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Orbis Linguarum Vol. 17/2001

Joanna Jabłkowska

Łódź

Ein Paradigmenwechsel in der deutschen Bewälti­gungsliteratur. Zu Siegfried Lenz: Deutschstunde und Martin Walser: Ein Springender Brunnen [1]

Seit mehr als fünfzehn Jahren ist in der deutschen Medienlandschaft das Problem der Faschismusbewältigung ein Gegenstand heftiger Debatten. Ausgelöst wurden sie Mitte der 80er Jahre, für die die Rede Richard von Weizsäckers am 8. Mai 1985, der Besuch von Ronald Reagan am Bitburger Friedhof und 1986 der Historiker­streit ausschlaggebend gewesen sind. Der Historikerstreit war noch nicht beendet, als 1988 Philipp Jenninger mit seiner Rede zur Reichskristallnacht und Martin Wal­ser mit seiner Deutschlandrede für Wiederbelebung der Bewältigungs-Debat­ten gesorgt haben. Der Streit um das Holocaust-Denkmal, die Wehrmacht-Ausstel­lung, das Buch Hitlers willige Vollstrecker von Goldhagen bilden eine intellektuel­le Landschaft, die eine nicht enden wollende Welle von Diskussionen über den Stellenwert der Erinnerung an den Nationalsozialismus und ihre Bedeutung für die politische und vor allem für die moralische Zukunft Deutschlands dokumentiert. Den Höhepunkt der Auseinandersetzung in den 90er Jahren stellt Martin Walsers Friedenspreisrede vom 11. Oktober 1998 dar. Walsers Roman Ein springender Brunnen erschien im Sommer 1998, kurz vor der Preisverleihung, nahm den Grund­tenor der Paulskrichenrede vorweg und befand sich mehrere Monate auf den Best­sellerlisten. Ein Vergleich von Ein springender Brunnen und der Deutschstunde von Siegfried Lenz ? einst ebenfalls ein großer Publikumserfolg und 1969, gerade an der Schwelle zur neuen Entwicklungsstufe der deutschen Nachkriegszeit er­schie­nen ? soll die neue Perspektive, die Walser einführt, anschaulich machen. Es ist interessant zu zeigen, wie sich der Blick auf die deutsche Geschichte innerhalb derselben Autorengeneration in den letzten dreißig Jahren gewandelt hat. Die These ist, daß Walsers Roman ein ?Schwellenwerk? ist, das eine neue Epoche in der deutschen Literatur über den Faschismus ? und unbestritten in dem Schaffen von Martin Walser ? einleitet. 

Auch die Generation der Nachgeborenen, die mit dem Krieg keine persönlichen Erinnerungen mehr verbindet, liefert gerade in der letzten Zeit Werke, die sich sehr stark mit der Aufarbeitung der Nazizeit befassen: Christoph Ransmayrs Morbus Kitahara, Norbert Gstreins  Die englischen Jahre, W.G. Sebalds Die Ausgewan­der­ten, Anna Mitgutschs Haus der Kindheit oder Bernhard Schlinks Der Vorleser können hier als exemplarische Beispiele genannt werden. Unabhängig von den ver­schiedenen Erzählstrategien und Strukturen dieser Werke wird deutlich, daß die Perspektive, aus denen sie geschrieben werden, nicht die der persönlichen Ver­strickung ist, sondern die einer gewissen negativen Faszination, einer oft spieleri­schen Neugier, welche die bürgerliche Verantwortung nicht ausschließen will, die jedoch mit der ?Scham- oder/und Schuldkultur? der unmittelbaren Nachkriegszeit und der sechziger und siebziger Jahre nicht mehr direkt verbunden werden kann.

Auf die Werke der jüngeren Generation kann hier lediglich hingewiesen wer­den, da ihre Besprechung den Rahmen dieses Artikels gesprengt hätte. Der Hinweis scheint allerdings notwendig zu sein, da der Paradigmenwechsel in der jüngsten ?Bewälti­gungsliteratur?, der heute zu konstatieren ist, selbstverständlich viel vielschichti­ger und komplizierter verläuft, als der, der sich aus der Analyse der beiden Romane von Lenz und Walser erfassen läßt.

Aleida Assmann hat in ihrer jüngsten Studie, die sie zusammen mit einer Ab­handlung von Ute Frevert herausgegeben hat ? der gemeinsame Titel lautet: Ge­schichtsvergessenheit ? Geschichtsversessenheit. Vom Umgang mit deutschen Ver­gangenheiten nach 1945 ? Walsers Paulskrichenrede zum Ausgangspunkt ihrer Überlegungen gemacht. Sie erwähnt auch die Rede von Siegfried Lenz, die zehn Jahre zuvor, 1988 aus demselben Anlaß gehalten wurde. Sie zitiert Lenz? Sätze: ?Spricht Geschichte noch zu uns, betrifft sie uns noch, wenn wir uns leidenschafts­los über sie beugen wie über ein Terrarium und kühl und erschütterungslos regi­strie­ren, was sich auf dem Grund tut?? [2] Der Umgang mit der Geschichte wird sowohl in Lenz? Deutschstunde [3] als auch in Walsers dreißig Jahre später geschriebenem Roman Ein springender Brunnen problematisiert, wobei in beiden Fällen das indi­vi­duelle, private Gedächtnis, das Assmann als kommunikatives Gedächtnis be­zeich­net, und das kollektive Gedächtnis befragt werden. [4]

Martin Walsers persönliches Dilemma, das sich in seinen Aufsätzen und Reden artikuliert, definiert Assmann als ?inkommunikables Gedächtnis?. Sie zitiert seine Deutschlandrede aus dem Jahre 1988, in der er sich vehement gegen die Überlage­rung seiner Kindheitserinnerungen vom späteren historischen Wissen wehrte: [5]

Für die radikale Alterität [von Walsers] Erinnerungen gibt es keine Übersetzungs­mög­lichkeit, die nicht zugleich eine Verfälschung wäre. [...] Die ?Unschuld der Erin­ne­rung? kann nicht vermittelt werden, weil der dramatische Werte- und Erfahrungs­wandel, der zwischen NS-Staat und der Bundesrepublik eingetreten ist, seinen Erin­nerungen ihre Unschuld genommen hat. Sofern er nicht bereit ist, seine Erinnerungen an den gegenwärtigen normativen Grundkonsens über die deutsche Geschichte anzu­passen, bleiben sie unartikuliert. [6]

Nun ist der Roman Ein springender Brunnen ein Versuch, die privaten Erinnerun­gen des Autors dennoch zu artikulieren und signalisiert einen neuen normativen Grundkonsens in der deutschen Öffentlichkeit. Die Erinnerungen wollen sich aber nicht in Form von einer Autobiographie erfassen, sondern brauchen eine fiktive Geschichte, die von einem Romanerzähler vermittelt wird. Der Erzähler sieht die Welt mit den Augen des fünf-, elf- und achtzehnjährigen Johann. Die Er-Form des Romans gewährleistet eine gewisse Distanz, die den Helden nicht einfach mit sei­nem Autor identisch macht, obwohl Johann wie Walser 1927 in Wasserburg am Bo­densee in der Familie eines Gastwirts geboren wurde. Die Einführung eines auktorialen Erzählers macht Johann zum Vertreter seiner ?skeptischen? Generation, der sogenannten Flakhelfer-Generation, der um zwischen 1926 und 1930 gebore­nen, der die ?intellektuelle Gründung der Bundesrepublik [...] zuzuschreiben ist, die seit dem Beginn der sechziger Jahre einen neuen kritischen Diskurs pflegte und den Anschluß an die verlorenen internationalen [...] Traditionen wiederherstellte.? [7] Ge­ra­de diese Intellektuellen haben das geistige Klima vorbereitet, das 1968 mit der Stu­dentenrevolte seinen Höhepunkt erreichte. In diesem kritischen und selbstkriti­schen, politisch sehr sensiblen historischen Humus entstand Siegfried Lenz? Deutsch­stun­de. Lenz ist fast auf den Tag ein Jahr älter als Walser, der zuerst bei der Flugab­wehr, dann bei den Gebirgsjägern war. Lenz war Marinesoldat. Sein Held Siggi Jepsen ist dagegen im September 1933 geboren ? auf den symbolischen Gehalt dieses Da­tums braucht man nicht hinzuweisen ? und gehört zu der ?unbefangenen? Kriegs­generation, [8] die nicht mehr eingezogen wurde, und bei der die Gnade der späten Geburt beginnt. Siggi macht von dieser Gnade aber keinen Gebrauch. Er erzählt aus der Perspektive eines einundzwanzigjährigen, [9] der mehr versteht als das Kind in den vierziger Jahren, und der in der Nachkriegsgesellschaft, welche die sozialen Verhaltensmuster der Nazizeit nur multipliziert, keinen Platz für sich findet. Siggi scheint nicht nur die Erfahrung seiner Altersgenossen, der um die Mitte der dreißi­ger Jahre Geborenen mit der Erfahrung seines Autors, die sich altersmäßig mit dem Frontschock des älteren Bruders Klaas deckt, zu verbinden. Er vertritt darüber hinaus ? das Erscheinungsjahr des Romans legitimiert diese Optik ? die Desorien­tierung der achtundsechziger Jugend, die, in den vierziger Jahren ? also ca. zehn Jahre nach Siggi und ca. fünfzehn-siebzehn Jahre nach Lenz, Walser (sowie Jo­hann, Josef und Klaas) ? geboren, die Väter nach ihrer Vergangenheit zu fragen begann. In beiden Romanen eröffnet die Elterngeneration einen breiteren histo­ri­schen Blick. Sowohl der Vater von Johann, für den der erste Weltkrieg ein traumatisches Erlebnis war, als auch der Maler Nansen und Jens Ole Jepsen gehören zu der ?Weimarer Ge­neration?, deren ?Niederlage zu keiner Erzählung [paßte], und ihre Schuld wuchs mit der Kenntnisnahme der nationalsozialistischen Verbrechen.? [10] Da der Vater in Ein Springenden Brunnen vorzeitig stirbt und den Ausbruch des zweiten Weltkrie­ges nicht mehr erlebt, engt sich die Perspektive des Romans wieder ein und kon­zen­triert sich auf der Johann-Generation. Lenz? Roman bemüht sich dagegen, durch das Einfangen verschiedener Generationsperspektiven den individuellen und nur privaten Fokus zu brechen, obwohl die doppelte Optik eines Jugendlichen, ergänzt durch die von Siggi selbst ironisierte pseudowissenschaftliche Perspektive Macen­roths, eine auktoriale Haltung und objektives Erzählen bewußt nicht zuläßt. [11]

Beide Romane scheinen sich in der Schilderung der Vergangenheit um eine Botschaft für die Gegenwart und die Zukunft zu bemühen, [12] beide konstruieren ein Geschichstbewußtsein, das nicht aus den großen historischen Ereignissen, sondern aus privaten Erlebnissen genährt wird; und beide versuchen, die individuelle Erin­nerung und das kommunikative Gedächtnis von zwei, höchstens drei Generationen zum kollektiven Gedächtnis umzufunktionieren.

Im Zentrum stehen Erlebnisse von jugendlichen Helden in der Zeit des Natio­nal­sozialismus. Kindheit und Jugend in der NS-Zeit ist in der deutschsprachigen Literatur ein Thema, das von vielen Schriftstellern als Chance für die Auseinan­der­setzung auch mit der eigenen Biographie wahrgenommen wurde: u.a. von Ilse Aichinger, Günter Grass, Horst Bienek, Walter Kempowski, Christa Wolf. Lenz? und Walsers Romane bieten sich dank ihren Parallelen besonders für eine ver­glei­chende Analyse an. [13]

Beide Jungen werden von ihren Eltern erzogen und leben in verhältnismäßig in­takten kleinbürgerlichen Familien. In beiden Fällen sind auch außerfamiliäre Ban­de für die Sozialisierung der Jungen ausschlaggebend. Für Siggi ist es die Freund­schaft mit dem Maler Nansen. Für Johann sind es der katholische Sitten­kodex, den er respektiert, obwohl auch nicht unkritisch hinnimmt und die frühen erotischen Faszinationen, die seine kindlichen Phantasien erfüllen. Auch einige Nebenfiguren zeigen auffallende Ähnlichkeiten: etwa die beiden dem Regime treuen und Schüler prügelnden Lehrer, in der Deutschstunde Tetjus Prugel und in Ein springender Brunnen der Lehrer Heller. Front- und Kriegserfahrungen werden in der Deutsch­stunde ausgespart, in Ein springender Brunnen werden sie auf zwei Helden ver­teilt, den Bruder Josef, der von der Front an die Familie Briefe schreibt und Johann, der allerdings einen richtigen ?Einsatz? nicht erlebt hat.

Die Handlung spielt in beiden Fällen in der Provinz, die von den Ereignissen der Weltgeschichte nicht viel mitbekommt und selbst intakt bleibt. Im ästhetischen Hintergrund werden der Heimatbegriff und die Heimatliteratur diskutiert. Bereits dazu liefert die Sekundärliteratur, besonders die umfangreiche Literatur zur Deutsch­stunde widersprüchliche Interpretationen. Lenz wie Walser wurde vorgeworfen, daß die Beschreibung eines dörflichen Kleinbürgermilieus nicht tragbar für die Problematisierung der eigentlichen Greueltaten des Nationalsozialismus sein kön­ne. Nun aber wird in beiden Fällen der untere Mittelstand [14] geschildert, der dem Faschismus die meisten Wähler und den ideologischen Nährboden geliefert hat. Im engen Fokus der Provinz spiegelt sich die Zeitgeschichte. Hans Wagener sah in Rugbüll eine Metapher für Deutschland. [15] Dies läßt sich genauso von Wasserburg behaupten, das der Erzähler im Namen seines Johann als ?die Welt? bezeichnet. Allerdings wird in der Deutschstunde der Heimat ? wenn man von Landschafts­erlebnis absieht ? ihr traditioneller gefühlsorientierter Wert explizit abgesprochen: ?Die größte Beschränktheit, zu der Heimatsinn verleitet, liegt doch wohl darin, daß man sich für zuständig hält, auf alle Fragen zu antworten: Hochmut der Enge...? [16] Das beschränkte, schablonenhafte Denken hilft dem Kleinbürger politische und moralische Klippen seiner Zeit zu übersehen und macht ihn zum gefährlichen, weil nicht reflektierenden Mitmacher. Ein springender Brunnen dagegen versteht sich als Nachruf auf die heimatliche Welt, die von stärkeren und übergreifenden Groß­kulturen allmählich verdrängt wird. Ganz im Sinne seiner Essays aus den Bänd­chen Heilige Brocken und Heimatlob, bemüht sich Walser, in seiner alemannischen Provinz einen ?Pflegefall? zu sehen. [17] Der Heimatkulisse kommen in beiden Ro­ma­nen verschiedene Funktionen zu: Bei Lenz dient sie als Modell der geistigen Enge, die ein günstiger Nährboden für die Entwicklung von totalitären Ideologien bilden kann. In Ein Springenden Brunnen ist sie ein Modell einer menschlichen Gemeinschaft, die sich dank der geistigen Solidarität, die auf Tradition baut, gegen fremde Ideologien, trotz aller Verlockungen, die sie mit sich bringen, immuni­sie­ren kann.

Auch die bereits erwähnte Divergenz der Erzählperspektiven ist für die Deu­tung der beiden Werke ausschlaggebend. Während Siggi ? zwar sehr subjektiv [18] ? über seine Kindheit selbst reflektieren darf ? er wird auf der Erzählebene von der Analyse des Psychologen Mackenroth ergänzt und provoziert ? läßt Ein springen­der Brunnen eine vertiefte Reflexion des erwachsenen Johann nicht zu. Der Ro­man zeigt drei Abschnitte aus seinem Leben zwischen 1932/33 und 1945. In der letzten Episode, die bereits nach dem Kriegsende und nach Johanns Rückkehr nach Hause spielt, ist die erotische Reife für die Entwicklung des Jungen wichtiger als das Zeitgeschehen. Auch aber der Rückblick auf seine gerade beendete Kindheit ist für den künftigen Weg Johanns wichtig. Dieser Rückblick versperrt sich gegen jede Infragestellung der politischen Unschuld, die der nun achzehnjährige Held für seine Heimat voraussetzt.

Sein ehemaliger Klassenkamerad Wolfgang Landsmann, der jüdischer Abstam­mung ist, erzählt ihm von der Angst, in der seine Mutter all die Jahre gelebt hat. Johanns Reaktion ist darauf ist geradezu programmatisch:

Vielleicht meinte Wolfgang, daß Johann ein Vorwurf zu machen sei, weil er all das nicht gewußt, nicht gemerkt hatte. Johann wehrte sich gegen diesen vermuteten Vor­wurf. [...] Niemand sollte ihm eine Empfindung abverlangen, die er nicht selber hat­te. Er wollte leben, nicht Angst haben. Frau Landsmann würde ihn mit ihrer Angst anstecken, das spürte er. Er mußte wegdenken von ihr und ihrer Angst. [19]

Dieser Wolfgang Landsmann und seine Mutter gehören zu den wenigen Juden, denen man im Roman begegnet. Sie haben die Nazizeit überlebt. Das einzige, was Wolfgang passiert ist, ist der Ausschluß aus dem Jungvolk, eine Demütigung, die in Johanns Augen schlimm genug gewesen ist. Aber nicht so schlimm, daß er es nachher nicht vergessen hätte. Frau Landsmann hat die gefährlichen Jahre schließ­lich überstanden. Der Lehrer Heller, der dafür sorgen wollte, daß Frau Landsmann abgeholt würde, ist bestraft worden. Er muß im Schaufenster mit einem Schild um den Hals sitzen: Ich war Nazi. Den konsequentesten und unsympathischen Natio­nalsozialisten im Roman, Herrn Brugger, holt ebenfalls eine Strafe ein. Er wird wegen Veruntreuung verhaftet und stirbt im Gefängnis. Die Wendehals-Haltung seiner Familie kann Johann ? schon wegen Herrn Bruggers Tod ? weder be- noch verurteilen. Daß sein Freund Adolf sich jetzt Stefan nennen läßt und Frau Brugger von der ?schlimmen Zeit? spricht, akzeptiert Johann, der ja von den wirklichen Untaten des Nationalsozialismus wenig erfahren hat, und was er erfahren hat, hat er nicht glauben wollen. Nach mehr Informationen verlangt er nicht. Im Gegenteil, er will diese Informationen von sich fernhalten. Nach Johanns Urteilsvermögen ? so der Eindruck, den der Erzähler vermittelt ? seien die Schulden sofort nach dem Krieg beglichen worden. Nicht nur Herr Brugger ist tot. Diejenigen, die in Wasser­burg noch Ende März 1945 einen Polen gehängt haben, wurden dann von Polen ?sofort gejagt, gekriegt und totgeschlagen.? [20] Edi Fürst, der Jungzugführer und Nazi, wollte noch am 13. Mai nicht glauben, daß der Krieg zu Ende ist, wollte wei­ter kämpfen und ist auf eine Mine gefahren. ?Arme Frau?, heißt es jetzt selbst­ver­ständlich über seine Mutter. [21] Der sympathische SS-Mann Gottfried Hübschle, der Johann George-Gedichte geschenkt hat, ist vermißt. An seiner Stelle erschlugen Franzosen irrtümlich seinen Vater. In Johanns Umgebung gibt es niemanden mehr, der noch von einer Schuld befleckt ist. Die Toten dagegen, die Johann geliebt hat, wird er vermissen. Er begreift des Großonkels Verhaftung nicht, und auch sein Tod gehört zu den vielen Sinnlosigkeiten dieses Krieges. Daß sein Bruder nicht mehr lebt, bleibt Johann immer noch unvorstellbar. Viele Jugendfreunde sind ge­fallen. So ist in Johanns Bewußtsein die Zeit, deren Ideologie er nie hat lernen können, zu Ende.

Das Bewußtsein einer Romanfigur ist selbstverständlich nicht zu ?korrigie­ren?. Diese konsequente Perspektive des kleinen Provinzlers, des unschuldigen Unwissenden, hat jedoch die ? allerdings sehr selten ausgesprochene ? Irritation der Kritik verursacht, Auschwitz komme im Roman nicht vor. [22] Nun ist diese enge Perspektive in den ersten zwei Teilen glaubwürdig. Im ersten Teil ist der Erzähler noch sehr vordergründig präsent. Etwa bei der Feier des Kriegervereins werden die Braunhemden, die im Dorf Nazi-Sozi genannt werden, mit einer Sorg­falt beschrieben, die nicht dem Dorfereignis im Jahre 1932 gilt, sondern der spä­teren historischen Entwicklung, die der kleine Johann ja nicht ahnen konnte. Auch der elfjährige Johann versteht etwas mehr, als ein Bub aus der entlegensten Pro­vinz hätte verstehen können. [23] Weil der Erzähler im Jahre 1932 und im Jahre 1938 doch mehr weiß als sein kleiner Held, gehört es zu der bewußten Strategie des Textes, daß er 1945 nichts wissen will, was sein achtzehnjähriger Johann nicht erfahren hat. Dieser selektive Blick des Erzählers, der dem kleinen Bub zu helfen vermag, das Bewußtsein des fast erwachsenen Jungen dagegen konsequent legitimiert und dadurch die Nazivergangenheit von der Nachkriegszeit deutlich abgrenzt, gibt dem individuellen Schicksal der Nachkriegszeit die Chance eines Neubeginns, allerdings jenseits und auf Kosten der kollektiven Schuldbe­wälti­gung. In einem DVjs-Artikel, der in seinem Kern der Friedenspreisrede gewid­met ist, doch mit einer überzeugenden Analyse des Romans beginnt, pointiert Amir Eshel, Walsers ?Narration [erweise sich] als Entlastungsmanöver. [...] Die Ver­tei­di­gung der Kindheit [...] führt somit in Ein springender Brunnen zu dem Ver­such, seine Kindheit nach dem Freiheitsprinzip des Nichtwissens neu zu erfinden.? [24]

Auch in der Deutschstunde kommt Auschwitz nicht vor. Lenz schließt sich mit seinem Roman nicht an die öffentliche Auschwitz-Diskussion an, die nach den Auschwitz- und Eichmann-Prozessen in der deutschen Gesellschaft eine neue Phase der Erinnerungsarbeit eingeleitet haben und er folgt nur bedingt der Tendenz der neueren Literatur, die Günter Butzer als paradoxes Eingedenken bezeichnet. [25] Über die Konzentrationslager und die Judenvernichtung erfährt man aus Lenz? Roman nichts, während in Walsers Ein Springender Brunnen immerhin eine Episode über die Dachauer eingeschrieben wurde. Daher auch der Vorwurf der damaligen Kritik, deutlich aus dem Geiste der achtundsechziger Be­wegung formuliert, Lenz lasse ?sein Romangeschehen im ?Windschatten der Geschichte? spielen?. [26] Nicht die Dokumentation der Nazi-Verbrechen lag der Konzeption der beiden Romane zugrunde. Der Umgang mit der deutschen Ver­gangenheit wird vielmehr aus der Entwicklung der beiden jugendlichen Haupt­figuren deutlich. Sie machen in derselben Zeit und in einer ähnlichen sozialen Umgebung völlig verschiedene Erfahrungen, die völlig verschiedene Lebenswege ermöglichen.   Während Johann mit seiner kleinen provinziellen Welt voll iden­tisch ist, kann sich Siggi mit seiner Umgebung nicht integrieren und scheut bis hin zur Selbstzerstörung diese Integration. Gewinnt Johann erst dank dem Be­wußtsein kollektiver Zugehörigkeit seine private, individuelle Identität, kann Siggi seinem Milieu nur eine trotzende Ablehnung zeigen. Der dissidierende Junge setzt die Reihe der Helden der fünfziger Jahre von Koeppen oder Böll fort, die Unschuldigen Einsamen im ?resignierenden Rückzug?, wie A. und M. Mitscherlich sie nennen. [27] Johann ist voller Zuversicht auf Möglichkeiten künst­lerischer Selbstverwirklichung, Siggi dagegen scheint keine Zukunft, zumindest keine positive Zukunft vor sich zu haben. Der Schluß der Deutschstunde be­stä­tigt, daß die Nachkriegsgesellschaft von der Vergangenheit nichts gelernt hat. Ähnliche soziale Mechanismen wie in dem provinziellen Rugbüll in der Zeit des Krieges funktionieren auch in der Anstalt auf der Insel, in der Siggi seine Erin­nerungen aufschreibt. Er soll am Ende entlassen werden und kommentiert dies auf eine Art, die in dem einundzwanzigjährigen vorzeitig einen zynisch-bitteren Erwachsenen erkennen läßt:

Die Zeit ist wohl um? ? [...] Deine Zeit auf der Insel. ? Freust du dich? [...] drüben etwas Neues anzufangen? [...] Das gibt?s doch nicht: in jede Suppe, die wir rühren, hat schon jemand gespuckt. [28]

Johann  kann und will dagegen sein erwachsenes Leben nach dem Krieg unbe­schä­digt anfangen.

Die Sprache, die er nach 1933 erlernt hatte, war, nach der Kirchensprache, die zwei­te Fremdsprache gewesen. [...] Er hatte sich mit beiden Sprachen herumgeschlagen. Er mußte eine eigene finden. Dazu mußte er frei sein. Wenn er anfängt zu schreiben, soll schon auf dem Papier stehen, was er schreiben möchte. Was durch die Sprache, also von selber aufs Papier gekommen wäre, müßte von ihm nur noch gelesen wer­den. Die Sprache, dachte Johann, ist ein springender Brunnen. [29]

Der Identitätsbegriff wird ?mit einer spezifischen Krisenerfahrung und deren psychischen Bearbeitung durch das betroffene Subjekt in Zusammenhang gebracht [...]. [Diese Erfahrung drückt sich ] als ein Fragwürdigwerden von Handlungs- und Lebensorientierungen, welche dem Dasein des heranwachsenden Kindes und Jugendlichen bislang Halt und Richtung verliehen. Der Identitätsbegriff ist unwei­gerlich mit der Beschreibung einer Adoleszenzkrise verschnürt [...].? [30] Eine solche Adoleszenzkrise wird von Siegfried Lenz in seiner Deutschstunde erfaßt, während Walser eine integre Persönlichkeit beschreibt. Siggis scheiternde personale Iden­ti­tät und seine psychische Verstörung und Johanns innere Sicherheit und Stärke wur­zeln in der primären Sozialisation, die sie im Elternhaus und in der kleinbürger­li­chen Dorfwelt erfahren haben.

Im Folgenden werden zwei Szenen miteinander verglichen, die Reaktionen der Mütter auf die Nachricht vom Verlust der älteren Söhne zeigen. [31] Klaas Jepsen wird von den Eltern nach seiner Desertion verstoßen und Josef fällt an der Ost­front. Klaas erzählt nicht von seinen Fronterfahrungen und der Phantasie des Lesers wird über­lassen, Gründe für seine verzweifelte Flucht zu finden. Josef schreibt dagegen Brie­fe von der Front, die davon zeugen, daß er mit der Aufgabe, die er als Soldat erfüllen muß voll identisch ist, die nationalsozialistische Ideologie akzeptiert, so­gar naiv verinnerlicht, indem er die Propagandasprache der Medien benutzt, um seine persönliche Lage und sein Frontleben zu beschreiben. [32]

Als Siggis Eltern erfahren, daß Klaas, um sich vom weiteren Fronteinsatz zu retten, sich selbst verstümmelt hat und dann aus dem Lazarett geflohen ist, weiß der Vater  nicht, wie er sich benehmen soll, er ist verunsichert und deutlich kann er den Konflikt zwischen seiner dienstlichen Pflicht und Vaterliebe nicht verarbeiten. Die Mutter ist entschiedener:

Er kommt nicht hierher, sagte sie, nach allem, was er uns angetan hat, wird er?s wohl nicht wagen, hier aufzutauchen [...] Willst du ihn etwas warnen? Fragte sie; oder willst du ihn sogar verstecken, wenn er hier auftaucht? ? Ich weiß nicht, sagte mein Vater, ich weiß nicht, was ich tun soll, aber sie darauf: Du weißt hoffentlich, was von dir erwartet wird. [...] Ich jedenfalls möchte nichts mehr mit ihm zu tun haben. Wir sind fertig, Klaas und ich, und wenn er hier auftaucht, bin ich für ihn nicht zu spre­chen. [...] Du hast einmal anders von ihm gesprochen, sagte [der Va­ter], und außer­dem ist er verwundet. ? Verstümmelt, sagte meine Mutter. Klaas ist nicht verwundet, sondern verstümmelt, und das hat er selbst besorgt. [33]

Die Mutter ist in der Deutschstunde ? ähnlich auch wie Eva Judejahn in Koep­pens Tod in Rom ?die Hüterin und unbeugsamste Vertreterin der Ideologie, wäh­rend dem Mann die Rolle des ?Ausführers? und ?Vollstreckers? zukommt?. [34]

Eine völlig andere Reaktion der Mutter auf den Verlust des Sohnes wird im Sprin­genden Brunnen beschrieben:

[...] die Mutter stand mit Anselm, alle hörten die Ortsgruppenleiterstiefel auf den äch­­zenden Stufen. Drehen sich um. Ihm zu. Die Mutter sieht ihn und schreit. [...] Der Schrei hört nicht auf. [...] Der Ortsgruppenleiter geht in die zur Küche gemachte Zimmerhälfte. [...] Die Mutter sieht, sieht dem Ortsgruppenleiter entgegen, gibt kei­nen Ton mehr von sich. Johann hat das Gefühl, ihre Augen sehen nichts. [...] Der Orts­gruppenleiter tut so, als nehme er Haltung an, als wolle er gleich die Hand heben zum Deutschen Gruß. Aber er nimmt die starre Mütze ab, [...] sagt etwas vom Felde der Ehre [...], dann streckt er der Mutter plötzlich die Hand hin und sagt leiser: Mein Beileid. Da die Mutter seine Hand nicht ergreift, nimmt er sie zurück, sagt plötzlich noch leiser: Herzliches Beileid. [35]

Gudrun Jepsen bemüht sich, dem nationalsozialistischen Staat loyal zu sein und verdrängt dabei ihre natürliche Pflicht: die der Mutter ihrem Kind gegenüber. Um­gekehrt Johanns Mutter: ihre Reaktion auf die Nachricht vom Tod des Sohnes folgt der natürlichen Neigung. Ihr Schmerz zwingt den Vertreter des Staates, von seiner Pflicht abzusehen und menschlich zu reagieren.

Auffallenderweise sind die beiden Mütter in ihren Grundcharakterzügen einan­der nicht unähnlich. Das Schicksal oder die existentielle Unsicherheit hat sie hart gemacht, hart auch gegen die eigenen Kinder. Auch ihre politische Haltung läßt ge­wisse Vergleiche ziehen: Sie akzeptieren das nationalsozialistische Regime. Gud­run Jepsen identifiziert sich mit der Ideologie des Dritten Reiches, auf den Schul­tern von Johanns Mutter liegt die Verantwortung für die finanzielle Situation der Familie; tritt sie daher noch zu Lebzeiten ihres Mannes in die Partei ein. [36] Johanns Vater scheint diesen Schritt nicht voll zu billigen. Er ist es auch, der sich mit der eigentlichen Erziehung der Kinder beschäftigt, der dank seiner künstlerischen Na­tur Johann mehr Wärme zeigt als die Mutter. Zwar war der Vater, zu seinen Leb­zeiten, ein entschiedener Kriegsgegner ? er hat im ersten Weltkrieg genug gelitten und unmittelbar vor der Machtübernahme von den Nationalsozialisten behauptete er, ?Hitler bedeutet Krieg?, aber als die Söhne eingezogen wurden, war er längst tot und nur die Erinnerung an ihn, an seine Andersartigkeit und gutmütige Kauzig­keit, konnte die Kinder nicht zur besseren Einsicht erziehen. Die Mutter hat offen­sichtlich weder Zeit noch Lust noch einen notwendigen politischen Weitblick da­für gehabt. Sie kann sich keine Abweichung von der im Dorf herrschenden sozi­alen Norm leisten. Ausdrücklich betont Johann, daß seine Mutter eine panische Angst davor hat, eines ihrer Kinder mache etwas, was die Leute nicht verstehen würden. Ob eine Desertion eine solche unverständliche Tat sein könnte, wird im Roman nicht erwogen. In der Deutschstunde wird ebenfalls nicht gefragt, wie Siggis Mut­ter auf den Tod Klaas? reagiert hätte, wäre er an der Front gefallen, also hätte er ihrer Vorstellung vom Heldensoldaten entsprochen.

Siegfried Lenz läßt Siggi von einer Mutter erzählen, die jedem stereotypen Bild von Elternliebe, Opferbereitschaft und Wärme widerspricht. Daß der eigene Sohn über ihre Kälte berichtet, macht das Bild Gudrun Jepsens beinahe grausam. Der Sohn in Ein springender Brunnen rechtfertigt seine Mutter, sieht die Bedingungen ihres Lebens ein und ist bereit, in ihr, trotz ihres Parteibeitritts und deutlich ?ma­te­rialistischer?, nach außen gerichteten Lebenshaltung, vor allem ?die Mutter? zu ak­zeptieren. Die beiden unterschiedlichen Mutterbilder entstehen nicht durch psy­cho­logisch vertiefte Charakterisierungen. Sie sind vielmehr Folge verschiedener Geschichtsauffassungen der beiden Autoren. Das Geschichtsbewußtsein, das sich in Lenz? Roman entwickelt, ist in einer historischen Situation angelegt, in der die Nazizeit einem radikalen Delegitimierungsprozeß unterzogen wurde. Träger dieser Delegitimierung war die junge Generation, die nach dem offiziell geförderten ?Großen Schweigen? der fünfziger Jahre in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre geradezu eruptiv nach der Bewältigung der Vergangenheit verlangte. Siegfried Lenz gehörte zu der Gruppe der Intellektuellen, die ? da selbst mitverstrickt ? diese Delegitimierung mit einer gewissen Vorsicht und behutsam betrachteten, sie dennoch akzeptierten. In dieser Zeit gehörte der gleichaltrige Walser zu den viel entschiedeneren Wortführern des reinen Tisches. [37] Das Geschichtsbild des dreißig Jahre später entstandenen Romans revidiert jene Haltung. Walsers Ein springender Brunnen widerspricht auch der Tendenz der Abrechnung mit der Kindheit im Na­tionalsozialismus, die man in den siebziger und achtziger Jahren mit dem Begriff ?Väterbücher? beschreibt. Er versucht die deutsche Geschichte zu legitimieren. Die Unschuld des jugendlichen Haupthelden resultiert aus der gesetzten Unschuld, Unwissenheit und Ratlosigkeit seines Elternhauses und seines dörflichen Milieus. Der Held ist in die Historie geworfen, er ist ihr ausgesetzt und wird von ihr über­rollt, ohne zu begreifen, was mit ihm und der übrigen Welt wirklich passiert ist. Dieser neue Blick, der die Strategie des Wegschauens wählt und die Freiheit des individuellen Gewissens über das kollektive stellt, beginnt sich im deutschen Ro­man der vergangenen Jahre durchzusetzen.


[1]  Dieser Artikel stellt die vollständige Fassung meines Referats dar, das ich während des IVG-Kongresses in Wien 2000 gehalten habe. Die gekürzte, auf 7,5 Seiten reduzierte Fassung erscheint in der Publikation der Sektionsreferate des X. Internationalen Germanistenkongresses. Einige Passagen der Analyse des Romans Ein springender Brunnen wurden meinem Buch entnommen: Joanna Jabłkowska: Zwischen Heimat und Nation. Das deutsche Paradigma? Zu Martin Walser. Stauffenburg 2001.

[2]  Siegfried Lenz: Am Rande des Friedens. In: ders.: Über das Gedächtnis: Reden und Auf­sätze. Hamburg 1992, S. 85?103, hier S. 92.

[3]  In der frühen (1971) Interpretation des Romans aus der Reihe Oldenbourg-Interpre­ta­tionen heißt es explizit: ?Es geht in dieser Deutschstunde um die Bewältigung der jüng­sten Vergangenheit [...].? Albrecht Weber, u.a.: Siegfried Lenz. Deutschstunde. München 31975, S. 16.

[4]  ?Das individuelle Gedächtnis ist das Medium subjektiver Erfahrungesverarbeitung. [...] Persönliche Erinnerungen existieren nicht nur in einem besonderen sozialen Milieu, son­dern auch in einem spezifischen Zeithorizont. Dieser Zeithorizont wird durch den Wech­sel der Generationen bestimmt. Mit jedem Generationswechsel, der nach einer Periode von ca. vierzig Jahren stattfindet, verschiebt sich das Erinnerungsprofil einer Ge­sellschaft merklich. [...] Zu einem noch tieferen Einschnitt kommt es nach 80?100 Jahren. Das ist die Periode, in der verschiedene Generationen ? in der Regel sind es drei, im Grenzfall sogar fünf ? gleichzeitig existieren und durch persönlichen Austausch eine Er­fah­rungs-, Erinnerungs- und Erzählgemeinschaft bilden. Auch dieses Drei-Generationen-Gedächtnis ist ein wichtiger Horizont für persönliche Erinnerungen. Da diese ohne solche stützenden Rahmen nicht fortbestehen können und da sich diese Rahmen nach 30?40 bzw. nach 80?100 Jahren naturgemäß auflösen, sind dem kommunikativen Gedächtnis feste zeitliche Grenzen gesetzt. Wir können deshalb mit Bezug auf das kommunikative Gedächtnis auch vom Kurzgedächtnis der Gesellschaft sprechen. [...] Im kommunikativen Gedächtnis [...] verschränken sich bereits individuelles und kollektives Gedächtnis. [...] Wie wird das kollektive Gedächtnis zu einem generationenübergreifenden sozialen Langszeitgedächt­nis? Die Antwort lautet: in Verbindung mit der Entstehung eines politischen Kollektivs, einer Solidargemeinschaft. Gedächtnis und Kollektiv unterstützen sich gegenseitig: Das Kollektiv ist der Träger des Gedächtnisses, das Gedächtnis stabilisiert das Kollektiv.? Aleida Assmann in: Aleida Assmann, Ute Frevert: Geschichtsvergessenheit ? Geschichts­versessenheit. Vom Umgang mit deutschen Vergangenheiten nach 1945. Stutt­gart 1999, S. 36?42. Zum kommunikativen Gedächtnis vgl. Jan Assmann: Kollektives Gedächtnis und kulturelle Identität. In: Jan Assmann, Tonio Hölscher (Hrsg.): Kultur und Gedächtnis. Frankfurt 1988, S. 9?19.

[5]  ?Ich habe das Gefühl, ich könne meine Erinnerung nicht nach Belieben umgehen. Es ist mir, zum Beispiel, nicht möglich, meine Erinnerung mit Hilfe eines inzwischen erwor­be­nen Wissens zu belehren.? Martin Walser: Über Deutschland reden. In: ders.: Werke in zwölf Bänden. Hrsg. v. Helmut Kiesel unter Mitwirkung v. Frank Barsch. Frankfurt a.M. 1997, Bd. 11, S. 896?915, hier S. 896.

[6]  Assmann, in: Assmann/Frevert: Geschichtsvergessenheit ? Geschichtsversessenheit, S. 39.

[7]  Ebd., S. 40. Vgl. auch Heinz Bude: Die Erinnerung der Generationen. In: Helmut König, Michael Kohlstruck Andreas Wöll (Hrsg.): Vergangenheitsbewältigung am Ende des zwan­zigsten Jahrhunderts. Wiesbaden 1998 (= Leviathan. Zeitschrift für Sozialwissenschaft. Sonderheft 18/1998), S. 69?85: ?Zwischen der dominierenden Weimarer-Generation und der dominierten Kriegsgeneration spielte in der Konstellation von 1945 die ?skepti­sche Generation? der zwischen 1926 und 1930 geborenen Schüler- und Kinder-Soldaten aus der Endphase des Zweiten Weltkriegs den ?umgelenkten Typ?. Gegen die totale Skep­sis der Weimarer Geisteselite setzten die ?letzten Helden des Führers? ihre kleine und prä­zise Skepsis. Nicht das Sich-Aufrichten an der totalen abendländischen Geste, sondern das Verstehen auf den ?kleinen Verrat? und die ?tägliche schmutzige Rettung? riet Hans Mag­nus Enzensberger 1957 zur ?Verteidigung der Wölfe gegen die Lämmer?. [...] Helmut Schelsky bescheinigte dieser Jugend einen ?geschärften Wirklichkeitssinn? und ?ein uner­bittliches Realitätsverlangen? und gab der ?Generation der vorsichtigen aber erfolgreichen jungen Männer? seinen Segen? (S. 76f.).

[8]  Assmann, in: Assmann/Frevert: Geschichtsvergessenheit ? Geschichtsversessenheit, S. 40.

[9]  Zur Erzählperspektive siehe detaillierter die beiden Oldenbourg-Interpretationen: Albrecht Weber: Siegfried Lenz Deutschstunde, S. 29?38 und auch das Kapitel ?Sprechebenen? von Hendrik Rickling, S. 39?52 sowie Fred Müller: Siegfried Lenz: Deutschstunde. München 1996 (= Oldenbourg-Interpretationen; Bd. 80), S. 29 und 55ff., auch u.a.: Theo Elm: Sieg­fried Lenz ? Deutschstunde. Engagement und Realismus im Gegenwartsroman. München 1974; Claus Nordbruch: Über die Pflicht. Eine Analyse des Werkes von Siegfried Lenz. Versuch über ein  deutsches Phänomen. Hildesheim/Zürich/New York 1996, bes. S. 140ff.: Winfried Baßmann: Siegfried Lenz. Sein Werk als Beispiel für Weg und Standort der Li­teratur in der Bundesrepublik Deutschland, 21978, S. 164?176.

[10] Bude: Die Erinnerung der Generationen, S. 75.

[11] Dazu vgl. eine verhältnismäßig neue Studie von Nordbruch: Über die Pflicht, S. 140?144 (Unterkapitel 3.5: ?Vollkommenes objektives Erzählen ist nicht möglich?).

[12] In einer der ersten kritischen Interpretationen der Deutschstunde  wird ? etwas pathetisch ? konstatiert, ? Siggis Geschichte wird [...] zu einer Warnung aus gemachten Erfahrungen für uns heute. [...] [D]ie gewollten Ähnlichkeiten mit den wirklichen Ereignissen [...] und die Verschränkung der Zeitebenen: hier deutsche Schuld ? dort Reeducation, der Titel Deutschstunde, die Strafarbeit in der Besserungsanstalt, all dies legt es nahe, in dem gan­zen Roman ein großes Bild für Deutschland zu sehen.? Dietrich Peinert: Siegfried Lenz? Deutschstunde. Eine Einführung. In: Colin Russ (Hrsg.): Der Schriftsteller Siegfried Lenz. Urteile und Standpunkte. Hamburg 1973, S. 149?178, hier S. 154f.

[13] Amir Eshel weist auf Werke über die Kindheit in der NS-Zeit hin, die von Opfern ge­schrie­ben wurden: Da werde das Besondere an Walsers Roman erst deutlich. Vgl. Amir Eshel: Vom eigenen Gewissen. Die Walser-Bubis-Debatte und der Ort des National­so­zialismus im Selbstbild der Bundesrepublik. In: DVjs 2 (2000), S. 333?360, hier S. 334.

[14] Vgl. dazu Birgit Alt: ?Zeitgeschichtliche und gesellschaftliche Aspekte.? In: Weber, u.a.: Siegfried Lenz. Deutschstunde, S. 77?83, hier S. 78.

[15] Nach Müller: Siegfried Lenz: Deutschstunde, S. 13.

[16] Siegfried Lenz: Deutschstunde. München 1973, S. 121. Allerdings kann auch in der Deutsch­stunde die Heimat ? aufgrund von Landschaftsschilderungen beispielsweise ? im Sinne der traditionellen Heimatliteratur interpretiert werden. Hartmut Pätzold schreibt in seinem Text-+- Kritik-Artikel aus dem Jahre 1976: ?Jedoch gelingt es dem Autor nur selten, die von ihm erfundene literarische Provinz Rugbüll als kritisches Erkenntnisinstrument einzu­setzen, Statt dessen gewinnt das Motiv der Heimat als eines Identität und Schutz gewäh­ren­den Ortes zusehend die Oberhand, wobei Rugbüll die Funktion eines symbolischen Iden­tifikationsraumes erhält, der trotz aller Widrigkeiten den Sieg des ?Guten? unterstützt und dadurch auf Umwegen die altbewährte Illusion der Geborgenheit erlaubt.? Hartmut Pätzold: Zeitgeschichte und Zeitkritik im Werk von Siegfried Lenz. In: Text + Kritik. Zeitschrift für Literatur. Hrsg. v. Heinz Ludwig Arnold. Heft 52 (1976), S. 9?15, hier S. 12.

[17] Martin Walser: Zweierlei Füß. Über Hochdeutsch und Dialekt. In: ders.: Heilige Brocken. Aufsätze, Prosa, Gedichte. Frankfurt a. M. 1988, S. 28?35, hier S. 35. Der Erzähler in Ein springender Brunnen schreibt im ?Vorwort als Nachwort? zum Roman: ?[...] wie alles Natürliche stirbt der Dialekt, wenn seine Existenzbedingungen zu ungünstig werden. Um es zeitgenössisch auszudrücken: wenn das Logotop zerstört wird. Dann ist es Zeit, Nach­rufe vorzubereiten. Diese Zeit wird allmählich vorstellbar.? Martin Walser:  Ein springen­der Brunnen. Frankfurt a. M. 1998, S. 412f.

[18] Die Erzählperspektive in der Deutschstunde  wurde in der Forschungsliteratur mehrmals besprochen (Fußnote 9). Hier vgl. Nordbruch: Über die Pflicht, S. 140: ?Es spricht für die Souveränität von Siegfried Lenz, zu fordern, daß die Wahrheit, die von Siggi vertreten wird, eben auch nur eine Wahrheit und nicht als die alleingültige anzusehen ist.?

[19] Walser: Ein springender Brunnen, S. 401.

[20] Ebd., S. 380.

[21] Vgl. ebd.

[22] Vgl. Literarisches Quartett v. 13.8.1998. Die Rezensionen des Romans waren aber insge­samt sehr positiv. Vgl. z.B.: Christoph Bartmann: Auf dem Baum der Wörter. In: Die Pres­se v. 1.8.1998; Reinhard Baumgart: Epen in Wasserburg. Martin Walser verteidigt seine Kindheit. In: Die Zeit v. 6.8.1998; Peter Glotz: Johann, ich staune. In: Die Woche v. 31.7.1998; Volker Hage: Königssohn von Wasserburg. In: Der Spiegel 31 (1998), S. 148?150; Helmuth Karasek: Ein springender Brunnen verteidigt erneut die Kindheit. In: Der Tagesspiegel v. 15.8.1998; Thomas Steinfeld: Der Wanderfotograf. Martin Walsers Ein springender Brunnen. In: FAZ v. 26.9.1998. Zu der Rezeption vgl. allegmein: Martin Walser: Ein springender Brunnen. In: Fachdienst Germanistik 9 (1998), S. 15?17.

[23] Dies hat Jost Nolte in seiner (guten) Welt-Rezension bemerkt: ?Es mag ja sein, daß ein Bengel in allen Hinsichten am Bodensee weiter war als sein Altersgenosse an der Kieler Förde, aber soviel weiter?? Jost Nolte, ?Wörterbäume eines frühreifen Bengels?, In: Die Welt v. 29.7.1998.

[24] Eshel: Vom eigenen Gewissen, S. 338f.

[25] Vgl. Günter Butzer: Fehlende Trauer. Verfahren epischen Erinnerns in der deutschsprachi­gen Gegenwartsliteratur. München 1998. Butzer interpretiert einige Romane der Nach­kriegs­zeit, die zwischen der Mitte der sechziger und Anfang der neunziger Jahre erschienen sind: Bobrowskis Levins Mühle, Johnsons Jahrestage, Weiss? Ästhetik des Widerstands, Bern­hards Auslöschung und Handkes Die Wiederholung. ?Gemeinsam ist den behandelten Wer­ken, daß sie das Modell literarischer Trauerarbeit zugunsten eines Modells paradoxen Eingedenkens aufgeben, das im Fehlen der Trauer gründet (S. 11). [...] Das paradoxe Ein­gedenken würde ?Bewahrung im Bruch und durch den Bruch? (S. 45) bedeuten. Für diese Erinnerungsliteratur sei ?der Rückzug zu einer kontinuierlichen und identitätsstiftenden Erinnerungsarbeit ausgeschlossen. Gerade die zeitliche Distanz zerstört die Illusion des un­mittelbaren Zugriffs auf die Vergangenheit, und die Reflexion der Unmöglichkeit authen­tischer Erinnerung, die diese Texte beständig begleitet, ruft die Integration des Unsag­ba­ren ins Sagbare hervor und erzeugt so die bedeutungs­konstituierenden Leerstellen, die die Stiftung von Sinn erst ermöglichen und zugleich dessen Fixierung immer aufs neue unter­minieren? (S. 62).

[26] Müller: Siegfried Lenz: Deutschstunde, S. 11.

[27] Alexander und Margarethe Mitscherlich:  Die Unfähigkeit zu trauern. Grundlagen kol­lektiven Verhaltens. 9. Aufl. München 1973, S. 56.

[28] Lenz: Deutschstunde, S. 414.

[29] Walser: Ein springender Brunnen, S. 401ff.

[30] Jürgen Straub: Personale und kollektive Identität. Zur Analyse eines theoretischen Be­griffs. In: Aleida Assmann, Heidrun Friese: Identitäten. Erinnerung, Geschichte, Iden­tität 3. Frankfurt a. M. 1998, S. 73?104, hier S. 83.

[31] Siggis Konflikt mit dem Vater, dem Polizisten Jens Ole Jepsen, ist sehr vordergründig. Deutsch­stunde könnte als einer der ersten Werke aus der Reihe der Väterbücher inter­pre­tiert werden. Vgl. dazu beispielsweise: Waltraud Strickhausen: Umworben, vereinnahmt, verfolgt. Kinderwelten im Nationalsozialismus als Thema in Film und Literatur. In: Vikto­ria Hertling: Mit den Augen eines Kindes. Children in the Holocaust. Children in Exile. Children under Fascism. Amsterdam-Atlanta 1998 (= Amsterdamer Publikationen zur Sprache und Literatur), S. 272?302.

[32] ?[...] sie erfahren ja nichts, man erzählt sich so viel von den neuen Waffen, hoffentlich kommen die bald, überall sind sie von der Bevölkerung jubelnd begrüßt worden, die Russen haben hier furchtbar gehaust, Leute erschossen, Frauen vergewaltigt [...], beim letzten Angriff war bei ihm ein Offizier einer anderen Kompanie eingestiegen, der will Josef jetzt für das EK einreichen, das wäre natürlich eine Wucht, gestern ist der Russe mit achtzig Panzern durchgebrochen, und Josef hat nicht dabeisein können [...]?. Walser: Ein springender Brunnen, S. 329.

[33] Lenz: Deutschstunde, S. 88f.

[34] Felicia Letsch: Auseinandersetzung mit der Vergangenheit als Moment der Gegenwarts­kritik: die Romane Billard um halb zehn von Heinrich Böll, Hundejahre  von Günter Grass,  Der Tod in Rom von Wolfgang Koeppen und Deutschstunde von Siegfried Lenz. Köln 1982, S. 56.

[35] Walser: Ein springender Brunnen, S. 339?340.

[36] Zu der Mutter-Figur in Ein springender Brunnen ? in Verbindung mit Martin Walsers auto­­bio­graphischen Aussagen und seiner Publizistik sowie zum Schluß auch mit der Kon­zeption der Mutter-Figur in Die Verteidigung der Kindheit siehe Heidi Gidion: Sohn-Sein, mehrfach. Vom Stoff zur Figur in den Romanen Ein springender Brunnen und  Die Verteidigung der Kindheit. In: Text + Kritik, 41/42 (2000). Hrsg. v. Heinz Ludwig Arnold, S. 50?61. Zur Mutter-Figur in Ein springender Brunnen  im Zusammenhang mit ihrem Partei-Eintritt vgl. auch Eshel: Vom eigenen Gewissen, S. 336ff.

[37] Zu den verschiedenen Perspektiven in der Beurteilung des Nationalsozialismus von der achtundsechziger Generation und der ca. zehn bis fünfzehn Jahre älteren Flakhelfer-Ge­ne­­ration vgl. Bude: Die Erinnerung der Generationen, S. 80: ?Die Reaktion der da­mals Vier­zigjährigen aus der Flakhelfer-Generation auf diesen Ausbruch eines schein­bar längst ver­gangenen Pathosbedarfs war gespalten: Eine kleine, aber einflußreiche Gene­ra­tionseinheit schloß sich dem Protest der Studenten an und verlieh der sozialen Bewe­gung [...] das nachhaltige intellektuelle Design [Zu dieser Gruppe würde Ende der sech­ziger Jahre auch Martin Walser gehören J.J.], während sich die Mehrheit durch den ra­dikalen Gestus der Bewegung in die Defensive gedrängt fühlte. Besonders das ödipale Szenarium einer Anklage der Väter hatte unwillkürliche Verteidigungs- und Beschwich­tigunsgreaktionen zur Folge, die die Gelegenheitsstruktur zum Nationalsozialismus her­ausstellten und die Verständnisbrücken zwischen den Generationen aus der Toleranz der Not rechtfertigten.? Diesem zweiten Modell würde Martin Walsers Spätwerk, insbeson­dere der Roman Ein springender Brunnen gehören.

 
 
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