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Orbis Linguarum Vol.
17/2001
Piotr Dehnel
Wrocław
Natur - Geschichte - Kunst
Die Struktur der Frühphilosophie von F. W. J. Schelling
Das
philosophische Denken des jungen Schelling stammt
aus dem Problemkreis, der durch die Werke von Kant
und vor allem von Fichte bestimmt wurde. Es handelt
sich um die Idee der Transzendentalphilosophie, insbesondere
um die Fichtesche Wissenschaftslehre. Was ist der
Transzendentalismus und worin liegt sein Wesen ? das
ist die Frage, welche sich nicht leicht beantworten
läßt. Wie bekannt, zielt nach Kant die transzendentale
Reflexion nicht auf das Wissen selbst, sondern auf
die apriorischen Bedingungen seiner Möglichkeit. Die
transzendentale Frage ist also nicht die Frage nach
der ?Erkenntnis?, sondern die Frage nach der möglichen
Erkennbarkeit, nach den Bedingungen und der notwendigen
Struktur der Erkenntnisrelation zwischen Subjekt und
Objekt und zwischen Erkenntnis und Wirklichkeit. Um
die Relation Subjekt-Objekt zu erklären, muß die transzendentale
Reflexion aus sich heraustreten und sich nach der
apriorischen, unbewußten und nicht im empirischen
Bewußtsein vorhandenen Bedingungen ihrer Möglichkeit
richten. Das empirische Bewußtsein, das das Wissen
über einen Gegenstand zum Inhalt hat, erweist sich
letzten Endes als das in einem ?höheren Wissen? gefaßten
Bewußtsein, das durch dieses ?höhere Wissen? vorausgesetzt
wird. Kant bestimmt jenes Wissen mit dem Begriff ?der
transzendentalen Einheit der Apperzeption?, Fichte
dagegen mit dem Begriff des ?absoluten Ich?. Beide
Philosophen suchen nach der Einheit von Wissen und
Sein in einer Subjektivität, aber nicht in einer empirischen,
sondern in einer transzendentalen, die die Transzendenz
erst hervorbringt. Der transzendentale Gesichtspunkt
zeigt in diesem Kontext zugleich einen radikal antimetaphorischen
Ansatz. Eine der am häufigsten zitierten Stellen des
Transzendentalismus aus der Kritik der reinen Vernunft
lautet: ?Ich nenne alle Erkenntniß transzendental,
die sich nicht sowohl mit Gegenständen, sondern mit
unserer Erkenntnisart von Gegenständen,
insofern diese a priori möglich sein soll.?
[1]
Trotz der Kürze gibt diese Bestimmung die oben erwähnten
antimetaphysischen Züge des Transzendentalismus sehr
gut wieder. Im Rahmen der transzendentalen Reflexion
kann nicht nach einem Sein an sich gefragt werden,
unabhängig davon, wie es unserem Bewußtsein erscheint.
Es läßt sich nicht fragen, wie ist die Welt, unabhängig
von ihrer Erkenntnisweise (Kant) und wie die Welt
sein soll (Fichte). In der Tat stellt der Transzendentalismus die Möglichkeit irgendeiner Gegenstandsphilosophie
in Frage, also auch die Natur- und Geschichtsphilosophie.
Was ist die Natur als Ganzes, was für einen Sinn hat
die Geschichte ? das sind die Fragen, die prinzipiell
außerhalb der Möglichkeit unserer Erkenntnis bleiben.
Die Philosophie des jungen Schelling wird oft als die
Kontinuität des Kant-Fichteschen Transzendentalismus
dargestellt. Der vorliegende Versuch will keine Bestätigung
oder Ablehnung dieser Interpretation bieten, obwohl
dem Autor völlig bewußt ist, daß das Problem, ob Schelling
sich mit seiner Natur- und Geschichtsphilosophie
vom Transzendentalismus entfernt oder nicht, nicht
auszuklammern ist. Der Aufsatz will vielmehr einen
Denkprozess beschreiben, der seinen Anfang im Bereich
der Transzendentalphilosophie hatte. Allerdings muß
jede Beschreibung etwas Konkretes sein. Das Problem,
welches ich hier erklären möchte, läßt sich mit der
Frage fassen, wie kommt das Denken des jungen Schelling
zur Natur und zur Geschichte? Welche sind dafür die
theoretischen Voraussetzungen, und was muß dieses
Denken überwinden, um den Weg zur Welt in der natürlichen
wie geschichtlichen Dimension zu finden? Wie kommt
es zu einer Rehabilitierung des Gegenstandes auf dem
Boden des deutschen Idealismus? Xavier Tilliette ?
einer der bedeutendsten Schellingforscher hat sein
umfassendes Buch Schelling. Une philosophie en
devenir betitelt. Seiner Meinung nach ist das
Werden ein Seinsmodus der Schellingschen Philosophie.
Sie zu beschreiben, bedeutet also die Beschreibung
ihres Werdens.
Die ersten philosophischen Schriften Schellings haben
sich durch die unmittelbare Anregung von
Fichtes Werken gebildet, und sie können als
ein Kommentar zur Urfassung der Wissenschaftslehre
betrachtet werden. Es geht vor allem um Schriften
wie: Über die Möglichkeit einer Form der Philosophie
überhaupt (1794), Vom Ich als Prinzip
der Philosophie oder über das Unbedingte im menschlichen
Wissen (1795), Philosophische Briefe über Dogmatismus
und Kritizismus (1795), Abhandlungen zur Erläuterung
des Idealismus der Wissenschaftslehre (1797). In der
ersten der oben genannten Schriften stellt sich Schelling
ein ähnliches Problem wie Fichte in seiner Schrift
Über den Begriff der Wissenschaftslehre, und zwar
das Problem der Möglichkeit der Philosophie als einer
Wissenschaft. Das Hauptthema ist dabei die Unterscheidung
zwischen Form und Inhalt. [2] Die Philosophie, wenn sie eine Wissenschaft
sein will, muß einen
bestimmten Inhalt in einer bestimmten Form
haben. Die Verbindung von beiden kann keineswegs willkürlich
sein, aber der Grund dieser Verbindung sollte tiefer
liegen. In diesem Fall bedingen sich die Form und
der Inhalt wechselseitig, was möglich ist, wenn wir
annehmen, daß sowohl der Inhalt als auch die Form
durch einen Grundsatz
begründet wird. Schelling geht also nicht
über den Fischteschen Begriff der Wissenschaft und
der wissenschaftlichen Philosophie hinaus. Er hebt
jedoch ausdrücklich die einheitliche Struktur des
Grundsatzes hervor. Der transzendentale
Gesichtspunkt der Wissenschaftslehre setzt
voraus, daß die Einheit des Grundsatzes ? Ich bin
Ich ? in einem Selbstbewußtseinsakt konstituiert wird,
den Fichte als die Tathandlung benennt. Schelling
versucht dagegen die Einheit des Grundsatzes etwas
anders zu zeigen, nämlich dadurch, daß diese Einheit
unmittelbar aus der Struktur des Grundsatzes in rein
theoretischer Weise folgt. Damit verbunden ist die
Schellingsche Kritik an Kant. Schelling wirft Kant
vor, daß er die analytische und synthetische Form
als Urform allen Denkens betrachtet. Es ist aber zu
fragen, woher kommt diese, und wo ist das Prinzip,
auf das sie gegründet ist? Kant unterscheidet eine
analytische und eine synthetische Form ohne den gemeinsamen
Grund dieser Unterscheidung zu finden. Wenn man die
Kantschen Kategorien der Formen genauer betrachtet,
so findet man in der Tat, daß Kant, anstatt die Kategorie
der Relation als Prinzip der übrigen aufzustellen,
sie unter die anderen Kategorien gestellt hat. Nach
der Schellingschen Auffassung liegen dann die Formen
der Relation nicht nur allen übrigen zugrunde, sondern
sie sind mit der Urform (der analytischen, der synthetischen,
und der gemischten) identisch
[3] .
Diese theoretische
Stellungnahme Schellings in bezug auf die Einheit
des Grundsatzes bewirkt, daß in seiner Auslegung
der Wissenschaftslehre der Übergang zur praktischen
Philosophie fehlt. Die Möglichkeit eines moralischen
Handelns liegt nicht in dem Grundsatz selbst begründet.
Statt dessen haben wir es in Schellings Schrift mit
der Tendenz zu tun, die ursprüngliche Einheit des
Grundsatzes in einer rein theoretischen Weise zu erklären.
Damit hängt die formale Betrachtungsart des Grundsatzes
zusammen.
Der nächste Schritt auf dem Weg zur Bestimmung des ersten
Grundsatzes der Philosophie ist die Schrift Vom Ich...,
der die Reaktion Schellings auf Fichtes Werk Grundlage
der gesamten Wissenschaftslehre war. In dieser Schrift
kommt Schelling auf das Problem der Philosophie als
Wissenschaft zurück, aber er tut das in ein anderen
Weise als in Über die Möglichkeit.... Schelling stellt
die Frage nach der Realität des Wissens: Entweder
muß unser Wissen ohne Realität, ein beständiges
wechselseitiges Verfließen aller einzelnen Sätze ineinander,
ein Chaos sein, oder es muß einen letzten Punkt geben,
an dem alles hängt. Die Realität des Wissens folgt
nach Schelling aus der Tatsache, daß das Wissen die
Darstellung eines objektiv existierenden Gegenstandes
ist. Sie bedeutet auch nicht Intersubjektivität des
Wissens. Der letzte Grund aller Realität ist in Schellings
Auffassung ein Etwas, das nur durch sich selbst, d.
h. durch sein Sein denkbar ist, das nur insofern gedacht
wird, als es ist. Das ist ein Etwas, bei dem das Prinzip
des Seins und des Denkens zusammenfallen.
[4] Die Frage nach der
Realität unseres Wissen ist daher mit der Frage nach
dem Unbedingten in unserem Wissen identisch. Das Unbedingte
in unserem Wissen ist also ein sich selbst setzendes
Ich, das als das Setzende von jedem ?denkenden
Ich? als dem Gesetzten ganz verschieden ist.
[5] Das Ich selbst ist
nicht denkbar, ohne daß zugleich sein Sein gesetzt
wird. Das so eben verstandene Ich stellt den absolut
ersten, unbedingten Grundsatz des ganzen Systems dar.
Es ist zugleich der ontologische Grund für die Objekt-Subjekt-Relation, die Voraussetzung
des ?empirischen Ich? und ihm entgegensetzten Nicht-Ich.
Schelling bestimmt das absolute Ich als die absolute
Identität. Als solche kennt das Absolute keinen Gegenstand,
also kein Bewußtsein und auch nicht als das, was Schelling
mit dem Namen ?Persönlichkeit? bezeichnet. Zwar war
auch ihm völlig bewußt, daß die philosophische Reflexion
die Grenzen des Selbstbewußtseins nicht überschreiten
kann, aber diese Tatsache spricht nur von der Unzulänglichkeit
der Vernunft in der Erkenntnis des Absoluten. Die
Erfahrung des im Bewußtsein geschlossenen Seins
setzt ihm die Grenzen. Darum sagt Schelling, daß das
Selbstbewußtsein die Gefahr voraussetzt, das Ich
zu verlieren. Das ist vielleicht das bedeutendste
Bekenntnis des jungen Schelling.
In der Schellingschen Philosophie nimmt das unendliche
Ich von Anfang an Züge transreflexiver Identität
an, d.h. den Charakter einer Einheit im Gegensatz
zur Selbstbeziehung. Man kann sagen, daß der Unterschied
zwischen Schelling und Fichte bezüglich des Verstehens
des absoluten Ich mit dem Unterschied zwischen den
Ideen des Guten (agaton) und den Ideen des Einen (en)
vergleichbar ist.
[6] Bei Schelling haben
wir es also mit der Ontologisierung des Fichteschen
Ich zu tun.
[7] Das absolute Ich enthält
das Sein, das allem Denken und Vorstellen vorhergeht.
Daraus folgt das Problem, das immer wieder in Schellings
Philosophie aktuell wird, nämlich das Problem der
Beziehung des in sich begriffenen Absoluten zum Anderen,
d. h. zum ganzen Bereich des Endlichen. Denn Schellings
Denken vertieft sich ursprünglich in die Sphäre der
Unendlichkeit, um dann nach dem Übergang zum Endlichen
zu suchen. Das aber erwies sich als sehr schwer, sogar
geradezu als unmöglich, weil das Absolute keine Vermittlungen
kennt, das Sein an sich, die unendliche Negation des
Anderen ist. Wie soll sich dann das Absolute in der
Welt verwirklichen? Für Schelling gibt es keinen Weg
vom ?unendlichen Ich? zur Welt insofern dieses unendliche
Ich von ewiger Dauer ist. Es gibt dagegen den umgekehrten
Weg, der der Weg der Zernichtung der Persönlichkeit
ist.
Die ganze Schwierigkeit der Schellingschen Interpretation
besteht darin, daß er mit diskursiven Mitteln das
zu beschreiben versucht, was man in dieser Weise nicht
tun kann, nämlich das Absolute als das Sein an sich
und für sich zu fassen. Das Absolute wird zwar im
Gegensatz zu Spinoza im Ich gesetzt, aber es hat den
Charakter der transreflexiven Identität und wird dem
Bezug auf ein empirisches Bewußtsein entzogen.
[8] Daß es ein absolutes
Ich gibt, das läßt sich nicht objektiv, d. h. vom
Ich als Objekt, beweisen, denn eben das sollte nach
Schelling bewiesen werden, daß es nie Objekt werden
könnte. Es kann also keine Theorie des Absoluten
geben, weil alles Erklären oder Begreifen des absoluten
Ich eine Umwandlung in ein Bedingtes und dadurch vermitteltes
Sein bedeutet würde. Es muß also nach anderen Erkenntnismitteln
gesucht werden, die ?die Absolutheit des Absoluten?
nicht brechen können. Die Erkenntnis selbst soll auch
das absolute und unbedingte Wissen darstellen. Eine
solche Erkenntnis ist für Schelling die intellektuelle
Anschauung. Der Begriff der intellektuellen Anschauung
wird im Kontext verwendet, in dem vom Medium die Rede
ist, dadurch daß das empirische Bewußtsein vom Absoluten
weiß. Im theoretischen Sinne wird die intellektuelle
Anschauung als bestimmte Art der inneren Erfahrung
verstanden, in der das Absolute unmittelbar aufgefaßt
wird. Sie ist in diesem Zusammenhang die Methode oder
? wie Schelling im System des transzendentalen Idealismus
sagt ? das Organ allen transzendentalen Denkens.
Zugleich kommt aber mit diesem theoretischen Sinn
ein praktisch zusammen, in dem die intellektuelle
Anschauung als ein absoluter Zustand begriffen wird,
der das Ziel für das unendliche Streben ist.
In
den beiden ersten philosophischen Arbeiten wollte
Schelling auf dem Weg der formalen Analyse des Begriffs
der Unbedingtheit das Absolute rein theoretisch auffassen.
Die nächsten Versuche, d.h. Philosophische Briefe
über Dogmatismus und Kritizismus
liefern aber einen neuen Gesichtspunkt. Denn
nun haben wir es nach den spekulativ-ontologischen
Ausführungen in die Sphäre des Absoluten mit der ethischen
Interpretation zu tun, in der das Absolute ein im
moralischen progressus infinitivus realisierbares
Ideal der praktischen Vernunft ist. So ist die Hauptthese
Schellings in den Briefen...,
daß die Kritik der reinen Vernunft einen Kanon
für alle möglichen philosophischen Systeme bildet.
Auf Grundlage der Kantschen Kritik könnte man, laut
Schelling, sowohl ein konsequentes System des Kritizismus,
als auch ein konsequentes System des Dogmatismus konstruieren.
Beide Systeme laufen notwendig auf absolute Identität
hinaus, nur daß der Kritizismus unmittelbar
auf die absolute Identität des Subjekts
zielt, und mittelbar auf die Übereinstimmung
des Objekts mit dem Subjekt.
[9] Der Dogmatismus hingegen
zielt unmittelbar auf die Identität eines absoluten
Objekts, und mittelbar auf die Übereinstimmung des
Subjekts mit dem absoluten Objekt. Keines der beiden
Systeme kann direkt das andere widerlegen, weil
ihr Streit das oberste Prinzip berührt, das
man von keinem höheren deduzieren kann. Dieser Streit
bleibt also unentscheidbar. Für beide Systeme bleibt
nichts übrig als das Absolute, da es nicht Gegenstand
des Wissens sein kann, es zum Gegenstand des Handelns
zu machen. Nicht durch die Handlung selbst unterscheiden
sich Dogmatismus und
Kritizismus voneinander, sondern durch den
Geist. Wem der Gedanke erträglich ist, an der eigenen
Vernichtung zu arbeiten, die Freiheit in sich aufzuheben
und die Modifikationen eines Objekts zu sein, der
wählt den Dogmatismus. Derjenige, welcher das, was
der Dogmatiker in der objektiven Welt sucht, in sich
selbst finden will und damit zur Freiheit des Willens
zurückkehrt, wählt den Kritizismus.
[10]
In
den Philosophischen
Briefen über Dogmatismus und Kritizismus ist
nun Schelling zum Schluß gekommen, daß das Absolute
sich nicht in theoretischer Weise begründen läßt.
Statt dessen fordert er seine praktischen Verwirklichung
durch ein moralisches Handeln. Die Konsequenz dieses
Gesichtspunkts war die Betrachtung der Natur als einer
Dimension, die für den Menschen radikal fremd ist.
Schelling sieht in der Natur die Grenze der menschlichen
Autonomie, die überschritten werden muß. Die Verschiebung
der Lösung des Problems des Absoluten in den Bereich
des Praktischen konnte so nicht gelingen. Die Relation
zwischen Absolutem und Wissen ist nicht erklärt worden.
So
sind wir zur Frage nach dem Übergang von der Transzendentalphilosophie
zur Naturphilosophie gekommen. Dieser Übergang ist
nach meiner Meinung in den Abhandlungen zur Erläuterung
des Idealismus der Wissenschaftslehre vollzogen worden.
Es handelt sich darum, daß Schelling die Natur nicht
mehr als Nicht-Ich versteht, sondern er findet in
der Natur die Geschichte unseres Geistes, ein Bereich,
in dem er sich allmählich zum Selbstbewußtsein erhebt.
Schelling formuliert hier die Idee der transzendentalen
Vergangenheit, die zugunsten der Natur nicht als Anderssein
des Geistes gedacht wird, sondern als das, was wir
selber dereinst gewesen sind. In den Philosophischen
Briefen über Dogmatismus und Kritizismus setzte Schelling
voraus, daß das Endliche selbst die Tendenz in sich
haben sollte, um nach dem Unendlichen zu streben.
Daher wird die intellektuelle Anschauung als das Untergehen
im indifferenten Nichts des Absoluten bestimmt. Jetzt,
d. h. in den Abhandlungen... kommt die neue Perspektive
zum Ausdruck. Sie besteht darin, zu zeigen, daß alle
Handlungen des Geistes darauf hinauslaufen, das Unendliche
im Endlichen darzustellen.
[11] Das Ziel aller dieser
Handlungen ist das Selbstbewußtsein, und die Geschichte
dieser Handlungen ist nichts anders als die Geschichte
des Selbstbewußtseins. Für den Geist, der die Form
des die Objekte anschauenden Bewußtseins angenommen
hat, führt der Weg zum Selbstbewußtsein über eine
Übereinstimmung zwischen Objekt und Subjekt, die nichts
anderes als eine Reproduktion der ursprünglichen Übereinstimmung
ist, welche in der Selbstanschauung des Geistes realisiert
wird. Die äußere Welt liegt vor uns aufgeschlagen,
um in ihr die Geschichte unseres Geistes wiederzufinden.
Die Wirklichkeit scheint also die bewußtlose Handlung
des Geistes zu sein. Da in diesem Geist ein unendliches
Bestreben ist, sich selbst zu organisieren, so muß
auch in der äußeren Welt eine allgemeine Tendenz zur
Organisation sich offenbaren.
In
dieser Schellingschen Schrift haben
wir es mit der neuen Konzeption des Absoluten
zu tun. Nach dieser Konzeption muß das Absolute mit
seiner Geschlossenheit brechen, aus sich in die Welt
hinausgehen, um sich selbst wieder in ihr zu finden.
Das ist eine dynamische Auffassung des Absoluten.
Wie schon oben erwähnt wurde, ist die Natur für Schelling
kein totes Objekt (wie das Fichtesche Nicht-Ich),
sondern sie wird als wesentliches Moment im Leben
des Absoluten gedacht. Damit ist der Weg zur Naturphilosophie
geöffnet. Zuerst thematisiert Schelling das Verhältnis
zwischen Mensch und Natur. [12] Genauer genommen handelt es sich um das Problem
der verlorenen Einheit des Menschen mit der Natur.
In den Augen Schellings war das ursprüngliche Verhältnis
des Menschen zur Natur durch sein Gemeinsamsein
mit ihr bestimmt und hatte unreflexiven Charakter.
Erst mit der Fragestellung, wie eine Welt außer uns,
wie eine Natur und mit ihr Erfahrung möglich sei,
erfolgte die Trennung des Subjekts vom Objekt und
des Geistes von der Materie. Mit dieser Trennung fängt
auch die Reflexion an und von Schelling wird diese
uns von der Natur trennende Reflexion negativ beurteilt.
Er ist der Meinung, daß die bloße Reflexion eine Geisteskrankheit
des Menschen ist
[13] . Darum bewertet er
die Reflexion negativ. Sie geht von jener ursprünglichen
Trennung aus, um durch Freiheit wieder zu vereinigen,
was im menschlichen Geiste ursprünglich vereinigt
war, d.h. um jene Trennung auf immer aufzuheben. Die
Überwindung dieser Trennung des Menschen von der Natur
wird somit zur Aufgabe der Philosophie, einer Trennung,
die als Resultat der Reflexion entstanden ist. Diese
Überwindung gilt als die Enthüllung der Einheit aller
Dinge. Wie kann aber diese Aufgabe erfüllt werden,
wenn das Philosophieren jene Trennung nur noch befestigt?
Die Antwort Schellings beruft sich auf das reflexive
Denken als Resultat einer freien Handlung,
durch die der Mensch in jenen Zustand zurückkehrt,
in welchem er unbewußt die Krankheit seiner Vernunft
erlebte. Das häufig bei Schelling anzutreffende Motiv
des verlorenen Sohnes läßt uns in dem Reflexionsakt
einen Freiheitsakt erblicken, der aufgrund seiner
vollen Verwirklichung den Menschen von der Natur trennt.
Die Philosophie soll also zeigen, daß der Mensch
zur lebendigen Welt durchaus zurückkehren kann,
daß er imstande ist, ein versöhnendes Verhältnis zur
Natur wieder herzustellen, weil sie selber einen freien
Akt darstellt. Es fragt sich freilich, wie das zu
verwirklichen wäre, was denn jenes geheime Band sei,
das unseren Geist mit Natur verknüpft? Schellings
Antwort ist: solange ich selbst mit der Natur identisch
bin, verstehe ich, was eine lebendige Natur ist, so
gut, als ich mein eigenes Leben verstehe. Das Leben
ermöglicht also eine Annäherung an die Natur, mit
anderen Worten: Leben ergreift Leben.
So
ist Schelling in den Abhandlungen zur Erläuterung
des Idealismus der Wissenschaftslehre zur dynamischen
Konzeption des Absoluten gekommen, in der der Geist,
indem er überhaupt Objekte anschaut, nur sich selbst
anschaut. Die Entfaltung dieser Auffassung war die
Naturphilosophie, die als theoretischer Teil der Philosophie
verstanden wurde. Die Naturphilosophie stellt sich
selbst als Anschauung des Geistes in den Naturobjekten
dar, so daß die objektive Welt die ursprüngliche,
noch bewußtlose Poesie des Geistes ist, wie Schelling
in dem System der Transzendentalphilosophie
[14] sagt. Allerdings
kommt der sich selbst in der Natur anschauende Geist
noch nicht zu Selbstbewußtsein, er erkennt noch nicht,
daß er selbst es ist, der sich anschaut. Das geschieht
erst in der Geschichte, die eine Sphäre der bewußten
Handlungen der Menschen ist. Anfänglich hat Schelling
in seiner Version des Transzendentalismus keinen Platz
für die Geschichte gefunden.
[15] Einerseits, mußte
die Reflexion über die Natur als unbewußt sich entwickelndes
Absolutes notwendig zur Geschichte führen; andererseits
war aber die Naturphilosphie eine wesentliche Hemmung
für die Entwicklung der geschichtsphilosophischen
Konstruktion. Man muß hierbei hervorheben, daß der
Schellingsche Begriff der Geschichte an der Natur
orientiert ist. Im zehnten Brief aus den Philosophischen
Briefen über Dogmatismus und Kritizismus finden wir
den Entwurf einer Konzeption, in der Geschichte
und Natur als zwei Entwicklungsstufen des Absoluten
gedacht werden. Schelling sieht in der Kunst eine
Verbindung des Kritizismus und Dogmatismus.
[16] Dabei gibt es zwischen
Dogmatismus und Unbewußtem in der Natur einen Zusammenhang,
wie auch das Bewußte und Freie mit Kritizismus und
Geschichte notwendig verbunden sind. In diesem Kontext
ist eine Philosophie der Geschichte für die praktische
Philosophie eben das, was die Natur für die theoretische
Philosophie ist. Die Vollendung des ganzen Systems
ist die Kunst. Sie ist die Verbindung von Bewußtem
und Bewußtlosem, Notwendigkeit und Freiheit, Natur
und Geschichte. Dieses Schema hat Schelling im System
des transzendentalen Idealismus entwickelt. Zugleich
ist dies das Werk, in dem die Geschichtsphilosophie
des jungen Schelling vollständig dargestellt wird.
Die
Geschichte stellt für Schelling die Vereinigung der
Notwendigkeit und der Freiheit und nur durch diese
Vereinigung ist sie möglich. Die Philosophie der Geschichte
kann aber diese Verbindung nur als ein Schicksal oder
ein Postulat fassen.
[17] Es handelt sich darum,
daß der Grund und die Bedingung der Freiheit eine
allgemeine Rechtsverfassung ist. Die Freiheit muß
garantiert sein durch eine Ordnung, welche offen
und so unveränderlich ist wie die der Natur. Diese
Rechtsverfassung nennt Schelling zweite Natur. Solche
Ordnung kann nicht anders als durch Freiheit verwirklicht
werden. Es gibt nun aber einen Widerspruch zwischen
Notwendigkeit (die allgemeine
Rechtsverfassung) und Freiheit. Was für den
Menschen ohne Absicht entsteht, entsteht wie die objektive
Welt; nun soll aber durch ein freies Handeln auch
Objektives, eine zweite Natur, die Rechtsordnung,
entstehen. Aber durch ein freies Handeln kann dem
Menschen nichts Objektives entstehen, denn alles Objektive
als solches entsteht ohne Bewußtsein. Wie jene zweite
Natur durch freies Handeln entstehen konnte, wäre
unbegreiflich, wenn nicht der bewußten Tätigkeit
eine ohne Bewußtsein entgegenstünde. Der Konflikt
zwischen beiden Tätigkeiten läßt sich auflösen, wenn
man voraussetzt, daß die Freiheit selbst die Notwendigkeit
sein soll. Mit anderen Worten: man muß beweisen, daß,
wenn die Menschen frei und bewußt handeln, sich unbewußt
auch das bildet, was sie nie beabsichtigten. Das
ist aber nicht anders als durch das Schicksal oder
die Vorsehung möglich. Es handelt sich darum, daß
der Mensch, bezüglich des Handels selbst frei ist,
was aber das endliche Resultat seiner Handlungen betrifft,
abhängig ist von einer höheren Notwendigkeit. Der
Begriff des Schicksals ist für Schelling nicht ganz
klar. Darum sollte man diesen Begriff transzendental
erklären. Die Geschichte aus der Vorsehung oder aus
dem Schicksal erklären heißt, sie gar nicht erklären,
denn Vorsehung oder Schicksal sind eben das, was selbst
erklärt werden muß. Wenn sich die Reflexion nur auf
das Objektive in allem Handeln richtet, dann muß man
die ganze Geschichte als prädeterminiert annehmen,
nicht durch eine bewußte, sondern durch eine völlig
blinde Vorherbestimmung, die durch den dunkeln Begriff
des Schicksal ausgedrückt wird, welches das System
des Fatalismus ist. Wenn sich die Reflexion dann auf
das Subjektive richtet, dann entsteht ein System der
absoluten Gesetzlosigkeit, das das eigentliche System
des Atheismus ist. Wenn aber die Reflexion bis zu
jenem Absoluten dringt, was der gemeinsame Grund der
Harmonie zwischen der Freiheit und der Intelligenz
ist, dann entsteht das System der Vorsehung, d. h.
Religion. Die Geschichte als Ganzes ist also eine
fortgehende, allmählich sich enthüllende Offenbarung
des Absoluten. Man muß jedoch hervorheben, daß der
Prozess der Offenbarung des Absoluten in der Geschichte
nie ganz geschehene Offenbarung ist.
[18]
Nach
Schelling wird das Absolute als der ursprüngliche
Grund aller Harmonie des Subjektiven und Objektiven,
welches in seiner Identität nur durch die intellektuelle
Anschauung dargestellt werden kann, erst durch das
Kunstwerk ganz objektiv. Die Vollendung des ganzen
Systems ist also die Kunstphilosophie. Die Kunst gilt
im System des transzendentalen Idealismus als ?Organon
und Dokument?. In der intellektuellen Biographie des
Philosophen stelle dieses Werk einen Übergang von
der früheren Phase, die noch im Gesichtskreis der
Fichteschen Wissenschaftslehre bleibt, zur Entwicklungsphase,
in der Schelling, wie er selbst meint, sich vor dem
Einfluß der Philosophie Fichtes befreit. Um die Frage
nach der Rolle der Kunst als eines ?Organon und Dokument?
der Philosophie positiv zu beantwortet, muß man daher
das Problem des Übergangs von der Ich- zur Identitätsphilosophie
berücksichtigen, der im System... vollzogen sei. Die
Schellingsche Überschreitung des Fichteschen Gesichtskreises
besteht nicht in der bloßen Wende vom Subjektiven
zum Objektiven, vom Ich zur Natur, sondern vielmehr
in der Wende innerhalb des Idealismus, in der Übertragung
des Ich auf die Natur und damit in der subjektiven
Auffassung dessen, was für das Subjekt ein Objekt
darstellt. Zugleich bedeutet die Objektivierung des
Fichteschen Ich die Verabsolutierung der Subjektivität.
Es bedeutet die Aneignung der Äußerlichkeit durch
das Subjekt. Der ganze Prozeß dieser Aneignung entwickelt
sich wiederum durch die dialektische Entdeckung und
Aufhebung des Objektbereiches, die sich auf jeder
Stufe der Objektivierung vollziehen. Dieser Prozeß
? und dies ist besonders wichtig ? gilt gleichzeitig
als ein Prozeß der Subjektivierung des Objektes. Die
Darstellung ihres Verlauf mittels der intellektuellen
Anschauung darf hier dem Philosophen nur als ein Vorbild
dienen, über welches das philosophierende Ich verfügt
und das ihm die besondere Richtung des Geistes sichert.
Die Philosophie ist nie imstande, den Punkt zu veranschaulichen,
von dem das Ich mit etwas Anderem identisch wird,
den Punkt der Identität von Objekt und Subjekt. Dies
kann nur die Kunst gewährleisten; nur die Anschauung,
die als die objektiv gewordene intellektuelle Anschauung
gilt, ist fähig, dies zustande zu bringen. Das philosophierende
Ich kann nur subjektiv ? man könnte sagen theoretisch
? darstellen, was die Kunst objektiv entwickelt. Aber
es tut es anders als in der Natur, denn der Philosoph
kann die Odyssee des Geistes lediglich gewissermaßen
künstlich an ihr ablesen. Die Kunst, die der Natur
und der Geschichte analog, eine Existenzform der Objektivität
ist, gilt als das vollständigste Symbol der Subjektivität.
In der Kunst sind das schaffende Subjekt und das Objekt
eins. Sie bildet also nicht nur die Objektivierung
der Philosophie, nicht nur die Gewährleistung des
allgemeinen Charakters der Philosophie, sondern auch
die totale Subjektivierung der menschlichen Wirklichkeit.
In
der Kunst ist ein das ganze System antreibendes Element
zu sehen, das es gestattet, den Faden zu begreifen,
der Geschichte und Natur, praktische und theoretische
Philosophie zusammenbindet. Die Kunst ist auch kein
neues Gebiet, das das Denken beherrschen möchte. Die
Wende zur Kunst ist vielmehr Ausdruck dessen, daß
sie ihr eigenes Fundament verloren hat, und daß sie
von dem Gefühl der Einsamkeit und Hilflosigkeit gegenüber
der Wirklichkeit übermannt wird.
[19] Durch die Wende zur
Kunst soll also die Suche nach der Vermittlung behandelt
werden, mittels derer die Philosophie ihre verlorene
Identität wiederherstellen könnte. Die Bedeutung
der Kunst ist nicht mehr so wichtig wie im System
des transzendentalen Idealismus, weil ihre Aufgabe
bloß in der Erreichung jenes geschichtlichen und philosophischen
Wendepunktes bestand. Man darf jedoch nicht vergessen,
daß die Philosophie eben die Kunst als ihr eigenes
Organon und Dokument entdeckt hat.
Die
Gleichsetzung oder die totale Identifizierung der
Philosophie mit der Kunst hat einerseits das Gebiet
der theoretischen Penetration der Philosophie vermindert,
andererseits die Kunst ihrer Eigentümlichkeit beraubt
und sie von dem getrennt, was sie ursprünglich vertreten
sollte, nämlich von dem ?ganzen Menschen? gemeinsam
mit seinem geschichtlichen und gesellschaftlichen
Boden. Damit wurde der Kreis der absoluten Identität
geschlossen.