erinnerungen an den gegenwärtigen normativen
Grundkonsens über die deutsche Geschichte anzupassen,
bleiben sie unartikuliert.
[6]
Nun
ist der Roman Ein springender Brunnen ein Versuch,
die privaten Erinnerungen des Autors dennoch zu artikulieren
und signalisiert einen neuen normativen Grundkonsens
in der deutschen Öffentlichkeit. Die Erinnerungen
wollen sich aber nicht in Form von einer Autobiographie
erfassen, sondern brauchen eine fiktive Geschichte,
die von einem Romanerzähler vermittelt wird. Der Erzähler
sieht die Welt mit den Augen des fünf-, elf- und achtzehnjährigen
Johann. Die Er-Form des Romans gewährleistet eine
gewisse Distanz, die den Helden nicht einfach mit
seinem Autor identisch macht, obwohl Johann wie Walser
1927 in Wasserburg am Bodensee in der Familie eines
Gastwirts geboren wurde. Die Einführung eines auktorialen
Erzählers macht Johann zum Vertreter seiner ?skeptischen?
Generation, der sogenannten Flakhelfer-Generation,
der um zwischen 1926 und 1930 geborenen, der
die ?intellektuelle Gründung der Bundesrepublik [...]
zuzuschreiben ist, die seit dem Beginn der sechziger
Jahre einen neuen kritischen Diskurs pflegte und den
Anschluß an die verlorenen
internationalen [...] Traditionen wiederherstellte.?
[7] Gerade diese Intellektuellen haben
das geistige Klima vorbereitet, das 1968 mit der Studentenrevolte
seinen Höhepunkt
erreichte. In diesem kritischen
und selbstkritischen, politisch sehr sensiblen
historischen Humus entstand Siegfried Lenz? Deutschstunde.
Lenz ist fast auf den Tag ein
Jahr älter als Walser, der zuerst
bei der Flugabwehr, dann bei den Gebirgsjägern
war. Lenz war Marinesoldat. Sein Held Siggi Jepsen
ist dagegen im September 1933 geboren
? auf den symbolischen Gehalt dieses Datums
braucht man nicht hinzuweisen ? und gehört zu der
?unbefangenen? Kriegsgeneration,
[8] die nicht mehr eingezogen wurde, und
bei der die Gnade der späten Geburt beginnt. Siggi
macht von dieser Gnade aber keinen Gebrauch. Er erzählt
aus der Perspektive eines einundzwanzigjährigen,
[9] der mehr versteht als das Kind in
den vierziger Jahren, und der in der Nachkriegsgesellschaft,
welche die sozialen Verhaltensmuster der Nazizeit
nur multipliziert, keinen Platz für sich findet. Siggi
scheint nicht nur die Erfahrung seiner Altersgenossen,
der um die Mitte der dreißiger Jahre Geborenen mit
der Erfahrung seines Autors, die sich altersmäßig
mit dem Frontschock des älteren Bruders Klaas deckt,
zu verbinden. Er vertritt darüber hinaus ? das Erscheinungsjahr
des Romans legitimiert diese Optik ? die Desorientierung
der achtundsechziger Jugend, die, in den vierziger
Jahren ? also ca. zehn Jahre nach Siggi und ca. fünfzehn-siebzehn
Jahre nach Lenz, Walser (sowie Johann, Josef
und Klaas) ? geboren, die Väter nach ihrer Vergangenheit
zu fragen begann. In beiden Romanen eröffnet die
Elterngeneration einen breiteren historischen
Blick. Sowohl der Vater
von Johann, für den der erste Weltkrieg
ein traumatisches Erlebnis war, als auch der
Maler Nansen und Jens Ole Jepsen gehören zu der ?Weimarer Generation?,
deren ?Niederlage zu keiner Erzählung [paßte], und
ihre Schuld wuchs mit der Kenntnisnahme der nationalsozialistischen
Verbrechen.?
[10] Da der Vater in Ein Springenden
Brunnen vorzeitig stirbt und den Ausbruch des
zweiten Weltkrieges nicht mehr erlebt, engt sich die Perspektive des Romans wieder ein und konzentriert
sich auf der Johann-Generation. Lenz? Roman bemüht
sich dagegen, durch das Einfangen verschiedener Generationsperspektiven
den individuellen und nur privaten Fokus zu brechen,
obwohl die doppelte Optik eines Jugendlichen, ergänzt
durch die von Siggi selbst ironisierte pseudowissenschaftliche
Perspektive Macenroths, eine auktoriale Haltung und
objektives Erzählen bewußt nicht zuläßt.
[11]
Beide
Romane scheinen sich in der Schilderung der Vergangenheit
um eine Botschaft für die Gegenwart und die Zukunft
zu bemühen,
[12] beide konstruieren ein Geschichstbewußtsein,
das nicht aus den großen historischen Ereignissen,
sondern aus privaten Erlebnissen genährt wird; und
beide versuchen, die individuelle Erinnerung und
das kommunikative Gedächtnis von zwei, höchstens drei
Generationen zum kollektiven Gedächtnis umzufunktionieren.
Im Zentrum
stehen Erlebnisse von jugendlichen Helden in der Zeit
des Nationalsozialismus. Kindheit und Jugend in
der NS-Zeit ist in der deutschsprachigen Literatur
ein Thema, das von vielen Schriftstellern als Chance
für die Auseinandersetzung auch mit der eigenen
Biographie wahrgenommen wurde: u.a. von Ilse Aichinger,
Günter Grass, Horst Bienek, Walter Kempowski, Christa
Wolf. Lenz? und Walsers Romane bieten sich dank ihren
Parallelen besonders für eine vergleichende Analyse
an. [13]
Beide
Jungen werden von ihren Eltern erzogen und leben in
verhältnismäßig intakten kleinbürgerlichen Familien.
In beiden Fällen sind auch außerfamiliäre Bande für
die Sozialisierung der Jungen ausschlaggebend. Für
Siggi ist es die Freundschaft mit dem Maler Nansen.
Für Johann sind es der katholische Sittenkodex, den
er respektiert, obwohl auch nicht unkritisch hinnimmt
und die frühen erotischen Faszinationen, die seine
kindlichen Phantasien erfüllen. Auch einige Nebenfiguren
zeigen auffallende Ähnlichkeiten: etwa die beiden
dem Regime treuen und Schüler prügelnden Lehrer, in
der Deutschstunde Tetjus Prugel und in Ein
springender Brunnen der Lehrer Heller. Front-
und Kriegserfahrungen werden in der Deutschstunde
ausgespart, in Ein springender
Brunnen
werden sie auf zwei Helden verteilt, den Bruder
Josef, der von der Front an die Familie Briefe schreibt
und Johann, der allerdings einen richtigen ?Einsatz?
nicht erlebt hat.
Die
Handlung spielt in beiden Fällen in der Provinz, die
von den Ereignissen der Weltgeschichte nicht viel
mitbekommt und selbst intakt bleibt. Im ästhetischen
Hintergrund werden der Heimatbegriff und die Heimatliteratur
diskutiert. Bereits dazu liefert
die Sekundärliteratur,
besonders die umfangreiche Literatur zur Deutschstunde
widersprüchliche Interpretationen. Lenz wie Walser
wurde vorgeworfen, daß die Beschreibung eines dörflichen
Kleinbürgermilieus nicht tragbar für die Problematisierung
der eigentlichen Greueltaten des Nationalsozialismus
sein könne. Nun aber wird in beiden Fällen der untere
Mittelstand
[14] geschildert, der dem Faschismus die
meisten Wähler und den ideologischen Nährboden geliefert
hat. Im engen Fokus der Provinz spiegelt sich die
Zeitgeschichte. Hans Wagener sah in Rugbüll eine Metapher
für Deutschland.
[15] Dies läßt sich genauso von Wasserburg
behaupten, das der Erzähler im Namen seines Johann
als ?die Welt? bezeichnet. Allerdings wird in der
Deutschstunde der Heimat ? wenn man von Landschaftserlebnis
absieht ? ihr traditioneller gefühlsorientierter Wert
explizit abgesprochen: ?Die größte Beschränktheit,
zu der Heimatsinn verleitet, liegt doch wohl darin,
daß man sich für zuständig hält, auf alle Fragen zu
antworten: Hochmut der Enge...?
[16] Das beschränkte, schablonenhafte Denken hilft
dem Kleinbürger politische und moralische Klippen
seiner Zeit zu übersehen und macht ihn zum gefährlichen,
weil nicht reflektierenden Mitmacher. Ein springender
Brunnen dagegen versteht sich als Nachruf auf
die heimatliche Welt, die von stärkeren und übergreifenden
Großkulturen allmählich verdrängt wird. Ganz im Sinne seiner Essays aus den Bändchen Heilige Brocken
und Heimatlob, bemüht sich Walser, in seiner
alemannischen Provinz einen ?Pflegefall? zu sehen.
[17] Der Heimatkulisse kommen in beiden
Romanen verschiedene Funktionen zu: Bei Lenz dient
sie als Modell der geistigen Enge, die ein günstiger
Nährboden für die Entwicklung von totalitären Ideologien
bilden kann. In Ein Springenden Brunnen ist
sie ein Modell einer menschlichen Gemeinschaft, die
sich dank der geistigen Solidarität, die auf Tradition
baut, gegen fremde Ideologien, trotz aller Verlockungen,
die sie mit sich bringen, immunisieren kann.
Auch
die bereits erwähnte Divergenz der Erzählperspektiven
ist für die Deutung der beiden Werke ausschlaggebend.
Während Siggi ? zwar sehr subjektiv
[18] ? über seine Kindheit selbst reflektieren
darf ? er wird auf der Erzählebene von der Analyse
des Psychologen Mackenroth ergänzt und provoziert
? läßt Ein springender Brunnen eine vertiefte
Reflexion des erwachsenen Johann nicht zu. Der Roman
zeigt drei Abschnitte aus seinem Leben zwischen 1932/33
und 1945. In der letzten Episode, die bereits nach
dem Kriegsende und nach Johanns Rückkehr nach Hause
spielt, ist die erotische Reife für die Entwicklung
des Jungen wichtiger als das Zeitgeschehen. Auch aber
der Rückblick auf seine gerade beendete Kindheit ist
für den künftigen Weg Johanns wichtig. Dieser Rückblick
versperrt sich gegen jede Infragestellung der politischen
Unschuld, die der nun achzehnjährige Held für seine
Heimat voraussetzt.
Sein
ehemaliger Klassenkamerad Wolfgang Landsmann, der
jüdischer Abstammung ist, erzählt ihm von der Angst,
in der seine Mutter all die Jahre gelebt hat. Johanns
Reaktion ist darauf ist geradezu programmatisch:
Vielleicht
meinte Wolfgang, daß Johann ein Vorwurf zu machen
sei, weil er all das nicht gewußt, nicht gemerkt hatte.
Johann wehrte sich gegen diesen vermuteten Vorwurf.
[...] Niemand sollte ihm eine Empfindung abverlangen,
die er nicht selber hatte. Er wollte leben, nicht
Angst haben. Frau Landsmann würde ihn mit ihrer Angst
anstecken, das spürte er. Er mußte wegdenken von ihr
und ihrer Angst.
[19]
Dieser
Wolfgang Landsmann und seine Mutter gehören zu den
wenigen Juden, denen man im Roman begegnet. Sie haben
die Nazizeit überlebt. Das einzige, was Wolfgang passiert
ist, ist der Ausschluß aus dem Jungvolk, eine Demütigung,
die in Johanns Augen schlimm genug gewesen ist. Aber
nicht so schlimm, daß er es nachher nicht vergessen
hätte. Frau Landsmann hat die gefährlichen Jahre schließlich
überstanden. Der Lehrer Heller, der dafür sorgen wollte,
daß Frau Landsmann abgeholt würde, ist bestraft worden.
Er muß im Schaufenster mit einem Schild um den Hals
sitzen: Ich war Nazi. Den konsequentesten und unsympathischen
Nationalsozialisten im Roman, Herrn Brugger, holt
ebenfalls eine Strafe ein. Er wird wegen Veruntreuung
verhaftet und stirbt im Gefängnis. Die Wendehals-Haltung
seiner Familie kann Johann ? schon wegen Herrn Bruggers
Tod ? weder be- noch verurteilen. Daß sein Freund
Adolf sich jetzt Stefan nennen läßt und Frau Brugger
von der ?schlimmen Zeit? spricht, akzeptiert Johann,
der ja von den wirklichen Untaten des Nationalsozialismus
wenig erfahren hat, und was er erfahren hat, hat er
nicht glauben wollen. Nach mehr Informationen verlangt
er nicht. Im Gegenteil, er will diese Informationen
von sich fernhalten. Nach Johanns Urteilsvermögen
? so der Eindruck, den der Erzähler vermittelt ? seien
die Schulden sofort nach dem Krieg beglichen worden.
Nicht nur Herr Brugger ist tot. Diejenigen, die in
Wasserburg noch Ende März 1945 einen Polen gehängt
haben, wurden dann von Polen ?sofort gejagt, gekriegt
und totgeschlagen.?
[20] Edi Fürst, der Jungzugführer und
Nazi, wollte noch am 13. Mai nicht glauben, daß der
Krieg zu Ende ist, wollte weiter kämpfen und ist
auf eine Mine gefahren. ?Arme Frau?, heißt es jetzt
selbstverständlich über seine Mutter.
[21] Der sympathische SS-Mann Gottfried
Hübschle, der Johann George-Gedichte geschenkt hat,
ist vermißt. An seiner Stelle erschlugen Franzosen
irrtümlich seinen Vater. In Johanns Umgebung gibt
es niemanden mehr, der noch von einer Schuld befleckt
ist. Die Toten dagegen, die Johann geliebt hat, wird
er vermissen. Er begreift des Großonkels Verhaftung
nicht, und auch sein Tod gehört zu den vielen Sinnlosigkeiten
dieses Krieges. Daß sein Bruder nicht mehr lebt, bleibt
Johann immer noch unvorstellbar. Viele Jugendfreunde
sind gefallen. So ist in Johanns Bewußtsein die Zeit,
deren Ideologie er nie hat lernen können, zu Ende.
Das Bewußtsein einer Romanfigur ist selbstverständlich nicht zu ?korrigieren?.
Diese konsequente Perspektive des kleinen Provinzlers,
des unschuldigen Unwissenden, hat jedoch die ? allerdings
sehr selten ausgesprochene ? Irritation der Kritik
verursacht, Auschwitz komme im Roman nicht vor.
[22]
Nun ist diese enge Perspektive in den ersten zwei
Teilen glaubwürdig. Im ersten Teil ist der Erzähler
noch sehr vordergründig präsent. Etwa bei der Feier
des Kriegervereins werden die Braunhemden,
die im Dorf Nazi-Sozi
genannt werden, mit einer Sorgfalt beschrieben, die
nicht dem Dorfereignis im Jahre 1932 gilt, sondern
der späteren historischen Entwicklung,
die der kleine
Johann ja nicht ahnen konnte. Auch der elfjährige
Johann versteht etwas mehr, als ein Bub aus der entlegensten
Provinz hätte verstehen können.
[23]
Weil der Erzähler im Jahre 1932 und im Jahre 1938
doch mehr weiß als sein kleiner Held, gehört es zu
der bewußten Strategie des Textes, daß er 1945 nichts
wissen will, was sein achtzehnjähriger Johann nicht
erfahren hat. Dieser selektive Blick des Erzählers,
der dem kleinen Bub zu helfen vermag, das Bewußtsein
des fast erwachsenen Jungen dagegen konsequent
legitimiert und dadurch die Nazivergangenheit von
der Nachkriegszeit deutlich abgrenzt, gibt dem individuellen
Schicksal der Nachkriegszeit die Chance eines Neubeginns,
allerdings jenseits und auf Kosten der kollektiven
Schuldbewältigung. In einem DVjs-Artikel,
der in seinem
Kern der Friedenspreisrede gewidmet ist, doch mit
einer überzeugenden Analyse des Romans beginnt, pointiert
Amir Eshel, Walsers ?Narration
[erweise sich] als Entlastungsmanöver.
[...] Die Verteidigung der Kindheit [...] führt
somit in Ein springender Brunnen zu dem Versuch,
seine Kindheit nach dem Freiheitsprinzip des Nichtwissens
neu zu erfinden.?
[24]
Auch
in der Deutschstunde kommt Auschwitz nicht
vor. Lenz schließt sich mit seinem Roman nicht an
die öffentliche Auschwitz-Diskussion an, die nach
den Auschwitz- und Eichmann-Prozessen in der deutschen
Gesellschaft eine neue Phase der Erinnerungsarbeit
eingeleitet haben und er folgt nur bedingt der Tendenz
der neueren Literatur, die Günter Butzer als paradoxes
Eingedenken bezeichnet.
[25]
Über die Konzentrationslager und die Judenvernichtung
erfährt man aus Lenz? Roman nichts, während in Walsers
Ein Springender Brunnen immerhin eine Episode
über die Dachauer eingeschrieben wurde. Daher auch
der Vorwurf der damaligen Kritik, deutlich aus dem
Geiste der achtundsechziger Bewegung formuliert,
Lenz lasse ?sein Romangeschehen im ?Windschatten der
Geschichte? spielen?.
[26] Nicht die Dokumentation der Nazi-Verbrechen
lag der Konzeption der beiden Romane zugrunde. Der
Umgang mit der deutschen Vergangenheit wird vielmehr
aus der Entwicklung der beiden jugendlichen Hauptfiguren
deutlich. Sie machen in derselben Zeit und in einer
ähnlichen sozialen Umgebung völlig verschiedene Erfahrungen,
die völlig verschiedene Lebenswege ermöglichen.
Während Johann mit seiner kleinen provinziellen
Welt voll identisch ist, kann sich Siggi mit seiner
Umgebung nicht integrieren und scheut bis hin zur
Selbstzerstörung diese Integration. Gewinnt Johann
erst dank dem Bewußtsein kollektiver Zugehörigkeit
seine private, individuelle Identität, kann Siggi
seinem Milieu nur eine trotzende Ablehnung zeigen.
Der dissidierende Junge setzt die Reihe der Helden
der fünfziger Jahre von Koeppen oder Böll fort, die
Unschuldigen Einsamen im ?resignierenden Rückzug?,
wie A. und M. Mitscherlich sie nennen.
[27] Johann ist voller Zuversicht auf
Möglichkeiten künstlerischer Selbstverwirklichung,
Siggi dagegen scheint keine Zukunft, zumindest keine
positive Zukunft vor sich zu haben. Der Schluß der
Deutschstunde bestätigt, daß die Nachkriegsgesellschaft
von der Vergangenheit nichts gelernt hat. Ähnliche
soziale Mechanismen wie in dem provinziellen Rugbüll
in der Zeit des Krieges funktionieren auch in der
Anstalt auf der Insel, in der Siggi seine Erinnerungen
aufschreibt. Er soll am Ende entlassen werden und
kommentiert dies auf eine Art, die in dem einundzwanzigjährigen
vorzeitig einen zynisch-bitteren Erwachsenen erkennen
läßt:
Die Zeit
ist wohl um? ? [...] Deine Zeit auf der Insel. ? Freust
du dich? [...] drüben etwas Neues anzufangen? [...]
Das gibt?s doch nicht: in jede Suppe, die wir rühren,
hat schon jemand gespuckt.
[28]
Johann
kann und will dagegen sein erwachsenes Leben nach
dem Krieg unbeschädigt anfangen.
Die Sprache,
die er nach 1933 erlernt hatte, war, nach der Kirchensprache,
die zweite Fremdsprache gewesen. [...] Er hatte sich
mit beiden Sprachen herumgeschlagen. Er mußte eine
eigene finden. Dazu mußte er frei sein. Wenn er anfängt
zu schreiben, soll schon auf dem Papier stehen, was
er schreiben möchte. Was durch die Sprache, also von
selber aufs Papier gekommen wäre, müßte von ihm nur
noch gelesen werden. Die Sprache, dachte Johann,
ist ein springender Brunnen.
[29]
Der
Identitätsbegriff wird ?mit einer spezifischen Krisenerfahrung
und deren psychischen Bearbeitung durch das betroffene
Subjekt in Zusammenhang gebracht [...]. [Diese
Erfahrung drückt sich ] als ein Fragwürdigwerden
von Handlungs- und Lebensorientierungen, welche
dem Dasein des heranwachsenden Kindes und Jugendlichen
bislang Halt und Richtung verliehen. Der Identitätsbegriff
ist unweigerlich mit der Beschreibung einer Adoleszenzkrise
verschnürt [...].?
[30] Eine solche Adoleszenzkrise wird
von Siegfried Lenz in seiner Deutschstunde
erfaßt, während Walser eine integre Persönlichkeit
beschreibt. Siggis scheiternde personale Identität
und seine psychische Verstörung
und Johanns innere Sicherheit und Stärke wurzeln
in der primären Sozialisation, die sie im Elternhaus
und in der kleinbürgerlichen Dorfwelt erfahren haben.
Im Folgenden
werden zwei Szenen miteinander verglichen, die Reaktionen
der Mütter auf die Nachricht
vom Verlust der älteren Söhne zeigen.
[31] Klaas Jepsen wird von den Eltern
nach seiner Desertion verstoßen und Josef fällt
an der Ostfront. Klaas erzählt nicht von seinen Fronterfahrungen
und der Phantasie des Lesers wird überlassen, Gründe
für seine verzweifelte Flucht zu finden. Josef schreibt
dagegen Briefe von der Front, die davon zeugen, daß
er mit der Aufgabe, die er als Soldat erfüllen muß
voll identisch ist, die nationalsozialistische Ideologie
akzeptiert, sogar naiv verinnerlicht, indem er die
Propagandasprache der Medien benutzt, um seine persönliche
Lage und sein Frontleben zu beschreiben.
[32]
Als
Siggis Eltern erfahren, daß Klaas, um sich vom weiteren
Fronteinsatz zu retten, sich selbst verstümmelt hat
und dann aus dem Lazarett geflohen ist, weiß der Vater
nicht, wie er sich benehmen soll, er ist verunsichert
und deutlich kann er den Konflikt zwischen seiner
dienstlichen Pflicht und Vaterliebe nicht verarbeiten.
Die Mutter ist entschiedener:
Er kommt
nicht hierher, sagte sie, nach allem, was er uns angetan
hat, wird er?s wohl nicht wagen, hier aufzutauchen
[...] Willst du ihn etwas warnen? Fragte sie; oder
willst du ihn sogar verstecken, wenn er hier auftaucht?
? Ich weiß nicht, sagte mein Vater, ich weiß nicht,
was ich tun soll, aber sie darauf: Du weißt hoffentlich,
was von dir erwartet wird. [...] Ich jedenfalls möchte
nichts mehr mit ihm zu tun haben. Wir sind fertig,
Klaas und ich, und wenn er hier auftaucht, bin ich
für ihn nicht zu sprechen. [...] Du hast einmal anders
von ihm gesprochen, sagte [der Vater], und außerdem
ist er verwundet. ? Verstümmelt, sagte meine Mutter.
Klaas ist nicht verwundet, sondern verstümmelt, und
das hat er selbst besorgt.
[33]
Die
Mutter ist in der Deutschstunde ? ähnlich auch
wie Eva Judejahn in Koeppens Tod in Rom ?die
Hüterin und unbeugsamste Vertreterin der Ideologie,
während dem Mann die Rolle des ?Ausführers? und ?Vollstreckers?
zukommt?.
[34]
Eine
völlig andere Reaktion der Mutter auf den Verlust
des Sohnes wird im Springenden Brunnen beschrieben:
[...] die
Mutter stand mit Anselm, alle hörten die Ortsgruppenleiterstiefel
auf den ächzenden Stufen. Drehen sich um. Ihm zu.
Die Mutter sieht ihn und schreit. [...] Der Schrei
hört nicht auf. [...] Der Ortsgruppenleiter geht in
die zur Küche gemachte Zimmerhälfte. [...] Die Mutter
sieht, sieht dem Ortsgruppenleiter entgegen, gibt
keinen Ton mehr von sich. Johann hat das Gefühl,
ihre Augen sehen nichts. [...] Der Ortsgruppenleiter
tut so, als nehme er Haltung an, als wolle er gleich
die Hand heben zum Deutschen Gruß. Aber er nimmt die
starre Mütze ab, [...] sagt etwas vom Felde der Ehre
[...], dann streckt er der Mutter plötzlich die Hand
hin und sagt leiser: Mein Beileid. Da die Mutter seine
Hand nicht ergreift, nimmt er sie zurück, sagt plötzlich
noch leiser: Herzliches Beileid.
[35]
Gudrun
Jepsen bemüht sich, dem nationalsozialistischen Staat
loyal zu sein und verdrängt dabei ihre natürliche
Pflicht: die der Mutter ihrem Kind gegenüber. Umgekehrt
Johanns Mutter: ihre Reaktion auf die Nachricht vom
Tod des Sohnes folgt der natürlichen Neigung. Ihr
Schmerz zwingt den Vertreter des Staates, von seiner
Pflicht abzusehen und menschlich zu reagieren.
Auffallenderweise
sind die beiden Mütter in ihren Grundcharakterzügen
einander nicht unähnlich. Das Schicksal oder die
existentielle Unsicherheit hat sie hart gemacht, hart
auch gegen die eigenen
Kinder. Auch ihre politische Haltung läßt gewisse
Vergleiche ziehen: Sie akzeptieren das nationalsozialistische
Regime. Gudrun Jepsen identifiziert sich mit der
Ideologie des Dritten Reiches, auf den Schultern
von Johanns Mutter liegt die Verantwortung für die
finanzielle Situation der Familie; tritt sie daher
noch zu Lebzeiten ihres Mannes in die Partei ein.
[36] Johanns Vater scheint diesen Schritt
nicht voll zu billigen. Er ist es auch, der sich mit
der eigentlichen Erziehung der Kinder beschäftigt,
der dank seiner künstlerischen Natur Johann mehr
Wärme zeigt als die Mutter. Zwar war der Vater, zu
seinen Lebzeiten, ein entschiedener Kriegsgegner
? er hat im ersten Weltkrieg genug gelitten und unmittelbar
vor der Machtübernahme von den Nationalsozialisten
behauptete er, ?Hitler bedeutet Krieg?, aber als die
Söhne eingezogen wurden, war er längst tot und nur
die Erinnerung an ihn, an seine Andersartigkeit und
gutmütige Kauzigkeit, konnte die Kinder nicht zur
besseren Einsicht erziehen. Die Mutter hat offensichtlich
weder Zeit noch Lust noch einen notwendigen politischen Weitblick
dafür gehabt. Sie kann sich keine Abweichung von
der im Dorf herrschenden sozialen Norm leisten. Ausdrücklich
betont Johann, daß seine Mutter eine panische Angst
davor hat, eines ihrer Kinder mache etwas, was die
Leute nicht verstehen würden. Ob eine Desertion eine
solche unverständliche Tat sein könnte, wird im Roman
nicht erwogen. In der Deutschstunde wird ebenfalls
nicht gefragt, wie Siggis Mutter auf den Tod Klaas?
reagiert hätte, wäre er an der Front gefallen, also
hätte er ihrer Vorstellung vom Heldensoldaten entsprochen.
Siegfried
Lenz läßt Siggi von einer Mutter erzählen, die jedem
stereotypen Bild von Elternliebe, Opferbereitschaft
und Wärme widerspricht. Daß der eigene Sohn über ihre
Kälte berichtet, macht das Bild Gudrun Jepsens beinahe
grausam. Der Sohn in Ein springender Brunnen
rechtfertigt seine Mutter, sieht die Bedingungen ihres
Lebens ein und ist bereit, in ihr, trotz ihres Parteibeitritts
und deutlich ?materialistischer?, nach außen gerichteten
Lebenshaltung, vor allem ?die Mutter? zu akzeptieren.
Die beiden unterschiedlichen Mutterbilder entstehen
nicht durch psychologisch vertiefte Charakterisierungen.
Sie sind vielmehr Folge verschiedener Geschichtsauffassungen
der beiden Autoren. Das Geschichtsbewußtsein, das
sich in Lenz? Roman entwickelt, ist in einer historischen
Situation angelegt, in der die Nazizeit einem radikalen
Delegitimierungsprozeß unterzogen wurde. Träger dieser
Delegitimierung war die junge Generation, die nach
dem offiziell geförderten ?Großen Schweigen? der fünfziger
Jahre in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre geradezu
eruptiv nach der Bewältigung der Vergangenheit verlangte.
Siegfried Lenz gehörte zu der Gruppe der Intellektuellen,
die ? da selbst mitverstrickt ? diese Delegitimierung
mit einer gewissen Vorsicht und behutsam betrachteten,
sie dennoch akzeptierten. In dieser Zeit gehörte der
gleichaltrige Walser zu den viel entschiedeneren Wortführern
des reinen Tisches.
[37] Das Geschichtsbild des dreißig Jahre
später entstandenen Romans revidiert jene Haltung.
Walsers Ein springender Brunnen widerspricht
auch der Tendenz der Abrechnung mit der Kindheit im
Nationalsozialismus, die man in den siebziger und
achtziger Jahren mit dem Begriff ?Väterbücher? beschreibt.
Er versucht die deutsche Geschichte zu legitimieren.
Die Unschuld des jugendlichen Haupthelden resultiert
aus der gesetzten Unschuld, Unwissenheit und Ratlosigkeit
seines Elternhauses und seines dörflichen Milieus.
Der Held ist in die Historie geworfen, er ist ihr
ausgesetzt und wird von ihr überrollt, ohne zu begreifen,
was mit ihm und der übrigen Welt wirklich passiert
ist. Dieser neue Blick, der die Strategie des Wegschauens
wählt und die Freiheit des individuellen Gewissens
über das kollektive stellt, beginnt sich im deutschen
Roman der vergangenen Jahre durchzusetzen.